BRUDER UND SCHWESTER ist eine Gemeinschaft von Menschen verschiedenen Geschlechts, die sehr eng, jedoch nicht sexuell verbunden ist. Das Inzesttabu bei einer solchen Gemeinschaft gehört zu den natürlichen Mechanismen, es bildet sich vermutlich, wenn Menschen in ihrer Jugend, vor allem zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr, nahe zusammen sind, gleichgültig ob sie nun miteinander verwandt sind oder nicht.

Jeder Mensch ist auf die Grundgestalten Vater - Mutter - Bruder - Schwester, und sogar Großmutter - Großvater angewiesen, damit seine Entwicklung glückt. Und erst nach erfolgreichem Erleben dieser Grundgestalten ist er frei für die nächste Beziehungsebene, also vor allem die Partnerschaft zwischen Mann und Frau (Wilhelm Heinen, 1909 - 1986). 

Wir witzelten als Studenten über diese immer und immer wieder vorgetragene Theorie unseres Münsteraner Moralprofessors. Vermutlich war es jedoch vor allem seine Verknüpfung mit der Tiefenpsychologie, die wir nicht ganz nachvollziehen konnten. Immerhin gibt es ja noch einen Ansatz bei den "Natürlichen Mechanismen". Und der scheint plausibler zu sein als der von der Tiefenpsychologie her (wenn man natürlich auch alles entsprechend interpretieren kann). Siehe hierzu auch Vater-Tochter-Beziehung!

Was ist nun das Besondere bei einer Bruder-Schwester-Beziehung, um die es hier geht, das es sonst in dieser Weise nicht gibt? Bruder und Schwester haben im Normalfall (oder besser im Normalfall in der Entwicklungsgeschichte des Menschen, als er sich aus der Tierwelt löste und unter eher primitiven Umständen überleben mußte) eine sehr enge Beziehung zueinander, sie kennen sich einfach und trotzdem besteht das Inzesttabu. Von daher können sich über alle Probleme, auch über diejenigen, die mit der unterschiedlichen Geschlechtlichkeit zusammenhängen, unterhalten ohne jeden Gedanken, daß es schließlich doch noch mit dem anderen zu sexuellen Beziehungen kommen könnte. Dabei tauschen gut aufeinander abgestimmte Geschwister untereinander ohne die üblichen Tabus auch alle die Informationen aus, die ansonsten üblicherweise nur unter den eigenen Geschlechtsgenossen kursieren bis hin zu Witzen unter der Gürtellinie. Intuitiv verhelfen sie sich auf diese Weise gleichzeitig gegenseitig zu besserem Realitätsbewußtsein. Sie können einander Tricks und Insiderwissen weitergeben, wie andere hereinlegt werden, sie können aber auch einander sagen, wie man sich so vernünftig verhalten kann, daß man sich nicht gegenseitig blamiert. Einem Bruder sollte nämlich klar sein, daß es auch heute noch nicht unbedingt für ihn spricht, wenn sich seine Schwester dumm verhält und reinfällt, nach dem Motto: "Der scheint auch von nichts eine Ahnung zu haben, sonst hätte er der doch etwas gesagt..."

Der Informationsaustausch zwischen Bruder und Schwester kann dabei naturgemäß unverkrampfter sein als der von Erwachsenen gegenüber jungen Leuten. Er hat vor allem informellen Charakter.

So haben sogar etwa die typischen Blondinenwitze hier durchaus ihre Berechtigung, in denen man sich über das andere Geschlecht lustig macht, schließlich kann damit ja auch ausgedrückt werden, wie man sich besser nicht verhält. Damit wird auf jeden Fall sehr unmittelbar eine nicht zu unterschätzende Menschenkenntnis gefördert.

Vermutlich im Zusammenhang mit unserer Zivilisierung (siehe Verhausschweinung) sehen nicht alle Brüder, aber auch nicht alle Schwestern, diese Möglichkeiten solchen Kontakts, vielfach verhalten sich Brüder und Schwestern zueinander regelrecht arrogant und gehemmt. Das ist natürlich sehr schade! Denn wir brauchen nun einmal für unsere gesunde Entwicklung geradezu Menschen des anderen Geschlechts mit solcher brüderlichen oder schwesterlichen Beziehung, ja wir haben im Grunde in unserer Seele viel mehr Bruder- und Schwesterplanstellen, als wir etwa von der Natur her leibhaftige Geschwister mitbekommen haben. Die Natur scheint uns daher für zusätzliche Geschwister nun tatsächlich Möglichkeiten gegeben zu haben: Denn ein geschwisterähnliches Verhältnis (also ein Verhältnis, bei dem es im ganzen Leben nicht zu sexuellen Beziehungen kommt und auch gar kein Bedarf danach verspürt wird) kann sich auch zu anderen Menschen bilden! Zum einen bildet sich solch ein Geschwisterverhältnis in früher Jugend ganz automatisch durch das Inzesttabu, zum anderen werden wir im Laufe unseres weiteren Lebens ganz zwangsläufig viele Menschen des anderen Geschlechts treffen, mit denen uns ganz einfach nur eine geschwisterliche Zuneigung verbindet.

Leider sehen viele Menschen nicht diese Zusammenhänge, und so beginnt mancher Junge oder manches Mädchen eine intime Beziehung und schließlich auch Partnerschaft mit einem Menschen, der im Grunde eher ein Ersatzbruder oder eine Ersatzschwester ist. Dabei hätte man es besser beim Geschwisterverhältnis belassen sollen.

Das mag der Grund dafür sein, daß manche Partnerschaften später scheitern, obwohl die Partner doch eigentlich sehr gut zueinander paßten: Der Partner oder man selbst war einfach überfordert mit dem, was schließlich daraus wurde.

Daher ist es eine der bedeutendsten Aufgaben im Leben junger Leute herauszubekommen, ob die Sympathie zu einem Menschen des anderen Geschlechts auf ein Bruder-Schwester- oder auf ein Mann-Frau-Verhältnis hinweist. Ein letztes rechtzeitiges Indiz dafür läßt sich finden, wenn man in einer Liebesbeziehung erst einmal die Phase der Ästhetik erlebt und also dabei die vollendeten Tatsachen vermeidet und die Harmonie mit den unter Enthaltsamkeit und Tantrismus beschriebenen Verfahren oder allenfalls mit bloßem Haut-Kontakt testet (siehe auch Gespräch 9 zwischen Beatrix und Martina). Kommt es trotz hervorragendem gegenseitigem Verständnis und trotz aller Unbefangenheit und Freiheit von Angst zueinander dabei (vor allem auch beim Mädchen) eher zu netter aber nicht aufregender Gemütlichkeit und schließlich bei sanfter und behutsamer Berührung (ein intensives Vorspiel ist also keinesfalls angesagt!) nicht zu den Grenzerfahrungen des Orgasmus, scheint eine Bruder-Schwester-Beziehung vorzuliegen. Die jungen Menschen sollten sich darüber freuen, daß sie jemanden gefunden haben, demgegenüber echtes Vertrauen besteht, und in Zukunft selbst dieses noch relativ unverbindliche zärtliche Umgehen miteinander unterlassen und akzeptieren, daß sie von Natur aus nicht für eine Verbindung von Mann und Frau vorgesehen sind.

Anmerkung:

Ich stelle fest, daß im Internet schon einmal die Worte angeklickt werden: "Petting mit der Schwester" oder auch "Oralsex Bruder und Schwester". Vermutlich steckt hinter solchen Fragen - denn die stehen m. E. hinter dieser Stichwortsuche - schlicht und einfach die Sehnsucht nach einem unschuldig-ungezwungenen Zusammensein mit einer Schwester (oder mit einem Bruder). Wir müssen immer bedenken, daß in unserer verklemmten, aber dennoch oder gerade deswegen mitnichten moralischen Zeit selbst an und für sich völlig Normales verpönt ist, wenn es etwa nur mit der Nacktheit zusammenhängt. Und gerade junge Menschen drängt es, diese Engen zu überwinden. Daß sie dann aufs Petting oder gar auf Oralsex kommen, liegt einfach daran, daß sie es einerseits nie gelernt haben, miteinander "normal" umzugehen (man schließt sich also etwa immer im Badezimmer ein) und bei der geschlechtlichen Andersartigkeit cool zu bleiben und andererseits zu ihrem "Geschwister" das Vertrauen haben, daß nicht "mehr" passiert. Ziel der ganzen "Übungen" ist es also, die Schranken zwischen den Geschlechtern zu überwinden, wenn auch Gefühlsregungen oder besser "Triebe" ins Spiel kommen. Dabei ist Sex nicht gewollt, sondern eine geschwisterliche Gemeinschaft ohne Leibfeindlichkeit und Verklemmtheit, bei der man in einem Zimmer wohnt, vielleicht auch ein und dasselbe Badezimmer benutzt, durchaus auch gemeinsam, und sich auch im Sommer am Strand nackt unterhalten kann und auf einander aufpaßt - und mehr nicht. Und wenn das erst einmal gelingt und mehr noch zur Gewohnheit wird, wird vermutlich auch der Wunsch nach irgendeiner ausgesprochen sexuellen Betätigung verschwinden, wozu ja auch Petting und Oralsex gehören. Der Schutz füreinander oder besser die Verantwortlichkeit füreinander sieht damit dann nicht so aus, daß man auf den anderen wie auf ein Haustier aufpaßt, wenn man es mal im Freien laufen läßt, sondern indem man etwas ganz Grundsätzliches tut: Man hilft ihm, seine irrationalen Ängste, die ihm im Zweifelsfall doch nichts helfen (siehe Don Juan), in sinnvolle Furcht umzuwandeln nach dem Motto: "Sieh mal, wie schön und unproblematisch das ist, wenn sich junge Menschen verschiedenen Geschlechts gut verstehen und unbefangen sein können. Laß dich also nicht von Leuten verrückt machen, die das nicht können..." (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)