ABSOLUTE BEGINNERS

Ich zitiere hierzu wohl am besten ein Intrview aus der Zeitung Die Welt vom 14. 2. 2017:

Noch nie Sex. Und jetzt?

Sie nennen sich Absolute Beginners: Erwachsene, die nie eine Beziehung hatten. Single-Coaches erklären, wie es dazu kommt Klaus Schorn hatte erst sehr spät seine erste Freundin. Heute hilft er Singles Ein bis zwei Millionen Absolute Beginner (ABs) gibt es in Deutschland. Zwei Coaches haben sich auf diese Zielgruppe spezialisiert. Monika Büchner, 59, betreibt ihre Praxis in Frankfurt. Klaus Schorn, 47, arbeitet in Offenburg und kennt die Problematik aus eigener Erfahrung.

VON SARAH MARIA BRECH

DIE WELT: Herr Schorn, sie waren selbst ein Absoluter Beginner. Ihre erste Freundin hatten Sie mit 25.

KLAUS SCHORN: Ja. Inzwischen lebe ich in einer Beziehung, aber als junger Mann habe ich keine Partnerin gefunden. Nicht, weil ich keine wollte. Ich habe Mädchen oft aus der Ferne angeschwärmt. Aber ich habe mich nie getraut, sie anzuflirten.

Die Welt: Wie haben Sie die Kurve gekriegt?

SCHORN: Ich habe wirklich viel probiert. Zum Beispiel Zeitungsannoncen aufgegeben. Und ich habe geschaut, dass ich unter Leute komme, und habe auch versucht zu flirten. Aber ich bin immer in der Kumpelschiene stecken geblieben. Wenn das mehrmals passiert, wird es immer schwieriger, sich zu trauen, eine Frau anzusprechen. Ich bin dann mit 23 zu einer Prostituierten gegangen. Das war also offiziell mein Erstes Mal. Obwohl ich es lieber anders gehabt hätte, war es im Nachhinein eine gute Entscheidung. So wusste ich: Am Körperlichen wird es nicht scheitern. Ein Jahr später rief dann tatsächlich eine Frau auf meine Anzeige hin an. Wir haben uns getroffen. Als ich ihr gestanden habe, dass ich noch keine Erfahrung habe, ist sie gegangen. Das war der Wendepunkt. Ich habe einen Blumenstrauß gekauft, bin zu ihrer Wohnung gefahren und habe mir nur gedacht, irgendwie versuche ich sie zu küssen. Wenn sie noch mal Nein gesagt hätte - ich weiß nicht, ob ich mich so etwas noch mal getraut hätte. Aber sie hat ja gesagt und wurde meine erste Freundin.

Frau Büchner, ist das ein typischer Werdegang eines Absoluten Beginners?

MONIKA BÜCHNER: Angst vor dem Flirten erlebe ich bei meinen Klienten tatsächlich häufig. Viele haben im Elternhaus gelernt, dass Sex etwas Schmutziges, Schlechtes ist. Das Thema war in der Familie absolut tabu. Das haben sie so sehr verinnerlicht, dass sie sich nicht trauen, sich einer Frau zu nähern.

SCHORN: Ja, sie wollen der Frau auf keinen Fall zu nahe treten.

Gibt es denn so viel mehr Männer als Frauen ohne Erfahrung?

BÜCHNER: Belastbare Statistiken gibt es dazu nicht. Die meisten Absoluten Beginner leben ja ein ganz normales, unauffälliges Leben. Aber in meine Praxis kommen deutlich mehr Männer als Frauen. Ich könnte mir vorstellen, dass Frauen ihr Bedürfnis nach Zuneigung anders stillen. Sie haben vielleicht ein dichteres soziales Netz, zum Beispiel eine beste Freundin.

SCHORN: Für Männer ist es schwieriger mit ihrer sozialen Rolle zu vereinbaren, Jungfrau zu sein. Sex ist für sie in unserer Gesellschaft eine Art Initiationsritus. Darum leidet ihr Selbstbild mehr darunter, wenn sie keinen haben. Von Männern wird außerdem erwartet, dass sie den ersten Schritt tun. Vielleicht machen sie darum eher ein Coaching.

Wie läuft so ein Coaching ab?

BÜCHNER: Die Analyse beginnt schon, wenn der Klient zur Tür hereinkommt. Wie sieht derjenige aus, wie ist die Körperspannung, die Kleidung? Wie begrüßt er mich? Kommuniziert er gut oder ist er extrem schüchtern? Ich arbeite dann mit ihm erst einmal an der Kommunikation. Manchen ist ihr Sin-gle-Sein so peinlich, dass sie sich überhaupt nicht mehr trauen, jemanden anzusprechen. Wir üben auch, mit dem Frust umzugehen, wenn man einen Korb bekommt. Und ich gebe Tipps zu Kleidung und Styling.

SCHORN: Viele Menschen glauben, wer keinen Partner hat, muss extrem unattraktiv aussehen. Dabei sehen die meisten Absoluten Beginner ganz normal oder sogar gut aus.

BÜCHNER: Ja, und sie sind oft beruflich sehr erfolgreich. Eigentlich attraktive Männer oder Frauen. Nur wissen sie das nicht?

SCHORN: Sie fühlen sich nicht attraktiv. Sie schämen sich dafür, dass sie noch keine Beziehung hatten.

BÜCHNER: Das drückt das Selbstwertgefühl enorm. Das Gefühl, niemand will mich.

SCHORN: Mit 25 Jahren merken viele, dass sich das Problem nicht einfach so löst. Mit den Jahren wird es immer schwieriger, da rauszukommen. So ab 50 haben viele dann resigniert. Manche versuchen eine Psychotherapie, aber die meisten Therapeuten sind da völlig hilflos. Einsamkeit gilt eben nicht als Störung. Die entlassen die Leute mit banalen Tipps wie: Gehen Sie doch mal mehr unter Leute.

Ist das denn keine gute Strategie?

SCHORN: Doch. Aber wenn jemand noch nie ein positives Erlebnis hatte, nie Bestätigung bekommt von anderen -dann läuft bei ihm ein Muster ab, das er nicht einfach so stoppen kann. Wenn Sie sich vorstellen, Sie wären selbst in dieser Situation, und Sie fänden sich plötzlich in einem Raum mit 100 potenziellen Partnerinnen wieder. Würden Sie eher eine dieser Frauen ansprechen oder doch eher durchs Klofenster flüchten? Das ist genau der entscheidende Gedankengang, der bei vielen Therapeuten und Freunden von ABs ausbleibt.

BÜCHNER: Darum ist es unwahrscheinlich wichtig, dass wir als Coach das Kommunizieren üben. Es geht dabei erst einmal nicht ums Flirten. Einfach Spaß daran haben, sich mit anderen Leuten zu treffen. Das ist das Wichtigste. Es nützt nichts, sich zu Aktivitäten zu zwingen, die einem nicht gefallen.

Was raten Sie beim Flirten - gleich offen erzählen, dass man noch AB ist?

BÜCHNER: Ich empfehle, das nicht direkt zu verraten. Das Gegenüber denkt dann: Mit dem stimmt irgendwas nicht, der muss doch irgendein Problem haben.

Aber wie kommt ein AB an Erfahrung, wenn nicht durch erste Flirts?

BÜCHNER: Man kann das Thema beim Flirten ja erst einmal umschiffen und später besprechen, wenn man sich besser kennt. Viele AB haben aber auch Angst, eine Frau zu berühren. Sie fürchten, dass es peinlich werden könnte. Dass sie irgendwie unangenehm aussehen oder riechen. Oder sie haben ganz hohe Erwartungen, dass sie zum Beispiel gleich Erregung spüren, sobald sie eine Frau anfassen.

Was raten Sie solchen Klienten?

SCHORN: Die genaue Situation der ABs kann sich trotz des gemeinsamen Themas sehr unterscheiden. Ich höre erst einmal zu und komme ins Gespräch. Wir erarbeiten, wie richtig guter Kontakt funktioniert. Wer das weiß und regelmäßig übt, der verbessert sein Standing enorm! Wenn der AB sich wünscht, körperliche Nähe auszuprobieren, lade ich ihn zum Beispiel zu einer Kuschelparty ein. Da umarmen sich die Teilnehmer, können Nähe erleben, ohne Leistungsdruck und ohne dass es gleich zu Sex kommt. Manchmal empfehle ich auch eine Tantramassage oder den Besuch bei einer Prostituierten. Klar ist, dass Sex mit einer Prostituierten kein Ersatz für eine Beziehung ist. Außerdem stellt sich die moralische Frage: Will ich Prostitution unterstützen? Für einige Männer kann es aber hilfreich sein, wenn sie Sex in einem solchen Rahmen ausprobieren können.

BÜCHNER: Ich übe mit den Klienten das Berühren. Den Körper aufwecken, nenne ich das. Zum Beispiel durch Massage. Das kann sich auch langsam dahin entwickeln, dass ich irgendwann den nackten Körper massiere. Die Klienten können so spüren, dass es sich gut anfühlt. Und was sich gut anfühlt, will man wieder haben. Am besten mit Partner und jeden Tag. Das ist das Ziel. Da geht es um die Entwicklung von der vielleicht negativ besetzten Vorstellung zur positiven körperlichen Erfahrung. Das ist eine ganz allmähliche, behutsame und spannende Arbeit, die viel Einfühlung braucht. Denn es geht ja gerade darum, Angst zu nehmen und Vertrauen zu geben.

Monika Büchner: Für die Liebe ist es nie zu spät. J. Kamphausen, 200 Seiten, 16,95 Euro

KOMMENTAR VON BASISRELIGION

Dieses Interview kann so nicht stehen bleiben! Denn hier wird etwas völlig Natürliches und durchaus auch Moralisches einfach nur schlecht gemacht und als unnormal hingestellt! Natürlich: Es könnte auch sein, dass alles nur bittere Ironie ist, doch kann ich das nicht glauben, daher hier eine ernsthafte Kritik.

Zunächst einmal: Es ist gewiss nicht jedermanns (und natürlich auch jederfrau) Sache, zum Einstieg in die Sexualität zu einer Prostituierten zu gehen oder ein Mädchen oder eine Frau als Übungsmatratze zu benutzen - gleichgültig ob vorsätzlich oder aus Dummheit oder Unwissenheit. Denn damit missbraucht man doch andere Menschen - und das ist nun wirklich gegen jede Moral!

Es ist doch nun wirklich völlig normal, wenn jemand eine Scheu vor der Sexualität hat und damit auch vor Menschen des anderen Geschlechts. Ganz abgesehen davon, dass vor- und außerehelicher Sex in vielen Religionen Sünde ist, ist es doch auch ein Zeichen von hohem Niveau und von hoher Moral, wenn dieser jemand ohne Ehe keinen Sex haben möchte. Denn allein von der Natur her gehört Geschlechtsverkehr nun einmal in die Ehe - es ist nun einmal so, dass die Natur das Vergnügen beim Eindringen und die Fruchtbarkeit miteinander gekoppelt hat. Wir sind doch heute ansonsten so für Natürlichkeit - nur hier wollen wir nichts mit der reinen Natur zu tun haben und meinen sie verbessern zu müssen. Ganz offensichtlich geht es uns also gar nicht um ein Leben im Einklang mit der Natur, sondern die Natur ist immer nur ein Vorwand je nachdem, wie es uns passt. In den meisten Fällen ist der Grund mancher Menschen für die Abneigung gegen außerehelichen Sex doch nicht, weil sie Sex ganz grundsätzlich für etwas Schmutziges und Schlechtes ablehnen, sondern weil sie ihren eigenen Körper und den eines anderen Menschen nicht missbrauchen möchten - einfach nur für eine Abreaktion beziehungsweise für eine Triebbefriedigung. Auch wenn etwa ein junger Mensch mehr oder weniger zufällig Pornografie sieht oder versaute Witze hört, dann kann doch durchaus bei ihm der Eindruck entstehen: "Ich habe ja nichts gegen Geschlechtsverkehr an sich, ja, ich wünsche ihn mir sogar sehnlichst, doch bitte nicht in dieser Weise, sondern in einer schönen harmonischen Liebe und Partnerschaft - wo er nun einmal hingehört!"

Den Menschen, die diese Einstellung haben, sei hier dringendst empfohlen, bei ihrer Einstellung zu bleiben und sich keine Komplexe einreden zu lassen. Sie brauchen nun wirklich keinen Psychologen und sonstigen Ratgeber, um ihre Einstellung über Bord zu werfen.

Doch was tun? Stehe (oder stehen Sie) doch zu Deiner (oder zu Ihrer) Einstellung, mache (oder machen Sie) selbstbewusst Werbung für die. Allerdings empfehle ich, die Leibfeindlichkeit (bitte beachten: in dem Sinn dieses Stichworts) zu überwinden, um erst einmal eine Phase der Ästhetik zu erleben und Paradieserlebnisse zu genießen bis hin etwa zu Tantramassagen. Was glaubst Du (bzw. glauben Sie), wie gut es bei anderen ankommt, wenn sich eine solche Einstellung herumspricht: "Natürlich gehe ich nackt am Strand, wo es passt, ich bin doch emanzipiert und brauche also auch keine Verklemmtheitsfetzen, doch Sex vor der Ehe auf keinen Fall - ich bin doch nicht dumm und notgeil!" Alles andere ergibt sich dann von alleine. Und wenn einer über Deine (oder Ihre) Einstellung lacht - oh wie gut - , dann weißt Du (oder wissen Sie) wenigstens, woran Du bei demjenigen bist (bzw. Sie sind)! 

Der Arbeiterschriftsteller Max von der Grün hatte in seiner Kurzgeschichte "Friseuse" diese Friseuse einmal verächtlich über ihre Mitmenschen sagen lassen: "Zusammengevögelte Gesellschaft". Seht (bzw. sehen Sie) das einmal so, dass es ein elitäres Gefühl bringen kann, die in unserer Gesellschaft übliche Leibfeindlichkeit zu überwinden (die doch auf ein Kollektivtrauma hinweist), doch bei dieser "Vögelei" nicht mitzumachen.

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)

See also English!