ERZIEHUNG ist die mehr oder weniger organisierte Einwirkung auf den Menschen, um ihm Hilfestellungen zu einer wirklichen Emanzipation und zu wirklicher Freiheit zu geben. Wenn diese Emanzipation in einer gelungenen Einheit von Leib und Seele, in einem völligen Manselbstsein und in einer sich daraus ergebenden Harmonie auch mit seiner Umwelt besteht, dann deckt sie sich voll und ganz mit dem Ziel eines recht verstandenen christlichen Glaubens. Von der Manipulation unterscheidet sich Erziehung nicht durch weniger Massivität oder Finesse, sondern allein dadurch, daß es hierbei um das Wohl dessen geht, der erzogen werden soll, während es bei der Manipulation in erster Linie um die Interessen desjenigen geht, der manipuliert.

Wir können also sagen, daß die Erziehung eigendienlich, die Manipulation hingegen fremddienlich ist (nach R. Lay).

Die einfache Formel, daß kommerzielle Werbung, Wahlpropaganda und in gewisser Weise auch religiöse Predigt und religiöser Unterricht immer Manipulation sind, während etwa die Bemühungen von Eltern und Lehrern um den beruflichen Werdegang immer als Erziehung einzustufen sind, stimmt daher oft nicht. Denn geht es beim beruflichen Werdegang nicht schließlich auch darum, daß die jungen Menschen später einmal so viel wirtschaftliche Leistung erbringen, damit schließlich beispielsweise auch die Altersversorgung der sie erziehenden Generation finanziert wird? Liegt der berufliche Werdegang der jungen Leute also im Grunde gar nicht einmal unbedingt nur in deren eigenen Interesse, sondern vielleicht sogar noch viel mehr im Interesse der Eltern und Lehrer? Hingegen kann wirtschaftliche Werbung durchaus Erziehung sein, wenn der Nutzen der angepriesenen Sache für den Käufer in einem vernünftigen Verhältnis zu seinem Aufwand steht, wenn er etwa mit dem neuen Auto sicherer fährt, wenn er mit der neuen Waschmaschine Energie und Wasser spart, wenn er mit dem neuen Lebensmittel gesünder und länger lebt. Daß der "Verkäufer" der "guten Ware" dann auch seinen Vorteil hat, ändert nichts an der Frage der "Eigendienlichkeit", schließlich ist der Arbeiter auch seines Lohnes wert (wie auch Jesus gesagt hat).  

Unter dem Gesichtspunkt der Eigendienlichkeit und der Fremddienlichkeit müssen wir allerdings leider sagen, daß sich die erziehende Generation nur zu oft an der zu erziehenden Generation schwer versündigt.

Denn da kann bei näherem Hinsehen von einer Erziehung zu wirklicher Emanzipation, gerade wenn es um die Einheit von Leib und Seele geht, überhaupt keine Rede sein. Ja, es wird bisweilen sogar alles getan, gerade das zu verhindern, weil das den Interessen der erziehenden Generation (also etwa des Establishments, siehe auch Patriarchat) widerspricht: Menschen, die nicht zu glücklich sind (also nicht etwa mindestens eine oder zwei Scheidungen und andere Beziehungskisten hinter sich haben), scheinen - wenigstens zunächst einmal - die fleißigeren Arbeiter, die weniger überlegenden und großzügigeren Konsumenten und damit auch die ergiebigeren Steuerzahler zu sein.

Eine sinnvolle "eigendienliche Erziehung" sollte sich zumindest an den Standards einer vernünftigen Werbung orientieren, also "immer nur positiv" sein und "nie negativ"!

Also sind Verbote völlig fehl am Platz oder zumindest höchst problematisch, motivieren wir die jungen Leute lieber für Positives! Und so sollte eine erfolgversprechende eigendienliche Kindererziehung zur Moral auch nie bei den Ängsten in verschiedener Form (siehe Sexualängste und Gewissen vom "Über-Ich" her) ansetzen, sondern es muß sogar alles getan werden, damit Menschen von Jugend an lernen (siehe Kairos), ihre eigenen (irrationalen) Ängste zu durchschauen und sie aus besserem Egoismus heraus schon von sich aus abbauen und durch (rationale) Furcht ersetzen.

Und da die Eltern bei solcher Erziehung nun einmal immer überfordert sind, weil die jungen Menschen in ihrem moralischen Verhalten schließlich doch das tun, was auch die anderen tun, um nicht asozial zu werden, müssen sie sich um entsprechende Gemeinschaften für ihre jungen Menschen kümmern, die ihre pädagogischen Ziele vertreten, damit ein Gruppeneffekt wirksam werden kann. Und "Kümmern" heißt hier nicht nur, dass Eltern ihre Kinder gerade so zum Erstkommunion- oder Konfirmandenunterricht oder in die Jugendgruppe ihrer Gemeinde schicken, sondern dass sie sich auch einmischen, was gemacht wird und notfalls mit dabei sind (ich hätte mir bei der Geschichte mit den kleinen Mädchen bei der Fahrt mit Frankfurter Kindern schon ein paar engagierte Mütter gewünscht!).

Der Erfolg einer zwanzigjährigen Erziehung kann sogar darin bestehen, daß sich der Mensch in einer einzigen Situation, die vielleicht auch gar nicht einmal kommt, richtig verhält!

Und das kann nun einmal nur über geeignete Informationen funktionieren, deren Ziel ein wirklichkeitsnahes Realitätsbewußtsein ist. Die Ratschläge, die sich informierte Menschen dann sozusagen selbst geben, wenn sie sich etwa selbst sinnvolle Bedingungen, ohne die es nicht geht, setzen, haben eine völlig andere Wirksamkeit als irgendwelche andressierte und letztlich geistig nicht verarbeitete Denk- und Verhaltensmuster etwa im Hinblick auf Sitte und Anstand.  

Zur im Grunde merkwürdigen Auffassung, die jedoch leider recht weit verbreitet ist, dass Erziehung gar nicht einmal auf konkrete Lebenssituationen vorbereiten soll, um sie zu meistern, sondern eine schöne Jugend verschaffen soll, von der der zu erziehende Mensch in einem späteren eventuell nicht gemeisterten widrigen Leben zehren kann, siehe unter Naivität und  Tiefenpsychologie.

Und bedenken Sie: Wenn etwas menschengemäß ist, dann läßt sich gerade ein junger Mensch auch dazu begeistern!

Müssen wir also dem Menschen eine (angeblich doch so menschengemäße) Moral mit der Knute beibringen - oder wir schaffen es gar nicht? Mitnichten! Schauen Sie doch einmal in das Stichwort  vom Pferdeflüsterer: Angeblich müssen Pferde sadistisch gequält und gebrochen werden, um sie zu zähmen. Und da kommt ein 7jähriger Junge auf die Idee, dass man die Zähmung auch erreichen kann und viel besser, wenn man das Vertrauen der Pferde gewinnt. Siehe auch die Erzählung Dostojewskis, wie Jesus vor dem Großinquisitor steht und mit ihm genau darüber diskutiert, ob der Mensch die Knute braucht oder zum Gutsein in Freiheit fähig ist!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)