DIENST NACH VORSCHRIFT. Beamte dürfen ja nicht streiken, das ist ihnen als Staatsdiener verboten. Und wenn sie nun ihren Dienstherrn ärgern oder gar erpressen oder gar ihre Arbeit sabotieren wollen, dann machen sie eben "Dienst nach Vorschrift". Sie machen also ihren Dienst peinlichst genau, sie sehen über keine unstimmige Nebensächlichkeit mehr hinweg, sie handeln nicht mehr nach dem üblichen Augenmaß, ob etwas in Ordnung ist oder eben nicht. Nein, alles wird exakt geprüft, eben "nach Vorschrift". Die Folge ist, dass nichts mehr läuft, lange Schlangen bei der Grenzabfertigung, jede Menge unnötiger Papierkrieg - und die eigentlichen Probleme, um die es geht, werden doch nicht gefunden.

Und so ist es auch bei den Religionen, denen es eigentlich um die Ethik der Menschen, um das Glück der Menschen gehen sollte. Wenn genau das nicht mehr das Ziel oder das Anliegen der Vertreter dieser Religion ist, dann wird genau das alles zur Nebensache, und wird nur, dass die angeblichen Grundpfeiler der jeweiligen Religion (also die Dogmen oder Glaubenssätze), die niemandem weh tun, bei denen es im Grunde nur um Lippenbekenntnisse geht, stimmen. Darauf wird dann herumgehackt und das Eigentliche, auch das des Ursprungs der Religion, in unsrem Fall also das Anliegen des Jesus von Nazareth, wird völlig aus den Augen verloren, wird unwichtig, störend und ist schließlich nur noch das Kennzeichen von Nörglern und Quertreibern. Wie gesagt: Dienst nach Vorschrift, um die Botschaft Jesu zu hintertreiben... Wir können auch Sabotage dazu sagen.

Dienst nach Vorschrift ist also eine äußerst wirkungsvolle und gleichzeitig unauffällige Methode für Leute, "die nicht wollen", also etwa für typische Moralapostel, die Grundidee eines Auftrags, der auch für einen selbst eine Belastung bedeutet, nachhaltig zu sabotieren,  unwirksam zu machen und schließlich sogar ins Gegenteil zu verkehren: Man pickt sich irgendwelche Nebensachen heraus, stellt die als besonders wichtig dar und setzt sich noch möglichst selbst als der beste und einzig wahre Zuständige dafür mit größtmöglichem Effekt in Szene - und geht perfekt am Sinn des Ganzen vorbei. Daß dann im Laufe der Zeit schließlich gar noch Legenden hinzukommen, die man auch noch verficht, obwohl an denen erst recht nichts dran ist, ist schon fast normal. Der Vorteil des Verfahrens Dienst nach Vorschrift ist, dass sich als eifrige Multiplikatoren immer wieder gutwillige nützliche Idioten finden.

Mit diesem Verfahren können dann natürlich auch famos Kritiker ausgeschaltet werden (man unterstellt ihnen einfach Abweichlerei, Ketzerei oder Unverständnis), und weil man die Macht hat, bleibt auf Dauer wirkungsvoll alles beim alten.

Mit dem Dienst nach den Vorschriften des Glaubens kann man wunderbar die ganze (wirkliche) Moral und damit das Anliegen des vermutlich wirklichen Jesus torpedieren!

Gegen solche sinnwidrigen Dienst nach Vorschrift in der Religion ist schon Jesus angegangen, wenn er in seiner Auseinandersetzung mit den Pharisäern daran erinnerte, daß der Sabbat für den Menschen da sei und nicht der Mensch für den Sabbat (siehe Mathäus 12, 1ff), das heißt, daß bei allen schönen kultisch-religiösen Vorschriften immer der Sinn für den Menschen im Vordergrund stehen müsste - und wenn sich solche Vorschriften gegen den Menschen auswirkten, dann dürften sie eben auch übertreten werden, ja dann müssten sie sogar übertreten werden!

Im Zusammenhang mit dem Anliegen von basisreligion kann das nur heißen: Wenn etwa der Glaube an eine Auferstehung in Richtung Leben nach dem Tod sich kontraproduktiv für wirkliche Moral auszuwirken beginnt, wenn dieser Glaube als Ausrede genommen wird, hier "die Sache laufen zu lassen" oder nicht sachgerecht vorzugehen, dann kann es sinnvoll sein und gottwohlgefällig, auf diesen Glauben zu verzichten oder sogar gegen ihn anzugehen! Und dasselbe gilt sogar für den Glauben an an Gott überhaupt: Wenn dieser Glaube einer herrschenden Klasse (siehe Establishment und Pharisäer) als Basis dient, daß sie ihr unmenschliches Treiben ungestört und ungeniert fortsetzt, dann kann sogar bisweilen ein Kampf gegen Gott oder eben Atheismus gottwohlgefällig sein! Nur etwas dabei: Die Zehn Gebote müssen für einen, der dies in der Nachfolge Jesu tut, immer Maßstab bleiben!

Wie schön gerade für typische "Kirchenleute", die an einer Änderung der Moral zum Besseren kein Interesse haben, daß es die Ausrede von wegen der "Lehre der Kirche" gibt!

O ja, ich kann ein Lied davon singen! Priester, die wo immer möglich gegen ihre "Oberen" aufmucken und die alle Anordnungen von oben so gut wie möglich hintertreiben, fangen auf einmal an, sich auf ihren sonst so ungeliebten Bischof zu berufen, und vor allem, sich mit der Lehre der Kirche herauszureden... Oder auch Bischöfe, die an einer Ethik kein Interessen haben, veweisen auf die Dogmen der Kirche! Dienst nach Vorschrift als Sabotage!

Und wenn religiöse Gemeinschaften ihre Zuflucht zu Dogmen nehmen oder fundamentalistisch werden (siehe Fundamentalismus und Tradition), so riecht das stark danach, daß sich hier ein typischer Dienst nach Vorschrift zumindest anbahnt.

Befehlstaktik und Auftragstaktik

Einer der Gründe, warum im 2. Weltkrieg Deutschland, obwohl es relativ klein und schwach ist, wenigstens zunächst einmal derart gewaltige Erfolge verzeichnen konnte, war der Unterschied in der Kriegsführung. Die Alliierten führten nach der Befehlstaktik, die Deutschen nach der Auftragstaktik. Und das heißt: Bei den Aliierten wurde immer alles genau "von oben" vorgegeben, was die jeweiligen Truppenteile machen mussten. Dagegen bekamen bei den Deutschen die jewiligen Führer und Unterführer immer nur einen Auftrag - und es blieb ihnen überlassen, wie sie diesen Auftrag nun - natürlich nach den Regeln der Kriegskunst - in die Praxis umsetzten. Dadurch waren die Deutschen nun eben wendiger, konnten ihre Kräfte effektiver einsetzen und waren dadurch schließlich erfolgreicher bei der Kriegsführung. 

Und was bedeutet das für unseren Glauben? Ja, wenn die Dogmen festsstehen, wenn es nur um sie geht, so bedeutet das eine Art "Befehlstaktik" - und irgendwann läuft eben nichts mehr - vor allem nicht in Richtung einer Ethik...

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)