HABSUCHT. Für die Theoretiker der bürgerlichen politischen Ökonomie besteht für den Menschen das eigentliche Ziel seiner Existenz im Erwerb von Reichtum, der ökonomischen Form der Selbstliebe, weshalb ihr Vordenker Adam Smith '(1723 - 1790) die Habsucht als völlig legitimen Trieb verteidigte. Indem der Kapitalist nach der profitabelsten Verwendung seines Kapitals sucht, fördere er durch die daraus resultierende Akkumulation (Anhäufung) unbeabsichtigt das Wohl der gesamten Gesellschaft. Aber nur der uneingeschränkte Markt, in dem also die Marktgesetze gelten, mit seinen objektiven Preisen verhindert Smith zufolge, dass sich Marktteilnehmer auf Kosten anderer bereichern können. Während die bürgerliche politische Ökonomie das freie Spiel der Kräfte in der Marktwirtschaft zum Garanten für Reichtum und Wohlfahrt der Gesellschaft stilisierte, wurde sie von der marxistischen politischen Ökonomie als eigentliche Ursache der Armut verdammt (siehe Marxismus). Eine Handvoll reicher Kapitalisten steht hier einem Heer armer, in ihrer Existenz bedrohter Arbeiter gegenüber. Der Widerspruch verlange nach einer gewaltsamen Enteignung der Reichen und den Ersatz der kapitalistischen durch eine sozialistische Produktionsweise, in der die Allgemeinheit am Reichtum teilhaben könne. (Bis hierhin zitiert in Anlehnung an die Microsoft Encarta Enzyklopädie)

Ist die Bewertung der Habsucht also eine Frage der Ideologie?

Zumindest sollten wir vorsichtig sein, jemanden als habsüchtig zu bezeichnen, denn hinter solcher Beurteilung kann durchaus Mißgunst und Neid stecken: Wir selbst kommen mit unserem Geld nicht klar und der andere hat einfach etwas geschafft, wozu wir selbst zu doof waren.

Sehen wir uns das Problem der Habsucht doch einmal näher an: Da gibt es einen Lebensmittelhändler, der die Preisspanne seiner Waren überdenkt und überlegt, wie er seinen Laden und seine ganze Organisation gestalten muß, damit er zumindest einen Teil davon an seine Kunden weitergeben kann. Und weil er nun damit rechnen muß, daß er von den Mitbewerbern auf die verschiedensten Weisen bekämpft wird, weil er ihnen ihr Geschäft wegnimmt (etwa, daß sie die Lieferanten erpressen, nicht mehr diesen Händler zu beliefern, oder daß sie die Banken meiden, die ihm Kredit gewähren), muß er mit Geschick selbst Marktstärke erreichen, so daß ihm nichts mehr passieren kann. Er muß also hieb- und stichfeste Lieferverträge schließen, neue Lieferanten finden, die ebenso denken wir er, eigene Geschäfte aufmachen, um größeren Umsatz zu erzielen, er muß selbst Kapital ansammeln, um nicht von den Banken abhängig zu sein... Denn nur, wenn er das alles tut, hat er überhaupt Chancen, sich durchzusetzen.  Und wenn er das alles geschickt macht, wird er ganz zwangsläufig schließlich zu einem der reichsten Männer. Und jetzt kommen die Neider, die ihm seinen Reichtum mißgönnen und ihn der Habsucht bezichtigen. Dabei gab es doch durchaus vorher Gewerkschaftsläden (also von Organisationen, die sich eigentlich um die bedürftigeren Bevölkerungsschichten kümmern und ihnen Waren zu günstigen Preisen anbieten sollten), nur die Preise und die Qualität der Waren bei denen unterschieden sich in nichts von denen der Mitbewerber. Warum also Neid? Hat nicht jeder seine Vorteile von dem Gewinnstreben, also von der angeblichen Habsucht dieses Lebensmittelhändlers?

Oder denken wir an den kleinen indischen Händler, der in den ostafrikanischen Busch geht und mit viel Engagement und Risikobereitschaft den Menschen weitab jeder Zivilisation Waren anbietet und dafür vielleicht auch noch die Produkte seiner Kunden in Zahlung nimmt, um sie woandershin zu liefern, wo gerade diese Produkte gefragt sind. Es muß ja keiner mit ihm Geschäfte machen. Und wenn er jetzt davon ein kleines Vermögen ansammelt, das ja auch dazu dient, um sich abzusichern, dann wird er enteignet und des Landes vertrieben.

Doch wir brauchen auch gar nicht so weit zu gehen: Nicht wenige, die sich auf Gemeinschaftsunternehmen eingelassen haben, etwa auf eine Bauherrengemeinschaft, schwören sich, künftig nur noch etwas allein zu organisieren, denn diese gut gemeinten Gemeinschaftssachen bringen letztlich doch nur Ärger und werden dadurch auch noch unverhältnismäßig kostspielig. Die anderen haben oft einfach die merkwürdigsten Wünsche usw., die man selbst nicht nachvollziehen kann und die einem jegliches Gemeinschaftsgefühl einfach verleiden.

Außerdem: Was macht der "Reiche" denn mit seinem Vermögen? Von einem Haufen Geld hat doch niemand etwas! Er investiert es also entweder direkt, gibt es an eine Bank, die es weiter verleiht für Investitionen anderer, oder er konsumiert es - in jedem Fall werden damit Leute bezahlt, die etwas tun - er schafft also Arbeitsplätze...

Was stört uns denn eigentlich? Die Abkapselung? Doch warum gibt es die denn? Weil erfahrungsgemäß andere nicht damit umgehen können, wenn ein anderer mehr hat. Auch hier brauchen wir nicht weit zu gehen. Ein kroatischer Freund hatte eine Wohnung an Freunde vermietet: Doch diese gingen mit seinem Eigentum so wenig sorgsam um, daß er sich schwor, nie wieder seine Wohnung zu vermieten. Für die Einnahmen von umgerechnet ein paar tausend Euro hatte er Renovierungskosten für 15.000 Euro... Da läßt er lieber seine Wohnung leer stehen...

Doch unsere christliche Religion kennt die sieben Hauptsünden: Hoffart (Arroganz), Geiz (also Habsucht), Neid, Zorn, Wollust, Unmäßigkeit, Trägheit.

Welche von ihnen die Schlimmste ist, darüber kann man sicher streiten. Näheres unter dem entsprechenden Stichwort! Vermutlich ist alles dabei eine Frage der Ambivalenz und von Gebrauch und Mißbrauch - also auch beim Reichtum! Und wenn es darum ginge, alles das, was mißbraucht werden kann abzuschaffen, was müßte man dann nicht alles abschaffen - das Feuer, die Sexualität, die Frauen, die Männer, die Autos, das Benzin, die Atomkraft, die Gentechnik... Es kommt also wohl darauf an, wie man den Reichtum gebraucht.

Statt anderen Habsucht zu unterstellen, könnten wir ihnen ja auch dem Umgang mit ihrem Reichtum leichter machen!

Versetzen wir uns doch einmal in die Situation eines Reichen! Muß er nicht oft den Eindruck haben, daß andere nur von ihm haben wollen? Dabei kann auch er sich die schönsten Dinge der Welt nicht mit Geld erwerben. Die schönsten Dinge sind einfach gratis, man muß sie sich einfach anders "verdienen". Am einfachsten ist es vielleicht noch, an die Schönheiten der Natur zu kommen. Vom Enkel des großen Pariser Hoteliers Ritz in Paris erzählte man sich, daß er, wenn er in seinem armen Schweizer Kanton zu Gast war, am liebsten an der Rhone zeltete... Doch wie kann man die Liebe, das Vertrauen, die Freundschaft bezahlen? Ist Geld da nicht eher hinderlich?

Ob reiche Leute (und irgendwie reich sind wir ja alle - zumindest gegenüber den wirklich armen) nicht vielleicht sogar nur zu gerne geben, doch müssen sie oft nicht den Eindruck haben, daß andere mit dem Geld gar nicht richtig umgehen können, und behalten es daher lieber selber? Was dann natürlich wieder nach Habsucht aussieht...

Bei meiner zweiten Indienfahrt sprachen wir im Bundesstaat Kerala mit Ordensschwestern einer Mädchenschule. Natürlich sprach ich die Kolleginnen darauf an, daß zumindest einige von den Mädchen doch einmal nach Amerika und Europa oder auch nach Saudi Arabien gingen, und was die denen im Unterricht erzählten, daß die auch dort bestehen könnten. Die Nonnen wußten allerdings nicht, von was ich redete, und wir mir der uns begleitende Pater erzählte, war ihnen das auch völlig egal: "Die machen ihren Unterricht, und damit hat es sich!" Als ich dann die Direktorin fragte, was sie für Wünsche hätte, meinte sie: "Eigentlich nur Geld!" Natürlich hätte ich ihr ein paar hundert Dollar geben oder von hier aus auch noch mehr organisieren können, doch Ist es nicht verständlich, wenn ich das nicht tat?

Was wäre passiert, wenn die Nonnen mir angeboten hätte, mich auch mit meinem Engagement, was ich hier in der Website zeige, in der Schule einzubringen? Nicht zuletzt hatte ich diese Fahrt ja auch für ein fremdes Mädchen finanziert, was hätte also dagegen gesprochen, irgendetwas auch für andere fremde Mädchen, also für die der Schule, zu finanzieren? Doch es kam noch nicht einmal zu einem Gespräch, wie gesagt, die Nonnen wußten noch nicht einmal, von was ich redete... Was wäre, wenn wir Menschen ganz grundsätzlich nach einem ethischeren Umgang miteinander strebten, ob sich dann nicht auch das Problem der Habsucht von alleine löste?

Habsucht macht einfach kleinkariert.

Wer in New York auf dem John-F-Kennedy-Airport einfliegt, überfliegt kurz davor die Halbinsel Long Island und davor gelagerte Inseln. Und man sieht unter sich jede Menge schachbrettartige kleine Grundstücke jeweils mit Haus und Swimmingpool, die immer fast das ganze Grundstück ausfüllen. Was machen allein alle diese Swimmingpools für Arbeit, was kosten sie und wie viel Wasser verbrauchen sie? Wäre es nicht viel schöner, wenn die Bewohner statt der vielen eigenen doch relativen kleinen Swimmingpools größere gemeinschaftliche hätten? Wenn ich an so manche Spaßbäder denke! Man könnte ja schnell mit dem Fahrrad hinfahren und hätte noch einen zusätzlichen Effekt... Und wenn wir gar noch eine wirkliche Moral à la basisreligion hätten, so daß wir bei alldem auch ohne Ängste aufeinander zugehen könnten, dann wäre doch das gemeinschaftliche nun wirklich viel schöner!  

Also, ich kann mich der Meinung der Marxisten nicht anschließen - wenn wir wirklich christlich wären, dürfte das Problem der Habsucht keines mehr sein! Wozu haben wir denn unseren Reichtum und warum zeigen wir ihn vor anderen? Doch um mehr zu scheinen - doch könnten wir dieses Problem nicht auch so lösen, daß wir tatsächlich mehr sind?

Warum sich basisreligion mit der Verteufelung der Habsucht zurückhält.

Etwas in wirtschaftlichen Dingen zu ändern, ist ein sehr heißes Eisen und außerordentlich schwierig. Wir haben von den Revolutionen à la Marxismus sozusagen die Schnauze voll und glauben nicht, dass die Welt auf uns gewartet hat, dass wir das besser machen können! Doch der zwischenmenschlichen Liebe auf die Beine zu helfen, hier Information und Kindererziehung zu starten, damit sich da etwas ändert, das hat Chancen, das schadet niemandem und hilft überflüssiges Leid zu vermeiden und macht die Menschen ganz einfach glücklicher. Und solche Menschen können dann ja zusehen, wie sie es machen - und vor allem sind sie frei von Neid aus kleinlichen Gründen, der bei den bisherigen Aktionen gegen die Habsucht ja nie ganz auszuschließen ist!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)