Die ARBEIT ist nach Karl Marx die wichtigste Interaktion des Menschen, also die wichtigste Weise, durch die Menschen miteinander in Kontakt kommen. Und nach Marx kommt es nun darauf an, daß der Mensch in seiner Arbeit nicht zum Sklaven für einen Unternehmer wird, sondern daß er sie in eigener Verantwortung  als freier Mensch tut - erforderlichenfalls in einer Vereinigung mit anderen freien Arbeitern, also etwa in Genossenschaften (siehe Marxismus).

Ob allerdings das Verständnis des Menschen von der Arbeit her nicht ein Indiz für ein Verhaftetsein in den Vorstellungen der Sklaverei ist?

Nichts gegen die Arbeit, ganz klar muß der Mensch arbeiten, doch nach Marx scheint die Arbeit der Zweck des menschlichen Lebens schlechthin zu sein, und damit unterscheidet sich der freie Mensch nach Marx nun wirklich nicht vom Sklaven, für den ja auch die Arbeit der Lebenszweck ist - ob die Arbeit denn stattdessen nicht lieber Mittel zum Zweck sein sollte?

Die Überbewertung der Arbeit bis hin zu ihrer Vergöttlichung ist vermutlich eine Frucht der (richtig oder falsch verstandenen, das ist hier nicht von Bedeutung) Prädestinationslehre des Calvinismus, nach der der Wohlstand eines Menschen ein Indiz ist, ob er von Gott auserwählt und für das Leben nach dem Tod in einer ewigen Seligkeit bestimmt ist. Damit wird die Arbeit quasi zum Gottesdienst!

Dazu ein Zitat:

Verwirklichung eines Traumes

Johannes R. Becher

Die neue Beziehung zur Arbeit, das heißt die Tatsache, wie sie in unserer Republik zu verzeichnen ist, daß ein Arbeiter die Arbeit als seine eigene betrachtet, ist von weittragenden Folgen auf das ganze Leben unseres Volkes. Diese neue Arbeitsbeziehung schafft neue Lebens Verhältnisse. Zwar nicht alsogleich, es ist ein mitunter langwieriger und widerspruchsvoller Prozeß, aus dem diese neuen Lebensverhältnisse hervorgehen. Wenn der Arbeiter dessen ganz inne wird, daß seine Arbeit nicht mehr fremden Interessen dient, sondern einzig und allein nur den eigenen, dann wird nicht nur er, sondern auch seine ganze Umgebung, seine Familie eine neue Beziehung zur Arbeit eingehen. Er wird dann auch mit seinen Gedanken bei der Arbeit sein, wenn er nicht unmittelbar im Arbeitsprozeß steht, er wird in einer ganz anderen Weise als früher mit seiner Familie von seiner Arbeit sprechen und diese an seiner Arbeit als an ihrer eigenen interessieren. Er wird sich nicht nur Gedanken machen, wie er diese seine eigene Arbeit verbessern kann, er wird auch von seiner Arbeit - träumen. Er wird träumen davon, wie diese Arbeit immer mehr und mehr seinem Interesse dient und wie er sie durch Verbesserung noch intensiver, noch mehr seinen Interessen dienend gestalten kann. Der Traum von der neuen Arbeit, die neue Menschen schafft - wäre es nicht gut, wenn diesen Traum auch wir Dichter mitträumen und auf diese Weise zur Verwirklichung, zur Vollendung des Traumes beitragen würden?

Aus: Bekenntnisse, Entdeckungen, Variationen.

Aus dem Nachlaß veröffentlicht

1973

Jedenfalls dürfte unsere heutige Einstellung zur Arbeit und insbesondere die Vorstellung, für die Arbeit möglichst vieler Menschen zu sorgen (also möglichst Vollbeschäftigung) mit solcher Ideologie zusammenhängen.

Dagegen gibt es heute durchaus andere Ansätze. Ich verweise hier einmal auf die Seite www.arbeitswahn.de, daraus entnommen sind die 10 Argumente - erst oder nicht ernst?

Die Kunst, weniger zu arbeiten
Zehn Argumente gegen den Arbeitswahn


1   Der menschliche Erfindergeist zeigt Wirkung: durch den Produktivitätsfortschritt nimmt der Bedarf an menschlicher Arbeit kontinuierlich ab. In absehbarer Zukunft wird die Wirtschaft mit einem Bruchteil der derzeit benötigten Arbeitskraft auskommen.

2   Die einseitige Fixierung unserer Kultur auf Erwerbsarbeit und ihre Überhöhung zum Lebenssinn ist deshalb anachronistisch. In 100 Jahren wird die heutige Arbeitsmoral den Menschen so lächerlich erscheinen wie uns heute die Sexualmoral des 19. Jahrhunderts erscheint.

3   Wir brauchen kein »Bündnis für Arbeit« sondern ein Bündnis für weniger Arbeit. So wie sich das Drogenproblem nicht durch die Beschaffung von noch mehr Drogen lösen läßt, liegt auch die Lösung des »Arbeitslosenproblems« nicht darin, mehr Arbeit zu schaffen, sondern uns von der Arbeit zu entwöhnen.

4   Beschäftigung ist kein Wert an sich. Am erfolgreichsten bei der Schaffung von Arbeit waren Hitler und Stalin. Wer mehr Beschäftigung verspricht, muss auch den Preis dafür nennen: die Wiederauferstehung der Dienstbotengesellschaft und die Zunahme von Armut und sozialer Ausgrenzung.

5   Arbeit ist nicht der »Beruf« des Menschen. Das freudlose Erbe des Puritanismus beraubt uns der Weite und Intensität des Lebens. Ein Arbeitsplatz ist in den seltensten Fällen der beste Platz für die Entfaltung und Selbstverwirklichung des Menschen. - Der ganz in seinem Beruf aufgegangene »Vollprofi« ist kein Vorbild, sondern ein tragischer Fall.

6   Die Mehrheit unserer Jobs dient der Herstellung überflüssiger, ja, schädlicher Produkte. Weniger Arbeit ist eine Chance für die Umwelt und eine Gelegenheit, Sinn und Zweck unseres Wirtschaftens neu zu bestimmen.

7   Erfolg im Beruf kann zwar zeitweilig als Aufputschmittel wirken, ist aber langfristig nicht in der Lage, die Löcher in unserem Leben zu stopfen. Erfolgreich ist, wer sein menschliches Potenzial leben kann!

8   Der Mensch ist nicht auf der Welt, um möglichst viel zu tun. Nichtstun ist nicht Faulheit, sondern gehört zur Fülle des Lebens. Müßiggang öffnet uns Türen, an denen wir sonst vielbeschäftigt vorbeirennen.

9   Auch Träume haben ein Verfallsdatum. Wer meint, seine Lebensträume zugunsten des beruflichen Weiterkommens aufschieben zu können, läuft Gefahr, sie für immer zu verlieren.

10   Time is Honey. Wann leben wir, wenn nicht jetzt?


Ob das allerdings unmöglich ist? Schauen wir einmal in ein nun wirklich altes Buch. Der Verfasser entwirft eine Utopie, in der alle Menschen arbeiten und daher auch Zeit zum wirklichen Leben haben.

Von den Handwerken

aus Thomas Morus (1478 - 1535), "Utopia"

Ein Gewerbe ist allen Männern und Frauen gemeinsam: der Ackerbau; den versteht jedermann. Darin werden alle von Kindheit an unterwiesen, teilweise durch Belehrung in den Schulen, teils durch Ausflüge, wie zum Spiel, auf das Land in der Nähe der Stadt, wo sie der Arbeit nicht nur zusehen, sondern sie selber ausüben und so die Gelegenheit zugleich zur Übung ihrer Körperkräfte benützen. Außer der Landwirtschaft, die, wie gesagt, allen gemeinsam ist, erlernt jeder noch irgendein Gewerbe als seinen Beruf; das ist gewöhnlich die Tuchmacherei, das Leineweberhandwerk oder das Maurer-, Schmiede-, Schlosser- oder Zimmermannsgewerbe. Es gibt nämlich kein anderes Handwerk, das dort eine nennenswerte Zahl von Menschen beschäftigte. Denn der Schnitt der Kleidung ist, abgesehen davon, daß die Geschlechter sich im Anzug unterscheiden und ebenso der ledige Stand von den Verheirateten, einheitlich im ganzen Inselreiche und unverändert gleichartig für alle Lebensalter; diese Kleidung ist fürs Auge wohlgefällig, bequem für die Körperbewegungen und besonders für Kälte und Hitze berechnet. Jede Familie fertigt sie sich selber an. Aber von den übrigen genannten Handwerken lernt jeder eins, nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen; doch treiben diese als die Schwächeren nur die leichteren Gewerbe: gewöhnlich spinnen sie Wolle und Leinen; den Männern sind die übrigen, mühsamen Handwerke zugewiesen. Im allgemeinen wird jeder im väterlichen Gewerbe aufgezogen; denn die meisten neigen von Natur dahin. Falls aber einer eine andere Neigung hat, so wird er in irgendeiner Familie durch Adoption aufgenommen, die das Handwerk betreibt, zu dem er Lust hat, wobei nicht nur sein Vater, sondern auch die Behörden Sorge tragen, daß er einem würdigen und ehrenhaften Familienvater übergeben wird. Auf demselben Wege wird der Berufswechsel möglich gemacht, wenn einer sein Handwerk ausgelernt hat und noch ein anderes dazu zu lernen wünscht. Hat er beide inne, so übt er aus, welches er will, wenn die Stadt nicht eins von beiden nötiger braucht.

Das wichtigste und beinahe einzige Geschäft der Syphogranten (Anmerkung: das sind die von jeweils 30 Haushalten gewählten Vorsteher) ist, dafür zu sorgen und Maßregeln zu treffen, daß keiner müßig herumsitzt, sondern jeder fleißig sein Gewerbe treibt, ohne indessen vom frühen Morgen bis tief in die Nacht wie ein Lasttier sich beständig abzurackern. Das wäre ja eine mehr als sklavische Schinderei! Und doch ist es fast überall das Los der Handwerker,14 außer bei den Utopiern, die den Tag einschließlich der Nacht in vierundzwanzig Stunden teilen und nur sechs davon der Arbeit widmen: drei vormittags, worauf sie zum Essen gehen; nach dem Mittagessen ruhen sie dann zwei Nachmittagsstunden, arbeiten wieder drei Stunden und beschließen den Arbeitstag mit dem Abendessen. Indem sie die erste Stunde von Mittag an rechnen, gehen sie um acht Uhr schlafen; acht Stunden nimmt der Schlaf in Anspruch. Die Stunden zwischen der Arbeits-, Schlafens- und Essenszeit sind jedem zu beliebiger Beschäftigung freigestellt, nicht um sie durch Üppigkeit und Trägheit zu mißbrauchen, sondern um die Zeit, die einem jeden sein Handwerk freiläßt, nach Herzenslust auf irgendeine andere nützliche Beschäftigung zu verwenden. Die meisten widmen diese Pausen geistigen Studien. Es ist nämlich üblich, täglich in den Frühstunden öffentliche Vorlesungen zu halten, an denen teilzunehmen nur die verpflichtet sind, die namentlich für wissenschaftliche Berufsarbeit ausgewählt sind; aber darüber hinaus strömt aus allen Ständen eine Menge Hörer, Männer und Frauen, zu diesen Vorlesungen, der eine hierhin, der andere dorthin, je nach den individuellen Anlagen. Will aber einer lieber auch diese Zeit seiner Berufsarbeit widmen, was viele vorziehen, deren Geist sich nicht zu den Höhen wissenschaftlicher Kontemplation versteigt, so steht nichts im Wege, ja, es gilt sogar als löblich, weil es dem Staate nützlich ist. Nach dem Abendessen verbringen sie dann eine Stunde mit Sport und Spiel, im Sommer in den Gärten, im Winter in jenen öffentlichen Hallen, in denen sie gemeinsam essen. Dort treiben sie Musik oder erholen sich im Gespräch. Würfeln und dergleichen unschickliche und verderbliche Spiele kennen sie nicht einmal; aber sie haben zwei Spiele, die dem Schachspiel einigermaßen ähnlich sind: das eine ist der >Zahlenkampf<, in dem eine Nummer die andere sticht; in dem anderen kämpfen die Laster mit den Tugenden, in Schlachtordnung aufgestellt. In diesem Spiele zeigt sich überaus sinnreich der Zwiespalt der Laster untereinander und ihr einmütiges Zusammenhalten gegen die Tugend, ebenso welche Laster den Gegensatz zu den verschiedenen Tugenden bilden, mit welchen Kräften sie offen dagegen kämpfen, mit welchen Ränken sie ihnen auf krummen Wegen nachstellen, mit welchen Schutzmitteln dagegen die Tugenden die Kraft der Laster zu brechen wissen, mit welchen Künsten sie ihre Versuchungen vereiteln, und endlich auf welche Weise die eine oder andere Partei den Sieg erringt.

Indessen, um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen, müssen wir an dieser Stelle innehalten und einen Punkt noch genauer ins Auge fassen.  Weil nämlich die Utopier nur sechs Stunden bei der Arbeit sind, könnte man vielleicht der Meinung sein, es müsse daraus ein Mangel an lebensnotwendigen Arbeitsprodukten entstehen. Weit gefehlt! Im Gegenteil genügt diese Arbeitszeit nicht nur zur Herstellung des nötigen Vorrats an allen Erzeugnissen, die zu den Bedürfnissen oder Annehmlichkeiten des Lebens gehören, sondern es bleibt sogar noch davon übrig. Auch ihr werdet das begreiflich finden, wenn ihr euch überlegt, ein wie großer Teil der Menschen bei ändern Völkern untätig dahinlebt; erstens fast alle Frauen, das macht die Hälfte des Ganzen, oder wo etwa die Frauen tätig sind, faulenzen statt dessen meistens die Männer; dazu dann die Priester und sogenannten >frommen< Ordensbrüder,   was   für   eine gewaltige, was für eine faule Schar! Nimm hinzu alle die reichen  Leute,  insbesondere  die  Großgrundbesitzer,   die man gewöhnlich >Standespersonen< und >Edelleute< nennt! Zähle weiter deren Dienerschaft dazu, diesen ganzen Kehricht bewaffneter Tagediebe! Endlich nimm dazu die kräftigen und gesunden Bettler, die alle möglichen Krankheiten zum Vorwand ihres Müßigganges nehmen: ganz gewiß wirst du dann viel weniger Leute finden, als du geglaubt hättest, auf deren Tätigkeit alles das beruht,  was zum täglichen Gebrauch der Menschen gehört. Und nun überlege dir, wie wenige selbst von diesen sich mit praktisch notwendiger Handwerkstätigkeit beschäftigen: müssen doch, da wir alle Werte nur am Maßstabe des Geldes messen, vielerlei ganz unnütze und überflüssige Gewerbe betrieben werden, die nur der Verschwendung und Genußsucht dienen! Würde aber dieselbe Zahl Arbeitender, die jetzt in der Produktion tätig ist, ausschließlich auf die wenigen Gewerbe verteilt, die vernünftigerweise dem natürlichen Bedarf entsprechen, so würde notwendig ein großer Überschuß an Waren entstehen, und damit würden natürlich die Preise so stark sinken, daß die Handwerker ihr Leben nicht mehr davon fristen könnten. Aber wenn alle die vielen, deren Arbeitskraft jetzt auf brotlose Gewerbe verzettelt ist, und wenn obendrein der Schwärm von Tagedieben, die jetzt in Nichtstun und Langeweile erschlaffen - und von denen jeder einzelne so viel von den Dingen verbraucht, die aus dem Schweiße anderer Leute beschafft werden müssen, wie zwei, die daran arbeiten - wenn also diese alle miteinander zur Arbeit, und zwar zu nützlicher Arbeit angestellt würden: da solltest du einmal sehen, wie wenig Zeit noch reichlich, ja überflüssig genügen würde, um alles das zu beschaffen, was notwendig oder nützlich ist zum Leben, ja setze ruhig hinzu, auch zum Vergnügen, wenigstens zum echten und natürlichen Vergnügen.

Und eben diese Wahrheit bestätigen in Utopien die Tatsachen selber. Denn dort gibt es in einer ganzen Stadt einschließlich ihrer nächsten Umgebung aus der ganzen Zahl der nach Alter und Körperkräften zur Arbeit tauglichen Männer und Frauen kaum fünfhundert, die davon befreit sind. Unter ihnen nehmen sich die Syphogranten trotz gesetzlicher Befreiung selber nicht von der Arbeit aus, um dadurch ein gutes Beispiel für die anderen zu geben. Im übrigen genießen dieselbe Befreiung noch diejenigen Bürger, denen das Volk auf Vorschlag der Priester und nach geheimer Abstimmung der Syphogranten dauernde Arbeitsbefreiung zu Studienzwecken gewährt. Enttäuscht einer von diesen die auf ihn gesetzten Erwartungen, so wird er wieder unter die Handarbeiter verstoßen. Und andererseits kommt es nicht selten vor, daß irgendein Handwerksmann jene Nebenstunden so emsig zum Studieren verwendet und dadurch so viel Fortschritte macht,  daß er von seinem Handwerk befreit und in die Klasse der literarisch Gebildeten befördert wird.

Aus diesem Stande der literarisch Gebildeten entnimmt man Gesandte, Priester, Traniboren und endlich den Fürsten selber, den sie in ihrer älteren Sprache Barzanes, in der jüngeren Ademus nennen. Da nun fast die ganze übrige Masse des Volkes weder müßig noch mit unnützen Gewerben beschäftigt ist, so ist leicht abzuschätzen, wie wenige Tagesstunden nötig sind, um viel gute Arbeit zu leisten. Zu alledem, was ich bisher erwähnt habe, tritt aber noch der erleichternde Umstand hinzu, daß sie in den meisten unentbehrlichen Gewerben weniger Arbeitszeit verbrauchen als andere Völker. Denn erstens erfordert anderwärts überall der Bau oder die Ausbesserung von Häusern beständig die Arbeit vieler Hände, und zwar aus dem Grunde, weil etwa ein unvernünftiger Erbe allmählich verfallen läßt, was der Vater gebaut hat, so daß sein Nachfolger gezwungen ist, mit großem Aufwand zu erneuern, was er selber mit geringen Kosten hätte erhalten können. Ja, oft kommt es auch vor, daß ein Haus, das dem einen die größten Kosten gemacht hat, dem wählerischen Geschmack des anderen nicht behagt, deshalb vernachlässigt wird und rasch verfällt, während der Besitzer an anderer Stelle ein neues mit nicht geringerem Kostenaufwand bauen läßt. Bei den Utopiern dagegen, die alle diese Privatverhältnisse von Staats wegen wohl geordnet haben, kommt es nur ganz selten vor, daß überhaupt ein neuer Bauplatz ausgesucht wird; und nicht allein augenblicklich sich zeigenden Schäden wird rasch abgeholfen, sondern auch in der Zukunft drohenden vorgebeugt. So kommt es, daß ihre Gebäude bei ganz geringem Arbeitsaufwand überaus lange erhalten bleiben und die Bauhandwerker zuweilen kaum etwas zu tun haben, außer daß sie auf Anweisung zu Hause Zimmerholz bearbeiten und Bausteine rechteckig behauen und herrichten, damit im Bedarfsfall die Häuser rascher gebaut werden können. Weiterhin beachte, wie wenig Arbeit sie für die Anfertigung ihrer Kleidung verbrauchen! Zunächst tragen sie bei der Arbeit einen ganz einfachen Arbeitsanzug aus Leder oder Fellen, der bis zu sieben Jahren aushält. Wenn sie ausgehen, ziehen sie ein Oberkleid darüber, das jene gröbere Kleidung verdeckt; dessen Farbe ist im ganzen Inselreich dieselbe, und zwar die Naturfarbe des Stoffes. So kommen sie nicht nur mit viel weniger Wolltuchen aus, als irgendwo sonst üblich, sondern das Tuch selbst ist auch viel billiger. Aber noch weniger Arbeit macht die Herstellung von Leinenzeug, das darum auch noch mehr getragen wird. Beim Leinen sieht man nur auf die Weiße, bei der Wolle nur auf die Sauberkeit, feinere Webart wird nicht bezahlt. So kommt es, daß -während sonst nirgends für eine Person vier bis fünf wollene Anzüge in verschiedenen Farben und ebenso viele Arten seidenes Unterzeug genügen, für etwas elegantere Leute nicht einmal zehn - hier in Utopien sich jeder mit einem Anzug, gewöhnlich für zwei Jahre, begnügt. Er hat ja auch gar keinen Grund, sich mehr Kleidung zu wünschen; denn bekäme er sie, so wäre er weder gegen die Kälte besser geschützt, noch würde er in seiner Kleidung auch nur um ein Haar eleganter aussehen.

Da sie also sämtlich in nützlichen Gewerben tätig sind und in diesen wieder mit weniger Arbeit auskommen, ist es nicht zu verwundern, daß Überfluß an allen Erzeugnissen herrscht und sie von Zeit zu Zeit noch eine gewaltige Menge Arbeiter mit Ausbesserung der öffentlichen Straßen beschäftigen können, wenn sich daran Beschädigungen zeigen, sehr oft aber auch, wenn keinerlei Arbeitsbedarf dieser Art vorliegt, von Staats wegen Herabsetzung der Arbeitszeit verkünden. Denn die Behörden beschäftigen die Bürger nicht gegen ihren Willen mit überflüssiger Arbeit, da die Wirtschaftsverfassung dieses Staates vielmehr in erster Linie das eine Ziel vor Augen hat, soweit es die notwendigen Ansprüche des Staates erlauben, für alle Bürger möglichst viel Zeit frei zu machen von der Knechtschaft des Leibes für die freie Pflege geistiger Bedürfnisse. Denn darin, glauben sie, liege das wahre Glück des Lebens.

Wem diese Stelle des Humanisten Thomas Morus gefällt und der noch mehr von ihm kennen lernen möchte, dem seien unter Mittelalter seine Gedanken zur Lektüre empfohlen, wie vernünftige Ehen eingefädelt werden!

Überhaupt: Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen der Schinderei der Sklaven der Antike und der modernen Menschen? Sind am Ende bei den modernen Menschen die Ketten nur länger und schöner?

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)
Den "Offenen Brief eines alten Religonslehrers an junge Mädchen über die weibliche Sexualität und die Bibel" (Mai 2012) gibt es auch online auf Deutsch, auf Englisch und auf Niederländisch!

 

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