Bei der ERBSÜNDE geht es um den angeblichen Sündenfall unseres angeblichen Stammelternpaares Adam und Eva und um die Vertreibung aus dem Paradies. Besonders nach katholischer Dogmatik hat sich diese Sünde dann auf alle Menschen weitervererbt und ist schuld an allem Bösen in dieser Welt, bis sie schließlich durch den Tod Jesu am Kreuz gesühnt wurde (siehe Erlösung und Sühnetodtheologie).

Auf den ersten Blick scheint die Lehre von der Erbsünde ziemlich weit hergeholt zu sein, schon einmal, weil es mit Sicherheit weder ein erstes Stammelternpaar (wenigstens konnten das die Verfasser der Adam-und-Eva-Erzählung noch weniger sicher wissen als wir heute), noch ein Gott diesem Paar persönlich Anweisungen gegeben haben dürfte. Dazu kommt noch die auffällige Verwandtschaft mit anderen Erlösungsmythologien der Antike (siehe etwa der Osirismythos bei Auferstehung), ist sie also vielleicht von dorther in unser Christentum eingeflossen?  

Es sieht also so aus, dass auch hier uns nur der religionsgeschichtliche Ansatz weiter hilft! Was also steckt nun ursprünglich hinter dieser Erbsündenproblematik?

Wenn es um den Missbrauch von Kindern geht, ist uns auch heute noch geläufig, dass beim Missbrauch der Sexualität (siehe auch sexueller Missbrauch) etwas grundsätzlich zerstört wird.  Warum allerdings nur beim Missbrauch bei Kindern? Der Missbrauch der Liebe tut doch allen weh, ganz gleich wie alt die betroffenen Menschen sind, er zerstört doch immer etwas!

Wenn auch deren Mythologie nun zeitbedingt war, so ist die Zerstörung oder das Zerbrechen zeitlos, sie geschah und geschieht zu allen Zeiten der Menschheit auf ähnliche oder zumindest vergleichbare Weise, sie ist eben - mit einem heutigen Wort ausgedrückt - ein Trauma. Daher wurde sie als typisches Merkmal der Menschen von Anfang an gesehen und somit eben auch den (vermeintlichen) ersten Menschen zugeschrieben. Und der Hintergrund dieses Zerbrechens ist in der Vorstellung der Verfasser der Sündenfallerzählung schlicht und einfach derjenige (erste) Geschlechtsverkehr, bei dem keine echte und vollkommene Einheit von Leib und Seele besteht. Es geht also im den Verlust der Einheit von Leib und Seele durch Fehlverhalten im Bereich der Beziehungen, die mit der Sexualität der Menschen zusammenhängen. 

Bei der Erzählung von der ersten Sünde geht es also in Wirklichkeit um eine Erklärung der Zerstörung der paradiesischen Harmonie von Mann und Frau (und damit auch den Beginn des Geschlechterkampfs) in der Sprache derjenigen Mythologie, von der die biblischen Schriftsteller vor über dreitausend Jahren beeinflusst waren.

Das Sexualverhalten in den orientalischen Kulturen zur Zeit der Entstehung der Bibel war sozusagen (wohl immer nur) "wilder" oder "institutionalisierter" Missbrauch.

Zur Zeit der Entstehung der Sündenfallerzählung gab es solchen zerstörerischen Geschlechtsverkehr ganz offiziell und allgemein üblich entweder "wild" mit den Sklavinnen (siehe etwa Sklaverei oder Frauenhandel) oder auch als notwendig empfunden, also "institutionalisiert", in Form der kultischen Prostitution (siehe Fruchtbarkeitskulte und Tempelprostitution). Und die sonstige Praxis, wenn Vätern ihre Töchter in eine Ehe verkauften, was wohl die Wirklichkeit hinter vielen arrangierte Ehen war, war ja auch nicht viel humaner. Das Alte Testament weist ausdrücklich darauf hin, dass Mann und Frau, die für die Gemeinschaft in einem Fleisch angelegt sind, dabei auch Gefährten (oder auch Hilfen füreinander) sind, also in der Einheit von Leib und Seele leben. Bei solcher wilden oder geschäftlichen Praxis oder solchem offiziellen Kult kann aber davon keine Rede gewesen sein! Auch sonst waren die Beziehungen zwischen Mann und Frau nicht viel besser, wirkliche Liebe und Partnerschaft zwischen Mann und Frau gab es jedenfalls (fast) nie.

Durch seinen Umgang mit Prostituierten und anderen Außenseitern muss Jesus wohl über mehr als tausend Jahre nach der Entstehung der Sündenfallerzählung von vergleichbaren Geschehnissen und von deren Hintergründen zu seiner Zeit erfahren und einen Eindruck von der menschlichen Tragik dabei mitbekommen haben, selbst wenn das alles nun nicht mehr aus Verehrung für irgendwelche Götter geschah (siehe auch Jesus und die Sünderin).

Was aber ist daran nun "vererbbar"?

Die "Vererbung" der Sünde durch die Scham

Immer wieder ist die perfekte Psychologie der Adam-und-Eva-Geschichte faszinierend: Als Folge der Sünde (gemeint ist der Geschlechtsverkehr außerhalb der Einheit von Leib und Seele)) schämt sich das (Fruchtbarkeitskult-Prostitutions-)Pärchen und braucht also die Feigenblätter. In der Folge werden diese Feigenblätter zur Scham oder auch einer (Schein-)Moral, die dann an die nächste Generation als gültige Moral weiter gegeben wird. Und weil es ja nun keine echte Moral, sondern nur eine Feigenblatt-Scheinmoral ist, hält diese Moral natürlich nicht. Also kommt es bei den nächsten Generation bei Gelegenheit wieder zur „Sünde“ - und der Kreislauf geht weiter... Theologen haben daraus dann eine komplizierte Erbsündenideologe gemacht, dabei ist die Sache doch ganz einfach!

J.J. Rousseau sieht die Ursache allen menschlichen Unglücks darin, dass wir uns durch die Zivilisation von der Natur entfremdet haben, in ähnlicher Weise sehen das etwa auch Sigmund Freud und Erich Fromm, für Zivilisation steht jeweils etwas anderes. Wenn wir unter Zivilisation nun die Feigenblätter (im wörtlichen Sinn, also die Bedeckung der Scham durch einen zivilisatorischen Textilfetzen) sehen, dann stehen Rousseau, Freud und Fromm durchaus in der Folge der Autoren der Adam-und-Eva-Geschichte. Nur eben sie kommen sie an die ursprüngliche genialische kraftvolle Beobachtungsgabe dieser Leute vor 3000 Jahren nicht heran! "Diese Leute" sollen übrigens Frauen gewesen sein!

Erbsünde und Scham: Ein Teufelskreis - könnte es sein, dass die Täter-Opfer-Überlegungen uns hier weiterhelfen?

Es scheint heutzutage völlig unmodern, an eine Erbsünde zu glauben, alles Märchen aus der Vergangenheit! Und dass sie etwas mit der Sexualität zu tun hat und dass daher die Scham kommen soll - so ein Unfug! Wirklich? Ja, was war denn das Problem bei dem mythologischen Pärchen? Haben die Verfasser dieser Erzählung denn nicht etwas sehr gut beobachtet, was noch heute gilt: Der Missbrauch der Sexualität zieht ein Trauma nach sich - und das Indiz für dieses Trauma ist, dass wir mit den entsprechenden Körperteilen nicht mehr frei und unbefangen (wie die Kinder) umgehen können - wir brauchen Verklemmungsfetzen...und wir wollen diese Traumata auch gar nicht wahr haben - und so arbeiten wir sie auch nicht auf und geben sie sozusgen als Kollektivtrauma an die nächsten Generationen weiter.... Das ist ja gerade das Dilemma im Bereich der Sexualität bis heute noch, dass sich der fehlerhafte Umgang mit ihr in der einen Generation mit geradezu teuflischer Sicherheit sozusagen von Generation zu Generation nach dem Wechselspiel Opfer-Täter-Opfer usw. oder auch über das Helfersyndrom "weitervererbt", dass es also immer wieder zu einer Wiederholung des (negativen) Schicksals kommt.

Für eine solche Deutung spräche die (Sexual-)Scham (also die Sexualängste und Verdrängungen und Traumata) und der Geschlechterkampf (also etwa die Einstellung zur Frau als Dienstmagd und Dirne, statt als Gefährtin), was ja beides Folgen der Erbsünde sind, wie es in der biblischen Erzählung weiter berichtet wird. Oder denken wir allein, dass die meisten Menschen nicht mehr harmlose Nacktheit und vor allem missbräuchlichen Geschlechtsverkehr auseinander halten können, wenn von Nacktheit die Rede ist, dann assoziieren sie gleich mit Geschlechtsverkehr, siehe unter Reizworte. Und auch das Engagement Jesu für Frauen und Kinder spräche dafür, dass er diesen Kreislauf des Bösen oder zumindest des Nicht- Guten erkannt hatte und unterbrechen wollte. Bei seinen Bemühungen um eine Änderung hier wurde Jesus vom Establishment seiner Zeit allerdings entweder gar nicht verstanden oder (bewusst?) missverstanden, und so es kam zu seiner physischen Vernichtung durch seine Hinrichtung am Kreuz.

Aus jeder religiösen Fehldeutung wird schließlich ein Dogma, bei dem der ursprüngliche Sinn immer mehr abhanden kommt.

Weit entfernt von diesem geschichtlichen Zusammenhang wurde schließlich die Theologie von der Erbsünde etwa um das Jahr 400 vom Kirchenvater Augustinus aus Ansätzen des Apostels Paulus in Römer 5, 12ff unter dem Einfluss Gnosis entwickelt und machte damit aus dem ganzen zwischenmenschlichen Problem endgültig eine theologische Konstruktion einer typischen Priesterreligion. Augustinus sah nicht mehr die Ambivalenz der Sexualität und die plausible Täter-Opfer-Problematik, sondern er übernahm die in der Gnosis vorhandene (und auch schon in der zeitgenössischen christlichen Tradition angedeutete) Aufteilung des Menschen in einen guten Geist und einen bösen Leib und verurteilte damit die ganze Sexualität von vornherein als etwas Minderwertiges und Schlechtes (siehe Dualismus), das nur durch Ablehnung gelöst werden kann. Es ist nun dem heiligen Augustinus gewiss nicht anzulasten, wenn er aus seinem Denkschema heraus und von den Ergebnissen seiner Untersuchungen her zu seiner Interpretation der "Ursünde" kam und diese zu einer lebensfernen  Ideologie weiterentwickelte, obwohl er den Sinn der Adam-und-Eva-Erzählung gewiss nicht richtig gesehen hatte. Wenn wir heute allerdings lediglich diese Interpretation weiterinterpretieren, kommt mit höchster Wahrscheinlichkeit dabei Unsinn heraus.

Unsere Aufgabe kann nur sein, mit der Hilfe anderer Wissenschaften wie der Geschichte, der Archäologie und heutiger Wissenschaften vom Menschen von dem uns heute zugänglichen wirklichen Anliegen der Adam-und-Eva-Erzählung auszugehen, und da bietet sich eben die Deutung vom Täter-Opfer-Täter-Kreislauf vor allem im Bereich der Sexualität, also bei den Mann-Frau-Beziehungen, an.

In der heutigen katholischen Dogmatik wird allerdings jegliche Deutung im Zusammenhang mit der Sexualität abgelehnt und in der Erbsünde der Beginn des Ungehorsams der Menschen gegen Gott und damit der Beginn alles Bösen gesehen. Diese Deutung verbietet sich schon deswegen, weil Gott niemals ausdrücklich zu den Menschen spricht und weil eine Forderung nach Gehorsam stets nur von Menschen gestellt wird, die über andere Menschen herrschen wollen (siehe Macht), und daher eher auf ein negatives Patriarchat als auf einen liebenden Gott hinweist. Außerdem ist diese Deutung im Hinblick auf den Beginn des Bösen so allgemein, dass sie wirkungslos verpufft, weil sich niemand betroffen fühlt und das Böse daher ungehindert unter uns Menschen weiter sein Unheil anrichten kann. Zu bedenken ist auch, dass es im jüdischen Glauben keine Erbsündentheologie gibt, die ja erst entstanden ist, weil man für den Kreuzestod Jesu einen mythologischen Grund suchte, weil der wirkliche Grund verdrängt wurde. Daher entspricht die Deutung im Zusammenhang mit dem Missbrauch der Sexualität und damit mit der Zerstörung der Liebe wohl am ehesten dem Anliegen der Verfasser der Adam-und-Eva-Erzählung: Es ist schlicht und einfach genial, dass sie sich auf eine ganz konkrete zentrale Handlung beschränken, mit der jedermann in seinem Leben ganz gewiss einmal konfrontiert ist und seine ganz persönliche Entscheidung treffen muss! Und auch der Hinweis auf die Scham als Folge des Sündenfalls ist treffend, steht die Sexualscham nicht auch heute noch bei vielen Menschen in unmittelbarem Zusammenhang mit Geschlechtsverkehr oder anderen abnormen sexuellen Verhaltensweisen, die als Missbrauch der Sexualität nicht in der Einheit von Leib und Seele geschehen?

Herrschaft und Sexualität

"Nach dem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen!", also die Herrschaft des Mannes über die Frau, ist der Fluch des Geschlechtsverkehrs? Wieso das - wo ist denn der Zusammenhang? Der Kulturforscher Ernest Bornemann sieht - etwa in seinem Werk "Das Patriarchat" (Fischer TB 1680) - durchaus auch heute noch einen Zusammenhang zwischen Sexualität und Herrschaft: Mit jemandem Geschlechtsverkehr haben, heißt auch, über ihn herrschen, und Bornemann meint das ganz grundsätzlich - und das überträgt sich dann auch auf alle anderen Bereiche der Gesellschaft. Die Bibel sieht das allerdings in der Adam-und-Eva-Erzählung, die ja als eine Erzählung gegen die kultische Prostitution angesehen werden muss, etwas anders: Das Problem Herrschaft - Sexualität gibt es nur bei missbräuchlicher Sexualität (und die kultische Prostitution bedeutet ja ein Missbrauch der Sexualität), wenn eine wirkliche Partnerschaft zwischen Mann und Frau vorliegt und eine wirkliche Liebe, dann ergänzen sich beide auf wunderbarer Weise und es gibt das Problem Herrschaft und Sexualität nicht. Und vielleicht überträgt sich das dann auch auf die anderen Bereiche der Gesellschaft - ob sich also auf diese Weise am Ende sogar die Macht der Waffen und des Geldes brechen lässt?

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)