GESCHLECHTSVERKEHR
nennt man die geschlechtliche Vereinigung von Mann und Frau, bei der der Mann mit seinem Glied in die Scheide der Frau dringt. Dabei wird die empfindliche Eichel gereizt und es kommt beim Mann in Verbindung mit einem Gefühl der Befriedigung zu einer Ausstoßung (Ejakulation) von Samenzellen. Wenn sich eine dieser männlichen Samenzellen nun mit einer der weiblichen Eizellen vereinigt, die im Körper der Frau im Rhythmus mit der Menstruation bereitgestellt werden, so kann das dann der Beginn der Entstehung eines neuen Menschen sein. Nur bedingt erlebt die Frau bei der geschlechtlichen Vereinigung, wie der Geschlechtsverkehr besser genannt werden kann, dasselbe Gefühl der Befriedigung wie der Mann, das dann auch eher als bei ihm mit Orgasmus bezeichnet wird, wenn es gelingt. Wenn Leib und Seele bei alledem richtig mitschwingen, kann das gemeinsame geschlechtliche Erleben auf absolute Grenzerfahrungen hinauslaufen, die die höchstmögliche Harmonie, die es für uns Menschen gibt, bedeuten können. Es ist von daher völlig falsch, den Geschlechtsverkehr nur unter dem Gesichtspunkt der Zeugung eines neuen Menschen zu sehen, viel wichtiger - zumindest für das Seelenleben der Beteiligten - sind die Nebenwirkungen, also ihre Liebe und ihre Gemeinschaft dabei.

Allerdings sind diese Nebenwirkungen gerade beim Geschlechtsverkehr auch von höchster Ambivalenz, also von höchster Doppelwertigkeit! Es liegt wohl in der Natur jeder Sache, dass sie um so mehr ins Negative umschlagen kann, je höher sie angelegt ist, dass also der Geschlechtsverkehr auch mit tiefstem Leid, mit tiefster Enttäuschung und lebenslangen Sexualängsten verbunden sein kann, wenn er oder das ganze Drumherum misslingt.

Und leider wird wohl nichts so oft und so gründlich auf dieser Welt missbraucht wie der Geschlechtsverkehr, so dass von höchster Erfüllung in sehr vielen geschlechtlichen Begegnungen gar keine Rede mehr sein kann. Und diese reichen im Negativen von der gemeinen Vergewaltigung bis zur charmanten Anmache, von hinterhältiger Verführung bis zu gleichgültiger Ausnutzerei (siehe Gebrauch und Missbrauch), von der ernüchternden Entjungferung bis zum brisanten Abenteuer, vom verachtenden Hörner Aufsetzen bis zum vielleicht befreienden und oft jedoch auch den letzten Rest von Liebe zerstörenden Seitensprung, von primitiver Straßen-Prostitution bis zur angeblich heiligen Tempelprostitution, von eher ekelhafter gegenseitiger Selbstbefriedigung bis zum vermeintlich notwendigen sexuellen Leistungsstress, von eintönigem und langweiligem ehelichen Sex zur Abreaktion bis zur widerwilligen Duldung, weil man leider Gottes nur so ein ersehntes Kind bekommen oder den Partner halten kann. Und das Problematische ist, dass man im allgemeinen erst immer merkt, worauf man sich eingelassen hat, wenn es zu spät ist, beispielsweise nach oder schon im Moment einer Entjungferung. Der Geschlechtsverkehr ist also keinesfalls auch automatisch Zeichen wirklicher und dauernder Liebe und schon gar nicht eine unverfängliche und unbedeutende Etappe auf dem Weg zur von jedem Menschen letztlich ersehnten Einheit von Leib und Seele.

Ursache der Ambivalenz des Geschlechtsverkehrs ist, dass er ein solch starkes Erlebnis nicht nur im seelischen, sondern auch im rein körperlichen Bereich des Menschen ist, dass man ihn nur zu oft nur um der körperlichen Befriedigung willen mit einem Menschen erreichen will, gleichgültig, wie man seelisch zu ihm wirklich steht. Da kommt es einem auch nicht mehr darauf an, wie der andere empfindet und wie er hinterher darüber und über einen selbst denkt. Ja, man ist sogar bereit, sich in seinem wirklichen Denken zu verstellen und Liebe und Verständnis zu heucheln und auch noch selbst daran glauben, wenn man nur dadurch an das Ziel des Geschlechtsverkehrs kommt.

Wer sich auf einen Geschlechtsverkehr einlässt, besonders auf den ersten, sollte sich vor Augen halten, dass die Möglichkeit, ein Kind dabei zu zeugen oder sich dabei eine Geschlechtskrankheit zuzuziehen, wahrlich nicht das einzige Risiko ist. Denn dieser Verkehr kann der Beginn eines Lebens der verpatzten und verpassten Chancen und damit dauernder Unerfülltheit sein, selbst wenn das zunächst einmal durch die Brisanz, die er mit sich bringt, verdrängt wird.

Wichtig also ist das Bewusstsein, dass für uns Menschen (wohl anders als wie für Tiere!) der Geschlechtsverkehr wie überhaupt die ganze Sexualität zwei verschiedene Eigenschaften und Wirkungen hat:

  1. Auf der rein körperlichen Seite hat er etwas mit Leidenschaft, mit Zärtlichkeit und mit Befriedigung des Geschlechtstriebs zu tun.

  2. Die seelische Seite des Geschlechtsverkehrs hat vor allem etwas mit völliger Offenheit, ja mit Hingabe und Selbstaufgabe und auch mit Belohnung des Partners zu tun. Die Natur hat dadurch vorgesehen, dass eine tiefe und dauernde Gemeinschaft mit Bindung an einen Gefährten und die dazu notwendige gegenseitige Unterordnung entstehen kann und immer mehr gefestigt wird. Schließlich ist eine solche innige Gemeinschaft ja auch zur Aufzucht der möglicherweise aus dem Geschlechtsverkehr resultierenden Kinder notwendig.

Und leider (oder auch Gott sei Dank!) sind die beiden Aspekte untrennbar miteinander verbunden. Das eine ist nicht ohne das andere zu erhalten. Und wer es trotzdem will, läuft Gefahr, damit automatisch die mögliche Harmonie, die in der Natur dieser Handlung liegt, zu zerstören.

Mit treffendem psychologischen Einfühlungsvermögen ist in der Adam-und-Eva-Erzählung der Bibel die katastrophale Wirkung eines missbräuchlichen und prompt auch missglückten (ersten) Geschlechtsverkehrs zumindest eines der Partner beschrieben. 

Er wird zum Auslöser des Geschlechterkampfs ("nach dem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen") und damit nach Auffassung der biblischen Schriftsteller zur Ursache von allem Bösen und von aller Unerlöstheit auf dieser Welt. Daher ist der vollendete Geschlechtsverkehr nach unserem christlichen Glauben eine sogenannte heilige Handlung: Heilig hat nämlich auch eine ambivalente Bedeutung - es geht einerseits um etwas Segen Bringendes und andererseits um etwas Verfluchtes, je nach Gebrauch oder Missbrauch. Damit der Geschlechtsverkehr nun nicht für den Menschen zum Fluch, sondern zum Segen wird, wird er durch die Ehe (oder für uns Christen durch das Sakrament der Ehe) geheiligt - so sollte es wenigstens sein. Der Geschlechtsverkehr, der nichts mit diesem Sakrament zu tun hat, auch nicht zumindest im Herzen der Beteiligten, ist ein Verstoß gegen das Gebot von der Heiligkeit der Ehe, wie es auch zu den Zehn Geboten gehört. Er zerstört das mögliche Paradies.

Inwieweit es sich um einen Geschlechtsverkehrs mit eher zerstörender Wirkung handelt, können wir vorher zumindest erahnen, wenn wir uns fragen, ob er nicht doch nur auf eine Art Selbstbefriedigung hinausläuft. Ist vor allem das gegenseitige intensive und ungeduldige Berühren mit den Geschlechtsorganen der wesentliche Auslöser für die Ejakulation oder für den Orgasmus oder ist es wirkliche seelische oder geistige Harmonie, die durch bewusste Enthaltsamkeit getestet ist? Denn die Methode des Berührens funktioniert ja - wenigstens zunächst - so ziemlich bei jedem, so dass sie mit Sicherheit kein Indiz dafür ist, ob wir nicht doch den falschen Partner ohne die letzlich ersehnte Einheit von Leib und Seele haben. Daher sollten wir vor vollendeten Tatsachen jedweder Art uns durch das Einhalten einer Reihenfolge auf jeden Fall klarmachen, was wir eigentlich wollen. Die sexuelle Begegnung ist umso erfüllender, je weniger manipulationsartige Berührungen dabei eine Rolle spielen (also keine Fummelei!) und je mehr spontane oder zentralnervöse Komponenten dabei beteiligt sind, deren Ursachen eher gegenseitige Freiheit und Achtung sind. Menschen, die von Jugend an gelernt haben, durch Selbstkontrolle die Sexualität nicht von vornherein mit Befriedigung zu verknüpfen, sind hier vermutlich in einem ganz großen Vorteil.

Nicht nur im christlichen Glauben kommt dem Geschlechtsverkehr eine besondere Bedeutung zu. Er hat etwas Mythisches an sich auch in allen anderen Religionen. In typischem Aberglauben gilt er als äußeres Zeichen für die Weitergabe magischer Kraft, guter oder böser, je nachdem, wer ihn ausübt (siehe Tempelprostitution, Hexenwahn).

Der Geschlechtsverkehr ein aggressiver Akt?

Margarete Mitscherlich (bekannt durch as Buch "Die Unfähigkeit zu trauern") schreibt: "Ich behaupte auch, dass der sexuelle Akt ein aggressiver Akt ist. In den Körper des anderen einzudringen, ist aggressiv, eine Grenzüberschreitung." Siehe das Interview mit ihr unter "Warum wir immer radikaler werden", in der Zeitung "Die Welt" vom 6. November 2010. Es ist also keineswegs nur die katholische Kirche, die mit dem Geschlechtsverkehr ihre Probleme hat. Und wo die Kirche Recht hat, hat sie nun einmal Recht. Allerdings sind sich hier sowohl Margarete Mitscherlich (und wie sie auch Alice Schwarzer) wie auch die katholische Kirche einig: Sie alle übersehen, dass der Geschlechtsverkehr etwas Ambivalentes ist, er hat also mit Gebrauch und Mussbrauch zu tun, und es kommt also etwa darauf an, in welchem Zusammenhang er geschieht! Und so wird das Aggressive, das bei einem Geschlechtsverkehr nun einmal immer mitschwingt, allein in einer harmonischen Beziehung der Liebe und der Partnerschaft aufgewogen. Der Geschlechtsverkehr eignet sich eben nun wirklich nicht als sportliche Übung oder also Zeitvertreib aus Langeweile. Von daher ergibt es sich auch schon zwangsläufig, dass die Ehe etwas Besonderes ist - also ein Sakrament.  Das Problem ist also nicht, dass die Leute der Kirche die Idee der harmonischen Beziehung aufrecht erhalten - sondern dass sie sich sehr oft selbst nicht dran halten und also jungen Menschen auch keine begeisternden und funktionierenden Konzepte rüberbringen.

Lassen wir uns also durch nichts und durch niemanden zu einem Geschlechtsverkehr, der nicht im Dienste unserer höchsten Sehnsüchte steht, verführen! (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)