HASS ist eine allgemeine und eher unbewußte Gefühlsstimmung, die auf Schädigung und Vernichtung ausgerichtet ist. Die Ursache ist ein tatsächlicher oder eingebildeter erlittener Schaden, und da vor allem einer, der ebenfalls eher etwas Unbewußtes betrifft. Und was kann da schlimmer sein, als daß jemandem bewußt wird oder daß er auch nur ahnt, daß er einem falschen Sinn des Lebens hinterhergelaufen ist und damit sein Leben verpaßt hat? Dies ist vor allem der Fall, wenn ihm die zutiefst ersehnte Einheit von Leib und Seele nicht gelungen war, weil er keine Ahnung von diesem höchsten Ziel hatte und weil er auch keinen sinnvollen Ausgleich dafür fand (wir sagen etwa von jemandem, "der hat Orgasmusschwierigkeiten", doch ist das alles nicht getan mit einem oberflächlichen Erlebnis - ja, wenn es ein Orgasmus in der Einheit von Leib und Seele wäre, dann träfe das wohl eher den Kern des Problems..). Der Haß ist umso verbissener, je schwerwiegender der Schaden empfunden wird, und um so blinder und irrationaler, je weniger bewußt der tatsächliche Grund ist.

Es liegt nun in der Natur der Sache unseres Lebens auch und gerade in unserer heutigen Zeit, in der der Wert der Einheit von Leib und Seele kaum noch eine Bedeutung zu haben scheint und nur zu oft mit den Füßen getreten wird, daß es daher ganz zwangsläufig immer genügend Gründe und Anlässe für diesen unbewußten Haß gibt und daß sich daher auch solcher vermutlich in einem jeden von uns "angesammelt" hat.

Denn selbst diejenigen, denen beim besten Willen persönlich noch nichts Böses widerfahren ist, haben immer noch den Schaden der jeweiligen Kultur, die sie an ihrer Einheit von Leib und Seele und damit an ihrem wirklichem Sieselbstsein hindert (siehe Manselbstsein), und auch sie haben damit Grund zu hassen. Zumindest jeder erwachsene Mensch muß damit rechnen, daß auch er irgendwo haßt.  

Die erste Aufgabe ist also vermutlich, daß wir diesen Haß überhaupt einmal bei uns einkalkulieren. Und danach ist die zweite Aufgabe nachzudenken, wie wir mit ihm umgehen, an wen wir ihn loswerden oder besser nicht loswerden und wie wir ihn aufarbeiten, um vor allem zu verhindern, daß Gutwillige und Unschuldige, mit denen wir umgehen, wieder in den Kreislauf von Täter und Opfer dieses Hasses hineingezogen werden.

Denn das konkrete Ziel dieses Hasses trifft bisweilen genau die Falschen, das heißt, er trifft gar nicht diejenigen, die nun tatsächlich verantwortlich für den Schaden sind, sondern nur zu oft jemanden, der gerade "zur Verfügung" steht oder der im Trend der Zeit liegt, dessen Schuld uns sozusagen mundgerecht plausibel gemacht wird und der zumeist auch noch schwächer ist und sich nicht so recht wehren kann.

So läuft der im Beruf frustrierte Mann Gefahr, seinen Haß an seiner Frau und seinen Kindern auszulassen (weil die gerade da sind) oder an den Asylanten (weil das im Trend der Zeit liegt) oder die von anderen Männern frustrierte Frau am eigenen Mann (weil sie etwa denjenigen, den sie wollte, nicht kriegen oder nicht halten konnte und sie im Leben nicht auf ihre Kosten gekommen ist). 

Und selbst wenn das Problem der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit des eigenen Hasses erkannt ist und jemand bewußt versucht, davon frei zu werden, so hat der Haß doch die heimtückische und zählebige Eigenschaft, daß er sich nur neue und noch irrationalere Objekte sucht. Wir glauben, den Haß überwunden zu haben und es besser zu machen, moralischer zu werden, anderen Menschen wirklich zu helfen, doch wir machen in Wirklichkeit alles nur noch schlimmer.

Noch mehr als bei der Lüge ist vermutlich das, was da bei dieser schrecklichen menschlichen Stimmung offenkundig ist, nur die Spitze des Eisbergs. Wenn etwa Kinder geschlagen, gequält und ausgebeutet werden (siehe auch Mitschnacker), so ist das alles sicher sehr zu verurteilen, doch ist das alles wirklich Haß? Ist Haß nicht eher ein undurchschaubarer Hintergrund, der kaum richtig bewußt wird sich eher unauffällig und dann sogar als etwas Positives zeigt?

Es geht hier vor allem um den Haß der jeweils alten Generation gegen ihre nachfolgende, und zwar um den sozusagen institutionalisierten, den es in irgendeiner Weise in vielen oder gar in allen Kulturen zu geben scheint und der von Generation zu Generation übertragen wird.

Wird denn da nicht immer das Gelingen der Einheit von Leib und Seele der jungen nachwachsenden Menschen den Bedürfnissen und Frustrationen (bis hin zu Abartigkeiten) der alten Menschen untergeordnet? Was machen eigentlich die vom Leben enttäuschten Afrikanerinnen, wenn sie auch wieder die jungen Mädchen mit einer Beschneidung ihrer Geschlechtsteile verstümmeln? Vordergründig verderben sie ihnen damit den Spaß bei der Sexualität, letztes Ziel einer solchen Barbarei ist jedoch wohl, daß auch wieder diesen Mädchen einmal eine Erfüllung ihres Sinn des Lebens in der Einheit von Leib und Seele zeitlebens genau wie ihnen selbst unmöglich wird. Können wir uns nicht das Verhalten der alten Frauen, die dies tun, letztlich nur mit ihrem abgrundtiefen Haß gegenüber ihren jüngeren Schwestern erklären: Die sollen es in den berauschendsten und großartigsten Dingen des Lebens auch nicht besser haben als sie selbst in ihrem eigenen Leben. Die Lust und die Erfüllung, die man selbst nicht hatte, sollen andere auch nicht haben!

Und weil wir das hier bei uns in Mitteleuropa nun nicht so machen, fühlen wir uns da frei und erhaben über solche Barbarei. Doch machen wir es hier wirklich besser? Sollten wir unsere selbst erlittenen Unerfülltheiten und Enttäuschungen tatsächlich besser unter Kontrolle haben? Das wäre nun ein wirkliches und seltenes Wunder. Übersehen wir vielleicht nicht nur viel mehr die in unserer Kultur üblichen Verstümmelungen? Das ist ja das Merkwürdige, daß man nur zu oft genau dort über andere herzieht, wo man selbst die größten Fehler hat! Wie ist das denn mit unseren eigenen Erziehungsprinzipien? Sind die wirklich soviel anders und besser? Zur wirklichen Freiheit und Emanzipation von innen her werden doch auch bei uns die jungen Menschen kaum oder nicht erzogen. Wir wissen doch genau, daß schon uns eine Erziehung zu Sitte und Anstand mit der ganzen Scham, die damit zusammenhängt, nichts geholfen hat und daß unsere Lebensproblematik anders begann. Und trotzdem erbauen wir wieder dieselben Mauern in den Köpfen der jungen Menschen, werkeln also weiter an den üblichen Teufelskreisen, damit sich ja nichts ändert.

Verstümmeln wir also bei uns nicht vielleicht eher geistig, schicken wir nicht die jungen Menschen mit unserer Fixierung auf moralische Wertlosigkeiten und Unterlassung von geeigneten und angemessenen Informationen in eine Richtung, in der auch sie das Gelingen ihrer eigenen Einheit von Leib und Seele verpassen?

Es dürfte sehr schwer sein, den Haß abzubauen. Zu fest sitzen die überkommenen und von den jeweiligen Kulturen geprägten Rationalisierungen.

Wenn auch Logik und Berücksichtigung der natürlicher Mechanismus uns vor manchen Irrtümern schützen könnten, so ist die letzte Überwindung des Hasses gewiß immer eine Frage der Gnade.

Im Matthäusevangelium wirft Jesus den Priestern vor zweitausend Jahren vor, daß sie selbst den Himmel (= die Einheit von Leib und Seele) nicht erreichen und diesen Himmel auch anderen Menschen verwehren. Wäre es daher nicht ureigenste Aufgabe derer, die heute in der Nachfolge Jesu stehen wollen, daß sie damit anfangen, den Kreislauf von Haß und Enttäuschung endlich aufzubrechen? Stehen unsere heutigen Priester vielleicht nur zu oft gar nicht mehr in dieser Nachfolge, sondern vielmehr in derjenigen ihrer früheren Kollegen, die schon Jesus Heuchler nannte, weil sie sich um die Verantwortlichkeit für konkretes Heil der ihnen anvertrauten Menschen drückten und es ihnen eher um das Geschäft mit der Vergebung ging?

Haß ist mit Sicherheit die hartnäckigste Motivation nützlicher Idioten, das Werden des Reiches Gottes nachhaltig zu verhindern. Es würde der Plausibilität für den Justizmord an Jesus entsprechen, daß Jesus diesen Haß bemerkt hatte und nicht aufhörte, ihn mit heiligem Zorn schonungslos anzuprangern. Doch es ist schwierig, wirklichen heiligen Zorn im Sinne der Nachfolge Jesu von blindem und fanatischen Haß auseinander zu halten.

Und bedenken wir: Wenn der Hass erst einmal zum Sinn des Lebens geworden ist, dann reagiert man gegen den, der einem diesen Sinn des Lebens wegnehmen will, natürlich mit noch mehr Haß!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)