Mit AGGRESSION wird unser vermutlich angeborenes menschliches Angriffsverhalten bezeichnet, in dem bisweilen der Ursprung alles Bösen gesehen wird. 

Eine nicht mehr ganz neue psychologische Deutung der Ursache zerstörerischer Aggressivität ist die These von der unausgelebten Sexualität.

Danach staut sich angeblich durch eine Unterdrückung der Sexualität ein Druck an, der sich dann irgendwann in mehr oder weniger unkontrollierter Aggression vor allem gegen bestimmte Randgruppen entlädt. Um solche Aggression von vornherein zu vermeiden, muß ganz einfach ein Aufstauen des Sexualdrucks verhindert werden: Und das gelingt am einfachsten, wenn die Pädagogik junger Menschen darauf angelegt ist, alle Hemmungen des Gewissens zum Ausleben der Sexualität auszuschalten. Als Beleg für diese Ideen wird auf Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Anthropologie hingewiesen: So kennen die Trobriander, ein Inselvolk in der Südsee (nach recht oberflächlichen Untersuchungen von Margret Mead (1901 - 1978)) von Kind an überhaupt keine Hemmungen in der Sexualität und sind "daher" frei von jeglicher Aggression und leben in größtmöglicher Harmonie mit ihren Mitmenschen.

Das Problem hat Aldous Huxley in seinem berühmten Roman "Schöne neue Welt" in einer Variante aufgegriffen: Um in der "schönen neuen Welt" allen Krieg und alle Gewalt zwischen Menschen, also alle Aggression, zu vermeiden, muß allerdings überhaupt jegliche Leidenschaft vermieden werden, also auch jegliche intensivere Liebe. Und nach Huxley wird daher schon den Kindergartenkindern beigebracht, nicht nur ungezwungen nackt zu sein (das könnte ja auch einen ethischen Effekt haben, siehe Nacktheit), sondern auch so weit als möglich "Sex-Spielchen" miteinander zu treiben, die dann in der Pubertät auf richtige Geschlechtsverkehrs-Praktiken mit "jedermann und jederfrau" hinauslaufen. Auch gibt es schließlich die Ehe überhaupt nicht mehr, Menschen verkehren miteinander und verlassen einander, wie sie Lust und Laune haben. Immerhin bedenkt Huxley, daß uns Menschen bei solchen Verhalten dann entscheidende Intensitätserlebnisse fehlen, die zu unserem Glück nun auch wieder notwendig sind - und so wird den Menschen regelmäßig "Soma" verabreicht, eine Glücksdroge.   

Die Kehrseite der ausgelebten Sexualität in der Kindheit: "Manche Jungen brüsten sich vor ihren Kameraden, wie viele Mädchen sie schon entjungfert haben."

Und so ist auch das Leben der Trobriander nicht ohne Probleme. Von den Samoanern, Menschen mit ähnlichen Gepflogenheiten, wissen wir inzwischen, wie das mit dem ungezwungenen Sex unter Kindern anfängt: Manche Jungen brüsten sich damit vor ihren Kameraden, wie viele Mädchen sie entjungfert haben. Und da die jungfräulichen Mädchen immer knapper werden, suchen sich diese "Eroberer-Typen" immer jüngere Mädchen. Wenn sie sich dann in der Nacht zu einem solchen Mädchen in die Hütte geschlichen haben, dann versuchen sie es zu beschwichtigen, doch nicht aus Fürsorge für das Mädchen, sondern um zu verhindern, daß es Krach macht und so Eltern und Geschwister aufweckt und die ganze "Prozedur" vermasselt. Und Stammesfürsten und andere höher Gestellte sorgen sich schon, daß ihre Töchter "bewahrt" bleiben, doch es ist für einen Jungen das Höchste, wenn es gelingt, mit einer Stammesfürstentochter "durchzubrennen". 

Inwieweit die Tatsache, daß Samoa heute eines der Länder mit der höchsten Selbstmordrate der Welt ist, mit den dortigen sexuellen Praktiken und einer offensichtlichen Verdrängung (siehe etwa den "Knigge" für Samoa-Touristen) zusammenhängt, die auch eine unwahrscheinliche Verachtung der Mädchen bedeuten, darf immerhin überlegt werden.

Allerdings: Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherrlich behauptet, dass jeder sexuelle Akt (siehe Geschlechtsverkehr) ein aggressiver Akt ist: "In den Körper des anderen einzudringen, ist aggressiv, eine Grenzüberschreitung". Es kann also nicht unbedingt die Rede davon sein, dass die sexuelle Befriedigung per Geschlechtsverkehr Aggressionen abbaut - vielleicht rein äußerlich ja, doch unterschwellig eher nein, wenn die Beziehung nicht wirklich in Ordnung ist.

Auf alle Fälle können im Zusammenhang der Website basisreligion die bisher beschriebenen hedonistischen Verfahren zur Vermeidung von Aggression keinesfalls akzeptiert werden - und gar nicht einmal aus Verantwortung einem Gott gegenüber, sondern allein schon deswegen, weil zu einem gelingenden Leben nun einmal auch das intensive Erleben der Liebe gehört in der Einheit von Leib und Seele!

Der Weg zur Humanisierung der Aggressivität über die Befreiung von allen sexuellen Hemmungen geht einfach nicht.

Und so können wir hier nicht für die Abschaffung jeglicher Sexualmoral plädieren, sondern im Gegenteil für eine wirkliche Moral im Sinn von Gebrauch und Mißbrauch, die allein gibt dem Menschen eine ethische Basis und schützt damit gleichzeitig vor der zerstörerischen Aggression (die allein problematisch ist) und ermöglicht gleichzeitig wirkliche positive Gefühle!

Auf diese Moral bezieht sich dann auch nicht die Gewissensproblematik nach Sigmund Freud (siehe Gewissen): Es kommt zu keinem verhängnisvollen Konflikt zwischen Über-Ich und Es, sondern der Mensch handelt aus einer Ich-Stärke im Sinn seines ureigensten Eigeninteresses - und dabei kommt es nun einmal nicht zu zerstörerischen Kräften, da die menschliche Sehnsucht nach Einheit von Leib und Seele nun einmal auf keinste Weise in Mitleidenschaft gezogen wird.  

Die Lösung kann nur eine vernünftige Streitkultur sein!

Und jetzt dürfte es uns auch leicht fallen, mit der Aggression in der Weise der Sublimierung umzugehen, indem wir eine Streitkultur daraus machen: Wir lernen, uns zu informieren, zu argumentieren, anderen recht zu geben, wenn notwendig, uns nicht überrumpeln zu lassen, uns durchzusetzen, uns an Vereinbarungen zu halten, fair zu sein.

Spezielle Situation: Wenn Männer nicht von Frauen "kriegen", was sie wollen.

Frauen und Mädchen beklagen sich bisweilen, daß Männer regelrecht aggressiv werden, wenn sie mit ihren Wünschen zurückgewiesen werden. Siehe hierzu unter sexuelle Belästigung. Von Seiten eines Mannes muss aber auch gesagt werden, daß Frauen unheimlich aggressiv werden können, wenn sie merken, daß sie von einem Mann abgelehnt werden. Und bisweilen sind sie dabei dann noch brutaler als Männer: Das Problem haben der Dichter Oscar Wilde (1854 - 1900) und der Komponist Richard Strauß (1864 - 1949) in dem Bühnenwerk "Salome" aufzuarbeiten versucht. Der biblische Stoff, daß der König Herodes der Tochter seiner "Freundin", Salome, verspricht, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, und sie sich daraufhin in einer Schüssel den Kopf des Johannes des Täufers wünscht, wird hier etwas "erweitert": Salome war in sinnlicher Liebe zu dem Propheten entbrannt und wurde von ihm zurückgewiesen: "Tochter der Unzucht, es lebt nur Einer, der dich retten kann. Geh, such ihn. Such ihn! Er ist in einem Nachen auf dem See von Galiläa und redet zu seinen Jüngern. Knie nieder am Ufer des Sees, ruf ihn an und rufe ihn beim Namen. Wenn er zu dir kommt, und er kommt zu allen, die ihn rufen, dann bücke dich zu seinen Füßen, daß er dir deine Sünden vergebe..." Und auch ich habe den Eindruck, Frauen können tatsächlich auf eine Zurückweisung mit vernichtendem Hass reagieren (siehe Mißbrauch mit dem Mißbrauch)! Auch hier dürfte die von basisreligion empfohlene Reihenfolge sinnvoll sein und entschärfend wirken; auf diese Weise sieht der andere, daß "nichts" ist - und wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren - und das wird auch der andere irgendwann einsehen.

Siehe auch den Beitrag in der WELT vom 20.01.2006: Unsichtbarer Zickenkrieg: Mädchen sind anders aggressiv als Jungen - Sie verletzen eher die Seele von Christian Thiel. Vollständige Url des Artikels: http://www.welt.de/data/2006/01/20/833630.html.


(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama) Den "Offenen Brief eines alten Religonslehrers an junge Mädchen über die weibliche Sexualität und die Bibel" (Mai 2012) gibt es auch online auf Deutsch, auf Englisch und auf Niederländisch!