JESUS UND DIE SEXUALITÄT. Was so manche "Jesusforschung" hervorbringt, ist schon verwunderlich. Schauen Sie mal in die Website http://www.bare-jesus.net : Jesus als Homosexueller, der seine Jünger nur deswegen von den Frauen fernhält, um sie leichter gefügig zu machen und missbrauchen zu können, oder der sozusagen der erste Vorläufer der pädophilen Priester war nach dem Motto "Wie der Herr so´s Gescherr", was sich bis heute auswirkt, usw.

Zunächst einmal: Wir müssen mit solchen abartigen Spekulationen leben, solange alle Themen, die mit dem Komplex "Jesus und die Sexualität" zusammenhängen, "von offizieller Seite" tabuisiert und also außen vor gelassen werden.

Dieses Weglassen der Sexualität macht Jesus und seine Botschaft zuerst weltfremd, dann unglaubwürdig und schließlich in höchstem Maße verdächtig. Was wird hier vertuscht?

Man verzeihe mir, wenn ich es mir nicht antue, alles aus einer "derartigen" Website genau durchzuarbeiten. Doch soviel:

-     Bei  "bare-jesus" wird überhaupt nicht das Gottesstaat-Problem angesprochen. Und wir wissen heute nun wirklich, wie das immer in solchen "Gottesstaat-Gesellschaften" (wie wir sie heute auch aus dem Afghanistan der Taliban kennen) wirklich zugeht (siehe etwa Jesus und die Sünderin), wer hier wirklich heuchelt und daß Handlungsbedarf engagierter Menschen bitter nötig ist, um diese "Schweinereien" endlich abzustellen. Und wir wissen auch, wie schwierig es ist, gegen den Beton (oder eben eine Mafia) aus Böswilligkeit und Nichtwahrhabenwollen anzukommen.

-     Soviel zu erkennen ist, zitiert der Verfasser völlig unkritisch die Bibel, dabei ist längst klar, daß das meiste im "Neuen Testament" gar nicht vom historischen Jesus stammt, sondern ihm nur in den Mund gelegt wurde. Zumindest war vieles in einem anderen Zusammenhang gesagt, als wie es uns überliefert ist, und hatte daher auch eine ganz andere Bedeutung. Und wir wissen auch, daß es durchaus Zitate gibt von Leuten, die etwas in die Bibel einfügten, um einfach nur ihren eigenen Ideen mehr Gewicht zu verleihen.

-     Jesus wird als abgefeimter und ausgebuffter Betrüger dargestellt. Ein wirklicher Betrüger treibt´s gewiß nie so weit bis zur eigenen Kreuzigung.

-     Ob ein solcher Betrug, wie er hier unterstellt wird, eine solche Initialzündung wie den Beginn der christlichen Religion trotz aller Widerstände hätte auslösen können?

-     Der Verfasser von "bare-jesus" kann sich nicht vorstellen, daß ein Mensch sich aus Idealismus gegen die Hartherzigkeit seiner Zeitgenossen engagiert und für eine bessere, also vor allem menschenwürdigere Welt viel Mühe, Unverständnis und Verfolgung auf sich nimmt. Das läßt tief auf den Verfasser schließen (siehe Unterstellungen).

-     Auch kann er sich nicht vorstellen, daß man aus solchen Gründen durchaus (sexuell) enthaltsam sein kann. Stellen wir uns doch einmal vor, daß der junge Jesus im Zusammenhang mit der Wanderarbeit seines Vaters auf eine Prostituierte gestoßen ist, die diesen braven und frommen Jungen nun nicht verführt hat, sondern ihn bemuttert und ihm schließlich ihr Herz ausgeschüttet hat. Und wenn ein idealistischer Junge schließlich ähnliche Strukturen wie die, von denen er da erfahren hat, überall sieht, ob ihm dann nicht die Lust am Sex vergehen kann? Da muß man nicht gleich weltfremd oder gar leibfeindlich sein! Daß sich auch das der Verfasser nicht vorstellen kann - siehe Menschenkenntnis! Schauen Sie sich doch einmal die (fast schon bösartig-ironischen) Heiratsanzeigen aus dem Taliban-Afghanistan an, die durchs Internet geistern www.putrid.com/taliban.htm, so unwahrscheinlich ist es doch gar nicht, wenn jemand in einer solchen Gesellschaft eine Partnerwahl und damit eine Heirat bzw. eine Ehe überhaupt verweigert - vor allem wenn er noch Vorstellungen von einer idealen Partnersachaft mit einer Frau hat (wie es eigentlich Grundidee des jüdischen Glaubens ist, dem Jesus ja angehörte)...

-     Der Verfasser zieht sittliche Alternativen überhaupt nicht in Erwägung, aus denen etwa die Unsittlichkeit des Betrachters erst etwas Unsittliches macht. Erwähnt seien hier die Begegnungen des alten Mahatma Gandhi mit jungen Frauen. Siehe Gandhi-Methode.

-     Der Verfasser hat von Psychologie nicht viel Ahnung, so unterscheidet er nicht zwischen Nacktheit (eine harmlose und - wenn richtig praktiziert - vermutlich sogar eher moralfördernde Angelegenheit) und sexueller Betätigung (wie Geschlechtsverkehr usw.). Damit kann er Moral und Unmoral in der Bibel (die da sehr oft sehr realistisch ist) nicht unterscheiden und muß zwangsläufig gerade Entscheidendes falsch interpretieren. Mißverständnisse sind sozusagen vorprogrammiert.

-     Und so wird natürlich auch das Anliegen einer moralischen Erneuerung bei dem vermutlich wirklichen (historischen) Jesus nicht erkannt (wieso auch, wenn Nacktheit von vornherein falsch gedeutet und daher falsch eingestuft wird). Der Verfasser von bare-jesus liest eben in der Bibel das, was er lesen will. 

-     Ich habe in der Website keinerlei kritische Überlegungen gegen das eigene Konzept des Verfassers gefunden. Er hätte sich ja einmal fragen können, ob nicht vielleicht Jesus gegen die Betrüger und Sexualverbrecher seiner Zeit angegangen ist, statt immer nur auf dem vermeintlich betrügerischen Jesus herumzuhauen. Diese Voreingenommenheit läßt nicht gerade auf besondere Wissenschaftlichkeit (siehe Wissenschaft) schließen. 

Zusammenfassung: Die Website http://www.bare-jesus.net ist ausschließlich destruktiv, sie beinhaltet keinerlei Lebenshilfe, auch ist nicht andeutungsweise die Idee eines Konzepts für ein glücklicheres und menschlicheres Leben möglich. Und zumindest am Anfang des Christentums ging es ja genau darum.

Und zum Problem "Jesus und die Sexualität" überhaupt: Jesus hatte möglicherweise eben keine Leichen im Keller, weder eigene noch die der spätantiken oder anderer Ideologien! Und er war auch noch ziemlich jung, als er starb...

Wir müssen auf alle Fälle versuchen, Jesus ohne die Brille unserer Tradition zu betrachten. Also müssen wir vor allem die Sexualfeindlichkeit von Dualismus und Gnosis ausfiltern, also von Weltanschauungen, die in der Spätantike unseren Glauben überlagert, die Sexualität keinesfalls im Sinn von Gebrauch oder Missbrauch gesehen und somit den Glauben in negativer Richtung verfälscht haben. Und dann entspricht es ja auch einhelliger Überlieferung, daß Jesus sündenfrei war, daß er also nichts zu verbergen hatte. Somit ist es durchaus plausibel, daß er enthaltsam war, besonders aus der Erfahrung der Kaputtheit seiner Zeit (s.o.) und aus dem Idealismus, hier etwas ändern zu können und zu müssen. Außerdem: Soviel wir wissen, starb Jesus schon mit 33 Jahren, also in einem durchaus üblichen Heiratsalter für Männer im Orient. Über eine grundsätzliche Einstellung zur Ehelosigkeit (also zum Zölibat) sagt das überhaupt nichts, Jesus konnte schlicht und einfach an einer Welt gearbeitet haben, in der auch er würde heiraten können. Daher sind auch Spekulationen über ein mögliches Verhältnis Jesu mit Maria Magdalena - siehe etwa der Roman "Der Da-Vinci-Code" - unbedeutend. Und wenn etwas vertuscht wird, dann ist es das, daß viele nicht wahrhaben wollen, daß Jesus sehr lebensnah von einem Reich Gottes hier und jetzt träumte und daß es ihm um die Abschaffung der Mißstände ging, von denen er erfahren hatte und die dieses "Reich" verhindern - nicht mehr und nicht weniger.

Allerdings ist da auch die Möglichkeit, dass er selbst der verlorene Sohn war, der sich schließlich besonnen hatte, und dass sein Anliegen eher einer Jugendreligion entsprach, wie wir sie aus den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts her kennen - nur etwas anders!

In seinem Buch "Der Priester und die Jungfrau" (www.novumpro.com, 2010) überlegt Mark Gibbs, dass das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk. 15, 11-32) autobiografische Züge tragt: Jesus sieht sich als den verlorenen Sohn, der jedoch nach einem Leben als Säufer und Fresser (siehe Math. 11,9 und Lk. 7,34) und mit Dirnen zurückkehrt und nicht nur der Liebling des Vaters ist, sondern auch noch in den Weinberg geht und den Willen des Vaters tut und den Weinberg in Ordnung bringt - und das auch noch viel besser als der "brave Sohn" (Math. 21,28). Es kann nun sein, dass Jesus hier etwas Wahres über sich selbst aussagt, es kann aber auch sein, dass er nur etwas aufgreift, was die Menschen ohnehin über ihn erzählen. Und es tut ja nichts zur Sache, was die Menschen reden, Jesus hatte festgestellt, dass im Umgang mit der Liebe und mit den Frauen ein Webfehler im System vorliegt und dass also etwas getan werden muss.

Siehe auch Prostitution zur Zeit Jesu.

Andere Seiten im Internet, die Jesus und seine Anhänger mit Betrug oder Abartigkeiten und gar mit Verbrechen in Verbindung bringen, sind etwa http://www.geocities.com/trailofjesus//dw301.htm und http://www.geocities.com/trailofjesus/dwindex.htm. Abgesehen davon, daß solche "Enthüllungen" niemandem helfen, ist dazu zu sagen, daß es nach dem Tod Jesu durchaus Rangstreitigkeiten und Geschäftemacherei und vielleicht recht bald auch Schlimmeres gegeben haben mag, doch sagt das alles nichts über Jesus selbst. Der dürfte nämlich wirklich integer gewesen sein! Auf was es doch ankommt, ist ein Konzept, dass sich auch bei uns etwas zum Besseren ändert - und mit dem wirklichen Jesus dürften wir hier nicht falsch liegen!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)