HOCHSTAPLER. Am ehesten ist uns das Problem bekannt im Zusammenhang mit Frauen, die ihren Traummann suchen (oder auch nicht), und dabei eben auf einen Hochstapler (oder auch auf ein Alphamännchen) reinfallen, also auf einen Mann, der weiß Gott was vorgibt und in Wirklichkeit doch recht armselig ist.

Doch auf Hochstapler reinzufallen ist nicht auf Frauen beschränkt, auch im öffentlichen Leben gibt es Hochstapler - und auf die fallen dann sogar hochangesehene Fachleute herein!

In den Jahren Ende des zweiten Jahrtausends erleben wir den Fall des Postboten Gert Postel. Zunächst als Theologe, dann als Amtsarzt und schließlich als Oberarzt und Chefarzt in einer psychiatrischen Klinik macht er mit gefälschten Zeugnissen glänzende Karriere, und fällt nur immer durch "dumme Zufälle" auf (er wird schlicht erkannt von Leuten, die ihn von früher kannten).

Wie kann das passieren?

Das Problem ist vermutlich, daß der Erfolg so mancher Wissenschaft heute nicht mehr an Ergebnissen der Praxis gemessen wird, sondern in unserer wissenschaftsgläubigen Zeit an dem Eindruck, den jemand macht. Und Postel hatte nun einmal ein tadelloses Auftreten und wußte die jeweilige fachspezifische Phraseologie geschickt einzusetzen.

Wie man das macht, erklärte mir einmal ein Fotolaborant, mit dem ich zusammen während meiner militärischen Dienstzeit das Fotolabor unserer Kompanie organisierte. Als eines Tages der Kompanieoffizier sich privat Bilder machen ließ, fragte der mich, was da eigentlich passiert, wenn Bilder belichtet und entwickelt werden. Und ich versuchte, ihm das so gut als möglich zu erklären - ohne Fachchinesisch, so daß der Leutnant das auch verstehen konnte, etwa daß hier "unsichtbare" Silbersalze durch Belichtung und anschließende chemische Prozesse in metallisches Silber überführt würden, das man dann mehr oder weniger als schwarze Färbung erkennen könnte. Der Fotolaborant hatte meine Versuche mitbekommen und tadelte mich hinterher: Das sei ganz falsch, was ich da gemacht hätte, wenn ich das so einfach erklärte, könnte das ja jeder verstehen und die Leute würden die Achtung vor Fachleuten verlieren, was schließlich dazu führe, daß die Leute meinten, überhaupt auf Fachleute verzichten zu können. Nein, ich müßte immer etwas so mit Fachwörtern usw. verbrämen, daß die Leute gar nichts verstünden. Und so würde man als Fachmann anerkannt und schließlich geehrt und die Welt bliebe in Ordnung!

Unter dem Gesichtspunkt der Hochstapelei ist die Website basisreligion gewiss eine totaler Schlag ins Wasser: Jeder Besucher soll alles verstehen!

Ich hoffe, die Leser dieser Website erkennen es dennoch an, daß ich versuche, komplizierte Sachverhalte in Theologie und Psychologie und deren Beziehungen zueinander so darzustellen, daß sie von einem Normalmenschen verstanden werden können - und wenn sie nicht verstehbar sind, eben solange zu suchen, bis ein verstehbarer Zusammenhang gefunden ist. Wichtig ist mir auch immer eine Anwendung für die Praxis, die auch funktionieren soll. Denn allein, wenn dies möglich ist, ist das ein Beweis für die Stimmigkeit einer Theorie. Und wenn ich dabei dann auf manchen Details penetrant herumhacke (etwa im Privaten auf der Nacktheit), dann möge man mir zugute halten, daß Hochstapler gewiß nicht so auf unbequemen Bedingungen für ihre Schwafeleien bestehen!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)