Den HEXENWAHN bekämpfte die Kirche im frühen Mittelalter, weil der Glaube an die Hexen als Mittlerinnen zur Götter- und Geisterwelt zum vorchristlichen alten germanischen Volksglauben gehörte. Es war etwa bei manchen germanischen Stämmen üblich, Hexen zu töten und deren Fleisch zu essen, um sich deren Fähigkeiten anzueignen. Daher verbot etwa auf dem Reichstag von Paderborn 799 (?) Karl der Große den Hexenglauben als heidnisches Machwerk und damit wurden die Hexenverfolger jetzt ihrerseits zu Tätern im Hexenwahn. Zu einer Tod und Verderben bringenden Volksseuche, der zwischen fünfzigtausend und einige Millionen Menschen zum Opfer fielen (genaue Zahlen sind nicht bekannt), entwickelte sich der Hexenwahn dann im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit.

Wie bei allem Bösen kam es zum Hexenwahn durch das tragische Zusammenwirken verschiedener Komponenten, von denen jede für sich allein genommen keinesfalls zu einer solchen Katastrophe, wie es der Hexenwahn war, zu führen brauchte.

Die einzelnen Komponenten sind unter anderem folgende:

  1. Germanischer Hexenglaube. Bei den alten Germanen hatten Hexen die Funktion als Dienerinnen oder Mittlerinnen der Götter. Bei der Christianisierung der Germanen wurden nun von den christlichen Missionaren die alten Götter zu Teufeln gemacht und damit auch deren Dienerinnen zu Dienerinnen der Teufel oder eben des Bösen.

  2. Frauenfeindlichkeit des durch den Dualismus eines leibfeindlichen und entfremdeten Christentums. Obwohl Jesus selbst nicht nur nicht frauenfeindlich war, sondern mit Sicherheit sogar die Frauen als völlig gleichwertig angesehen hat, kam es durch den Einfluß des Dualismus und der mit ihm gegebenen Gnosis zu einer leib- und damit auch frauenverachtenden Verfälschung seiner Botschaft.

  3. In allen Kulturen vorhandene bewußte oder unbewußte Ängste der Männer vor den Frauen und interessanterweise teilten die Frauen selbst auch noch diese Ängste, das war einfach das "gesunde Volksempfinden" - siehe gesunder Menschenverstand! Sehr oft ängstigen sich Männer vor der letzten Endes vielleicht sogar größeren biologischen Kraft der Frauen, deren Ursache ihre Veranlagung zur Weitergabe des Lebens ist. Kennzeichnend für die typischen Ängste der Männer gegenüber den Frauen mögen die Ängste vor dem Menstrualblut in manchen Kulturen sein, wie der antiken griechischen: Angeblich verlieren Bäume, die mit ihm in Berührung kommen, ihre Nüsse, werden Messer stumpf, abortieren Pferde, werden Spiegel blind und bekommen Männer Kopfschmerzen, wenn sie sich auch nur in demselben Raum wie eine menstruierende Frau befinden. Auch heute noch glauben manche unserer Zeitgenossen und selbst Frauen, daß Einmachgläser nicht dicht halten, wenn menstruierende Frauen beim Einmachen mitwirken (siehe Menstruation und Geschlechterkampf).

  4. Falsche Vorstellungen von natürlichen Gegebenheiten von der Zeugung des Menschen. Nicht nur über die Entstehung und Heilung von Krankheiten oder über die Wetterentwicklung gab es im frühen Mittelalter abergläubische Vorstellungen, sondern auch und gerade über Zeugung und Geburt. Eine Minderachtung der Frau bedeutete schon einmal die allgemein verbreitete Vorstellung von der Homunculus-Theorie, daß die Frau nämlich eine Art Ackerfurche sei, in die der Mann wie der säende Bauer seinen Samen hineinlege und in der dann das neue im Samen bereits im Grunde komplett vorhandene Leben nur zu Ende entwickelt werde. Da es hierbei jedoch einige Ungereimtheiten gab, glaubte man, daß Gott als Schöpfer des Lebens bei der Entstehung neuen Lebens stets direkt mitwirke. Wenn nun die Zeugung verhindert oder sogar abgetrieben wurde, dann mußte dabei dann eben der Teufel seine Hände im Spiel haben. (Daß die jeweiligen weiblichen Partner völlig gleichrangig an der Weitergabe neuen Lebens beteiligt sind, machten erst die Untersuchungen des Augustinerpaters Gregor Mendel im Klostergarten in Brünn vor gut einhundertfünfzig Jahren an weiß- und rotblühenden Erbsen zur wissenschaftlichen Gewißheit.)

  5. Weitere magische Vorstellungen im Zusammenhang mit dem Geschlechtsverkehr. In den Mythologien vieler Kulturen wird die Auffassung vertreten, daß damit geheimnisvolle Kräfte weitergegeben werden.

  6. Zeitgenössische Auffassungen, daß Folter und Todesstrafe sinnvolle und zulässige Mittel der Rechtspflege sind. Es ist schon merkwürdig, daß sich in Kulturen, in denen die Folter üblich ist, kaum jemand darüber Gedanken zu machen scheint, was das für bisweilen unsinnige Geständnisse sind, die da durch die Folter erpreßt werden. Viele der Folteropfer sehen nämlich ohnehin keine Chancen mehr, lebendig und halbwegs gesund aus der Folter herauszukommen und gestehen irgendetwas, was die Peiniger eben hören wollen, bloß um ihr Leiden zu verkürzen. Und auch kann die Anwendung der Todesstrafe zu einer verhängnisvollen Entwicklung führen: Wenn sie schon wie etwa im Mittelalter für Falschmünzer galt, wo es doch dabei nur um materielle Werte ging, mußte sie nicht auch gerade dann infrage kommen, wenn es um die ungleich höheren Werte des Glaubens und der Moral ging?  

  7. Die "wissenschaftlichen" Vorstellungen im Mittelalter von der Wesensverwandlung eines Lebewesens oder auch eines "Stoffs", indem seine Seele ausgetauscht wird. Das heißt, dieses Lebewesen oder dieser Stoff ist wohl äußerlich noch "einwandfrei", innerlich jedoch längst etwas anderes. Die Problematik wird hier unter dem Stichwort Fronleichnam behandelt.

  8. Ängste und Verdrängungen der Sexualität im Mittelalter. So wie die oft großartigen Kathedralen und anderen religiösen Kulturleistungen die eher positive Seite der Aufarbeitung der vorhandenen Ängste im Mittelalter waren, gab es auch ausgesprochen negative Seiten: Das waren einmal die Höllen- und Fegefeuerängste der mittelalterlichen Menschen und dann brauchte man auch Schuldige! Nur äußerlich war ja vielleicht die Einstellung zur Sexualität damals frei und unverklemmt, gelungen war sie deswegen noch lange nicht. So beweisen die oft zitierten freien Badestubensitten doch gerade nicht die Harmonie der Beziehung von Mann und Frau im Mittelalter, sondern daß es um die wirkliche Einheit von Leib und Seele der Menschen im Mittelalter schlecht bestellt war.

Das alles war der geistige Hintergrund des Hexenwahns! Hätte auch nur eine von allen diesen Komponenten gefehlt, wahrscheinlich wäre es dann überhaupt nicht zum Hexenwahn gekommen, so aber war er wohl unausweichlich. Den Hexen - und schließlich waren Ziel des Wahns auch männliche "Zauberer", die sich ähnlich wie die Hexen verhielten oder aus ähnlichen Gründen Feinde hatten, die sie denunzierten - unterstellte man nun ein Bündnis mit dem Teufel.

Ein lesenswertes Buch hierzu ist das von Rainer Decker: "Die Päpste und die Hexen" (Frankfurt, 2003)

Hexe wurde man - natürlich immer nur vermeintlich - wohl nur selten durch rote Haare, sondern vor allem durch die Buhlschaft, also durch Geschlechtsverkehr mit dem Teufel.

Ich zitiere aus dem "Hexenhammer", dem üblen Machwerk von Jakob Sprenger und Heinrich Institoris , übersetzt von J.W.R. Schmidt (1906), Band II, Seite 67: "Auf die Frage, ob sie sichtbar oder unsichtbar solche Unflätereien miteinander treiben, ist zu sagen, was uns die Erfahrung gelehrt hat, daß, wenn auch der Incubus immer sichtbar für die Hexe handelt, so daß es für ihn wegen des ausdrücklich mit ihm geschlossenen Paktes nicht nötig ist, sich unsichtbar zu nähern, bezüglich der Umstehenden zu sagen ist, daß oft auf dem Felde oder im Walde Hexen auf dem Rücken liegend gesehen wurden, an der Scham entblößt, nach der Art jeder Unflätereien die Glieder in Ordnung, mit Armen und Schenkeln arbeitend, während die Incubi unssichtbar für die Umstehenden wirkten, mochte sich auch am Ende des Aktes ein ganz schwarzer Dampf in der Länge eines Mannes von der Hexe in die Luft erheben; aber das nur sehr selten..."
Bei solchem Zusammensein war also der Teufel (hier als "Incubus") für die Hexe angeblich sichtbar und erfahrbar, für Beobachter allerdings nicht. Auch Zauberer wurde man durch Geschlechtsverkehr mit dem Teufel, allerdings hatte sich da der Teufel in eine Frau verwandelt. Als Beweis für die Richtigkeit dieser Auffassung galten die oft gleich lautenden Geständnisse der Hexen unter der Folter, dabei wurde sogar gestanden, daß der Teufel an seinem behaarten Glied erkannt und so von einem normalen Mann unterschieden worden war. Das war natürlich alles totaler Unsinn und läßt sich heute nur mit den Verdrängungen und dem Aberglauben der Menschen während der Zeit des Hexenwahns erklären.

Von der angeblichen Kraftübertragung durch den Geschlechtsverkehr mit dem Teufel her konnten die Hexen dann ihre Umwelt verderben, was sie vornehmlich natürlich in demselben Bereich taten, in dem sie auch angesteckt worden waren: Sie verhexten also die Zeugungskraft der Männer, sie machten Frauen unfruchtbar, sie töteten die werdende Leibesfrucht und sie brachten kleine Kinder bereits bei der Geburt oder kurz danach um (in manchen Gegenden wurden die meisten Hebammen irgendwann einmal als Hexen angeklagt und verurteilt). Der Kern der Wahrheit ist wahrscheinlich der, daß Kräuter sammelnde Frauen möglicherweise genau auch die Kräuter kannten, die empfängnisverhütende oder abtreibende Wirkung hatten (also die Vorläufer unserer Pille), oder sonstwie auf diesem Gebiet Fachleute waren. Wenn später und auch noch in unserer heutigen Zeit dieser Hintergrund des Hexenwahns nicht wahr genommen und statt dessen die Auffassung weitergegeben wird, daß rothaarige oder bucklige alte Frauen, die einfach nur Kräuter gegen Krankheiten suchten, als Hexen angesehen wurden, so kann dies nur als heutige Verdrängung des Hexenwahns angesehen werden. Diese Verdrängung ist ein sicheres Zeichen dafür, daß der Hexenwahn immer noch nicht aufgearbeitet wurde und daß er unter anderem Vorzeichen und gegen andere Bevölkerungsgruppen immer wieder aufflackern kann (siehe Nationalsozialismus).

Oder war alles noch ganz anders? Inzwischen hörte ich von einer anderen Theorie:

"Hexen" waren bisweilen auch Frauen, die zuviel von den sexuellen Interessen und Gepflogenheiten mancher Geistlicher und anderer Oberen "wußten", darum mußten sie "weg"!

Oder ein anständiges Mädchen hatte den Gefallen eines Geistlichen auf sich gezogen, sich jedoch seiner "Anmache" verweigert. Na, dann wurde eben mal dieses Mädchen "geopfert" zur Warnung für die übrigen Mädchen und Frauen, falls sie ihnen einfiele, sich "bei entsprechender Gelegenheit" auch zu verweigern. Wenn wir bedenken, wie im alten jüdischen Gottesstaat oder im Gottesstaat der Taliban in heutiger Zeit die Gesetze gegen den Ehebruch eigentlich nur repressiv gegen die Frauen angewandt wurden, die bei der ihnen aufgedrängten Unmoral nicht mitmachen wollten, so sollte es uns nicht wundern, wenn im mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen "Gottesstaat" die Gesetze gegen die Hexen zumindest bisweilen ähnlich repressiv angewandt wurden (siehe Gespräch 12 und kriminologischer Ansatz)?

Wer die heute zugängliche Originalliteratur zum Hexenwesen, etwa den "Hexenhammer" aus dem Jahre 1487 oder den Versuch der Bekämpfung dieses Wahns durch den Jesuitenpater Friedrich von Spee mit seinem Buch "Cautio Criminalis" (1631) zur Hand nimmt, wird unschwer den sexuellen Charakter des Hexenwahns erkennen, siehe den Auszug aus Spees "Cautio Criminalis" über die Unsinnigkeit und die Sinnlosigkeit, den Verdächtigen die Schamhaare scheren zu lassen.

Der Hexenwahn war offensichtlich das Ventil für eine nicht bewältigte und verdrängte Sexualität, schließlich ging es ja in dem auch im Mittelalter entstellten Christentum längst nicht mehr um eine gelungene diesseitige Einheit von Leib und Seele der Menschen, sondern um irgendwelche außerweltlichen Erfüllungen.

Der Hexenwahn begann gegen Ende des 13. Jahrhunderts, als die aus der griechischen Antike übernommenen Vorstellungen von den Wesensverwandlungen aus den Naturwissenschaften auf alle möglichen Probleme in der Theologie und in anderen Geisteswissenschaften übertragen wurden. Zu den ersten Hexenverurteilungen und -hinrichtungen kam es allerdings erst in der Mitte des 15. Jahrhunderts u.a. aus politischen Gründen (so die Verbrennung der Jungfrau von Orleans 1431). Der Hexenwahn dauerte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts mit unterschiedlicher Intensität. Die letzten Hexen wurden verbrannt, obwohl man es schon gar nicht mehr richtig begründen konnte, einfach, "weil es schon immer so war, man konnte sich doch nicht schon so lange geirrt haben..."

Hexenglaube heute

In der "Welt" vom 11. September 2010 lesen wir über "Die Hexenkinder von Nigeria", siehe http://www.welt.de/die-welt/politik/article9548129/Die-Hexenkinder-von-Nigeria.html

Anmerkung: Sicher noch vor dem Jahr 2000 fand ich in der Welt eine Notiz zu "gestohlenen Geschlechtsteilen" in Nigeria, auch durch Hexen! Vermutlich fühlten sich Männer wegen ihrer Impotenz verhext. Leider habe ich die Notiz verloren.

Um Impotenz durch Hexerei geht es auch in einem Beitrag in derselben Zeitung  (es muss wohl im Jahr 2006 gewesen sein):

Saudi Arabisches Gericht verurteilt "Hexe" zum Tode

Riad -   Die Organisation Human Rights Watch hat den saüdiearabischen König Abdullah aufgefordert, die Hinrichtung einer wegen Hexe­rei zum Tod verurteilten Frau abzu­wenden. Die Religionspolizei, die Fausa Falih festgenommen und verhört habe, und die Richter hätten ihr keine Chance gegeben, ihre Un­schuld zu beweisen, erklärte die Menschenrechtsorganisation, die ihren Sitz in New York hat. Die Vor­würfe seien absurd und hätten keine Rechtsbasis.

Die Richter in der Stadt Kuraijat hätten sich für ihr Urteil Vom April 2006 auf ein erzwungenes Geständ­nis gestützt und auf Aussagen von Zeugen, die nach eigenen Angaben von der Frau "verhext" worden sei­en. Unter anderem habe das Gericht den Fall eines Mannes aufgeführt, der angab, von Falih verhext wor­den und anschließend impotent ge­worden zu sein. Hexerei gilt in dem konservativen Königreich als Straf­tat gegen den Islam. Falib zog ihr Geständnis vor Gericht mit der Be­gründung zurück, es sei von ihr er­presst worden. Sie sei eine Analphabetin, die den Inhalt des Dokuments nicht verstanden habe, unter das sie ihre Fingerabdrücke habe setzen müssen. Die Richter hätten in dem Verfahren den Tatbestand der Hexerei nicht näher definiert, erklärte Human Rights Watch. Die Tatsache, dass saudi arabische Richter noch immer Prozesse wegen ncht be­weisbarer Verbrechen wie "Hexe­rei" führten, unterstreiche ihre Un­fähigkeit, objektive strafrechtliche Ermittlungen durchzuführen, er­klärte der für den Nahen Osten zu ständige Direktor der Organisation, Joe Stork. Eine Reaktion aus Saudi­Arabien lag zunächst nicht vor. AP

 (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)