ANONYME INDUSTRIEGESELLSCHAFT. Hierzu ein kurzer Schriftwechsel mit einer Besucherin der Website basisreligion:

DORA: Kennst du das Buch "Lassen Sie der Seele Flügel" wachsen von Peter Lauster? Hier kannst du eintauchen in unsere verkorkste, voll instruierte Gesellschaft, wirst wachgerüttelt - ich bin wachgerüttelt worden-, wirst darauf hin gestoßen, dass du aus der Gesellschaft aussteigen musst, also die Angepasstheit verlassen musst, wenn du deine Individualität leben willst.

Ich zitiere mal:


Der Kampf um den Besitz der Seele

Der Kampf um den Besitz der Seele ist ein Kampf um die Herrschaft über den Menschen. Dieser Kampf ist bereits im Sinne der Mächtigen (Politiker/Großunternehmer) entschieden, wenn man eine grobe gesellschaftliche Analyse anstellt. Ich muss in diesem Zusammenhang nochmals den scharfsichtigen Sozialpsychologen Erich Fromm aus einem Interview zitiert, in dem er sich besonders klar ausdrückt: "Ja, die Industriegesellschaft kümmert sich gar nicht mehr um den Menschen. Sie kümmert sich nur um eines: wie viel produziert wird. Der Mensch ist nur noch ein Instrument, um mehr und mehr zu produzieren und zu konsumieren. Mit anderen Worten: Damit wir eine gesunde Wirtschaft haben, brauchen wir einen kranken Menschen.
Das ist eine so harte Kritik an der Industriegesellschaft, dass sie von vielen als "extrem überspitzt" rationalisiert, also abgewehrt wird, denn sie besagt, dass die Menschen in unserer Gesellschaft bewusst, also vorsätzlich psychisch krank gemacht werden, weil die Wirtschaft solche kranken Menschen als Instrument braucht. Dies würde bedeuten, dass die Mächtigen (z.B. Wirtschaftsunternehmen etc.) die Menschen in den Industriegesellschaften als einen doppelten Faktor (also Arbeitskraft und Konsument) sehen, der in seinem Istzustand (durch Konsum- und Marktforschung) erforscht wird und in seinem Sollzustand bewusst produziert wird. Dies besagt auch, dass die Mächtigen um den Besitz der Seelen der Bevölkerung bemüht sind, dass sie mit gezielter Werbestrategie und mit Erziehungsstrategie arbeiten, um die Seelenstrukturen heranzubilden, die gebraucht werden, um sowohl die Produktion als auch den Konsum weiter zu steigern, damit wir eine gesunde Wirtschaft haben.

Das Buch selbst beschäftigt sich mit der "Lebensangst" eine Angst, die einem von Anbeginn seiner Tage in einer Gesellschaft aufgeladen wird, damit man richtig, normentsprechend funktioniert. Eine traurige Realität.

Jetzt werde ich gleich wieder ein bisschen in dem Buch lesen. Ich würde mich so freuen, könnte ich mich Stück für Stück aus der gesellschaftlichen und aus meiner persönlichen Enge befreien. Nicht im Sinne, ich denke jetzt halt etwas anderes, nein, ich meine damit meinen Kern, meine Individualität finden und meinetwegen als "Außenseiter" aber als lebendiger Mensch durch diese Welt gehen zu können. Michael, wie geht das?

MICHAEL (basisreligion): Nein, wir sind nicht krank, wir sind Sklaven. Doch die "oben" sind auch Sklaven, sie stehen immer in dem Stress, die anderen Sklaven beschäftigen zu müssen, weil die sonst rebellieren usw. Ich meine allerdings anders als Peter Lauster, dass es nicht die Industriegesellschaft ist, die die Sklaverei bewirkt. Es ist die fehlende Autonomie des Menschen in den persönlichsten Dingen. Wenn ich an das Gespräch 2 denke, da passiert überflüssiges "Sachewerden" des Menschen! Und wenn sich ein Mädchen mal überlegt, nicht Sache zu werden, dann kümmert das keinen Pädagogen - siehe Gespräch 40! Und dieses Wegsehen ist für mich schofel und sogar kriminell. Mein Ziel ist, das zu ändern, daß der Mensch zur Freiheit und zu (wirklicher) Emanzipation geführt wird  - und sehen wir dann weiter! (Ich habe das Problem unter Sklavenmoral beschrieben...)
Denn ich meine, die Industriegesellschaft ist ambivalent, also weder gut noch böse. Sie hat uns schließlich von vieler nun wirklich sklavischer Arbeit befreit und kann ja auch ganz praktisch sein, wenn ich allein an die Produkte denke, an Telekommunikation und Verkehrsmittel, die auch uns zusammengeführt haben. Es kommt doch wirklich nur darauf an, was wir draus machen. Und Sklaverei gab´s schließlich auch schon in weitestgehend landwirtschaftlichen Gesellschaften, die nicht so anonym waren...

Und ich könnte mir vorstellen, dass innerlich freie und emanzipierte Menschen auch schließlich zu einem völlig neuen Umgang miteinander in der angeblich so anonymen Industriegesellschaft kommen - frei von jedem oberflächlichen Hedonismus und von jeder Ausbeutung des Menschen durch den Menschen! Hier sind Menschen mit einem christlichen Glauben in der Nachfolge Jesu (allerdings in wirklicher!) gefragt!

DORA: Sicherlich hast du mit deiner Aussage bezüglich der Industriegesellschaft teilweise recht - aber eben nur teilweise - und wenn ich deinen Text zur Sklavenmoral lese , meine ich fast schon, ich lese Lausters Buch noch einmal.

Ich zitiere jetzt doch mal weiter, besser gesagt einen anderen Aspekt:

"...Die Lebenslügen sind Denkhaltungen, Einstellungen, Lebensphilosophien, die helfen sollen, das Leben in Verbindung mit den Abwehrmechanismen erfolgreich zu bestehen und Misserfolge möglichst zu vermeiden. Die Abwehrmechanismen helfen, die Lebenslügen zu stützen, aufrechtzuerhalten und gegen Angriffe zu verteidigen. Die einzelnen Lebenslügen ergänzen und verfilzen sich zu einem Lügensystem. Ich bezeichnete die Lebenslügen nach der für die charakteristischen Lügenaussage.

Die erste Lebenslüge lautet: "Charakter ist wichtiger als Individualität". Aus dem Abwehrmechanismus "Identifizierung mit den Normen der Erziehung und Gesellschaft" entwickelt sich eine Normenlust und der so genannte Charakterpanzer auf Kosten der Individualität. Eigener und fremder individueller Ausdruck wird verurteilt und bekämpft.

Die zweite Lebenslüge "Der Mensch braucht Vorbilder und Ideale" ist die Folge der ersten Lüge, führt zur verstärkten Selbstmanipulation und zur weiteren Selbstentfremdung.

Die dritte Lebenslüge "Sicherheit geht vor, Freiheit führt zum Chaos" (von mir: - sicherlich auch ein Aspekt, den ganz besonders Mädels spezifisch, auch sexuell reagieren lassen und u. a. die meisten Ehen entstehen lassen. Man spricht nicht umsonst bei Frauen von Torschlusspanik) wurde bereits angedeutet, als die Angst beschrieben wurde, "draußen zu stehen". Das Anpassungsstreben wird weiter ausgebaut und verbindet sich mit der Normenlust zum Anpassungszwang (von mir: Sklaverei). Sicherheit und Geborgenheit werden nur in der Anpassung gefunden, wogegen Freiheit Angstgefühle wecken.

Die vierte Lebenslüge "Jeder ist sich selbst der Nächste" entspringt der Erkenntnis, die Individualität und Selbstentfaltung bisher nicht gefunden zu haben. In einer sozialen Umwelt von charaktergepanzerten Menschen, die selbstentfremdet in Konkurrenz aufeinander bezogen sind, erscheint das Ego-Zentrierung als der einzige Ausweg, das Leben erfolgreich zu bewältigen - und so treibt die vierte Lebenslüge den Menschen weiter in die Isolation. Sie wird gestützt und ergänzt durch

die fünfte Lüge: "Die Menschen sind nicht gleich, es gibt Rang- und Wertunterschiede" (Frage von mir: Steht nicht irgendwo in der Bibel, vor Gott sind alle gleich?). Hieraus folgt das Geltungs- und Statusstreben, das die Isolation des fremd- und selbstmanipulierten Charakterpanzers weiter verschärft. Neben der Isolation versteckt sich das Konkurrenzdenken und das Angstgefühl vor den Mitmenschen.

Weiter vervollständigt wird das bisherige Lügensystem durch die sechste Lüge: "Intelligenz ist wichtiger als Gefühl." zum allgemeinen Charakterpanzer kommt die Gefühlsunterdrückung und Gefühlspanzerung hinzu. Gefühle sind beim Konkurrenzstreben nur hinderlich, wogegen die Entwicklung der Intelligenz und Rationalität förderlich erscheint, um sich durchzusetzen und gegenüber den Mitmenschen zu behaupten. Gefühle werden abgewertet (von mir: hier glaube ich werden Frauen unterschätzt, weil sie zumeist doch viel Gefühl besitzen, Männer aber meistens nicht wirklich Empathie entwickeln können und die Gefühlswelt der Frauen radikal untergraben. Männer haben mehr Angst vor Gefühlen als Frauen, warum eigentlich? Weil sie mit einem Fußball im Bett groß geworden sind oder weil sie die Frauenliebe nach einer ergötzenden Mutterliebe nicht mehr ertragen können oder????) und geradezu hasserfüllt bei anderen verurteilt (Projektion). Sie gelten als Krankheit - obwohl sie unter psychologischem Aspekt ein Zeichen von Lebenswille und Gesundheit sind.

Die siebte Lebenslüge "Wer liebt möchte besitzen" ist als Ergänzung zum bisherigen Lügensystem psycho-"logisch". Der Besitzwille des eifersüchtig Isolierten und konkurrenzbezogenen Angepassten, der vor Gefühlen und Individualität Angst hat, macht sich natürlich auch gegenüber dem Sexual- und Liebespartner in egoistischer Weise bemerkbar. Der Besitz des geliebten Partners soll die Isolation ein bisschen erleichtern helfen und wird eifersüchtig gehütet als "meine Liebe, mein Partner" (Von mir: auch diese Erfahrung ist mir nicht erspart geblieben, merke aber gerade, dass ich auf neuen Wegen bin und sich plötzlich gefühlsmäßig etwas ändert, zu mindest wünsche ich mir das von mir selbst.)

Die achte Lebenslüge schließlich "Der Körper ist Mittel zum Zweck", beruht auf dem Besitzdenken und dem Erfolgsstreben des Isolierten, der seine Emotion unterdrückt und die Intelligenz überbewertet. Was zählt ist die vordergründig erfolgreiche Funktion; so wird der Körper missbraucht und die seelisch-körperliche Einheit missachtet. Die Signale des Körpers werden überhört, da eine immer stärkere Entfremdung vom Körper eintritt, so dass die Meinung entsteht, dass Körper und Seele zwei getrennte Dinge sind. Schließlich zählt nur noch eine Funktion als wichtig: die Intelligenz und die aus ihr fließende Rationalität. Reaktionen aus dem emotionalen und körperlichen Bereich werden der Intelligenz untergeordnet."

Ein langer Text, aber ich finde, da ist eine ganze Menge dran. Eine Identifikation fällt mir nicht schwer.

Nun noch einmal meine Frage von vorhin:

Jetzt werde ich gleich wieder ein bisschen in dem Buch lesen. Ich würde mich so freuen, könnte ich mich Stück für Stück aus der gesellschaftlichen und aus meiner persönlichen Enge befreien. Nicht im Sinne, ich denke jetzt halt etwas anderes, nein, ich meine damit meinen Kern, meine Individualität finden und meinetwegen als "Außenseiter" aber als lebendiger Mensch durch diese Welt gehen zu können. Michael, wie geht das?

MICHAEL: Ich bleibe dabei, der Mensch ist vordergründigem Besitzdenken und oberflächlichem Hedonismus ausgeliefert mit all dem Rattenschwanz, den das alles mit sich bringt, weil er in dem entscheidenden Alter nie zur Freiheit und zur Emanzipation geführt wird (siehe Kairos, Kindererziehung und Erstkommunion). Schau Dir doch einmal an, was in diesem Alter dem jungen Menschen beigebracht wird, irgendwelche Opfer des Verstandes (siehe sacrificium intellectus) und gerade im Hinblick auf die Sexualmoral ein über-ich-gesteuertes Gewissen, und gerade das alles hängt ja auch mit seiner Beziehung von Körper und Seele und damit mit seiner ganzen Gefühlswelt zusammen. Von einem unschuldigen Spaß am eigenen Körper, also von dem Erlebnis einer Phase der Ästhetik, keine Spur, gerade Mädchen wird der Cinderella-Komplex sozusagen eingebrannt! Was wird hier nicht alles falsch gemacht und verpasst - wir können von Glück reden, dass der Lebenswille der Menschen trotzdem so stark ist, dass solche Katastrophen wie die Wahl eines Hitlers nur echt selten vorkommen. Doch wirklich gesund ist der Mensch noch lange nicht, er badet es nur anders aus - und produziert wieder neue "Krüppel"...

Meine stereotype Forderung: Machen wir das alles erst einmal anders und vernünftig, und sehen wir dann weiter!

DORA: Ich habe über das Stichwort Sklavenmoral mal mit Freunden geredet. Sie meinten, dass der Artikel gut ist. Doch wird leider trotz der klugen Worte mehr gefragt als geantwortet. Die Sprache sei suggestiv, weil sie menschliche Regeln in die Nähe von Sklaverei rückt. Außerdem steht Jesus für "Selbstlosigkeit" und er erwartet also keinen Gewinn. Und dann scheint meinen Freunden enorm schwierig, diese Idee in menschlichen Gesellschaften durchzusetzen, weil der Mensch eben auch die andere Seite hat, die ihn sehr an das "Es" bindet.

MICHAEL: Ja klar, fehlt in dem Stichwort einiges. Denn das Stichwort gehört ja auch in den größeren Zusammenhang der ganzen Website - nicht umsonst ist da so viel draus geworden! Sind nicht viele menschliche Regeln auch die Regeln von Sklaven, freie Menschen würden das nie so machen, u. a. ein freier Mensch würde am Strand nie eine Badehose anziehen (wirklich nicht, denn der braucht nichts von sich zu verstecken, der kann zu dem stehen, was er nun einmal hat, siehe Scham)! Wer natürlich das Konzept der Erziehung zur Freiheit (siehe Kindererziehung und Erstkommunion) nicht anerkennt und will, dem kann ich auch nicht helfen. Der soll sich aber nicht beschweren, dass der Mensch zu sehr an das "Es" gebunden ist. Mit einem "über-ich-gesteuerten" Gewissen kriegt der Mensch sein "Es" nie in den Griff, das ist wahr, was aber mit einem "ich-gesteuerten"? Mit dem suggestiv sehe ich das so: Wenn jemand gute Argumente hat, gegen die man nun wirklich nichts mehr sagen kann, dann ist er eben suggestiv... Und ob Jesus keinen Gewinn erwartet (meint das, daß er keine Forderungen stellt?), wage ich auch zu bezweifeln, es gibt ja auch die Gleichnisse von den klugen Jungfrauen und dem ungetreuen Verwalter...
 

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)