GÜTERABWÄGUNG heißt eine im praktischen Lebensvollzug überaus wichtige Methode, die immer dann angewendet werden muß, wenn ein Mensch vor einer unausweichlichen Entscheidung steht und dabei zwei oder mehr "Güter" in Konkurrenz zueinander stehen. Da der übliche Begriff heute für das Problem Dilemma ist, wird hier vor allem auf dieses Stichwort verwiesen.

Wer etwas tun will, damit sich in einer schlimmen Situation wirklich etwas zum Positiven ändert, steht eigentlich immer vor dem Problem der Güterabwägung!

Um was es geht, können wir erkennen, wenn wir die Situation des Jesuitenpaters Friedrich von Spee (1591 - 1635) bedenken. Er war als Beichtvater von Hexen eingesetzt (siehe Hexenwahn) und hatte dabei gemerkt, dass diese Hexen keinesfalls Frauen waren, die mit dem Teufel im Bunde standen, sondern arme und geschundene Menschen, die ihre Geständnisse unter der Folter erlogen hatten, damit sie endlich Ruhe hatten, also sterben zu können. Was sollte er nun tun? Eigentlich hätte er aufschreien müssen und die Richter selbst anklagen müssen. Doch ging das, hätte er damit etwas erreicht, hatte er in dieser Richtung überhaupt eine Chance, wäre er dann nicht selbst angeklagt und verurteilt worden? Und wem wäre gedient gewesen, wenn er seine Versetzung in ein anderes Arbeitsgebiet erreicht hätte? Also hat er das alles nicht getan, er ist sozusagen schuldig oder besser mitschuldig am Tod vieler unschuldiger Menschen geworden. Doch er hat ein ganz grundsätzliches Werk gegen die Hexenprozesse geschrieben und damit überhaupt dafür gesorgt, dass der ganze Hexenwahn einmal ein Ende hatte. Das eine "Gut" war das Leben der ein paar hundert Frauen, die er kannte und die er nun wirklich nicht mehr retten konnte, das andere das der unendlich vielen Frauen, die er nicht kannte und die er durch seine ganz grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Problem "Hexenwahn" in aller Zukunft hoffte, retten zu können.  

Andere schlimme Beispiele für das Problem der Güterabwägung ist etwa das Handeln der Judenräte, die in den Ghettos aussuchen mussten, wer in den Tod deportiert wurde, oder auch das Handeln des Ernsts von Weizsäcker, des Vaters unseres früheren Bundespräsidenten, der als Staatssekretär im Außenministerium der Nazidiktatur durchaus Transportbefehle für Juden in Frankreich nach Auschwitz unterzeichnet hatte, jedoch durch sein geschicktes Vorgehen während seiner Dienstzeit in der Botschaft des Vatikans bald darauf in einer Situation war, Tausenden von Juden nun wirklich das Leben zu retten (siehe auch Zivilcourage).

Jesus vor dem Problem der Güterabwägung? Hätte es für ihn nicht auch andere Lösungen gegeben?

Die Frage stellt sich auch, ob Jesus nicht in einer Situation der Güterabwägung war. Er hatte nun die Auseinandersetzung mit den Pharisäern wegen ihrer Unmenschlichkeit und Heuchelei auf die Spitze getrieben, so dass sie gegen ihn die Todesstrafe durchsetzten. Er war also wirklich konsequent in seiner Ablehnung des Unrechts, was zu seiner Zeit an der Tagesordnung war. Doch die grundsätzlichen Missstände, gegen die Jesus angekämpft hatte, änderten sich in der Folgezeit nur sehr langsam oder auch kaum, es fehlte der neuen Gemeinschaft der Christen einfach der geniale Kopf, der er nun einmal war. Er hätte doch eigentlich damit rechnen müssen, dass man nach seinem Tod - und vor allem nach einem frühen Tod - alles verdreht. Was wäre gewesen, wenn Jesus seinem Tod ausgewichen wäre, indem er etwa in ein Nachbarland geflohen wäre? Hätte er nicht vielleicht besser von da aus weiter an einem Konzept arbeiten sollen, damit sich die Welt auch wirklich in seinem Sinn ändert, statt darauf zu vertrauen, dass ein Vatergott sein Opfer annimmt und dadurch sorgt, dass sich etwas ändert (vorausgesetzt Jesus dachte so)?

Menschenrechte nehmen in jedem Fall einen höheren Rang ein - auch als dogmatische Lehrsätze!

Das Problem der Güterabwägung gibt es nicht nur in unmenschlichen Diktaturen und in diktaturähnlichen Gesellschaften wie zur Zeit Jesu (siehe Gottesstaat), es gibt es überall: Bei der Ablehnung eines Glaubens an ein Leben nach dem Tod musste ich mich schließlich entscheiden, ob ich damit manchem Menschen nicht ihren  Sinn des Lebens wegnehme. Doch auch Herbert Vorgrimler schreibt, dass "bei der Güterabwägung Menschenrechte und -würde in jedem Fall einen höheren Rang einnehmen"  ("Neues theologisches Wörterbuch", Freiburg, 2000, Seite 265), was doch bedeutet, dass das Werden von Liebe in einem diesseitigen Reich Gottes gegenüber irgendeiner spekulativen Hoffnung immer Vorrang hat. Und wenn wir die Zehn Gebote als Spielregeln hierfür und als Konzept für die Durchsetzung der Menschenrechte erkennen, dann haben eben auch die Zehn Gebote immer Vorrang! Daher habe ich mich entschieden, die Aufgabe unseres christlichen Glaubens ausschließlich hier im Diesseits zu sehen, dass nämlich hier und jetzt Auferstehung für eine bessere Welt werden kann. Die schlaue Lösung, beides zuzulassen, lehne ich ab, weil erfahrungsgemäß dann wieder nur eine halbe Sachen dabei herauskommt, die am Ende doch nichts bringt.

Vorehelicher Sex oder Kuscheln?

Ich zitiere aus dem Brief an eine Jungfrau: Wenn ich hier für solche "Sachen" wie das Kuscheln bin, dann vor allem aus zwei Gründen! Da gibt es erst einmal das uralte Prinzip der Güterabwägung. Danach wägt man ab, was wohl besser ist. Und das ist doch wohl ziemlich eindeutig, dass es der Geschlechtsverkehr nicht sein kann! Und zweitens ist da der Grundsatz einer guten Werbung, dass sie nie negativ sondern immer nur positiv sein darf. Und die übliche Moralisiererei ist nun einmal etwas Negatives - es wird gegen etwas polemisiert. Daher kommt für mich auch das nicht infrage. Also für etwas - beispielweise für das Kuscheln!

Einen weitere Orientierung, welche "Güter" in religiösen Fragen zu bevorzugen sind, ergibt sich aus dem Stichwort Dekadenz, was eher der Dekadenz zuzuordnen ist, ist eben auch das, was eher vernachlässigt werden kann.

Von der Güterabwägung völlig verschieden ist die Doppelwirkung einer Handlung, die gleich unmittelbar Gutes und Schlechtes hervorbringt (etwa dass eine werdende Mutter ihre Berufsausbildung fortsetzen kann und dafür ihr Kind jedoch abtreiben lässt, siehe Abtreibung). Hier handelt es sich um eine selbst zu verantwortende Zwangslage - und es gibt eigentlich keinen Grund, etwas Schlechtes in Kauf zu nehmen. Voraussetzung für die Verantwortlichkeit ist natürlich, dass ein Mensch auch wirklich zu einem brauchbaren Lebenskonzept längst vorher hingeführt worden war.

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)