Amerikanische (und überhaupt angelsächsische) Bibelwissenschaft und Theologie.

 

Oft komme ich damit in Berührung, mir werden Bücher gegeben, ich fordere entsprechende Bücher an oder finde Passagen aus amerikanischer theologischer (und philosophischer) Literatur. Bisweilen finden sich darin durchaus beachtenswerte und brauchbare (und gewiß auch sehr fundierte) Recherchen – doch irgendwie dann doch Schlussfolgerungen, mit denen ich nicht einverstanden bin, ich würde jedenfalls auf die nicht kommen. Auch scheint mir insgesamt eine andere Vorgehensweise vorzuliegen und auch ein anderes wissenschaftliches Grundverständnis als hier bei uns vor allem in den deutschsprachigen Ländern:

-     Ich finde etwa ein durchgängiges Interesse vor allem in der amerikanischen Bibelwissenschaft, alle möglichen und unmöglichen Geschichten in der Bibel als tatsächlich geschehen zu beweisen, also eine fundamentalistische Grundeinstellung. Und selbst wenn das mit den Beweisen gelänge, was hätte ich davon, wenn ich weiß, daß dieses und jenes wirklich wahr war? Was geht mich das an, ob Moses gelebt hat und die fünf Bücher geschrieben hat? Wäre das für mein Leben wirklich von Bedeutung? Oder ob David gelebt und Goliath erschlagen hat? Über die schon fast übliche Wörtlichnahme der Bibel machen sich im Übrigen schon viele Amerikaner selbst lustig! (Manche Historiker meinen sowieso, daß es den biblischen König David gar nicht gegeben hat. Siehe etwa den Beitrag in der WELT vom 21.12.2004 unter der URL: http://www.welt.de/data/2004/12/21/377634.html.)

-     Es wird auch mit Autoritäten aufgefahren nach dem Motto: „Der bedeutende Theologe, der 40 Sprachen und Dialekte verstand und sprach…“. Dazu kann ich nur sagen: „Na und – was heißt das schon, wenn der und der bedeutende Mensch etwas sagt?“ Eine Sache muß aus sich heraus plausibel sein und nicht, weil es der und der gesagt hatte. Und: Wer hat nicht alles geglaubt, daß die Erde eine Scheibe ist und daß sich die Sonne um die Erde dreht, und es war doch alles anders!

-     Irgendwie scheint mir in Amerika die Aufklärung nicht angekommen zu sein. Daß alles in der Bibel aus einem Guß ist, also irgendwie eine innere Einheit hat, kann nach typisch amerikanischer Meinung nur von göttlicher Inspiration herrühren. Auch ich sehe in der Bibel eine Einheit, doch diese Einheit lässt sich auch anders erklären: Wenn in einer Kultur erst einmal die Gedanken etwa von einer Gleichwertigkeit von Mann und Frau und sogar von einer Partnerschaft zwischen beiden drin ist, oder auch von der Emanzipation der Sklaven, dann können diese Gedanken vielleicht zeitweise unterdrückt werden, doch nicht auf Dauer. Es ist vielleicht wie mit der Vorstellung vom Feuer, so etwas ist einfach nicht mehr aus dem Bewußtsein zu löschen, wenn es erst einmal da ist. Ich habe das unter dem Stichwort basistheologie dargelegt. (Natürlich, wenn man sich für christlich hält und dabei allerdings selbst seine Probleme mit Partnerschaft und Sklaverei hat - wie bekannterweise die Amerikaner, also mit eigentlich ganz grundsätzlichen christlichen Anliegen, dann hat man natürlich seine Schwierigkeiten und muß entsprechend "basteln"...)

-     Sehr oft wird angeführt, dass Propheten durchaus die Zukunft vorausgesehen haben, also ein Beweis für ihre göttliche Inspiration, und das alles kann auch wieder kein Zufall gewesen sein - nach typisch amerikanischer Lesart. Daß die entsprechenden Teile der Bibel oder auch nur die entsprechenden Passagen nachträglich eingefügt sein könnten und damit alles passend gemacht wurde, wird sehr oft unterschlagen. Natürlich, wenn man die Texte der Bibel nicht daraufhin hinterfragt, von wem und wann sie geschrieben worden sind, dann braucht man nachträgliche Einfügungen natürlich auch nicht wahrzuhaben.

-     Nach unserer „mitteleuropäischen“ Forschung war keiner der Verfasser der Evangelien und der Schriften Augenzeuge Jesu – amerikanische Forscher haben damit keine Probleme. Und bei uns haben wir auch durchaus gut begründete Meinungen, dass nur 5 % aller Worte, die Jesus in den Mund gelegt wurden, auch wirklich von Jesus stammen. Die Amerikaner haben auch damit keine Probleme, bei denen stammen alle Worte Jesu, die in der Bibel überliefert sind, auch tatsächlich von ihm! Bedenken wir zudem, daß diejenigen, die die Evangelien aufgeschrieben haben, ja auch nicht blöde waren. Wenn sie etwas „später“ aufgeschrieben haben und wollten, daß es möglichst authentisch klingt, dann werden sie es natürlich schon gut auf alt und „original“ getrimmt haben, so gut es eben ging, und dazu natürlich auch vorhandene Textpassagen verwendet haben, die es schon längst gab. Wozu denn auch alles neu erfinden? Daher gibt es auch in den gefundenen Texten immer alte Passagen, die wir heute dann manchmal auch im Wüstensand finden.

-     Mit einem amerikanischen Pastor hatte ich bei meinem Besuch bei ihm Dispute über die religionshistorische Methode. Sein Argument dagegen war, dass das eine wissenschaftliche Spielerei sei, mit der man in der Praxis – und vor allem in der Religionspädagogik für Kinder – doch gar nichts anfangen könne. Da habe ich ihm auf Englisch einen Sketch zum Opfer Abrahams im religionshistorischen Sinn geschrieben – und nie wieder etwas von ihm gehört.

-     Überhaupt: zur religionshistorischen Methode! In dem Buch „An Unparalleled Defense of Christianity“ „EVIDENCE“ (Here´s Life Publishers, San Bernardino Kalifornien, 1972 und 1979) kommt der Verfasser Josh McDoell auch auf diesen „religionshistorischen Ansatz“ – doch ist er natürlich ganz schnell „damit fertig“ – er hat offensichtlich überhaupt nichts begriffen. Klar, wenn man alle Geschichten der Bibel fundamentalistisch nimmt, erübrigt sich auch jedes weitere Nachdenken.

-     Und so geht es auch mit der Problematik des Begriffs Kerygma. Von der Auseinandersetzung zwischen dem Jesus des Kerygmas und dem historischen Jesus halten die Amerikaner nicht viel, schauen Sie mal bei google unter Kerygma nach! Hier wird der Begriff Kerygma nur im Sinn von Verkündigung gebraucht  und alles andere wird weggelassen.

-     Schon sprichwörtlich ist ja nicht nur die Leibfeindlichkeit der Amerikaner, sondern ihre geradezu schon lächerliche und bisweilen sogar gemeingefährliche Verklemmtheit – fern von jeglicher wirklicher Moral. Ja, bei ihnen ist die Verklemmtheit geradezu zur Moral geworden. Darunter zu leiden hat dann natürlich auch die Theologie (in Amerika wäre etwa der kriminologische Ansatz dieser Website nie aufgekommen, das alles wird einfach noch mehr umgangen als bei uns) und auch die Psychologie – siehe etwa mein Erlebnis mit der amerikanischen Psychologin zu Anfang des Reiseberichts „Mit zwei Chinesen nach Spanien…“

-     Haben Sie schon einmal eine Bibelsendung im amerikanischen Fernsehen gesehen – wie etwa der Prediger da seine „Argumente“ immer mit immer wüsteren Schlägen auf die Bibel und einem Jauchzer „Halleluja“ nach jedem Satz unterstützt – und weiß gekleidete Frauen und Mädchen im unmittelbaren Hintergrund auf Rängen (damit also auch der ganze Hintergrund ausgefüllt ist) abwechselnd aufschauen und dann wieder eifrigst mitschreiben? Also, da geht es vor allem um Show, unser Stil ist das jedenfalls nicht…

 

Alles in allem – es sieht danach aus, dass in Amerika ein starker Druck herrscht, an die Bibel und an die Theologie anders heranzugehen als etwas bei uns.

Und wir haben auch sonst Mentalitätsunterschiede:

Wenn etwa bei neuen Erfindungen in Amerika eher das kommerzielle Interesse im Vordergrund steht (wie kann man damit also etwa ein Geschäft machen?), wollen unsere Tüftler hier eher Recht behalten und sind aus einem ganz anderen Grund so hinter ihrer „Forschung“ her, also eher aus Idealismus. Gefördert wird solcher Idealismus bei uns auch durch unsere Wissenschaftsstruktur hier: Bei uns haben aufgrund unseres professoralen Wissenschaftsmilieus Außenseiter und Quereinsteiger kaum eine Chance, anerkannt zu werden. Denken wir an Heinrich Schliemann (das war der, der das antike Troja ausgrub) oder an Ignaz Semmelweis (der hatte herausgefunden, dass die Arztkollegen, die sich nach Leichensezierungen nicht vernünftig die Hände wuschen, die gebärenden Frauen mit Kindbettfieber ansteckten). Was mußten die sich mühen, von der offiziellen Wissenschaft anerkannt zu werden! Die engagierten sich also nur aus Idealismus! Und einen Professorentitel erhielten sie nie! In Amerika ist das alles ganz anders!

 

Und natürlich trägt zu der anderen Einstellung in Amerika auch die ganze Bezahlung der Theologen und Pastöre bei.

Bei uns geht das alles über riesige Organisationen (vor allem über die Kirchen, aber auch über den Staat), etwa finanziert von der Kirchensteuer – mit allen Vor- und Nachteilen. Doch in Amerika muß sich das alles eher von selbst finanzieren, und die Gemeinde, die ihren Pastor bezahlt, will eben das hören, was man eben so hören will. Also arbeiten die amerikanischen Pastöre in dieser Richtung (und natürlich auch die Theologen, sonst kommt keiner zu ihnen und will von ihnen etwas lernen).

 

In Amerika gilt als ein guter Mensch vor allem der, der an Gott glaubt, das gehört einfach dazu.

Vermutlich sind wir hier in Deutschland da inzwischen weniger vorbelastet und können daher auch ehrlicher sein. Wenn bei uns die (jungen) Leute etwas nicht glauben, dann sagen sie das offen und damit basta. In anderen Ländern – und auch in Amerika – tun sie nach außen, als ob sie das alles glauben (und die meisten Menschen dort nehmen ja auch etwa die Schöpfungsgeschichte der Bibel bis hin zu der Erzählung von der Erschaffung Adam-und-Evas wörtlich und erfinden immer neue Klimmzüge, an diesem Glauben festzuhalten, wie etwa den Glauben an ein Intelligent Design), doch sie wissen genau, dass sie sich schließlich doch anders verhalten. Ich rede hier überhaupt von Amerika und nicht nur von den U.S.A. Wenn der Papst etwa in Kolumbien (oder war es Venezuela?) auf einer seiner Reisen zur Jugend spricht, dann kommt die in Massen und alle jubeln ihm begeistert zu, selbst wenn er die Enthaltsamkeit vor der Ehe hoch preist. Und schon bei der Heimfahrt finden sich die Pärchen, die sich „verabreden“ - und alle frommen Ermahnungen über den Haufen werfen. In Deutschland würde man entweder von vorhinein gar nicht zum Papst hingehen (wenn man eine andere Meinung hat) und gleich aus der Kirche austreten oder sich an das halten, was er sagt…

Meine Erfahrung ist jedenfalls: Wenn ich früher als Schüler mit Mitschülern über Gott und Bibel diskutierte, brachte ich so ziemlich genau immer die Argumente, die ich heute in der amerikanischen theologischen Literatur finde. Und ich merkte, daß ich damit nicht so recht oder auch gar nicht ankam -  ich hatte jedenfalls einen schweren Stand. Doch mit dem kriminologischen Ansatz etwa in den letzten Jahren meiner Tätigkeit als Lehrer und auch in meiner Freizeit – ja das war und ist etwas völlig anderes! Und warum soll ich mich also opfern für etwas, was sowieso nichts bringt und auch wissenschaftlich (nach deutscher Wissenschaft!) nicht sonderlich plausibel ist? Dann gehe ich doch lieber dort „ran“ – wo ich Chancen sehe und wo es plausibel ist!

Eigentlich müsste ich die ganze Website ja mal in Englische übersetzen, damit sie auch den Amerikanern zugänglich wird und sie so etwas anderes erfahren können. Vielleicht kann mir jemand einmal ein (wirklich) geeignetes Übersetzungsprogramm stiften?

Der authentische Jesus in Amerika.

Doch es gibt in Amerika auch andere Meinungen. So ist das Jesus-Seminar am Westar Institute in Sonoma, Kalifornien, die führende Vereinigung von Forschern, die auf der Suche nach den authentischen Reden Jesu sind. Aus dieser Quelle stammt auch die Erkenntnis, daß von allen Aussagen Jesu im Neuen Testament weniger als fünf Prozent tatsächlich auf den Menschen Jesus zurückgehen. "Nur wenige Worte der Bergpredigt, bestimmte Auseinandersetzungen mit dem Pharisäismus,..., einige Gleichnisse und einzelne Aphorismen sind authentisch" (zitiert nach "Mystica", die großen Rätsel der Menschheit, hsg. von Rainer Fiebag u.a., Weltbildverlag 2004). So weit stimmen also die Forschungen einiger amerikanischer Theologen mit den Forschungen aus dem deutschsprachigen Raum überein. Doch dann gibt es die Unterschiede: Während bei den amerikanischen Forschungen herausgekommen ist, daß bei Jesus vieles nach Buddhaworten klingt, konnte ich in der Tradition der Forschungen im deutschsprachigen Raum (siehe Leben-Jesu-Forschung) bei Jesus viel weniger von Buddha entdecken und ich kam allerdings zum "kriminologischen Ansatz".... 

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama) Computer-Übersetzung des Buchs HONESTY AND FUN WITH THE MORALITY ins Englische unter English !