GOTTESBEWEISE.  Immanuel Kant (1724-1804) lehnte alle mit den Mitteln der spekulativen oder theologischen Vernunft geführten Gottesbeweisen ab; das höchst vollkommene Wesen sei zwar als Ideal der Vernunft anzuerkennen, aber menschliches Erkennen und Begreifen könne niemals bis zur Einsicht in das schlechthin Unbedingte, weder seinem Wesen, noch seinem Dasein nach, gelangen.

Immanuel Kant akzeptierte allein den sogenannten moralischen Gottesbeweis:

»Es ist notwendig, daß unser ganzer Lebenswandel sittlichen Maximen untergeordnet werde; es ist aber zugleich unmöglich, dass dieses geschehe, wenn die Vernunft nicht mit dem moralischen Gesetze, welches eine bloße Idee ist, eine wirkende Ursache verknüpft, welche dem Verhalten nach demselben einen unseren höchsten Zwecken genau entsprechenden Ausgang, es sei in diesem, oder einem anderen Leben, bestimmt.

Ohne also einen Gott , und eine für uns jetzt nicht sichtbare, aber gehoffte Welt, sind die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar Gegenstände des Beifalls und der Bewunderung, aber nicht Triebfedern des Vorsatzes und der Ausübung.

Glückseligkeit allein ist für unsere Vernunft bei weitern nicht das vollständige Gut. Sie billigt solche nicht, wofern sie nicht mit der Würdigkeit, glücklich zu sein, d.i. dem sittlichen Wohlverhalten, vereinigt ist. Sittlichkeit allein, und, mit ihr, die bloße Würdigkeit, glücklich zu sein, ist aber auch noch lange nicht das vollständige Gut. Um dieses zu vollenden, muß der, so sich als der Glückseligkeit nicht unwert verhalten hatte, hoffen können, ihrer teilhaftig zu werden. Diese Moraltheologie hat nun den eigentümlichen Vorzug vor der spekulativen, daß sie unausbleiblich auf den Begriff eines einigen, allervollkommensten und vernünftigen Urwesens führet.

Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat, nämlich den Begriff eines einigen Urwesens, als des höchsten Guts. So darf sie sich gar nicht überwinden, von diesem Begriffe auszugehen, und die moralischen Gesetze selbst von ihm abzuleiten. Denn diese waren es eben, deren innere praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers führete, um jenen Gesetzen Effekt zu geben.

Der bloß doktrinale Glaube [= bloßes Fürwahrhalten von tradierten Glaubenslehren] hat etwas Wankendes in sich; man wird oft durch Schwierigkeiten, die sich in der Spekulation vorfinden, aus demselben gesetzt.

Ganz anders ist es mit dem moralischen Glauben bewandt. Denn da ist es schlechterdings notwendig, daß etwas geschehen muß, nämlich, dass ich dem sittlichen Gesetze in allen Stücken Folge leiste. Der Zweck ist hier unumgänglich festgestellt, und es ist nur eine einzige Bedingung nach aller meiner Einsicht möglich, unter welcher dieser Zweck mit allen gesamten Zwecken zusammenhängt, und dadurch praktische Gültigkeit habe, nämlich, daß ein Gott und eine künftige Welt sei.

Da aber also die sittliche Vorschrift zugleich meine Maxime ist (wenn denn die Vernunft gebietet, daß sie es sein soll), so werde ich unausbleiblich ein Dasein Gottes und ein künftiges Leben glauben, und bin sicher, daß diesen Glauben nichts wankend machen könne, weil dadurch meine sittlichen Grundsätze selbst umgestürzt werden würden, denen ich nicht entsagen kann, ohne in meinen eigenen Augen verabscheuungswürdig zu sein.

Zwar wird freilich sich niemand rühmen können: er wisse, daß ein Gott und daß ein künftig Leben sei; denn, wenn er das weiß, so ist er gerade der Mann, den ich längst gesucht habe. Alles Wissen (wenn es einen Gegenstand der bloßen Vernunft betrifft) kann man mitteilen, und ich würde also auch hoffen können, durch seine Belehrung mein Wissen in so bewunderungswürdigern Maße ausgedehnt zu sehen. Nein, die Überzeugung ist nicht logische, sondern moralische Gewißheit, und, da sie auf subjektiven Gründen (der moralischen Gesinnung) beruht, so muß ich nicht einmal sagen: es ist moralisch gewiß, daß ein Gott sei etc., sondern, ich bin moralisch gewiß etc. Das heißt: der Glaube an einen Gott und eine andere Welt ist mit meiner moralischen Gesinnung so verwebt, daß, so wenig ich Gefahr laufe, die erstere einzubüßen, eben so wenig besorge ich, daß mir der zweite jemals entrissen werden könne.

Das einzige Bedenkliche, das sich hierbei findet, ist, daß sich dieser Vernunftglaube auf die Voraussetzung moralischer Gesinnungen gründet.«

IMMANUEL KANT

Gott als oberste sittliche Instanz bedeutet allerdings klassisches über-ich-gesteuertes Gewissen!

Nach Kant führt das pflichtgemäße "Das Gute Tun", also die Tugend, irgendwann zu der Frage, was das alles letztlich für einen Sinn hat. Daher muß es einen höheren Sinn geben, also eine Erfüllung in einem Leben nach dem Tod. Und weil ein solches Leben nach dem Tod nur ein Gott garantieren kann, muß es auch einen Gott geben. Tugend, Gott, Unsterblichkeit sind zwar durch die `reine Vernunft´ nicht zu begründen, aber notwendige Überzeugungen für ein verantwortliches Zusammenleben: Unabweisbare Postulate der `reinen Vernunft´.

Viele unserer heutigen Gläubigen führen mehr oder weniger genau diesen Beweis als Begründung für Glauben an: Wenn es keinen Gott und kein Leben nach dem Tod gäbe, würde sich schließlich niemand mehr an eine Moral halten und jeder würde machen, was er wollte. Sie alle und auch Kant übersehen (wirklich nur aus der Sicht von basisreligion?), daß ein  irrationaler höherer Sinn (also ein Über-Ich, siehe Gewissen) den Menschen letztlich noch nie dauerhaft dazu gebracht hat, wirklich das Gute zu tun. Damit wäre dieser moralische Gottesbeweis nämlich sehr fragwürdig.

Allerdings sind damit nicht alle guten Handlungen von vornherein unmöglich. Ist es denn nicht so, daß wir durchaus Gutes tun können und sogar wollen - wenn es aus sich heraus einen Sinn hat, ja, wenn es sogar Spaß macht! Und warum soll das nicht möglich sein! Das typische Beispiel ist die Sexualmoral, die uns allen so unter den Nägeln brennt und die Kant gar nicht erwähnt. Gerade die funktioniert aus einem Gottesglauben heraus nämlich sozusagen nie, zumindest nie vernünftig! Daher werden in dieser Website ausschließlich "praktische Gründe" aufgezeigt, warum gerade diese Moral aus sich heraus sinnvoll und sogar regelrecht attraktiv sein kann, siehe Glaube und Moral! Eines Gottes bedarf es dabei allenfalls aus spieltheoretischen Erwägungen (siehe Spieltheorie), um dem kleinen, schwachen Menschen (also gerade dem Kind) die Kraft zu geben, das Spiel des Lebens (also etwa das Faust-Gretchen-Problem) in seiner ganzen Tragweite rechtzeitig (siehe Kairos) durchschauen zu können (es muß ihm natürlich nahe gebracht werden), und die Zuversicht, dieses Spiel auch im Sinn wirklicher Moral zu gewinnen. Doch das alles war zur Zeit Kants offensichtlich kein Thema, nicht weil es das alles nicht gab (und wie es das gab, Goethe dichtete seinen Faust gewiß nicht ohne konkreten Anlaß, auch Mozart schrieb seinen "Don Giovanni" in dieser Zeit!), sondern weil noch viele Zwischenschritte bzw. -stufen (etwa bis zu einem Konzept à la Gandhi) notwendig waren, die man gewiß nicht einfach überspringen konnte!

Wenn du glaubst, du hast´n, springt er aus dem Kast´n: Beurteilung von Gottesbeweisen ganz allgemein.

Gottesbeweise werden irgendwie den Beigeschmack nicht los: Wenn man etwas ganz konkret definieren kann, dann weiß man darüber eben alles ganz genau und schließlich kann man es auch in eine Kiste stecken und darüber herrschen. Gottesbeweise also als Versuch der Herrschaft des Menschen über Gott? Das wäre blanke Blasphemie und Indiz für einen Götzenglauben: In manchen afrikanischen Ländern schlugen (und schlagen vielleicht auch noch?) die Eingeborenen Nägel in Fetische, um sich damit die Geister, die in diesen Fetischen stecken, dienlich zu machen. Und wozu sonst sollen denn unsere Gottesbeweise dienen? Wohl genau aus dem Grund, daß wir nicht über Gott herrschen dürfen, sind sie auch ein Verstoß gegen das zweite der Zehn Gebote, uns nicht ein Bildnis von Gott zu machen.

Daher werden in dieser Website alle Gottesbeweise abgelehnt: Sittliches Handeln hat nur aus sich heraus einen Sinn, es ist das Paradies oder das Reich Gottes - und wenn es einen Gott gibt, hat er seine Freude daran, und wenn es keinen gibt, dann haben wir auch nichts falsch gemacht! Und als Beweis für das Wirken Gottes beim Werden dieser besseren Welt kann allenfalls gewertet werden, daß er zu einem Reich Gottes á la miesepetrigem Gottesstaat mit Moralaposteln und Leibfeindlichkeit und Zwängen, Ängsten, Tabus und anderen Verklemmtheiten ganz offensichtlich schon gar nicht seinen Segen zu geben scheint! Wir können also auch auf Offenbarungen Gottes verzichten!

Andere Gedanken zu den Gottesbeweisen

Ich zitiere hier aus der Website http://www.kreudenstein-online.de/Religionskritik/Gottesbeweise_Teil6.htm#Einsichten_zur_Gottesfrage

Wenn und aber ...

Ein Schöpfer, wenn es ihn gibt, braucht nicht zu planen. Er kann sofort die Zielsituation ansteuern (schaffen). Das Festhalten an der Zielsituation würde allerdings bedeuten, daß die Dynamik in diesem System aufhört.

Wenn die Welt nur durch einen Gedanken Gottes entstanden ist, dann kann sie auch durch einen Gedanken verschwinden.

Wenn die Welt nur eine gedachte Welt ist, dann müsste es umgekehrt möglich sein, durch Denken Materie zu erzeugen. Dies ist aber meines Wissens noch niemand gelungen.

Wenn Gott allmächtig ist, dann kann er auch einen Stein schaffen, den er selbst nicht mehr tragen kann.

Wenn Gott allwissend ist, dann weiß er auch, wie er selbst entscheiden wird.

Wenn Gottes Existenz gedanklich nicht fassbar ist, außerhalb unseres Vorstellungsvermögens, wie können wir dann behaupten, dass er existiert?

Wenn Gott allwissend ist, dann weiß er auch, was ich tun werde. Aber, wenn er dies weiß, dann besitze ich keine Entscheidungsfreiheit. Und wenn ich keine Entscheidungsfreiheit besitze, dann kann mich niemand für das, was ich tue zur Rechenschaft ziehen. Das trifft natürlich auf eine rein naturgesetzlich geregelte Welt ebenfalls zu. Auch in einer rein naturgesetzlich geregelten Welt besitze ich keine Entscheidungsfreiheit. Die Gesellschaft wird sich allerdings von solchen philosophischen Überlegungen zur Verantwortlichkeit nicht beeindrucken lassen. Sie wird sich in jedem Fall vor Individuen (Parasiten, Triebtätern) schützen, die für sie auf Grund ihrer Veranlagung (Struktur) gefährlich sind.

Wenn diese Seinswelt von einem Schöpfer geschaffen und von diesem in Gang gesetzt worden ist, wer hat dann diesen Schöpfer geschaffen und in Gang gesetzt? Warum muß ein wie auch immer geartetes Wesen am Anfang der Geschichte stehen? Warum muß es für die Welt einen Anfang geben, aber nicht für Gott? Wenn die Welt erst seit einiger Zeit existiert, was tat Gott die Ewigkeit davor? (Ludwig Feuerbach "Das Wesen des Christentums")

Selbst wenn die Welt, die wir erkennen, nur ein Teilbereich der Welt ist, so kann man daraus noch nicht schließen, daß im anderen Teil Gott ist. Es hat sich in der Vergangenheit schon als falsch erwiesen, die weißen Flecken auf der Landkarte unseres Wissens mit den Mitteln der Religion zu tilgen.

Wenn dieses Phantasiegebilde, genannt Gott, real ist, wie viele andere Phantasiegebilde sind dann ebenfalls real vorhanden. Diese Welt wäre dann aber keine Welt mehr, in der die Eigenschaften der Materieteilchen verlässlich messbar sind.

 

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama) Computer-Übersetzung des Buchs HONESTY AND FUN WITH THE MORALITY ins Englische unter English