HALBE SACHEN sagen wir eher umgangssprachlich, wenn wir eine Idee oder ein Konzept nicht vollständig ausführen, weil uns die Mittel dazu ausgehen (weil wir etwa kein Geld, keine Zeit, keine Ausdauer haben) oder weil wir "Angst vor der eigenen Courage" bekommen. Ärgerlich wird es, wenn jemand eine gute Theorie mit halben Sachen oder eben im Stil eines Dienstes nach Vorschrift in die Wirklichkeit umzusetzen versucht, womit er dann natürlich keinem Erfolg hat, und sagt: "Es geht nicht!"

Kennen Sie das Buch von Wladimir Dudinzew "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", ein auch heute noch lesenswertes Buch aus der Zeit des Sowjetkommunismus? Da geht es genau um dieses Thema: Ein Lehrer hat eine Röhrengießmaschine entwickelt, deren Einsatz der Volkswirtschaft viel Geld sparen würde, doch er kommt nicht dazu, seine Entwicklung in die Praxis umzusetzen, weil dem einfach offensichtliche Eigeninteressen der Zuständigen entgegenstehen. Schließlich wird er zum typischen Nörgler und kommt sogar ins Gefängnis. Immerhin versuchen schließlich doch welche die Maschine zu bauen, doch mit ihren eigenen "notwendigen Verbesserungen" - und machen damit nur alles falsch oder eben "halbe Sachen" , weil sie eben den "roten Faden" nicht begriffen haben und sagen dann auch noch, dass das ganze System nicht klappt...

Ungeliebtes Thema Nummer 1 ist die Moral: Es muss so aussehen, als ob man alles dafür tut, doch in Wirklichkeit will man ja gar nicht!

Besonders gern werden halbe Sachen gemacht, wenn es um die Umsetzung der Vorstellungen unseres christlichen Glaubens und der damit verbundenen Moral in die Praxis geht. Nicht nur, wenn es darum geht, dass wir unser Leben nach einem christlichen Konzept gestalten, sondern auch, wenn wir unsere Kinder zu einem solchen Konzept erziehen, haben wir stets patente Rationalisierungen zur Hand, warum genau die richtige Umsetzung angeblich nicht möglich ist - viel anders machen es auch nicht die Moralapostel.

Ein typisches Beispiel, wie eine gute Idee scheitert, wenn sie mit halben Sachen ausgeführt wird, mag die Fortführung der Tradition der Beschneidung der Mädchen im alten Ägypten auch nach der Christianisierung sein: Mit dem Doppelt Gemoppelt bewies man, dass man im Grunde nichts von wirklichem christlichen Glauben und von christlicher Freiheit und Emanzipation begriffen hatte und im Grunde im alten heidnischen Denken verhaftet geblieben war.

Doch auch wir brauchen uns keineswegs zu brüsten, dass wir das Problem der halben Sachen überwunden hätten: Fromme Christen mögen zwar gegen Abtreibung und Empfängnisverhütung sein, doch das eigentliche Anliegen der christlichen Sexualmoral, nämlich das einer echten Monogamie, die vom Geist (also vom Denken) her kommen muss, haben sie offensichtlich nicht begriffen. Nicht nur unsere Ängste vor eigener Nacktheit (siehe Scham) und deren Einbau in die Erziehung unserer Kinder weisen darauf hin, dass wir unserem Denken doch nicht so recht vertrauen. Und so mag auch unser Glauben an weitere angebliche Glaubenswahrheiten ein Indiz für unser fehlendes Verständnis für wirklichen christlichen Glauben sein, wenn wir ihn etwa mit eher heidnischem Schöpfungsglauben, mit Glauben an eine Jungfrauengeburt, an eine Auferstehung und/oder an ein Leben nach dem Tod verknüpfen.

So sind wir eben am liebsten immer nur ein bisschen Christ nach außen hin ohne endgültige Konsequenzen für unser eigenes Leben.

Ein bisschen Christ geht allerdings genauso wenig wie ein bisschen schwanger, entweder ganz oder gar nicht! Doch leider wird es uns ja so auch nur beigebracht und vorgelebt.

Und wenn wir schon nicht nach christlichen Vorstellungen leben, dann sollten wir doch ehrlich sein und nicht noch so tun, sondern gleich bei einer der heidnischen Religionen einsteigen. Denn dort ist normal, daß an alles das geglaubt wird, was bei uns als unglaubwürdig abgelehnt wird (siehe Glaubwürdigkeit). Und wenn wir uns dann bei der Sexualität schon nicht an die Zehn Gebote halten, dann sollten wir wenigstens auch da keine halben Sachen machen und doch gleich besser zu einer der heutigen Jugendreligionen wie Bhagwan gehen, denn da ist auch auf diesem Sektor genau das richtig, was im christlichen Glauben im Grunde unmöglich ist! Ein Handeln und Denken in halben Sachen ist im Übrigen typisches Kennzeichen eines Spießers und eines Menschen mit Sklavenmoral und nachteiliger, als wenn wir nie etwa mit der Suche nach einem Lebenskonzept angefangen hätten. Allerdings: Möglicherweise lief die Botschaft Jesu und die Praxis der frühen Kirche auch eher auf das hinaus, was wir heute eine Jugendreligion nennen!

Biologisch läßt sich das Problem der halben Sachen mit der Produktion und Wirkung unserer Hormone erklären: Da wir wegen der "halben Sachen" nicht zum Erlebnis des vollen Effekts des Paradieses kommen (etwa zum Rausch der Phase der Ästhetik - also mit  Enthaltsamkeit trotz Nacktheit durch das Halten der Zehn Gebote), verpufft die Wirkung und nichts bringt uns zur Begeisterung und wir geben auf. Und niemand weist uns darauf hin, daß unsere Versuchsanordnung einfach falsch war, wer hätte an einer Korrektur auch ein Interesse? Siehe auch Kompromisse.

Und wie selbst Wissenschaftler immer wieder halbe Sachen machen:

Denken wir an die Leben-Jesu-Forschung! Die Forscher bleiben in ihrem Gelehrtenmilieu und denken gar nicht daran, einmal Leute aus dem Milieu bei den entsprechenden Bibelstellen zu fragen, mit dem Jesus zu tun hatte, also mit Sündern und Zöllnern und denen an den Zäunen und Wegrändern. Oder wenn Theologen nach dem Hintergrund der Adam-und-Eva-Erzählung forschen. Sie kommen schon auf die Idee, dass es eine Geschichte gegen eine vorhandene Religion ist. Doch dann sagen sie immer, dass es nichts bringt und forschen nicht mehr weiter. Dabei könnte man doch einfach nur einmal einen Schritt weiter gehen oder sich etwa diese "vorhandenen Religionen" näher ansehen. Doch das tut man lieber nicht...

Daher versucht basisreligion, beim Entwickeln eines Konzepts so konsequent wie möglich zu sein:

Entweder ganz oder gar nicht!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)