BRIEF AN EINE JUNGFRAU

Das Mädchen schrieb mir, dass es sich immer über meine Mails freut, selbst wenn sie leider wegen ihrer Abivorbereitungen weder Zeit noch Ruhe hat, ausführlicher zu antworten.

Also scheinen meine Mails den Vorstellungen dieses Mädchens zu entsprechen - und also schreibe ich weiter!

Liebe Marlene!

Gerade bin ich also mit der Lektorin an der Überarbeitung unseres Manuskripts in Kontakt, huch, sie ist sehr engagiert und sie gibt sich sehr viel Mühe!

Es ist alles schon etwas persönlich, um was es da geht, aber was soll´s? Es muss ja mal so deutlich gesagt werden! Und ich meine, sie findet das auch gut, dass ich das mache und dass sie mitarbeiten kann.

Ja, je mehr ich das bedenke, wird mir immer rätselvoller, warum die Mädchen so regelrecht jeck sind, den Intimverkehr machen zu müssen. Ja warum – wenn schon etwas sein muss – sich nicht erst mal richtig kennen lernen, und gegebenenfalls das schöne Kuscheln mit so richtig viel Hautkontakt, mit dem Spaß, sich gegenseitig „optisch zu erfreuen“, Brust an Brust, Bauch an Bauch, gegenseitig die Beine "umbeinen"! Und ich weiß, wie gerne auch Mädchen sich mal einen Mann "in seiner Gänze" ansehen, ich habe es doch selbst erlebt! Und wenn man bedenkt, wie komplex der Intimverkehr ist, was damit alles auf einen zukommt bis hin zur Ausnutzung und Ausbeutung - und unendlich viele Mikroben sollen auch noch mit im Spiel sein, die übertragen werden von all den Partnern, die der andere schon vorher hatte und auch noch von deren Partnern, und demgegenüber wie frei und und relativ unbeschwert das Kuscheln ist - ja warum bestehen die Mädchen nicht erst einmal darauf? Fehlt ihnen die Phantasie, haben sie denn keinen Bedarf danach, sind sie so triebgesteuert, gleich immer alles zu wollen - oder haben sie schlichtweg Angst, sich zu blamieren (weil sie nicht alles wollen) und ihre wirklichen Sehnsüchte offen zuzugeben und mit ins Spiel zu bringen?

Wenn ich hier für solche "Sachen" bin, dann vor allem aus zwei Gründen! Da gibt es erst einmal das uralte Prinzip der Güterabwägung. Danach wägt man ab, was wohl besser ist. Und das ist doch wohl ziemlich eindeutig, dass es der Geschlechtsverkehr nicht sein kann! Und zweitens ist da der Grundsatz einer guten Werbung, dass sie nie negativ sondern immer nur positiv sein darf. Und die übliche Moralisiererei ist nun einmal immer etwas Negatives - es wird gegen etwas polemisiert. Daher kommt für mich auch das nicht infrage. Also für etwas - beispielweise für das Kuscheln! Und dabei gehe ich natürlich davon aus, dass gerade Ihr jungen Mädchen zuiefst moralisch seid - Ihr werdet das also schon umsichtig einfädeln, wenn Ihr so etwas macht!

Und ist das Kuscheln denn vom Menschlichen her nicht viel mehr, gerade auch wenn ich von meiner Situation als Mann ausgehe? Das Kuscheln gilt doch eher „mir persönlich“, "sie" hat ausdrücklich Spaß an mir, "sie" lässt sich etwas einfallen, "sie" schaut mich gerne an und "sie" zeigt sich selbst mir auch gerne, "sie" mag mich - während beim Sex es auch nur Triebhaftigkeit und Abreaktion oder Befriedigung wie in der Prostitution sein kann.

Und es gibt ja noch viel mehr in diesem Sinn: Wo das heute schon in der Mode ist, wie wäre es mit einer intimen Rasur? Siehe Schamrasur! Oder wenn Du Dich von oben bis unten küssen lässt? Wie - Dir ist mit "dem Betreffenden" nicht danach? Na, dann sollte das nun wirklich eine Warnung sein!

Ich habe hier – auf Empfehlung – gerade das Buch „Die Wahrheit über meine Ehe“ von Martina Rellin gelesen (ein „Brigitte-Buch“), in dem Frauen erzählen, dann erkennt man sehr viel Langeweile in den Schlafzimmern und Träume von einem Ausbrechen. Und nicht nur Frauen geht es so – Männern geht es nicht anders.

Mir stellt sich nun die Frage, was wohl eher zu solcher Freudlosigkeit und Langeweile führt: Wenn die Partner vor der Ehe immer nur das Intimsein im Kopf und das dann auch praktiziert hatten oder das Kuscheln? Ich meine doch, dass Kuscheln viel eher ein Zeichen für Phantasie und Lebensfreude miteinander sein dürfte und dass das alles auch lange vorhält – und nicht zuletzt hat das eher mit gleicher Augenhöhe zu tun und beide können viel unproblematischer feststellen, ob die gegeben ist und leicht und schmerzfrei voneinander lassen, wenn die nicht gegeben ist.

Wenn man es recht bedenkt, ist das Kuscheln also viel eher ein sinnvoller Einstieg auf eine Partnerschaft als der Sex - und vor allem kann damit die Entjungferung auch wirklich mit dem Ehepartner sein! (Ich finde, das alles funktioniert nur, wenn es klare Spielregeln gibt – und die gibt es doch auch sonst!) Ja, und wenn es sich doch mit ihm so richtig schön kuscheln lässt, dann wird die Entjungferung auch nie und nimmer das Desaster, wie es manche sehen wollen. Dass die Entjungferung schon mal ein Desaster wird, liegt doch nur daran, dass da keine richtige Gemeinschaft da ist, dass alles holterdiepolter geht oder gehen muss...

Mein Problem allerdings: Warum bin ich als Mann nur immer der, der so von dem Kuscheln schwärmt und nicht darauf verzichten möchte? Warum nur plädiere ich so für dieses "Verfahren", um festzustellen, ob man zusammen passt? Ich als Mann habe ja schließlich auch ein existentielles Interesse, dass eine Beziehung klappt und suche nach einer aussagekräftigen Methode der Menschenkenntnis? Warum sind Mädchen in diesem Punkt nur so unkritisch und lassen sich auf Methoden ein, die viel weniger tauglich und aussagekräftig sind? Dabei dürften doch gerade sie wissen, wie manche Mädchen leiden, weil die hier das Falsche gewählt hatten. Ja, was soll ich von solchen Mädchen halten? Na ja, wenn ihnen das Kuscheln bisher immer nur schlecht oder lächerlich gemacht wurde... Ja und genau da muss man doch etwas dran tun, dass sie es wissen!

Und keine Angst, ich schreibe das nicht aus unmittelbarem Eigeninteresse – wenn ich mich natürlich bei meinem Schreiben auch an dem orientiere, was mir selbst gefallen würde... 

Natürlich würde ich mich freuen, wenn Du Dich mal rumhörst, warum Mädchen nicht auf das Kuscheln aus sind, wenn es schon etwas sein muss, oder wenn Du gar antwortest, was Du selbst denkst. Doch wenn nicht, auch gut.

Und noch etwas:

Wir hatten ja mal über die unterschiedlichen sozialen Schichten geredet und dass es so etwas wie Klassengesellschaften natürlich auch bei uns heute gibt und wie man die aufbrechen könnte. Ich glaube, das ginge wirklich mit der Liebe – doch vor allem oder im Endeffekt nur mit der auf einem hohen Niveau.

Ich habe dazu ein Stichwort geschrieben und ich kopiere das mal hier. Mein Linzer Freund hat mir schon spontan zugestimmt, „genauso ist es“!

LG

M

Den "Offenen Brief eines alten Religonslehrers an junge Mädchen über die weibliche Sexualität und die Bibel" (Mai 2012) gibt es auch online auf Deutsch, auf Englisch und auf Niederländisch! Hier steht alles noch viel besser!

Nachtrag: Heute (im Februar 2017) würde ich auf die Ausführungen zu einem pädagogischen Einstieg in das Thema hinweisen.