GRENZERFAHRUNGEN, also Erlebnisse, die so übermächtig sind, daß es nichts Atemberaubenderes und Nervenkitzelnderes im Positiven wie im Negativen gibt, sind die - bisweilen allerdings zweifelhafte - Würze des Lebens!

Nicht nur wenn wir an die positiven Grenzerfahrungen denken, sind wir Menschen ganz offensichtlich von der Natur her durch unsere Hormone zu so etwas veranlagt.

Denn diese Erfahrungen brauchen gar nicht einmal immer nur (voll) beglückend, harmonisch oder romantisch zu sein, sie können sogar stressig, anstrengend, lebensgefährlich, riskant, erniedrigend, ekelerregend oder gar grausam oder alles zusammen sein, Hauptsache, es gibt sie. Ohne solche Grenzerfahrungen wäre alles in unserem Leben fad und langweilig, sie sind sozusagen die Würze unseres Lebens, und wer glaubt, für sich selbst ohne sie auszukommen und sie auch noch anderen Menschen aus angeblich pädagogischer Fürsorge vorenthalten und sogar verschweigen zu müssen, der macht sich selbst und anderen etwas vor und verführt sie am Ende noch zu irgendeinem unsinnigen und für sie schädlichen Ausweg.

Oberflächlich betrachtet scheint die menschliche Sehnsucht nach Grenzerfahrungen schließlich auch etwas Unheimliches und sogar Bedrohliches an sich zu haben, läuft sie nicht bisweilen sogar auf Zerstörerisches oder Verderbenbringendes hinaus? Liegt in dieser Sucht nicht am Ende der tiefste Grund für eine mögliche Veranlagung des Menschen zum Bösen? Oder werden wir am Ende nur deshalb zu den Grenzerfahrungen im eher Negativen und schließlich nur zu oft tatsächlich im Bösen getrieben, weil wir gar keine Ahnung haben, was uns da alles im Positiven erwarten könnte (siehe Horror Vacui)?

Die wirklich berauschenden und gleichzeitig auch brisanten und erfüllenden Grenzerfahrungen gibt es wahrscheinlich nur im Guten!

Es sind dann wohl die, die mit unserem äußersten Menschsein zusammenhängen - und das ist nun einmal alles das, was im Einklang mit unserer Veranlagung zu Freiheit und Emanzipation und von daher dann auch mit der zutiefst ersehnten Einheit von Leib und Seele steht. Wenn auch Erfahrungen in Natur und Kulturproduktion und Erfolgserlebnisse in Arbeit und Wissenschaft schon sehr erfüllend sein können, so hängen die tiefsten Grenzerfahrungen wohl doch immer mit der unmittelbaren Begegnung mit anderen Menschen zusammen - und da für die meisten Menschen vor allem mit Menschen des anderen Geschlechts. Und sie müssen gar nicht einmal immer laut und effektvoll, grandios und atemberaubend sein, sie müssen noch nicht einmal etwas mit innigsten Gefühlen zu tun haben, sondern sie können schon in schlichtem Vertrauen und Angenommensein mit anderen oder besonders einem anderen Menschen gegeben sein. Je größer das Vertrauen und je angstfreier eine Beziehung ist, um so besser. Möglicherweise ist das, was wir unter Paradies verstehen, im Grunde eine einzige große menschliche Grenzerfahrung. Für Menschen ohne feste Bindung an einen Partner scheint das, was in dieser Website unter Enthaltsamkeit und  Tantrismus beschrieben ist, genau eine solche Grenzerfahrung zu ermöglichen. Wichtig hierbei und sogar unerläßlich ist eine absolute Selbstbeherrschung, die sogar bisweilen anstrengend sein und echten Streß bedeuten kann. Doch wird nicht gerade durch die Anstrengung genau das Quentchen des Hormons Adrenalin (oder was es auch immer ist) freigesetzt, auf das es ankommt? Und so verschließen sich solche Erfahrungen dann auch jeglichem primitiven Habenwollen und jeglicher niedriger Gewalt, jedem zwanghaften Trieb nach Befriedigung und sie sind eher wie ein Geschenk, das allen denjenigen im Grunde eher aus Zufall zuteil wird, die ihr ganzes Leben danach ausrichten und dabei dann auch bereit sind, andere einzubeziehen.

Menschen, die schließlich einen wirklichen Gefährten fürs ganze Leben gefunden haben und sich in ihrer Verantwortlichkeit auch so auf den anderen festgelegt haben, daß von daher auch überflüssige und sinnlose Ängste ausgeschaltet sind (das ist der tiefste Grund für das Sakrament der Ehe!), werden dann ihre besonderen Höhen in einer ekstatisch-alles-sprengenden Zweisamkeit auch in der geschlechtlichen Gemeinschaft erfahren.

Gipfelpunkt dieser Absolutheitserfahrung ist der allein den Menschen gegebene einmalige und unvergleichliche Zustand zwischen gegenseitiger Selbstaufgabe an ein Gegenüber und Selbstfindung in ihm, zwischen Selbstwerdung und Selbstverlust, zwischen Intimsein und Offensein, zwischen Ins-Unendliche-Hinaufsteigen und Sich-ins-Grenzenlose-Fallenlassen: der Orgasmus. Dieser gehört möglicherweise nicht unbedingt zum Leben, aber doch zum Erlebnis des Geschlechtsverkehrs, wenn es ihn da erst einmal gibt.

Leider wird uns Menschen allerdings eine Information über diese Erfahrung und den Weg dorthin so systematisch vorenthalten und schließlich auch regelrecht vermiest, daß wir sie kaum noch mit gutem Gewissen bewußt anstreben und damit (wenigstens zur Zeit) auch nur selten erreichen.

Eine klägliche Rolle in diesem Zusammenhang spielen leider alle Religionen und durchaus auch unser derzeitige christliche Glaube.

Die Eentfremdung dieses Glaubens durch die verschiedenen Strömungen des Dualismus und der Gnosis und der weitere Verfall in all den Jahrhunderten der Geschichte unserer Kirchen (siehe Dekadenz) haben uns jegliche Vorstellung genommen, daß diese Grenzerfahrungen, die mit der Einheit von Leib und Seele zusammenhängen, überhaupt etwas mit unserem Glauben zu tun haben Es geht jetzt nur noch um eine Transzendenz, wie wir sie auch in anderen Religionen kennen. Und mit der Verfälschung der christlichen Botschaft wurde auch unser ganzes Denken verdorben: Genau der wohl brisanteste und herausragendste Moment unseres Menschseins wurde ganz grundsätzlich nicht nur ins Tabuisierte (siehe Tabu), Verbotene, Schuldhafte, Ehrlose, Sündhafte und Heuchlerische verbannt, sondern auch ins Zufällige, Stümperhafte, Krampfhafte und Entwürdigende!

Dabei dürfte das Erlebnis dieser positiven Grenzerfahrung die Menschen nicht nur bereichern, sondern auch von Grund auf verändern. Ja, es besteht sogar die Hoffnung, daß sich das Angesicht einer Erde, deren Menschen ausschließlich die höchsten Grenzerfahrungen erträumen und auch schließlich erreichen, tatsächlich erneuern könnte! Jedenfalls dürfte das Abdrängen solcher Erfahrungen ins Negative und damit die systematische Verhinderung der angemessenen Erfahrung die Ursache sein für alle Suche nach Ersatzgrenzerfahrungen, die es so gibt, für allen zerstörerischen und verderbenbringenden Nervenkitzel und auch für alle Verdrängungen, die wir so kennen (siehe Haß, Drogen, Satanskulte).

Glauben wir nicht, daß wir junge Menschen nicht zu einer tiefsten Sehnsucht nach diesen Grenzerfahrungen mit all den Mühen eines Weges dorthin motivieren könnten!

Es entspricht ganz einfach dem Egoismus eines jeden Menschen, sich darum ohne Kompromisse zu kümmern, wenn er erst einmal begriffen hat, worum es geht. Es ist wie in dem Evangelium vom Schatz im Acker, den man unter allen Umständen besitzen will, wenn man erst einmal darum weiß. Allerdings muß die Vorstellung davon schon wirklich konkret und realistisch sein, es darf einfach bei der Vermittlung an junge Menschen da keine hinderlichen und verschleiernden Tabus mehr geben!

Wie phantastisch gerade die Grenzerfahrungen sind, die mit unserer Natur zusammenhängen, können junge Menschen übrigens erahnen, wenn sie Begegnungen mit der Natur ganz allgemein wirklich erleben: Nicht nur ein Gewitter mit Blitz und Donner, nicht nur ein aufgepeitschtes Meer, sondern auch eine friedliche Landschaft und ein ruhiger See sind Modelle für die auch in uns angelegte Vielfalt. Wie ergreifend kann dann auch das Erleben einer harmonischen Gemeinschaft von Menschen sein! Schön wäre es schon, wenn wir in unseren Gemeinden solche Gemeinschaften erfahren könnten, bei denen alle Zugehörigen mitspielen. Wenn wir uns da wirklich bei uns selbst und bei anderen auf die Spielregeln der Zehn Gebote verlassen könnten, würde es auch bei eventuellen näheren Freundschaften untereinander nur Verantwortlichkeit und niemals Heuchelei geben und niemals Ausnutzung (siehe Gebrauch und Mißbrauch). Daher könnte es da dann auch schon diejenige erfrischende Spontaneität geben, aus der heraus wir uns auch einmal vorwagen könnten, ohne daß wir gleich wieder die üblichen menschlichen Katastrophen befürchten müßten, die uns letztlich doch immer soviel zu schaffen machen.

Da könnten wir uns wirklich geborgen fühlen - ohne daß es langweilig würde. Man nähme es uns auch nicht krumm, wenn wir tatsächlich bisweilen "von den Früchten aller der Bäume essen", die doch gar nicht verboten sind (siehe Verbot, Adam und Eva). Erwachsene, die die Anziehungskraft einer Utopie auf junge Menschen bezweifeln, in der es um solche Grenzerfahrungen geht, und dann auch noch ihre Auseinandersetzung damit mit allen möglichen Tabus weiter behindern, sollten bedenken, daß sie sich dadurch selbst entlarven: Sie sagen damit nur, daß sie selbst nicht von der Brisanz solcher positiven Grenzerfahrungen überzeugt sind. Und der Grund dafür kann nur sein, daß sie sie aus ihrem eigenen Leben nicht kennen.

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)