BESCHNEIDUNG BEI MÄNNERN UND FRAUEN

Die BESCHNEIDUNG der Männer ist die operative Entfernung der Vorhaut am männlichen Glied, das heißt des Teils der Haut des Gliedes, der die Eichel bedeckt. Bisweilen ist eine Beschneidung erforderlich, um angeborene Vorhautverengungen zu beseitigen. Bei vielen Völkern werden Beschneidungen aus medizinischhygienischen und auch aus religiösen und sozialen Gründen durchgeführt.

Im Judentum wird die Beschneidung mit einem Bund mit Gott begründet. Die Frage stellt sich dabei, wer ist Gott und wie mag ein Bund mit einem Gott aussehen, den man weder sehen noch anfassen noch beweisen kann? Da scheint doch die Naturrechtslehre der katholischen Kirche vernünftiger: Gott verlangt nichts von uns, was nicht auch aus sich heraus sinnvoll und vernünftig ist. Für die Beschneidung müsste sie also vom Sinn und von der Vernunft her begründet werden - und ob das, was ihr Sinn gibt, nicht auch anders als durch so eine Verletzung erreicht werden kann - und vielleicht sogar noch besser.

Weder im Judentum noch im Islam, den uns bekanntesten Glaubensgemeinschaften, die die Beschneidung praktizieren, ist sie allerdings unverzichtbares Glaubensgut: Bei den Juden gibt es sie erst seit der Babylonischen Gefangenschaft etwa 600 v. Chr. (zum Vergleich: Moses um 1200 v. Chr., David um 1100 v. Chr.), und im Koran ist sie gar nicht erwähnt.

Immerhin haben heutige Untersuchungen ergeben, dass Frauen beschnittener Männer weniger oft an Unterleibskrebs erkranken als die anderen Frauen. Das mag allerdings weniger einen religiösen Grund haben als einen hygienisch-medizinischen: Noch immer waschen sich viele Männer unter ihrer Vorhaut nicht richtig oder nicht regelmäßig. Mit ausreichender Hygiene (tägliches Waschen mit klarem Wasser reicht) wäre nämlich die Beschneidung bei Jungen weitgehend überflüssig, nicht zuletzt bietet von der Natur her ja die Vorhaut einen Schutz für die empfindliche Eichel. Warum trotz der leicht und einfach möglichen Hygiene gerade heute in manchen hoch zivilisierten Ländern (vor allem in den U. S. A.) weitgehend nicht auf eine Beschneidung der Jungen verzichtet wird, lässt sich verstandesmäßig kaum erklären. Schließlich haben wir überall Waschbecken und Badezimmer! Und so viele Vorhautverengungen gibt es nun auch nicht. Vor langer Zeit wurde in einem Artikel im SPIEGEL über die Beschneidung vermutet, dass vor allem die Ärzte daran interessiert sind, weil sie damit Geld verdienen...

Ein möglicher Grund für die Beschneidung der Männer aus nachweislich nicht religiösen oder hygienischen Gründen könnte auch durchaus sein, dass das beschnittene männliche Glied (noch) weniger ästhetisch (siehe Ästhetik) aussieht als das unbeschnittene. Durch die Beschneidung wird also jede durchaus mögliche unschuldige Unbefangenheit gegenüber dem männlichen Geschlechtsteil und damit gegenüber der Sexualität ganz allgemein von vornherein beeinträchtigt und die Schamschwelle erhöht. Und nach dem Grundsatz, dass jede Scham eine Angst ist, der auf der Gegenseite eine Steigerung von Macht und Herrschaft entspricht, gehört also wahrscheinlich die Beschneidung der Jungen immer auch zum Machtinstrumentarium der Alten gegen die Jungen.

Der sichere Ursprung des Brauchs der Beschneidung liegt im Dunkeln. Eine mögliche Erklärung ist die der Ablösung von Menschenopfern: Ursprünglich opferte man den Göttern ja direkt lebendige Menschen. Beim Übergang zu einer menschlicheren Religion mag man schließlich nur noch etwas von dem Teil des Menschen geopfert haben, der für die Weitergabe des Lebens zuständig war, ja, der nach früherer Auffassung sogar unmittelbar der Ursprungsort für neues Leben war und damit Gott am nächsten stand. Denn schließlich wurden ja Gott und Leben nur zu oft gleichgesetzt.

Eine andere Erklärung wäre im Zusammenhang mit Geschlechtskrankheiten (siehe unten bei der Beschneidung der Frauen): Schädigungen der Genitalorgane beeinträchtigten ganz unmittelbar das Leben und konnten nur etwas mit dem Teufel zu tun haben. Und um dem Teufel möglichst wenig Ansatzpunkte zu geben, entfernte man eben überflüssiges Gewebe, zumal sich darunter ja Böses (= Krankheitserregendes) verbergen konnte (inzwischen ist auch belegt, dass sich beschnittene Männer deutlich weniger mit AIDS anstecken als unbeschnittene, siehe etwa den Beitrag in der WELT vom 23. Februar 2007, vollständige Url: http://www.welt.de/wissenschaft/article732933/Beschneidung_reduziert_Risiko_fuer_HIV-Infektion.html, bei anderen Geschlechtskrankheiten besteht allerdings kein Unterschied). Im weiteren Verlauf der Geschichte der Menschheit wird man dann irgendwann einmal den ursprünglichen Sinn der Beschneidung - welcher auch immer - völlig vergessen und die Beschneidung nur noch als Zeichen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Teufel- bzw. Gottesglauben und zu einem bestimmten Volk gesehen haben. Und so wird sie auch in den jüdischen Glauben hineingekommen sein. Es sieht also so aus, als ob sie ein (zweifelhaftes) Kulturgut ist, das aus irgendwelchen Gründen von anderen Völkern übernommen wird (oder natürlich auch aus der eigenen Vergangenheit) und dem man hinterher dann einen tieferen religiösen Sinn unterschiebt. Und damit wurde die Beschneidung schließlich ganz deutlich zu den Herrschaftsinstrument der etablierten alten gegenüber der nachfolgenden jungen Generation, wie wir sie noch heute erfahren: Den beschnittenen jungen Volkszugehörigen blieb gar keine andere Wahl, als sich voll und ganz mit dem eigenen Volk zu identifizieren, sie waren ja durch eine unauslöschliche Kennzeichnung sozusagen auf Gedeih und Verderb an das eigene Volk gekettet. Im Fall eines Krieges etwa konnte ja jeder Gegner leicht herausfinden, wer nun wirklich zu seiner eigenen Partei gehörte und wer nicht.

Und hier beginnt wohl heute wie früher die Problematik der Beschneidung! Wie kommen Erwachsene eigentlich dazu, ihre Kinder derart zwangsweise auf ihre eigene Linie festzulegen? (Den Druck der Gemeinschaft auf den einzelnen mag man ermessen, wenn man bedenkt, dass bei den alten Juden für einen Vater die Todesstrafe vorgesehen war, der seinen Sohn nicht beschneiden ließ.) Wenn die Beschneidung dann auch heute noch religiös oder auch hygienisch begründet wird, ist das nicht nur die Rationalisierung eines machtpolitischen Schachzugs? Um solchen Verdacht heute von vornherein gar nicht erst aufkommen zu lassen, sollten nur die von einer Abnormität auch tatsächlich Betroffenen (also diejenigen mit einer Vorhautverengung) selbst eine Beschneidung bei sich durchführen lassen und dann auch nur, wenn sie sich beispielsweise im Zusammenhang mit unbefriedigendem Geschlechtsverkehr als wirklich sinnvoll und notwendig erweist. Um wieviel unproblematischer ist da unsere (Kinder-)Taufe, die überhaupt keines körperlichen Merkmals bedarf, wenn schon ein Aufnahmeritus in eine bestimmte Religion oder Kultur sein muss! Jeder Getaufte hat schließlich immer noch die Freiheit zu leugnen, dass er dazu gehört - und nichts an seinem Körper weist darauf hin, dass er nicht die Wahrheit sagt!

Und hier noch eine kritische Stellungnahme zur Beschneidung der Jungen aus der Website http://www.vaeter-aktuell.de/gesellschaft/Farrell-09.htm . Danach sollte die Beschneidung auch der Jungen eigentlich "out" sein - ja, wer gibt uns überhaupt das Recht, Jungen so etwas anzutun? Wenn sie es wollen, dann sollen sie - und ihre Frau, wenn es so weit ist - selbst bestimmen! Und wenn es schon ein Initiationsritus sein muss, wie viel schöner ist doch da unsere christliche Taufe! Hier also der Beitrag:

Auch als Gewalt gegen kleine Jungen ist sie eine brutale Sache.

"Ich sah, wie sie meinen Sohn an seinen ausgestreckten Armen und gespreizten Beinen festbanden und mit dem Stahlding seinen Penis berührten. Da wusste ich, dass die Entscheidung zur Beschneidung ein fürchterlicher Fehler war. Nie habe ich ein Kind so schreien hören. Ich werde es mein Lebtag nicht vergessen.

Gewalt gegen Mädchen nennen wir Kindesmisshandlung, und sie wird gesetzlich verfolgt. Gewalt gegen Jungen in Form der Beschneidung dagegen wird geduldet und steht nicht unter Strafe. In Amerika ist die Beschneidung der häufigste chirurgische Eingriff."

"Die Notwendigkeit, die Vorhaut am Penis eines kleinen Jungen zu entfernen, wird in fast allen Ländern mit hohem medizinischem Standard bestritten: Norwegen, Frankreich, Schweden, England, Dänemark, Japan und Finnland. In England sank die Zahl der Beschneidungen drastisch: von 50 Prozent im Jahr 1950 auf heute 0,5 Prozent."

In den Vereinigten Staaten wird die Beschneidung traditionellerweise ohne Narkose durchgeführt." Die Schmerzbetäubung bei der Beschneidung von Neugeborenen erhöht jedoch erheblich deren Chancen, den Eingriff zu überleben," berichtet das New England Journal of Medicine. Die Narkose verringert den Stress des Kindes und beugt Infektionen und Embolien vor.

Haben die Jungen im Säuglingsalter bei der Beschneidung überhaupt Schmerzen? Im Journal o f the American Medical Association heißt es, dass die Jungen bei der Beschneidung heftig schreien und sich »ihr Herzschlag und ihre Atemfrequenz, der Sauerstoff- und Cortisonspiegel dramatisch verändern«.

Wenn ein Junge dieses erste traumatische Erlebnis überstanden hat - gibt es Spätfolgen irgendwelcher Art? Darüber gibt es keine Untersuchungen. Es gibt auch nicht genügend Daten darüber, ob eine Beschneidung Krebs und Infektionen verhindert oder verursacht. Wir müssen uns daher auf indirekt sich ergebende Vermutungen verlassen sowie darauf, was wir über andere Traumen von Neugeborenen wissen. So ist z.B. belegt, dass sich die Isolierung eines Säuglings in einem Inkubator auf seine Entwicklung und sein späteres Verhalten auswirkt. Fest steht auch, dass Männer in Kanada und Australien, die im allgemeinen nicht beschnitten werden, keine Hygieneprobleme haben und keine höhere Infektions- und Krebsrate aufweisen." Aber mangelnde Information verunsichert uns, und wir bleiben weiter im ungewissen, obwohl uns eine umfassende Studie über die Spätfolgen der Beschneidung weniger kosten würde als zwei Minuten Golfkrieg

Die Kritik an der Beschneidungspraxis erlitt ihren wohl größten Rückschlag durch eine Studie, die angeblich belegen konnte, dass Frauen von nichtbeschnittenen Männern ein höheres Risiko hätten, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, als Frauen beschnittener Männer. 15 Diese Studie erfuhr enorme Publizität. Als zwei Folgestudien widerlegten, dass Frauen nichtbeschnittener Männer ein größeres Risiko hätten, fanden sie kaum Beachtung.

Beschneidung wird meist mit Gesundheits- und Hygieneargumenten gerechtfertigt. Es stimmt, dass ein beschnittener Penis nicht so intensiver Reinigung bedarf wie ein nicht beschnittener Penis. Ein nicht beschnittener Penis sondert mehr Smegma ab und muss mit einer milden Seife und Wasser gewaschen werden. Smegma ist jedoch ein natürliches Gleitmittel, wie Körper- und Haarfett. In Ländern, in denen die Beschneidung nicht üblich ist, lernen die Jungen, den Penis zu säubern, so wie sie lernen, sich die Haare zu waschen, sich zu baden oder sich die Fingernägel zu reinigen. Niemand kommt auf den Gedanken, die Fingernägel zu entfernen, um sie nicht mehr reinigen zu müssen.

Edward Wallerstem, einer der kompetentesten Urologen des Landes und ein Fachmann in Fragen der Beschneidung, erklärt, dass fast alle Gründe, die für die Beschneidung angeführt werden, auch die Entfernung der Klitoris bei Mädchen rechtfertigen könnten.' Der weibliche Körper produziert Smegma in der Klitoris, die der Penisspitze beim Mann entspricht. Wenn sie nicht gewaschen wird, können auch hier Schmutz, Keime, übler Geruch und Infektionen auftreten. Aber das veranlasst uns schließlich auch nicht zur Beschneidung der Klitoris.

Würden wir die weibliche Beschneidung praktizieren, wären wir schnell damit bei der Hand, diese Tradition als Unterdrückung der Sexualität von Mädchen zu bezeichnen. Beschneidungen an Jungen werden in Amerika weiterhin ohne wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, und das beweist, dass wir unsere männlichen Kinder weiter dazu erziehen wollen, Schmerzen klaglos zu ertragen. Sie sollen, ohne Fragen zu stellen, bereit sein, ihre Körper zu opfern, so wie sie ungefragt ihre Vorhaut zu opfern gezwungen werden.

Und hier noch eine Information aus der Seite "Der Geburtskanal" http://www.geburtskanal.de

Die Vorhaut ist ein kleiner beweglicher Hautlappen, der die Eichel des Penis umschließt. Entgegen dem bisherigen Glauben, dass durch die Beschneidung männlicher Kinder der Peniskrebs, der Gebärmutterkrebs (wegen der besseren Hygiene beim Verkehr), Harnleiterinfekten u.a. verringert werden, hat sich gezeigt, dass die Beschneidung praktisch keine positiven medizinischen Folgen besitzt. Schon gar nicht in den hygienisch entwickelten Industrieländern und Schwellenländern. Im Gegenteil: vor allem im höherem Alter, wenn die Vorhaut gut entwickelt und durchblutet ist, sind eine Reihe negativer Folgen wie Entzündungen nicht selten. Es sei erwähnt, dass in den USA jeder derartige Eingriff dem Operateur ca. 100-200 Dollar an Gebühren bringt. Eine nicht unbeträchtliche zusätzliche Einnahmequelle. Bei einer Phimose, einer krankhaften Verengung der Vorhaut, ist es jedoch oft angesagt, diese operativ entfernen zu lassen, obwohl es auch konservative Therapien, z.B. mit Hormonen, gibt.

Auf folgender Seite finden sich die Aussagen anerkannter Vereinigungen von Ärzten zum Thema Beschneidung:

http://www.circumcision.org/position.htm

Schauen Sie auch einmal in das Diskussionsforum zur Beschneidung: http://www.zappybaby.de/forum_all/index.cfm/fuseaction/thread/CFB/1/TID/99973/StartRow/1.cfm

Juli 2011: Schrille Debatte in Amerika: Soll man die Beschneidung abschaffen?
Mediziner sind vom Nutzen der Prozedur überzeugt.
Siehe den Beitrag "Legt das Messer nieder!"
http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13466060/Legt-das-Messer-nieder.html
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Kommentar von basisreligion dazu: Es bleibt dabei, mit normaler Hygiene und der in dieser Website vertretenen Ethik ist die Beschneidung überflüssig!


Und wie viel mehr noch Beschneidung der Frauen und vor allem auch schon der kleinen Mädchen!

Als völlig verwerflich kann man die bei zahlreichen orientalischen und afrikanischen Völkern übliche Beschneidung von Mädchen und Frauen ansehen. Wenn vielleicht auch das Ergebnis der Entfernung der Vorhaut bei den Männern noch ein luststeigernder Effekt sein mag, so handelt es sich bei dem vergleichbaren Eingriff bei Mädchen und Frauen um eine Verstümmelung, die deren Lebensqualität ganz erheblich beeinträchtigt und die daher in höchstem Maß unmenschlich ist. Zur Zeit soll die Zahl der Frauen und Mädchen, die weltweit beschnitten sind, zwischen 100 und 130 Millionen sein - zu den einzelnen Ländern siehe unter http://www.aktion-menschen.de/menschen/beschneidungmain.html .

Ja, wozu eigentlich diese Beschneidung? Ein Journalist fragte einmal in Ägypten  einen Taxifahrer, ob er auch Töchter habe und ob diese auch beschnitten seien. Drei Töchter hätte er, antwortete der Taxifahrer, ja, sie seien selbstverständlich beschnitten. Wieso? Weil sie ohne Beschneidung doch keinen Mann finden würden. Was denn das damit zu tun habe? "Sie können ja sonst nicht treu sein..." Ein solches Denken ist also der Hintergrund!

Um zu ermessen, um was es bei der Beschneidung von Mädchen nun genau geht, wird hier ein Gespräch mit einer beschnittenen Haremsdame aus einem biografischen Roman (B. Chase-Riboud, "Serail", 1988) wiedergegeben:

"Wie alle Frauen bei uns bin auch ich beschnitten", erinnerte sich die schwarze Nur Banu, "und zwar auf die Art der Phönizier, der Hethiter, der Äthiopier und der Ägypter. Auch die Königin Nofretete war so beschnitten. In meiner Heimat gilt es als Zeichen der Schönheit, der Schicklichkeit. Die Hitze, der Schweiß, das ständige Reiben der Kleider auf der Haut könnten geschlechtliches Verlangen erregen, und deshalb entfernt man unser Geschlecht, verschließt es. Andernfalls, erklärten uns unsere Mütter, würden wir krank werden; es wäre der einzige Weg, unsere Gesundheit zu erhalten. Außerdem war es eine Sünde, junge Mädchen den Versuchungen des Satans zu überlassen. Ich wurde auf die Art der Pharaonen beschnitten. Dabei wird der Kitzler amputiert, die kleinen Schamlippen und der innere Teil der großen, die dann zusammengenäht werden." Naksch-i-dil versuchte, etwas zu erkennen, was wie ein weibliches Geschlecht aussah, aber da war nur eine geschlossene Falte.

"Als ich sieben Jahre alt war, wurde ich zu der Frau gebracht, die meine Mutter mit der Operation beauftragt hatte." Nur Banu hatte tief Atem geholt, als stünde sie im Begriff, sich in einen Abgrund zu stürzen, aus dem sie vielleicht nie wieder zurückkehren würde. "Als die Sonne unterzugehen begann, legte die Frau auf den kouss jedes Mädchens die Blätter einer bestimmten Nessel, die eine starke Schwellung hervorriefen. Meine Schenkel wurden geöffnet und von zwei Frauen gehalten. Die Klinge wurde in geschmolzener Butter gereinigt und mein Geschlecht mit Butter und Honig gewaschen. Dann geschah es. Man mag entschlossen sein, nicht zu schreien, aber man tut es immer. Anschliessend wurde ein Dattelkern in die Öffnung gesteckt, damit Platz blieb zum Wasserlassen und für die monatliche Blutung. Am folgenden Tag entfernte die Frau mit einem scharfen Messer den geschwollenen Kitzler und das ganze Fleisch um ihn herum. Dann holte sie ein rotglühendes Holzstück aus den Flammen und legte es auf, um die Wunde auszubrennen. In diesem Augenblick stießen die mithelfenden Frauen lauter Freudenschreie aus, die auch den Zweck hatten, meine Schreie zu übertönen. Auf diese Weise brauchte die Wunde nicht mit Akaziendornen vernäht zu werden, und die Gefahr der Blutung ist geringer. Meine Beine wurden zusammengebunden, und ich wurde von der Taille bis zu den Knien bandagiert. Ich lag mehrere Tage ausgestreckt auf einer Matte und wartete darauf, dass die Vernarbung einsetzte. Am achten Tag durfte ich wieder zu meinen Freundinnen. Wir nahmen unser erstes Bad im Nil, die Trommeln wurden geschlagen, Gesänge erfüllten die Luft, und wir wurden mit Geschenken überschüttet. Am vierzigsten Tag war ein weiteres Bad im Nil vorgeschrieben. Vor fünftausend Jahren opferten wir lebende Jungfrauen. Jetzt opfern wir nur noch jungfräuliches Geschlecht...

Wenn, was oft vorkommt, die Harnröhre blockiert ist, muss der ganze Vorgang wiederholt werden. Ich hatte Glück, aber mein Leiden war noch nicht zu Ende. In meiner Hochzeitsnacht musste mein Mann mich mit Hilfe eines zweischneidigen Messers öffnen, um in mich eindringen und schwängern zu können. Er nahm mich viele Male, um einen Zugang zu schaffen, der sich nicht wieder schließen würde. Manche Ehemänner öffnen ihre Frauen und lassen sie dann nach jeder Paarung wieder zunähen. Und als ich schließlich niederkam, musste die ganze Prozedur wiederholt werden, damit das Kind genug Platz zum Durchgleiten hatte. Aber am deutlichsten erinnere ich mich an die alte Frau mit der Peitsche, die während der Operation neben mir stand. Als es passiert war, stieß meine Mutter einen Freudenschrei aus und zerbrach die Peitsche, und die anderen kamen auf mich zu, schrien und tanzten und zwangen mich, gleichfalls zu tanzen.

Es gibt noch eine Art der Beschneidung, die, wenn sie geschickt vorgenommen wird, die Teilnahme der Frau am Geschlechtsakt nicht beeinträchtigt. Das ist die Ausschneidung, durch die alles Gefühl beseitigt wird. Der Kitzler gilt als Organ des Vergnügens und als unnötig für die Fortpflanzung. Mit der Entfernung des Kitzlers soll alle Ausschweifung vor und nach der Eheschließung verhindert werden. Aber praktisch alle Frauen im Sudan und in Ägypten sind so beschnitten wie ich...

Der Sultan hatte nichts von mir, denn in mir war alles tot, alles leer. Nie habe ich Vergnügen oder Freude oder Trost von einem Mann empfangen. Die Männer nehmen Drogen, um den Akt zu verlängern, weil ihre Frauen nicht reagieren, und die Frauen verschönern ihre Körper mit Parfüm und kofra. Sie versuchen alles, um ihre Männer glücklich zu machen, denn sie sind die Herren", sagte Nur Banu. (Anmerkung: Es gibt auch Traditionen, bei denen die Scheideninnenwände blutig geschabt werden und dann die Beine zusammengebunden werden, damit alles zusammenwächst und das Eindringen des Gliedes nun wirklich so schmerzhaft ist, dass keine Frau freiwillig dabei mitmacht.)

In diesem Erlebnisbericht wird bereits erwähnt, warum solche Grausamkeit zum Teil ohne Narkose und mit rostigen Messern und Glasscherben praktiziert wird: Es besteht da die Auffassung (oder wohl besser das Vorurteil und vor allem auch die Unterstellung), dass die Beschneidung zur Strategie gegen die Versuchungen des Satans gehört, womit wir assoziieren, dass sie für die Moral der Mädchen und Frauen ganz einfach notwendig ist, weil sie sonst ganz automatisch auf die schiefe Bahn geraten.

Ob nun wirklich eine solche Einstellung, die nur als abartig und freudlos bezeichnet werden kann, auch ursprünglich hinter der Beschneidung der Frauen steckt, bleibt letztlich doch mehr als fraglich. Können wir uns ernsthaft vorstellen, dass Probleme mit der Moral in unserer heutigen Zeit ein Grund sein könnten, die Beschneidung der Frauen einzuführen? Diese These wird von allen möglichen Sexualforschern, auch von Wilhelm Reich, vertreten: "Später entwickelten sich zu diesem Zweck sexuelle Verstümmelung wie Beschneidung aus der sadistischen Haltung, die sich durch die Sexualrepression entwickelt. Die Beschneidung dient zur Unterdrückung des Sexualgefühls und soll vor allem die Frau anpassungsfähig machen. Diese Form existiert bis in die heutige Zeit, besonders in Afrika, Arabien und ist ebenso verbreitet in der muslimischen Tradition." (nach http://www.orgonpraxis.de/art1.htm). 

Doch ist das wohl zu bezweifeln, dass zu irgendeiner Zeit Väter dafür sorgen würden, dass ihre kleinen Töchter aus lauter Sexualrepression, die ja auch eine Art Moral ist, beschnitten würden! Und selbst wenn es noch so "drunter und drüber" geht, man tut so etwas allenfalls irgendwelchen Feinden (was auch immer man darunter versteht) oder auch Kindern von Feinden an, doch nicht dem eigenen Fleisch und Blut... Und das sollte einmal anders gewesen sein? Die Moral, und welche auch immer, hat doch gerade diejenigen, die so etwas zu verantworten haben, wie die Beschneidung der Frauen, noch nie interessiert, solche Leute interessiert doch immer nur, wie sie zumindest selbst ohne oder mit nur wenig Verhaltensänderung in ihrem Tun weiter machen können. Und so sucht man heute allenfalls nach medizinischen oder sonstigen Mitteln, siehe mein Bericht von der Tagung AIDS-Vorsorge in den 90er Jahren.

Rational bleibt nur eins übrig: Vermutlich wurde die Beschneidung in grauer Vorzeit als Strategie gegen Geschlechtskrankheiten erfunden.

Es sei hier noch einmal auf den Gedankengang oben hingewiesen: Wir wissen, dass man früher alle Krankheiten als das Werk böser Geister und vor allem des Teufels ansah - und also natürlich auch und gerade Geschlechtskrankheiten. Und bei der Bekämpfung dieser Krankheiten muss sich wohl die Frage gestellt haben, wie man verhindern konnte, dass diejenigen, die traditionell nichts zu sagen hatten, durch ihr unkontrolliertes Sex-Verhalten alle anderen Menschen mit den "Geschenken des Teufels" versorgten. Na ja, und dann bietet sich recht schnell die Lösung über die Güterabwägung an: Bevor alle leiden und sterben, ist es wohl besser, wenn man denjenigen etwas wegschneidet, die damit sonst nur Unfug treiben und die das ohnehin für ihre Aufgabe, nämlich für die Weitergabe des Lebens, nicht brauchen. Am besten fängt man bei den kleinen Mädchen an, die können sich entweder gar nicht wehren, wenn es sehr früh gemacht wird, und wenn sie älter sind, dann glauben sie sowieso wie alle Kinder, was man ihnen erzählt, vor allem wenn man es dramatisch rüberbringt und sie dabei auch noch mit Geschenken ködert und ein großes Fest daraus macht. Und sollten sie irgendwann einmal aus ihrer Naivität aufwachen, ist es eh zu spät und das Nachdenken hilft ihnen nichts mehr.

Hierzu eine Meldung aus der Zeitung "Die Welt" vom 13. 04. 2016:

ANTHROPOLOGIE
Neandertaler litten an Magengeschwüren
Bakterien und Viren, die vor Zehntausenden Jahren vom Homo sapiens von Afrika nach Europa mitgebracht wurden, dürften zum Ende der Neandertaler beigetragen haben. Diesen Schluss ziehen Forscher der britischen Universitäten Cambridge und Oxford Brookes aus genetischen Untersuchungen. Ihre Studie erschien in „American Journal of Physical Anthropology". Danach hatte das Bakterium Helicobacter pylori, die Ursache vieler Magengeschwüre, vor 88.000 bis 116.000 Jahren den Menschen in Afrika infiziert. Es sei dann vor rund 52.000 Jahren mit dem Homo sapiens nach Europa gelangt. Dort dürften die Einwanderer ihre über Europa verstreuten Vettern unter anderem beim Geschlechtsverkehr infiziert haben. Einige Jahrtausende später verschwanden die Neandertaler.

Na ja, die Beschneidung der Mädchen (und Frauen) half eben nur bedingt.

Und dann blieb man dabei, weil auf diese Weise die Mädchen und Frauen am besten gezähmt werden könnten (so wie die Tanzbären mit einem Nasenring).

Und als die Geschlechtskrankheiten schließlich vorbei waren, erinnerte sich irgendwann niemand mehr an diesen ursprünglichen Hintergrund, doch man hatte jetzt das praktische Instrument zur Zähmung der Frauen entdeckt, schließlich war alles auch längst mit irgendeiner Mythologie erklärt und abgesichert. Also blieb man dabei. Und den Grund, nämlich zur Abwehr des Satans, musste man gar nicht mehr erfinden, dank der üblichen Tabus gegenüber allem, was mit Sexualität zu tun hat, konnte man ihn problemlos übernehmen - und schließlich das ganze als besonderen Sinn des Lebens in jede beliebige andere Religion einbauen, die man irgendwann übernahm. Hauptsache, die neue Religion hinterfragte nicht allzu sehr solche Praktiken, doch diese Gefahr ist dank der üblichen und praktischen Tabus noch nicht einmal in unserem christlichen Glauben sonderlich gegeben.

Doch machen wir uns einmal bewusst, wie die Menschen in den Ländern, in denen die Beschneidung der Frauen heute noch praktiziert wird, denken:

Den Frauen wird sozusagen die Vernunft abgesprochen wird, selbst für ihre Moral sorgen zu können!

Und die Frauen, die da mit machen - und ohne die Mitwirkung von Frauen würde das ganze ja nicht mehr funktionieren -, glauben also auch noch selbst an ihre Unfähigkeit zur Moral! Indirekt wird also behauptet, dass für ein unbeschnittenes Mädchen sozusagen der Weg zur Prostituierten vorprogrammiert ist und dass ordentliche Eltern, die sich um das seelische Wohl ihrer Tochter wirklich sorgen und sie zu einer treuen und verantwortungsbewussten Ehefrau und guten Mutter erziehen wollen, daher schon von ihrer eigenen Verantwortlichkeit her gezwungen sind, sie brutal verstümmeln zu lassen. Alle weiteren Experimente, also es einmal wirklich mit der Mobilisierung des Denkens der Mädchen zu versuchen, verbieten sich da nach allgemeinem Volksglauben schon von selbst: Einerseits dürfen Menschen keine Versuchskaninchen sein und daher macht man mit Menschen einfach keine Experimente (und in Fragen der Sexualmoral schon gar nicht, die muss einfach Tabu sein, wo kämen wir sonst hin!) und andererseits würde allein der Gedanke an eine Unterlassung der Beschneidung ja schon bedeuten, dass man alles, was bisher war, anzweifelt! Und alle Vorfahren, die die Beschneidung seit jeher praktiziert hatten, wären ja demnach auch blind und dumm gewesen! Wenn solche Unfähigkeit, sachlich zu denken, nicht nur so eben Leibfeindlichkeit sondern geradezu  Dekadenz ist, was dann? (Und wenn man jemandem von vornherein die Fähigkeit zum Denken abspricht, so hat man wohl auch selbst mit dem Geist seine Schwierigkeiten, da ist also auch noch Geistfeindlichkeit im Spiel!)

Verurteilen wir diese afrikanischen Eltern allerdings nicht zu schnell! Wie ist das denn heute bei uns, wenn man typischen gutbürgerlichen Eltern von Töchtern zumutet, alles anders zu machen, etwa wenn man ihnen sagen würde, dass eine Erziehung zur Nacktheit, selbst in der Öffentlichkeit, durchaus moralischer sein kann als eine Erziehung zur (Sexual-)Scham! Vergegenwärtigen wir uns doch deren Leibfeindlichkeit und Verklemmtheit und deren Ängste und Verdrängungen und Rationalisierungen! Würde man dann außerdem nicht bei allen Verwandten, Freunden und Nachbarn als völlig verantwortungsloser und sogar verrückter Außenseiter gelten?

Hintergrund: Abgesehen von den Männern können sich noch nicht einmal die Frauen selbst ihre eigene Moral vorstellen, wenn da nicht eine infame Gehirnwäsche dahinter steckt!

Das erklärt auch zumindest teilweise, warum die Mütter - und wie wir inzwischen vor allem aus Afrika wissen - besonders die Großmütter so auf der Beschneidung ihrer Mädchen bestehen, sie können sich einfach "Moral" nicht anders vorstellen (siehe auch Sittenverfall)! Allerdings dürfte beim Beharren gerade der alten Frauen auf dem Brauch auch immer eine Art Hass mitschwingen, was sie selbst erlitten haben, sollen die jungen nachwachsenden Frauen auch erleiden, zumindest verscheucht dieser Hass alle weiteren Gedanken. Es sind heute wohl auch nicht die Männer, die so auf der Beschneidung der Frauen bestehen, sondern eher die Mütter der Männer beziehungweise die Schwiegermütter der Ehefrauen. Und schließlich: Was wäre, wenn da so ein Religionslehrer (wie der Verfasser dieser Website) käme und den alten Frauen erklärte, dass ihre eigene Beschneidung überflüssig gewesen sei, dass man das Problem der Moral hätte auch anders lösen können? Wären die alten Frauen begeistert, würden die sich geschwind zu seiner Lebenseinstellung bekehren? Mitnichten! Denn dann wäre ja alles umsonst gewesen, was sie gelitten haben, und das kann eben nicht sein! Die Beschneidung ist ja inzwischen sozusagen ihr Sinn des Lebens geworden - und der wäre jetzt futsch. Daher die Schwierigkeit, wenn nicht gar Unmöglichkeit, gerade diejenigen umzustimmen, die an vorderster Stelle für die Beschneidung der nachfolgenden Kinder zuständig sind, und das sind nun einmal die Mütter und Großmütter! Vergegenwärtigen wir uns die Bilder im Fernsehen, wenn ägyptische Großmütter vor Begeisterung auf der Straße tanzen, weil das World-Trade-Center zerstört ist, sie alle sind beschnitten und können ihre Beschneidung eben nur als Sinn des Lebens vom Kampf gegen den Teufel ertragen, und dem Teufel wurde jetzt auch noch an anderer Stelle eins ausgewischt!

Ich möchte hier auch in diesem Zusammenhang ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Beschneidung der Frauen keine islamische Erfindung ist, auch steht von ihr nichts im Koran. Und sie wird auch heute nicht nur bei einigen islamischen Völkern praktiziert, sondern auch bei Christen und Anhängern von Naturreligionen. Wenn die Beschneidung der Frauen nun vielleicht zum Frauenbild im Islam passen mag, so ist sie jedoch bei den Christen ein Indiz, dass diese vom Anliegen des wirklichen Jesus nichts verstanden haben...

Denn Jesus hatte wohl eine andere Einstellung - in der (vergessenen) Tradition der alten Juden.

Unsere Frage hier ist nun durchaus: Wusste Jesus zu seiner Zeit von solchen Gepflogenheiten und von solchen Ängsten? Wenn ja, hat er dazu etwas gesagt, hat er das bei seiner Vorstellung vom Reich Gottes oder vom Paradies berücksichtigt? Und wie haben darüber die frühen Christen gedacht?

Wenn auch die Beschneidung von Mädchen in der unmittelbaren Heimat Jesu gewiss nicht praktiziert wurde, dürfen wir doch davon ausgehen, dass Jesus schon von seiner Zeit als wandernder Häuserbauer und von den dabei gewiss auch damals üblichen Unterhaltungen mit anderen Männern über Frauen und vor allem auch mit Prostituierten davon wusste, schließlich wurde sie schon immer im nur wenige hundert Kilometer von seinem Wirkungskreis entfernen Ägypten praktiziert. Und er muss sie auch als einen krassen Widerspruch zu einem neu gewonnenen Reich Gottes empfunden haben, das ihm ja für alle Menschen vorschwebte. Es wäre jedenfalls ein nicht glaubhaftes Zeichen von Weltfremdheit, wenn ihm dies alles bei seinem Herumkommen verborgen geblieben sein sollte. Und wir können uns es auch nicht vorstellen, dass er es bei seinem Wissen bewenden ließ und nicht über dies alles auch bei seinen Überlegungen zum Reich Gottes und über mögliche Änderungen nachdachte. Das wäre jedenfalls näher liegend gewesen und würde eher der Plausibilität entsprechen, als dass er irgendwelche unwahrscheinlichen Wunder gewirkt hat. (Möglicherweise hat er die Drohung "Wer eines von diesen Kleinen zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde" <Matth. 18,6ff und Mark. 9,42ff> in diesem Zusammenhang gesagt.)

Bei seiner Beurteilung von alledem könnte Jesus nun - wieder entsprechend der Plausibilität, denn es ist darüber nichts überliefert - das Problem der Beschneidung (vor allem der Mädchen) als ein Teilproblem erkannt haben des grundsätzlichen Problems, um das es ihm sonst ging: Des Problems der Einheit von Leib und Seele, des Problems von gelungenen Gefährteseins von Mann und Frau, des Problems der Freiheit (und unter diesem Stichwort findet sich auch die fiktive tolle Diskussion zwischen dem Großinquisitor und Jesus, ob der Mensch die Knute braucht oder zum Gutsein auch in Freiheit fähig ist) und der (insbesondere inneren) Emanzipation der Menschen. Und das würde dann auch erklären, warum Jesus keine besondere Strategie für die Abschaffung der Beschneidung in einem anderen Volk entwickelt hatte, sondern die Änderung dieses Missstands als automatische Folge gesehen hatte, sobald seine sonstigen Bemühungen um das Reich Gottes Wirklichkeit würden (siehe Erlösung). Eine aktuelle Parallele zur Diskussion zwischen Jesus und dem Großinquisitor ist übrigens die Geschichte vom Pferdeflüsterer: Angeblich müssen Pferde sadistisch gequält und gebrochen werden, um sie zu zähmen. Und da kommt ein 7jähriger Junge auf die Idee, dass man die Zähmung auch erreichen kann und viel besser, wenn man das Vertrauen der Pferde gewinnt.

Mit Sicherheit waren die frühen Christen mit dem Problem der Beschneidung der Frauen konfrontiert, zumindest als sie Ägypten "missionierten", und können von christlichem Menschenverständnis her nur dagegen gewesen sein. Wir wissen allerdings auch von den Schwierigkeiten, etwas zu vertreten, was mit einem Sinn des Lebens gekoppelt ist und was einem angeblich bewährten Erziehungskonzept widerspricht noch dazu in Dingen, die mit der Sexualität zu tun haben. Und vor zweitausend Jahren werden solche Schwierigkeiten nicht anders gewesen sein als heute. Da kamen also Verkünder einer Botschaft daher, die sich auf die Ideen eines Wandermaurers beriefen, der dazu noch ein Junggeselle war, der sich bei Prostituierten "auskannte" (ist es nicht schon ein höchst verdächtiges Zeichen, überhaupt solche Frauen zu kennen; welcher anständige Mensch kennt denn welche oder gibt dies zumindest zu?) und sich auch noch für sie einsetzte, der seine angebliche Menschenkenntnis (das wird schon so eine gewesen sein!) da entwickelt hatte, der auch noch als Krimineller hingerichtet wurde und der meinte, alles, was bisher war, besser zu wissen und über den Haufen werfen zu können. Wenn Christen also etwas erreichen wollten, konnte das ihrer Meinung nach nur gelingen, wenn sie nicht "mit der Tür ins Haus fielen", sondern sozusagen erst einmal die zeitbedingte Atmosphäre änderten. Günstig schien da das altbewährte Konzept für eine Mission, die alten Götter infrage zu stellen und durch einen neuen, besseren Gott zu ersetzen. Allerdings musste dieser neue Gott schon so aussehen, wie sich die Leute eben einen Gott vorstellten, also so richtig mit Jungfrauengeburt, Wundern, Auferstehung und natürlich auch mit Himmelfahrt. Wenn der neue Glaube an einen solchen Gott dann Fuß gefasst hatte, dann bestanden immerhin gute Chancen, dass sich das Reich Gottes und damit wirkliche Moral - eben die christliche Moral - schließlich sogar ohne die Beschneidung der Frauen und ohne besonderes Herumwühlen in den damit verbundenen unappetitlichen Tabu-Themen sozusagen ganz von selbst entwickelte und durchsetzte. Und dazu konnte man den jungen Leuten die besseren Informationen, also heiligem Geist, wünschen, die Sakramente als konkretes Zeichen göttlicher Gnade und gleichzeitig Eckpunkte vernünftiger Lebenskonzepte in einer neuen Gemeinschaft besonders für die jungen Leute entsprechend einsetzen (gerade die Taufe der Kinder, also die Kindertaufe, eignete sich ja sehr gut als Ablösungsritus von der Beschneidung) und ganz fest an das neue Reich Gottes glauben und darum beten.

Ethische Konzepte heute

Über das Problem der Ablösung schreibt in einem Beitrag im Heft "Franziskaner Mission" Nr. 2/1999 Dr. med. Paul Krämer: Der in Ungarn geborene Anthropologe und Psychoanalytiker Georges Dévereux berichtet über einen von ihm in den dreißiger Jahren untersuchten Stamm in Südostasien, bei dem Menschenopfer und ritueller Verzehr der Leber vorkamen: `Das subjektive Empfinden der Sedang, dass das Essen der menschlichen Leber verwerflich sei, bewirkte, dass sie diese Praktik ersetzten: zuerst durch eine symbolische Geste - das Berühren der Lippen mit einem Stück menschlicher Leber - und dann durch das Essen der Leber eines geopferten Tieres´.  Weiter berichtet er von den damals im Verschwinden begriffenen Menschenopfern und schreibt: `Dann gaben sie vor, ein menschliches Wesen zu opfern, ritzten aber nur dessen Achsel und opferten stattdessen ein Schwein´. - Doch zurück zu den Lobi im afrikanischen Burkina Faso. Insoweit die weibliche Beschneidung als religiöser Akt gesehen wird, lässt sich aufgrund der Parallelen in anderen Religionen - einschließlich der christlichen - durchaus vorstellen, dass dieser blutige Ritus durch ein symbolisches Geschehen ersetzt wird. Genau dies - eine symbolische Lösung in der Art eines unblutigen `Luftstreiches´ mit dem Beschneidungsinstrument - hat eine Selbsthilfegruppe von Frauen im Lobiland <Association pour la Promotion des Femmes de Gaoua, APFG> - angeführt von ihrer dynamischen Vorsitzenden Frau Ini Damien - auf einem Seminar im Februar 1995 den Beschneiderinnen vorgeschlagen und dafür auch deren Zustimmung erhalten. Es bleibt abzuwarten, ob die Selbsthilfegruppe und die Beschneiderinnen ihrerseits in der Lage sind, ihre Kundenfamilien zu überzeugen. Dies wird noch viel Überzeugungsarbeit notwenig machen Es gibt aber eine reelle Chance. Die traditionelle Kultur der Lobi ist sehr anpassungsfähig." Im folgenden werden einige Beispiele dafür angeführt, wenn etwa jemand ohne sein Zutun Zeuge wird, wenn sich andere über Verbotenes unterhalten, kann er sich schützen, indem er sich Steine auf Kopf und Ohren legt... Wenn schon ein Luftstreich mit dem Beschneidungsmesser als Ablöseritus gelten kann, um wieviel mehr eine Taufe mit der Zusage des Wirkens Heil bringenden oder eben "heiligen Geistes"!

Eine echte Lösung ist bisher noch ausgeblieben.

Wir wissen, was leider aus alledem durchaus auch unter dem Einfluss der leibfeindlichen Gnosis in der Kirchengeschichte wurde: Das ganze Doppelt Gemoppelt von alten Bräuchen und neuem geistigen Konzept half nichts. Die Beschneidung blieb dort erhalten, wo sie vorher praktiziert wurde, also auch bei den bekehrten Ägyptern (den Vorfahren der heutigen Kopten), irgendwie kam es niemals zu einer Erziehung im Sinne einer echten sexuellen Selbstbestimmung der Frau und insbesondere des Mädchens. Und so wurde aus der Taufe, die genau das hätte leisten können (siehe insbesondere unter Kindertaufe!), ein Aufnahmeritus mit magischem Charakter, aus den "Maßnahmen zur Änderung der Atmosphäre" wurde ein neues Glaubensbekenntnis, aus den besseren Informationen ein abstrakter Heiliger Geist. Und auf das Reich Gottes mit der gelungenen Einheit aller Menschen von Leib und Seele warten wir immer noch.

Ich bin auch sehr skeptisch gegenüber unserem Engagement gegen die Beschneidung, siehe etwa die Website http://www.intact-ev.de/. Denn das Grundproblem der Beschneidung bleibt von all diesem Engagement unberührt, dass sie nämlich praktiziert wird, weil man der Moral der Mädchen und Frauen nicht traut - und nicht nur "man" traut hier nicht, auch die Frauen trauen sich selbst nicht. Und wenn wir Westler nun Maßnahmen gegen die Beschneidung der Frauen organisieren, dann kann daraus auch ein Bumerang gegen uns werden! Die entsprechenden Afrikaner könnten etwa sagen: "Die Westler haben doch selbst keine Moral, man sieht es an den vielen kaputten Ehen und an der ganzen Pornografie, auch heiraten die im Westen ja kaum noch, außerdem sind alle dort Frauen sowieso Prostituierte, und genau ihre Kaputtheit wollen sie jetzt noch zu uns nach Afrika exportieren!" (Anmerkung: Ich habe nicht gesagt, dass das so ist, sondern dass das leicht zum Vorurteil gegen uns werden kann, wenn es nicht gar schon ist!) Was also Not täte, wäre, dass wir einmal mit einem vernünftigen ethischen Konzept der Liebe und der Partnerschaft zwischen Mann und Frau anfangen - und wenn das funktioniert, dann wird der Funke auch auf andere Länder überspringen und die Beschneidung der Mädchen wird von allein verschwinden.  

Fangen wir also mit der Verwirklichung der Nachfolge Jesu nun endlich an! Denn das allein beeindruckt auch andere! So werden sie ihr unmenschliches Brauchtum nicht nur als überflüssig, sondern sogar als Glück zerstörend für alle einsehen und daher schon von sich aus abschaffen

Gegendarstellung!

Dieses wäre keine gute Website, wenn es nicht auch eine Gegendarstellung gäbe!

Siehe also unter http://www.arbore.de/Literaturen/Peller_ExzisionDerVulva.pdf

Dazu: Klar, die Beschneidung ist kulturell akzeptiert, sie gehört zur Kultur. Und wenn man sie unterdrückt, entsteht eine Lücke. Ja, genau das ist es, warum wohl die Taufe in der Urkirche anfing - es ging darum, diese Lücke zu schließen, zu ersetzen. Es muss eben eine neue Kultur begonnen werden. Doch das misslang sehr oft, weil einfach nur ein neuer religiöser Überbau übergestültpt wurde und die Sache nicht richtig bewältigt wurde.

Und auf noch etwas kam die Verfasserin: Ja, was ist, wenn unsere eigenen Praktiken von Menschen von außerhalb gewertet werden? Das mag in etwa mein Problem sein, ich stehe in gewisser Weise außerhalb - und sehe manche unserer Praktiken also ziemlich problematisch...

Alles in allem: Natürlich kann man mit allem leben, das Leben geht schließlich weiter, doch gut ist das mit der Beschneidung nicht und es gibt auch andere Methoden, dass Frauen ihre Ehre und Würde zeigen. Und wenn ich in der Untersuchung lese, wie die Frauen oft auch neben der Ehe sexuell aktiv sind, dann drängt sich mir die Vermutung auf, dass sie wohl wissen, dass das eigentlich unehrenhaft ist und dass sie dann irgendwie anderweitig ihre Ehre zeigen müssen. So wie bei uns die Bedeckung der Intimteile als "Moral" gilt, weil es mit der anderen Moral eben "seit Adam und Eva" hapert....

 (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)