ECHTERNACHER SPRINGPROZESSION

Geschichte - Bedeutung - Theologie

Die wohl erstaunlichste katholische Prozession ist die Echternacher Springprozession, bei der die Gläubigen am Pfingstdienstag in einem Tanzmarsch durch die Straßen des luxemburgischen Grenzstädtchens Echternach und schließlich durch die Wallfahrtskirche mit der Krypta am Grab des heiligen Willibrords vorbei ziehen. Diese Prozession ist so bemerkenswert, dass ihr hier ein eigenes Stichwort gewidmet sei. Schauen Sie sich dieses Schauspiel einmal an:
http://www.youtube.com/watch?v=kSzi5YuaCgs&feature=related.

Der Ursprung dieser Prozession liegt dagegen eher im Dunkeln. Adam Reiners schreibt in seiner Broschüre "Die Springprozession" (in der Reihe "Frankfurter zeitgemäße Broschüren. Neue Folge", Frankfurt a. M., 1884, S. 249 f): "Diese spärlichen Quellen über die Prozession der "springenden Heiligen" lassen also der Phantasie der Archäologen, die jeder alten Merkwürdigkeit so gerne den Adel eines altheidnischen, celtischen, römischen oder fränkischen Alters aufdrücken, weiten Spielraum zu verschiedenartigen Erklärungsversuchen. Die einen erkennen in der jetzigen Springprozession nur die christliche Umwandlung des heidnischen Dreisprungs zu einer Dankes- und Freudenäußerung im Hinblick auf die durch den hl. Willibrord gespendeten Wohltaten und Segnungen, als Nachahmung des davidischen Freudentanzes vor der Bundeslade. Ursprünglich soll also nach dieser Ansicht die Springprozession einen freudigen Charakter gehabt haben, was die Verfechter dieser Ansicht, doch mit Unrecht, sogar aus der Springmelodie nachweisen wollen. Als Belege ihrer Meinung führen sie die Freudentänze zu Malmesbury bei der Ankunft des Missionarbischofs Adhelmus, + 709, der Chorknaben zu Sevilla, der 12 Jünglinbe zu Onna in Catalonien an....

Andere Geschichtsforscher möchten, die so einfache und doch so hinreißende Musikmelodie, die aus alten Zeiten herstammt, in Betracht ziehend, die Prozession der "springenden Heiligen" aus einem nationalen Militärmarsch der altheidnischen Friesen oder Sachsen herleiten, denen auch nach ihrer Bekehrung der christliche Orpheus Willibrord die Beibehaltung ihres tiefeingewurzelten Lieblingstanzes bei ihrem Einzuge ins christliche Gotteshaus gestattete. Nach der Erlaubnis und dem Rate des Papstes Gregor des Großen (606), heidnische Lieblingsgebräuche und Wallfahrten so viel als möglich zu christianisieren, dadurch eine Brücke zum erleichterten Übergang ins Christentum zu bauen, sollte der keineswegs anstößige Nationaltanz dem lehrenden Heidenapostel eine gewünschte Handhabe darbieten, zahlreich das kriegerische Volk zur Predigt herbeizulocken....

Die allerneueste Ansicht (Anm.: damals, also 1884), die Dr. Neyen ineiner Abhandlung des archäologischen Bulletins zu Lütich (1880) niederlegt, ist die, dass die Echernacher Springprozession einen profanen udn zivilen Ursprung hatte, dann im Mittelalter den vorwiegend religiösen Charakter angenommen habe, der ihr nach Aufhebung des Klosters Echternach bis heute verblieben ist. Anfänglich seien von St. Willibrordstagen an die Grundhörigen und "Hobsleute" am dritten Pfingsttage mit ihrem Tribut zur Abtei gekommen und hätten einen Frontanz aufgeführt.

Als Beleg führt Dr. Neyen den Tanz der Einwohner von Verviers an. "Unter dem St. Lambertuskronleuchter, so sagt er, im Schiffe der Kathedrale von Lüttich versammelten sich alljährlich, nachweislich seit fünf Jahrhunderten, die Einwohner von Verviers auf Pfingstdienstag, angeführt von dem Bürgermeister, dem Pastor von St. Remakel und anderen hervorragenden Bürgern, um einen Ringeltanz oder Hüpfen zu vollführen und opferten dann in der Sakristei eine an einem Kreuze dem Zuge vorgetragene Börse, worin Gold-, Kupfer- und Silberstücke sich befanden...

Diese tanzende Prozession hieß "Creux d'Vervi." Es wird über deren Ursprung und die Bedeutung vielfach von dem Altertumsforschern diskutiert. Ziemlich allgemein steht fest, dass es eine im 13. Jahrhundert aufgekommene "Fronfahrt" zur Entrichtung des schuldigen Tributs oder Loskaufung von gewissen Zöllen sei..."

Doch es gibt auch die typischen religiösen Gründe, also die Bitte um die Befreiung von Krankheiten und anderem Leid (S. 256 f): "...In der Moselgegend bis zum Rhein hin grassierte der Veitstanz vornehmlich, wie D. Calmet, in seiner Histoire de Lorraine III 294 den Johannistanz vom Jahre 1374 aus der Chronik des Chapelain von Metz mitteilt.

Gerade um diese Zeit entstand im benachbarten Abteistädtchen Prüm die dortige Springprozession. Der Prümer Chronist Heinrich Brandt (schrieb um 1628) sagt ausdrücklich, dass unter dem dortigen Abte Heinrich von Schöenecken, + 1342, die Prümer Springprozession, die mit Echternach denselben Charakter und Verlauf hatte, aufgekommen sei. Er sagt ferner, es sei ausgemachte Sache, dass diese Andachtsübung von einer öffentlichen Drangsal ihren Ursprung genommen, und dass die Bewohner der Umgegend sie angestellt hätten, um die Zuchtrute Gottes abzuwenden.

Der aus Vianden gebürtige Chronist Servatius Ottler, der 1617 Profess ablegte, lässt zur selben Zeit die Prümer Bußübung aufkommen, und verficht die Ansicht, sie sei wegen Unfruchtbarkeit und schweren Heimsuchungen Gottes auf ein Gelübde hin entstanden...

Auch in der Echernacher Abtei war man der Ansicht, dass zur Abwendung schwerer Drangsalen die Bußübung aufgekommen sei. So äußert sich ein Manuskript in Trier, Apostolatur et Episcop. s. Willibrordi: Verisimile est, hanc peregrinationem a magnu calamitate sumpsisse initium et ad advertenda Dei flagella susceptam esse... Stellt man alle diese Tatsachen zusammen, so kann man, auch beim Mangel einer bestimmten, sicheren Urkunde, mit völlig historischer Gewissheit die Ansicht festhalten, dass die Echternacher Springprozession anfänglich eine gewöhnliche Bitt- oder Dankesprozession, wie sie an Grabesstätten der Heiligen vorkommen, gewesen sei, dass aber zur Zeit von schweren Calamitäten, etwa Pest und Veitstanz, zu gleicher Zeit mit der in Prüm, das geängstigte Volk als Bußübung das mühevolle Hüpfen und Springen nachgeahmt, und so die Veitstänze, das heilig Feuer und schwarzer Tod aufgehört habe. So erklärt sich auch die im Volke fortlebende Sage, zu deren Echo Brower sich hergab, dass das Vieh in den Ställen bei etwaiger Unterlassung des Gelübdes zu springen angefangen und nicht aufgehört habe, bis das Gelübde wieder erneuert oder erfüllt ist worden.
Früher bestanden in Echternach noch zwei andere Prozessionen, von denen Brover uns berichtete: Die Prozession der Stehenden und der Kriechenden. Die Insassen der benachbarten Pfarrei Bickendorf begannen auf der Brücke ihren Gang, blieben nach 2 - 3 Schritten stehen, sangen unter Schellengeklingel einen Gesang. Sie brauchten 3 - 4 Stunden zu dieser stehenden Prozession.
Die Prozession der "Kriechenden" ging verschiedene Mal um das Kreuz bei der Sauerbrücke, und krochen die Pilger mühsam durch einen nur 2 Fuß über dem Boden befindlichen Stein hindurch. Abt Paschasius ließ den Stein um deinen Fuß erhöhen. (Brower Metrop... Anmerkung: In der vorliegenden Broschüre wird "Brower" mal mit w und mal mit v geschrieben. Ansonsten habe ich die Rechtschreibung unserer heutigen angepasst)..."

Meine Erfahrungen - vor allem auch mit Schülern mit dieser Prozession - siehe dort.

  (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)

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