Der HORROR VACUI (lateinisch: der Schrecken vor dem Leeren, dem Vacuum) ist eine alte Vorstellung, daß die Natur keine Leere duldet, daß jeglicher leere Raum (im Sinn des Vacuums) also danach strebt, sich zu füllen.

Jede Leere hat nun einmal die Eigenschaft, sich mit irgend etwas zu füllen.

Seit dem Barometerversuch von Torricelli vor etwa 350 Jahren hat sich nun erwiesen, daß diese Vorstellung auf dem Gebiet der Naturwissenschaften zwar oft, jedoch nicht immer, zutrifft. Abgesehen davon, daß die Übertragung von naturwissenschaftlichen Zusammenhängen auf andere Gebiete ohnehin problematisch ist, soll die Übertragung hier auf das Gebiet der Seele in erster Linie auch nur der Anschaulichkeit wegen erfolgen. Denkanstöße entwickeln sich nun einmal üblicherweise in unserem menschlichen Gehirn aus ganz konkreten Situationen, sie müssen ohnehin von Fall zu Fall überprüft werden.

So haben die Konstrukteure des Monotheismus, also des Glaubens an einen Gott, vor etwa dreieinhalbtausend Jahren wohl durchaus erkannt, daß die ersatzlose Abschaffung der damaligen Götter vermutlich nicht durchsetzbar ist, weil die Menschen irgendeinen Glauben brauchten. Und so hatten sie dann den Glauben an einen einzigen "alternativen" menschlichen Gott eingeführt.

Damit hängt das Problem des Sinns des Lebens zusammen: Der Mensch ist nun einmal so veranlagt, daß er unbedingt einen Sinn des Lebens braucht!

Bedenken wir: Wenn ihm der von der Natur vorgesehene abhanden gekommen ist, dann sucht er sich einen anderen - und er kämpft auch für diesen, selbst wenn es, bei Nüchternheit betrachtet, der größte Unsinn ist!

Und da gibt es auch unser Angewiesensein auf Rauscherlebnisse.

Es scheint so, als ob wir zu unserer seelischen Harmonie derartige Erlebnisse so sehr brauchen, daß wir uns zwanghaft irgendwelche von irgendwoher holen, wenn uns die von der Natur vorgesehenen eher normalen nicht zu Verfügung stehen. Wir wissen inzwischen, daß der Mensch sein eigener Drogenlieferant für seine Rauscherlebnisse ist, indem sein Organismus Hormone produziert. Kann diese Produktion nun aus irgendwelchen Gründen nicht stattfinden, dann entsteht eine höchst gefährliche Situation der inneren Leere, also eine "hormonfreie" Situation der Spannungslosigkeit und der Langeweile. Und in dieser Leere kann es nun geschehen, daß wir schließlich sogar zerstörerische Erlebnisse akzeptieren und sie sogar suchen, Hauptsache, es kommt dabei zu Hormonproduktion und Rauschzuständen.

Bravheit und Langeweile sind für uns Menschen eben auf Dauer nicht zu ertragen, und das gilt durchaus auch und gerade für unerfahrene junge Leute. Und die werden dann bei passender Gelegenheit nur allzu schnell bereit, sich in für sie besonders aufregende Situationen zu stürzen, ohne realistisch an die Folgen zu denken oder daß sogar negative Folgen einkalkuliert werden, Hauptsache ist, daß dabei Hormone "entflammt" werden. Sowohl für Jungen wie für Mädchen haben da (Liebes-)Abenteuer eine besondere Faszination, die jedoch für Mädchen schließlich besonders folgenschwer sind. Eine Moral kann also nur durchgehalten werden, wenn sie mindestens genauso spannend und aufregend ist wie derartige Verlockungen.

(Es sei hier auf das im Stichwort Nacktheit Gesagte hingewiesen, daß das Funktionieren dieser Faszination genau der Trick ist, daß in repressiven Gesellschaften das mit den arrangierten Ehen im allgemeinen so reibungslos klappt: Gerade die behüteten jungen Mädchen werden durch die ganze Verschleierei sozusagen immer so notgeil, daß sie da auch noch gern mitmachen.)

Glücklicherweise hat die Natur hat unserem Organismus tatsächlich die Chance gegeben (siehe Veranlagung), auch in Situationen der Moral Hormone in der Form von Anti-Streß-Hormonen zu bilden, die durchaus erfüllende rauschähnliche Wirkung haben.

Wir müssen nur die uns von unseren Kulturen anerzogenen Mauern in den Köpfen durchbrechen und etwa bewußt diejenigen Situationen anstreben (Wissenskraft statt Willenskraft!), in denen sie auch ordentlich gebildet werden können, selbst wenn sie den Vorstellungen von oberflächlicher Sitte und von oberflächlichem Anstand widersprechen. Und da bieten sich etwa diejenigen bewußter Enthaltsamkeit im Zusammenhang mit Erlebnissen einer Phase der Ästhetik an. Konkret bedeutet das, daß mit einer bestimmten Einstellung sogar die Lust an der Nacktheit Kennzeichen von wirklicher Moral sein kann - wird dadurch nicht einer Überrumplung vorgebeugt, die oft eher moralzerstörend ist? Es muß allerdings klar sein, daß andere dies auch so sehen (siehe konkludentes Handeln).

Die Vorstellung aller typischen Religionen, durch Meditation und Sehnsucht nach Gott zu rauschähnlichen Erlebnissen zu gelangen, die dann auf unser sittliches Verhalten positiv einwirken, mag richtig sein, doch dürfte sie gerade bei jungen Menschen in der Praxis nicht durchzusetzen sein und allenfalls Ängste erzeugen, die schließlich doch nur zerstörerisch wirken.

Wenn wir in der Bibel die Worte Jesu finden vom Brot und von den Steinen, dann dürfte das auch das Thema HORROR VACUI ansprechen: Wenn man dem Menschen nicht das Vernünftige und ihm Angemessene gibt - sättigt er sich eben mit Steinen, Hauptsache er hat etwas im Magen. Siehe Matthäus 7, 9: "Oder welcher Mensch ist unter euch, der, wenn sein Sohn ihn um ein Brot bittet, ihm einen Stein geben wird?")

 

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)