ABRAHAM ist eine Patriarchengestalt aus dem Buch Genesis der hebräischen Bibel, also dem christlichen "Alten Testament". Bekannt ist dieser legendäre Stammvater dreier Weltreligionen vor allem, weil er von Gott die Anweisung erhielt, seinen Sohn Isaak auf einem Berg als Brandopfer "darzubringen". Und Abraham hatte diese Opferung auch vor, doch erscholl "in letzter Sekunde" eine Stimme aus dem Himmel, dass Gott den Gehorsam gesehen hätte, deswegen auf die Opferung des Sohnes verzichte und Abraham statt seines Sohnes einen Widder, der sich im Gestrüpp verfangen hatte, darbringen solle.

Zunächst einmal der Bericht der Bibel über das Opfer Abrahams (wie er nämlich seinen Sohn Isaak schlachten wollte) aus dem Buch Genesis nach Luther (oder auch 1 Mose 22):

Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. 

Da stand Abraham des Morgens früh auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging an den Ort, davon ihm Gott gesagt hatte.  Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel! Ich und der Knabe wollen dorthin gehen; und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak; er aber nahm das Feuer und Messer in seine Hand, und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen beide miteinander.
Und als sie kamen an die Stätte, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham daselbst einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.
Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham sein Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hangen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.
Und Abraham hieß die Stätte: Der HERR sieht. Daher man noch heutigestages sagt: Auf dem Berge, da der HERR sieht. Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR, weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, dass ich deinen Samen segnen und mehren will wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll besitzen die Tore seiner Feinde; und durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, darum dass du meiner Stimme gehorcht hast.
Also kehrte Abraham wieder zu seinen Knechten; und sie machten sich auf und zogen miteinander gen Beer-Seba; und er wohnte daselbst.

Plastik mit Abrahams Opfer aus der Kirche der heiligen Katharina in Palermo

Die Deutung, dass Gott bei seiner merkwürdigen Anweisung den Gehorsam Abrahams testen wollte, verbietet sich aus mehreren Gründen:

 

-          Wie sollte Gott Abraham beauftragt haben? Gott wird ja gewiss nicht persönlich mit Abraham geredet haben. Und wenn, woran konnte Abraham eigentlich erkennen, dass es wirklich Gott war, der ihm den Auftrag gab und nicht der verkleidete Teufel? Was da von Abraham gefordert wurde, klingt doch sowieso eher nach einer Forderung des Teufels?

-          Isaak  wurde ja sozusagen nur durch glückliche Umstände gerettet. Es hätte ja auch schief gehen können, dass es also zu dem Opfer gekommen wäre. Was hätte in einem solchen Fall bei der Rückkehr wohl die Frau Abrahams gesagt oder gar die damalige Polizei, die es gewiss schon damals gab und die die Tötung Isaaks doch als Mord hätte ahnden müssen? (Anmerkung: Ich wurde von einem Besucher darauf aufmerksam gemacht, dass damals die Kinder Besitztum des Vaters waren, und dass also Abraham seinen Sohn sowieso hätte töten können. Ob das aber mit einem schon etwas älteren Sohn, der längst laufen und reden konnte und auch offensichtlich gesund war, so ohne Weiteres ging, wage ich dann doch zu bezweifeln.)

-          Ein Gott, der ein Sohnesopfer fordert, ist doch ein sadistischer, perverser Gott. Und das wird auch nicht dadurch besser, dass er nachher das Opfer doch nicht mehr will. Ein solcher Gott wird sich auch nie wirklich zu einem liebenden Gott wandeln, er wird zumindest immer "ein Fall für den Psychiater" sein...

Die Interpretation als Aufforderung zum Gehorsam und das Verschweigen des wirklichen Hintergrunds ist ein Rückfall in götzendienerische Religionen - es geht nämlich um massive Religionskritik, um die Abschaffung der Menschenopfer.

Des Rätsels Lösung: Diese Erzählung kann nur im religionsgeschichtlichen Zusammenhang (siehe religionsgeschichtlicher Ansatz) richtig gedeutet werden (siehe Hermeneutik). Ihre Entstehung fällt in die Zeit einer frühen Aufklärung vor etwa 3500 Jahren, in der die Religionen, in denen es Menschenopfer gab, entweder humaner wurden oder durch humanere Religionen abgelöst wurden, in denen nur noch Tiere geopfert wurden. Und die Abrahamerzählung schildert genau einen Menschen, der sich "bekehrt": Abraham geht unter dem Druck seiner götzendienerischen Religion voller Angst und Verzweiflung mit seinem Sohn auf den Berg, um ihn zu opfern. In dem Moment, als er seinen Sohn schlachten will, bemerkt er den Widder und interpretiert ihn als Hinweis des Gottes des Berges, vom Menschenopfer abzulassen und stattdessen ein Tier zu opfern. Damit findet sozusagen die Entwicklung einer neuen Religion statt, einer Religion der (Vater-Sohnes-)Liebe, die die alte Religion ersetzt, in der es eher die Angst (zwischen Vater und Sohn) gab: Der Sohn konnte ja nie wissen, wozu er vom Vater auf eine Wanderung mitgenommen wurde, und der Vater konnte mit seinem Sohn nie vertrauensvoll und väterlich reden.

Die Frage taucht auf: Warum diese ganze Geschichte, warum nicht schlicht ein Gesetz? Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass man Gesetze nur aus der Situation der Stärke heraus erlassen kann, schließlich muss man ja auch die Macht haben zu bestrafen, wenn sich jemand nicht an ein Gesetz hält. Doch was macht jemand, der nicht in der Situation der Stärke ist und doch etwas ändern will? Und schließlich sind in einer Gesellschaft, in der es solche schlimmen Opfer gibt, diese Grausamkeiten sozusagen für die davon betroffenen Menschen längst sozusagen zum Sinn des Lebens geworden und es bestehen erhebliche Widerstände gegenüber jeglicher Änderung. (Ich stelle meine Schüler immer vor die Überlegung, was sie machen würden, wenn sie ihr Söhnchen mit vier, fünf Jahren geopfert hätten, also in einer Zeit, in der das Kind meistens viel Freude macht, und dann käme viele Jahre später so ein Relilehrer wie der Verfasser dieser Website und würde sagen: Alles Unsinn!" Ja, sie kommen von selbst darauf, dass sie diesen Lehrer eher totschlagen würden, schließlich nimmt der ihnen ihren ganzen Sinn des Lebens, nämlich zu glauben, dass diese Tötung unbedingt notwendig war...)

In dem Beitrag "Der Vater eines großen Volkes - Er kam aus der Familie eines Götzendieners, deutete die Sterne und wollte seinen Sohn Isaak töten - Abraham, Urahn des Judentums"  von Hannes Stein in der WELT vom 27. 04. 2005 wird die biblische Erzählung von Abraham und dem verhinderten Sohnesopfer ähnlich interpretiert. Vollständige Url des Artikels: http://www.welt.de/data/2005/04/27/710299.html
 

Es gibt auch sonst in der Bibel Anhaltspunkte, dass es um die Abschaffung der Menschenopfer geht.

Ein wenig Chance hat da eher eine poetische Erzählung, die genau beim Denken der Zeitgenossen ansetzt. Und das ist eben die Abrahamgeschichte! Später, als sich die Situation gewandelt hat und die neue Religion weitgehend etabliert ist, gibt es dann in der Bibel durchaus Vorschriften aus der Position der Stärke heraus:  "Der Herr sprach zu Mose: Sag zu Israeliten: Jeder Mann unter den Israeliten oder unter den Fremden in Israel, der eines seiner Kinder dem Moloch gibt, wird mit dem Tod bestraft. Die Bürger des Landes sollen ihn steinigen. Ich richte mein Angesicht gegen einen solchen und merze ihn aus seinem Volk aus, weil er eines seiner Kinder dem Moloch gegeben, dadurch mein Heiligtum verunreinigt und meinen heiligen Namen entweiht hat. Falls die Bürger des Landes ihre Augen diesem Mann gegenüber verschließen, wenn er eines seiner Kinder dem Moloch gibt, und ihn nicht töten, so richte ich mein Angesicht gegen ihn und seine Sippe und merze sie aus der Mitte ihres Volkes aus, ihn und alle, die sich mit ihm dem Molochdienst hingeben." (Levitikus 20, 1-5) Leider wird diese Position der Stärke gleich wieder missbraucht, jetzt wird der umgebracht, der sich nicht an die neuen Gesetze hält... Im übrigen ist auch das fünfte Gebot der Zehn Gebote als Gebot gegen die Menschenopfer zu verstehen.

Einen Ort, an dem einmal erstgeborene Söhne geopfert wurden, können wir leicht bei einer Urlaubsfahrt nach Sizilien besuchen, es ist die kleine Insel Mozia westlich von Sizilien.

Der Tofet, also der Begräbnisplatz der geopferten erstgeborenen Söhne, auf der kleinen Insel Mozia westlich von Sizilien. (Foto aus der Seite Spazioinwind)

Und von dort haben wir einen eindrucksvollen Blick auf den Erice-Berg bei Trapani. Hier wurden Töchter geopfert - für die kultische Prostitution (siehe Tempelprostitution). So wie die Abrahamerzählung gegen die Sohnesopfer verfasst wurde, wurde gegen den Missbrauch der Töchter und Frauen die Adam-und-Eva-Erzählung verfasst. In jedem Fall ging es um die Abkehr von grausamen und menschenverachtenden Religionen hin zu einer Religion der Menschlichkeit und der Liebe.

Es ist geradezu ärgerlich und "lässt tief blicken", wenn gerade die Abrahamerzählung trotz aller unserer heutigen Erkenntnisse immer noch so erzählt wird, dass sie als Befehl-und-Gehorsam-Geschichte bei den Menschen und vor allem auch bei den jungen Leuten ankommt. Es geht also ganz offensichtlich auch unserer heutigen Pädagogik immer noch nicht um den Menschen, sondern um die Macht derer, die "oben" sitzen! 

Die bekannte Schöpfungsgeschichte der Bibel löst sozusagen alle mit den alten Göttern zusammenhängenden Grausamkeiten mit einem neuen menschlichen (Super-)Gott, auch diese wird leider immer noch nicht im Sinn wirklicher Humanität (oder eben eines wirklichen Humanismus) an unsere jungen Menschen weiter gegeben!

Zu dem Film "Abraham", in dem es um die Versuche geht, inwieweit Menschen andere Menschen zu quälen bereit sind, wenn sie nur den Befehl "von oben" dazu haben, siehe unter Milgram-Versuche!

Und diese Geschichte, wie Abraham seinen Sohn opfern soll und es nachher doch nicht tut, eignet sich auch sehr gut für ein Kinder-Theaterspiel!

In dieser Geschichte passiert nämlich etwas, sie hat ihre Spannung aus sich heraus. Sehr schön können die jungen Menschen die Abkehr von einer dogmatisierten und menschenverachtenden Gehorsamsreligion hin zu einer Religion der Freiheit, der Emanzipation, der Aufklärung und der Vater-Sohnes-Liebe und damit der Menschlichkeit spielen. Siehe unter www.basisglaube.de!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama) Computer-Übersetzung des Buchs HONESTY AND FUN WITH THE MORALITY ins Englische unter English