ERINNERUNG AN MEINE TRAURIGEN HUREN

Roman von Gabriel García Márquez

Wie ein Greis zum Geschmack des Menschseins und der wirklichen Liebe gelangt.

Zunächst einmal: Der Titel ist ein wenig verwirrend, denn es geht in dem kurzen Roman weniger um die Erinnerung an irgendwelche traurigen Huren sondern vielmehr um die Entdeckung der geistig-seelischen Liebe in einer ganz allgemein recht oberflächlichen männerrechtlichen Gesellschaft. „Held“ ist ein 90jähriger Junggeselle in einer kolumbianischen Großstadt (wohl Cartagena, der Name der Stadt wird allerdings nie genannt), der immer noch für die große Lokalzeitung die wöchentliche Kolumne schreibt. Und sozusagen zum Abschluss seines intensiven Liebeslebens – auch und vor allem mit den Huren der Stadt – beauftragt er die Bordellmutter seines Stammbordells in einem Armenviertel, ihm einmal eine Jungfrau zu verschaffen. Und sie hat auch recht bald ein Mädchen für ihn, allerdings ist es noch unter vierzehn, was er allerdings damit abtut, dass sie das doch nur sagt, um mehr Geld herauszuholen, na ja, was soll's!

Und als er sich spät abends mit dem Taxi zu der Absteige fahren lässt, klar, er will ja nicht, dass das jeder mitbekommt, liegt also das Mädchen schlafend und nackt auf dem Bett in dem erleuchteten kahlen und völlig schmucklosen Zimmer, ihre Haut ist wegen der tropischen Hitze von glitzerndem Schweiß überzogen...

Und so, wie das Mädchen da liegt, vergisst er seinen Vorsatz, er tut ihm nichts, legt sich einfach neben es und schläft auch, zieht sich morgens sehr früh wieder an, um ungesehen weg zu kommen, schiebt dem Mädchen das Geld unter das Kopfkissen und geht. Die Bordellmutter bekommt das mit, dass da nichts war, und weist das Mädchen zurecht, dass es das Geld zurückgeben müsste, doch er lässt es gut sein – und dasselbe Spiel wiederholt sich Nacht für Nacht... Und der alte Mann entdeckt eine echte Liebe: Er bringt dem Mädchen die Ohrringe seiner Mutter mit, er bringt Bilder mit, um das armselige Zimmer etwas zu verschönern, auch einen neuen Ventilator – und er fängt an, dem schlafenden Mädchen von der Kultur zu erzählen, den „kleinen Prinzen“ von Saint Exupéry vorzulesen, die „Märchen von Perrault“, die Bibel, „Tausendundeine Nacht“, schließlich bringt er auch ein Grammophon mit und ein Radio und dreht Mozart an, belässt allerdings auch den Bolerosender, als er merkt, dass der eher dem Geschmack des Mädchens entspricht, und kommt natürlich auch auf seine Kolumnen zu sprechen. Und sobald er jeweils spürt, dass das Mädchen auf den Grund (des Schlafes) gesunken ist, löscht er das Licht, nimmt das Mädchen in seine Arme und schläft ebenfalls. Und seine menschliche Zuneigung zu dem Mädchen, etwa wie er ihm ein vernünftiges Fahrrad kauft, damit es bequemer zwischen Arbeitsplatz, zuhause und dem Hotel hin- und herpendeln kann, und das Fahrrad mit seinen 90 Jahren auch selbst ausprobiert, beeinflusst seine Kolumnen, und die werden recht bald zum Gespräch in der Stadt, sie werden sogar im Lokalsender vorgelesen.

Jedenfalls war ich so begeistert, dass ich den Roman gleich weiterverschenken wollte und bei einer Durchfahrt durch Berlin in zwei Buchhandlungen danach fragte, ja, in der ersten Buchhandlung war das Buch gerade nicht vorrätig. Und so kam es in zwei Buchhandlungen zu einem kurzen Gespräch darüber. Zunächst mit einer Buchhändlerin, ob sie das Buch kenne? Ja, aber sie hielt es für sein schlechtestes Buch, nur dumm von mir, dass ich nicht gefragt habe, warum, sondern ein wenig von mir anfing, dass ich das Buch voller Charme fände usw., allerdings nur kurz. Und der Buchhändler in der anderen Buchhandlung, der es hatte, meinte, er hätte es auch gelesen, aber er könne nichts damit anfangen. Ich habe daraufhin nur gesagt, dass Südamerika wohl eine andere Welt sei...

Ja, warum finde ich das Buch denn so gut, dass ich es nicht nur einfach weiterempfehle, sondern auch weiter verschenke?

Die Situation ist doch die, dass das Mädchen hier sozusagen völlig auf sein Menschsein reduziert ist, nackt, durch den Schlaf völlig schutzlos, von der Arbeit als Knopfannäherin in einer Fabrik erschöpft, armselig – unser Held registriert die ordentlich "mit bürgerlicher Sorgfalt" auf einen Stuhl gelegten sauberen aber ärmlichen Kleidungsstücke des Mädchens. Wie er erfährt, hat es vor dem Weg zu seinem Zweitberuf erst auch noch seine jüngeren Geschwister "abfüttern und schlafen legen und die von Rheumatismus geplagte Mutter ins Bett bringen" müssen. Nur geschminkt ist es noch, es wurde ja für ihre erste Nacht entsprechend zurecht gemacht, doch er veranlasst bei der Bordellmutter, dass diese Schminkerei unterbleibt, er will das Mädchen so, wie es ist... Ja, üblicherweise sind die Mädchen ja in dem Alter schnippisch, hochnäsig und wirken auch sehr oft oberflächlich und geradezu dumm (wer meint, alles zu wissen und weiß eben doch nichts, der ist eben dumm), sie geben sich damit auch als Sache, doch nichts davon, das Mädchen ist hier nur noch Mensch...

Und dieses Menschsein wirkt ansteckend, auch er, der bisher die Frauen immer nur als Sachen gesehen hat ("bis zu meinem Fünfzigsten waren es fünfhundertvierzehn Frauen, mit denen ich mindestens einmal zusammen gewesen war"...und "ich habe nie mit einer Frau geschlafen, ohne dafür zu bezahlen <Seite 20 f – in dem Fischer-Taschenbuch von 2006>..."), was natürlich nicht nur seine Schuld ist, denn die Frauen haben dabei ja auch mitgemacht, wird Mensch – und entdeckt eine echte Liebe, die Fürsorge eines Mannes für ein Mädchen, die Verantwortung, dass das Mädchen für die Prostitution zu schade ist, dass aus ihm etwas wird, eine völlig neue Welt – er ist fasziniert! Und er kann dem Mädchen einfach nichts tun und er schreibt in seinen Kolumnen davon – und die Leser sind begeistert!

Ein wenig erinnert die Geschichte an die Faust-Gretchen-Beziehung, vielleicht wurde sie sogar aus einem ähnlichen Grund wie in dem Goethedrama eingefädelt, ein alter Gelehrter will noch einmal die Jugend kosten, doch sie endet hier nicht in einer Katastrophe des Mädchens sondern völlig anders – ob der Grund nicht dieses rest- und bedingungslose Menschsein des Mädchens ist?

Und wenn wir schon einmal bei Goethe sind: In zwei bekannten Gedichten schildert er mit einem Vergleich mit Blumen sehr schön, wie Mädchen auf einen Mann wirken und wie ein stolzes und auch schon ein wenig aggressives Mädchen einen Mann geradezu zum Abenteuer aufstachelt und wie andererseits ein bescheidenes und ehrliches Mädchen einen Mann zur Fürsorge und Verantwortlichkeit motivieren kann.

Heideröslein

Sah ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
war so jung und morgenschön,
lief er schnell, es nah zu sehn,
sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: "Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!"
Röslein sprach: "Ich steche dich,
dass du ewig denkst an mich,
und ich will's nicht leiden."
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
half ihm doch kein Weh und Ach,
musst' es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Gefunden

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Ich grub's mit allen
Den Würzlein aus.
Zum Garten trug ich's
Am hübschen Haus.
Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Das Blümlein am Wegesrand ist ein Bild für die Geliebte (Christiane Vulpius).

Die Liebe, um die es in dem Roman von García Márquez geht, gehört – anders als bei Goethe – wohl eher in die Rubrik Vater-Tochter-Liebe, sie ist ein Zeugnis für die Sehnsucht eines Mannes, für einen jungen Menschen und eben insbesondere für ein Mädchen zu sorgen, doch gleichgültig um welche Liebe es sich handelt, wichtig ist die Erfahrung, dass sich ein Mensch ändern kann und dass Sexualität und Liebe zwei völlig verschiedene Dinge sind oder zumeist sind. Und über die Sexualität kommt man wohl nie an die wirkliche Liebe – und auch nicht an das wirkliche Leben???

So viel ich weiß, haben die Erzählungen von García Márquez immer einen realen Hintergrund, das alles war einmal so geschehen, die schriftstellerische Leistung von García Márquez ist „lediglich“, das alles in eine geeignete Form gebracht zu haben. Und immerhin war seit seinem letzten Werk eine zehnjährige Pause – vermutlich hielt García Márquez also sein schriftstellerisches Werk für abgeschlossen. Wenn er jetzt noch etwas nachschiebt, dann könnte das ihm doch sehr am Herzen gelegen haben. Und wenn ich die Werke, die ich von ihm bisher kenne, bedenke, dann sind die eher pessimistisch – hier geschieht jedoch etwas Positives!

Sehen wir uns dazu diese Geschichte doch einmal aus der Perspektive eines Naturwissenschaftlers an: Wir haben hier eigentlich eine typische Konstellation vor uns, ein Mann, der bereit ist zu bezahlen, und ein nacktes und williges Mädchen, doch die Reaktion läuft diesmal völlig anders ab als erwartet! Ja, ein naturwissenschaftlich denkender Mensch, etwa ein Chemiker, ein Biologie oder ein Mediziner würden nachhaken, wenn in ihrem Bereich so etwas passieren würde, hoppla, was ist hier anders gewesen, was ist der Grund, dass das hier anders läuft? Und schließlich: Könnte man da nicht etwas systematisieren, um daraus etwas Allgemeingültiges zu machen? Denken wir an den britischen Landarzt Edward Jenner (1749 – 1823), der bei einer schrecklichen Pockenepidemie beobachtet hatte, dass die Melker von Kühen zwar eine leichte Infektion bekamen, jedoch diese überstanden und völlig gesund weiter lebten, anders als die vielen Erkrankten, die nicht mit Kühen zu tun hatten. Ihm war etwas Ungewöhnliches aufgefallen, dem er nachging! Und so erkannte er schließlich, dass die – auch auf den Menschen übertragbaren, aber für ihn ungefährlichen – Rinderpocken gegen die `richtigen Pocken´ immunisieren. Und infolge dessen führte er die ersten Impfungen mit dem Impfstoff Rinderpockenlymphe durch – und irgendwann waren die Pocken weltweit besiegt.

Ja, warum läuft hier in unserem Fall etwas anders ab als üblich? Ist der Grund dafür nur das Alter des Mannes? Wohl kaum, denn er fühlte sich ja noch potent genug und war es ja wohl auch und auch sonst war doch alles normal. Jedenfalls ist der Anlass für diesen Roman sozusagen eine typische Zufallskonstellation, wann passiert schon so etwas, dass ein alter Mann nicht nur Sex mit einem jungfräulichen Mädchen haben will, sondern dass dieses auch noch von der Arbeit und der Fürsorge für Mutter und Geschwister erschöpft und schlafend splitternackt auf ihn wartet? Nicht zuletzt ist so etwas ja völlig verpönt, also kommt es sowieso kaum vor und wenn, dann erfährt niemand davon, denn gerade für die typischen Emanzen und Feministinnen ist so ein unschuldiges Zusammensein eines nackten jungen Mädchens mit einem alten Mann, auf das das Ganze schließlich hinausläuft, ja noch unvergleichlich schlimmer, als wenn junge Leute miteinander richtigen Sex haben... Schauen Sie doch einmal in die Rezensionen (zu finden etwa über google), wie dieser Roman im Allgemeinen regelrecht verrissen wird. Dabei gibt es hier doch einen konstruktiven Ansatz für ein besseres menschliches Niveau auch in unserer Zeit!

Sehen Sie, lieber Leser, das Buch "Das Durchblickkonzept für junge Menschen" also einmal unter dem Gesichtspunkt eines Versuchs der Systematisierung einer Pädagogik der Liebe – auch unter dem Eindruck von García Márquez' Roman "Erinnerung an meine traurigen Huren!" Doch das erste Problem ist, dass die meisten Menschen gar keine Ahnung davon haben, dass man etwa hier auf etwas Positives stoßen könnte – siehe meine Erfahrungen mit den beiden Buchhändlern in Berlin oder auch die erwähnten Rezensionen!

Natürlich, das Mädchen wird vermutlich allein von diesem Erlebnis her nicht den Dreh bekommen, ein anders Leben zu führen, als das sie ursprünglich vor hatte, allenfalls wird ihm eine schöne Erinnerung bleiben. Was aber wäre, wenn der alte Mann das Mädchen so richtig als Tochter angenommen und mit ihm auch einmal eine Reise gemacht hätte – und mit ihm ein Gespräch á la dem hier dargestellten Vater-Tochter-Gespräch geführt hätte? Die Bedingungen wie in diesem Gespräch waren ja da! Und ich meine, er hätte das auch alles getan, wenn er von solchen Möglichkeiten überhaupt eine Ahnung gehabt hätte.

Bitte halten Sie sich nicht daran fest, dass der Unterschied zu unseren Verhältnissen der ist, dass es bei García Márquez um Prostitution geht, also um etwas, was mit Geld zu tun hat, während bei uns davon keine Rede ist, dass es bei uns doch vielmehr um die Emanzipation der Frau, um ihre sexuelle Selbstbestimmung geht. Da kann ich nur sagen, schauen Sie doch einmal genauer hin mit Blick auf das, was nicht ist. Und ist das bei uns im Endeffekt wirklich so viel anders? Gerade bei den jungen Mädchen, wenn die vom ersten Sex träumen, geht es doch auch nicht um Partnerschaft, um wirkliche Liebe, um Treue und um eine paradiesische Einheit von Leib und Seele zwischen Mann und Frau, davon kann doch in den meisten Fällen gar keine Rede sein. Sie wollen einfach ihren ersten Geschlechtsverkehr erleben, sie sind ihre Jungfernschaft leid, sie wollen mitreden können mit den anderen und von dem Gedanken an einen Partner, mit dem sie das Leben lang zusammen sind in Freud und Leid, keine Spur, zumindest ist da kein konkretes Konzept. Sehen Sie, und genau hier besteht doch eine innere Beziehung zu dem kolumbianischen Mädchen in dem Roman von García Márquez, wo das alles nämlich zumindest erst einmal auch nicht der Fall ist.

Ich möchte noch einmal auf die Rezensionen kommen, etwa auf die unter http://www.perlentaucher.de/buch/19644.html. Was die Rezensenten nicht alles sehen, unter anderem auch Elke Heidenreich! Wenn Sie dabei bedenken, dass jeder von sich auf andere schließt oder sich gar selbst angegriffen sieht, ob das nicht ein schneller Blick in das Denken der betreffenden Rezensenten ist? Natürlich ist es schon hart, wenn García Márquez die Frauen, die ihre Erfahrungen haben, als Gebrauchtware bezeichnet. Da macht sich dann gut und sieht vor allem sehr moralisch aus, wenn man nicht das angreift, sondern den Wunsch eines alten geilen Bocks nach einem unschuldigen Mädchen. Und dass er ihm schließlich gar nichts getan hat, macht dann auch nichts mehr, aber er hat es angeglotzt und ihm die Schweißperlen abgetupft, und das reicht schon. Oh Gott, was für eine Sünde! Ich muss hier irgendwie durch die Erziehung meiner Mutter anders geprägt sein, wenn wir als Kinder einmal etwas nicht anziehen wollten, weil wir uns damit vor anderen schämten, bekamen wir zu hören: "Niemand wird euch etwas weggucken!". Und meine Mutter hatte ja damit Recht, es gibt nun wirklich Wichtigeres. Vermutlich stufe ich schon von daher die Empfindlichkeit vieler, angeglotzt zu werden, als Macke ein.

Des Weiteren wird in den Rezensionen auch die Senilität des alten Mannes gesehen. Ja, wenn das Senilität ist, dass man seine Menschlichkeit und seinen Sinn für schöne Blumen entdeckt, ohne sie gleich pflücken zu müssen, ja, dann will ich auch senil sein! Und überhaupt: Wenn ich eine wunderschöne Naturlandschaft bewundere, dann ist das in Ordnung, wenn ich eine wunderschöne Barockkirche bewundere, dann ist das auch in Ordnung, wenn ich aber ein wunderschönes Mädchen bewundere und gerade auch im Zustand der Nacktheit, eigentlich das Naheliegendste und Natürlichste auf der Welt, dann ist das schon fast pervers oder eben senil. Und wenn ich mich darum kümmere, dass eine zerstörte Naturlandschaft wieder geheilt oder eine heruntergekommene Barockkirche wieder restauriert wird, dann ist das völlig in Ordnung und wird als gute Sache anerkannt. Wenn ich mich aber darum kümmere, dass Mädchen nicht mehr verramscht werden, dass sie in ihrer Unschuld und Natürlichkeit strahlen und dass sie dabei nicht irgendwelche unnahbaren Prinzessinnen sind, sondern mitten im Leben stehen und gute Kumpel sind und an ihrer Moral auch noch Spaß haben, dann versteht mich hier niemand mehr. Allerdings meine ich, dass ich längst sehr wohl verstanden werde. Der Grund für die Skepsis so mancher Zeitgenossen ist vermutlich auch gar nicht irgendeine Sorge oder Moral, sondern schlicht und einfach Neid – auf den alten Mann und auf das Mädchen, dass beide miteinander ein wunderbares Menschsein erleben.

Um den Unterschied zwischen echtem Missbrauch und eher krankhafter Moralisiererei zu verdeutlichen, möchte ich hier auch auf ein weiteres Werk der Literatur hinweisen. Ich meine das Theaterstück „Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt (1921-1990). Ich hatte es vor ziemlich genau fünfzig Jahren in Köln gesehen - und es muss mich damals wohl sehr bewegt und geprägt haben. Möglicherweise hat mich gerade dieses Stück dazu motiviert, die Dinge der Sexualität etwas anders als üblich zu sehen .

Es geht in dieser „tragischen Komödie“ um das Mädchen Klara (später Claire) in dem kleinen Schweizer Städtchen Güllen. Klara hatte eine Liebesbeziehung mit einem Jungen. Als sie schwanger wurde, bestach dieser zwei Freunde, als Zeugen vor Gericht auszusagen, dass sie auch Sex mit ihr hatten, damit er nach damaligem Recht die Verantwortung für sie los war. Voller Verzweiflung ging sie dann in Hamburg in die Prostitution, lernte schließlich den Milliardär Zachanassian kennen und heiratete ihn. Nach seinem Tod kam sie in ihr Städtchen zurück und versprach der inzwischen verarmten Gemeinde (sie hatte durch Mittelsmänner alles von Wert aufgekauft und lahm gelegt) eine Milliarde Dollar, jeweils eine Hälfte für die Gemeinde und eine auf alle Bürger verteilt - wenn ihr früherer Freund getötet würde. - Es ist in gewisser Weise ein brutales Stück, denn die Leute lehnen zwar moralisch entrüstet den Mord ab, doch kaufen und planen sie auf Pump, inklusive Bürgermeister und Pfarrer und auch seine eigene Frau und seine Tochter, also auf den Tod des früheren Freundes der Claire hin. Und so hält diese den sonst ach so wohlanständigen Menschen ihre Kaputtheit, ihre mickrige und heuchlerische Scheinmoral vor Augen, und so auch der Schriftsteller den Zuschauern.

Ob das heute alles ganz anders ist, weil heute bei uns kein Mädchen mehr wegen so einer missglückten Affäre in die Prostitution muss?

Wenn wir so denken, dann machen wir uns das alles doch genauso einfach wie die Bürger von Güllen in dem Theaterstück. Dass dieses Mädchen Klara eine Seele hatte, die zutiefst verletzt wurde und dass eine solche Verletzung auch heute noch hinter vielen Probierereien gerade von Mädchen steckt, können auch wir nicht sehen. Ich meine jedoch, der Schriftsteller hat hier aber etwas sehr richtig gesehen. Hier fand eine wirkliche Verletzung statt, hier geschah etwas mit dem Mädchen - während in dem Roman von García Márquez eine angebliche Verletzung durch eine Anglotzerei ja gar keine wirkliche ist - und wenn sie geschieht, dann nur deshalb, weil sie jungen Mädchen eingeredet wird - von Menschen, die allerdings gegenüber den tatsächlichen Verletzungen völlig gleichgültig und offensichtlich auch unempfindlich sind. Wir haben hier ein typisches Beispiel zum Problem „Moral zwischen Sittsamkeit und Sittlichkeit“ vor uns!

Anders denken offenbar die Südamerikaner, sie können noch jemandem etwas Schönes gönnen. Sind die denn dort alle krank oder pervers, dass die das offensichtlich ganz natürlich sehen und die Kolumnen des alten Mannes über seine Geschichte begeistert aufnehmen? Was sind wir hier doch für eine kaputte herzlose Gesellschaft! (Natürlich gibt es Ausnahmen, Gott sei Dank!) 

Lesen Sie einmal ein paar Seiten des Buchs... Geben Sie ihn Ihren Kindern, reden Sie mit ihnen darüber... 

Ob Sie dann mich und mein Engagement besser verstehen?

Zum Thema "Alter Mann - junges Mädchen" siehe auch das Stichwort "Großvater"!