ARMUT. Gemeinhin wird Jesus unterstellt, dass er arm war und einem Armutsideal huldigte. Und so mancher Aussteiger, der keine Lust mehr zum Arbeitsstress hat, meint sich also auf Jesus oder gar auf die Nachfolge Jesu berufen zu können. Dazu zunächst einmal:

Es scheint so, als ob hier Jesus das Klischee eines typischen Kultstifters übergestülpt wird, so stellt man sich eben einen Religionsstifter vor!

Also sucht man auch in den Überlieferungen über Jesus die geeigneten Stellen, die man natürlich auch findet (bei wem findet man die schließlich nicht!) – und schon ist Jesus ein Armer und das eigene Streben nach Armut wird zum Kennzeichen der Nachfolge Jesu. Daß es sich durchaus um ein Klischee handelt, können wir daran erkennen, daß es immer wieder mal bekannte Menschen gibt, von denen sonst noch so ein Ausstieg in die Bedürfnislosigkeit berichtet wird,  und die nun wirklich nichts mit Jesus zu tun haben: Denken wir an Buddha (siehe Buddhismus) und an Diogenes "in der Tonne" (das war der, der zu Alexander dem Großen, der ihn nach einem Wunsch fragte, sagte: „Geh mir aus der Sonne!“).

Hier also zu diesem Thema ein Hinweis auf die neueren Forschungsergebnisse über Jesus, von einem Armutsideal ist da nicht mehr die Rede:

Neue Erkenntnisse über sozialen Status von Jesus (DIE WELT, 11.11.1997)

dpa Rom - Jesus von Nazareth war neuesten Forschungen zufolge nicht der Adoptivsohn eines armen Zimmermannes, sondern Sproß einer mittelständischen und wohlhabenden Familie. Joseph sei selbständiger Bauingenieur gewesen, Jesus selbst habe schreiben und lesen können, mehrere Sprachen gesprochen und habe vermutlich in seiner Heimat das griechische Theater besucht. Zu diesem Ergebnis kommt der Jesuit und Historiker an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Giovanni Magnani (68), in seinem Buch „Jesu, Erbauer und Meister". Wie die römische Zeitung „II Messaggero" gestern schrieb, räumt das Buch mit der bisherigen „Ideologie des religiösen Pauperismus" radikal auf. Wie sein Vater sei auch Jesus gelernter Bauingenieur (Geometer) gewesen und habe gemeinsam mit Joseph zeitweise eine Werkstatt in Nazareth betrieben.

Anmerkung: "Pauperismus" = "Verarmung", "Verelendung"

Der Stellenwert der Armut bei Jesus und um was es ihm also vermutlich wirklich ging.

Jesus mag ja - nach dem endgültigen oder auch vorübergehenden Ausstieg aus seinem Beruf - durchaus gesagt haben, dass „die Armen im Geiste“ selig seien (siehe Bergpredigt). Und materielle Bedürfnislosigkeit ist auch ganz schön und auch sinnvoll, und wird auch von Jesus befürwortet, doch ob das wirklich das ist, was Jesus meinte? Es können ja nicht alle sozusagen von nichts oder nur von dem leben wollen, was so einfach in der Natur wächst und was sie ohne Probleme sammeln können. Ein paar Menschen können sich auf diese Weise vielleicht schon so recht und schlecht ernähren, doch wie soll das bei derart vielen Menschen geschehen, die es auch schon zu seiner Zeit gab? Da braucht es doch systematische Pflanzenzucht, Arbeitsteilung, eine funktionierende Wirtschaft, ein funktionierendes Geldwesen, Schulen, Ausbildung, Beamte – und alles muss auch bezahlt werden, und daß das die Leute irgendwann einmal umsonst machen, ist doch nun wirklich eine Illusion! Das kann also Jesus nie und nimmer gemeint haben, oder er wäre ein weltfremder Phantast oder ein menschenverachtender Verrückter à la Pol Pot.

Wir müssen diese Worte Jesu von der Armut wohl eher wie auch vieles sonst im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten und also mit den Themen sehen, wegen der er sich mit ihnen herumschlug. Sein ganz großes Problem war ja die Heuchelei dieser „geistigen Elite“ seiner Zeit.

 

Heuchelei, Armut, Sünde, Erlösung - wie hängt das denn nun zusammen?

Wo wir hier in dieser Website das Wirken des "Häuserbauers Jesus" schon unter einem kriminologischen Ansatz sehen, bietet sich folgende Lösung an: Wie im indischen Kastenwesen haben vor allem die besonders schönen Frauen und Töchter der Armen sozusagen kaum eine Chance zu einem moralischen Leben. Wenn einer der Oberen (die natürlich auf ihre eigenen Töchter und Frauen aufpassen und sie sogar einschließen, doch die Armen können das nicht) ein Auge auf eine von ihnen für ein Abenteuer geworfen hat, dann bekommt er sie auch - und wenn es dabei zu einem Mißbrauch der Gesetze kommt! Siehe das Kriminaldrama und das Stichwort Jesus und die Sünderin - und auch Recht der ersten Nacht, es ist immer dasselbe! Und genau diese Schurkerei, die schließlich auch die Ursache für die Prostitution zur Zeit Jesu überhaupt war, hat Jesus nicht nur bemerkt, sondern sie hat ihn auch direkt aufgebracht. Sein Ziel war, den Armen wieder ihre Moral und damit ihre Ehre zu geben, und das hat schon etwas mit Erlösung zu tun!

Doch obwohl diejenigen, die zur Zeit Jesu das Sagen hatten, genau wussten, was los war, redeten sie sich aus allem heraus nach der üblichen Masche von Dünnbrettbohrern. Es ist wohl zu allen Zeiten dasselbe, da wird diskutiert, geforscht, da wird drumherum geredet und rationalisiert usw., bis von dem Bösen, was man selbst tut oder bei dem man wegsieht, nichts mehr übrig bleibt. Denken wir heute an unsere wissenschaftlichen Elaborate (siehe Wissenschaft), wenn es um Fragen der Sexualmoral geht, da wird doch alles immer wundervoll erklärt, so dass es für alles die ethischsten Gründe gibt, siehe etwa Anthropologie: Gerade das Fehlverhalten, der Sittenverfall, das, was Kummer und Leid bringt, wird einfach mit raffinierter Geistesakrobatik wegdiskutiert... Und diese Akrobatik gibt es vor allem auch in der Theologie, das Ergebnis ist unter anderem, dass man gegen die üblichen Missstände nichts mehr zu unternehmen braucht.

Jesus verwirft nun solche Akrobatik nach dem Verfahren „arm im Geiste“ und sagt klar wie eben "Geistig-Arme", was Sache ist:: Lüge ist nun einmal Lüge, Unrecht bleibt Unrecht, wenn etwas nicht in Ordnung ist, dann ist das eben nicht in Ordnung, und Verarschung ist und bleibt Verarschung – und da muss etwas getan werden, fertig, basta, Punktum.

Ist Ihnen, lieber Kybernaut, übrigens aufgefallen, dass wir diese nahe liegende Deutung nie in der Kirche hören? Und warum nicht? Na, keiner sägt doch an dem Ast, auf dem er sitzt, oder haut sich selbst in die Pfanne... (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)

Den "Offenen Brief eines alten Religonslehrers an junge Mädchen über die weibliche Sexualität und die Bibel" (Mai 2012) gibt es auch online auf Deutsch, auf Englisch und auf Niederländisch!