DER BERICHT VOM KRIMINALFALL JESUS UND DIE SÜNDERIN  

im Johannesevangelium (Joh. 8, 1-11) läßt eine geradezu atemberaubende Vertrautheit Jesu mit der Lebenspraxis seiner Zeitgenossen und seine Entschlossenheit, etwas Skandalöses zu ändern, erkennen, daß selbst die christlichen Überlieferer lange Zeit zögerten, diesen Bericht in die Sammlung der Berichte über Jesus (also ins Evangelium) aufzunehmen. Um was geht es?

Die Ehebrecherin

Am frühen Morgen ging er wieder in den Tempel. Alles Volk strömte ihm zu. Er setzte sich und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden war, stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: "Meister, diese Frau ist beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?" 
Mit dieser Frage wollten sie ihn nur auf die Probe stellen, um ihn anklagen zu können. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf den Boden. Als sie weiter mit Fragen in ihn drangen, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie!" Und er bückte sich abermals nieder und schrieb auf den Boden. Als sie die Antwort hörten, gingen sie davon, einer nach dem andern, die Ältesten voran. So blieb Jesus allein mit der Frau zurück, die in der Mitte stand.
Jesus richtete sich auf und fragte sie: "Frau, wo sind sie? Hat keiner dich verurteilt?" Sie sagte: "Keiner, Herr." Da sagte Jesus zu ihr: "Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige fortan nicht mehr!"

Zunächst einmal: In diese Erzählung „Jesus und die Sünderin“ sind in der Tradition gewiss verschiedene Begebenheiten mit Frauen eingeflossen, die allerdings in Wirklichkeit nichts miteinander zu tun haben, siehe Maria Magdalena. So ist der Name der „Sünderin“ auch nicht bekannt. Es geht um etwas ganz Besonderes:

Die Schriftgelehrten und Pharisäer (also die angeblichen Wächter von Sitte und Moral der damaligen Zeit, siehe Moralapostel) schleppen eine Frau heran, die angeblich beim Ehebruch (s. Seitensprung) auf frischer Tat ertappt worden ist, und stellen Jesus auf die Probe. Nach dem Gesetz des Mose sei nämlich diese Frau zu steinigen, was Jesus nun wohl dazu sage, ob er sich hier nicht etwa gegen das Gesetz des Mose stelle. Und Jesus antwortet: "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein." Darauf verziehen sich wortlos alle Ankläger, und Jesus empfiehlt der Frau, fortan nicht mehr zu sündigen.

 

Die Vorgeschichte dieser Episode wird nicht erwähnt. Die Kenntnis wird beim Leser des Evangeliums jedoch vorausgesetzt - allerdings wird sie heute vollständig verdrängt.

Der Hintergrund dieses Berichts kann eigentlich nur folgender sein: Ehebruch und Prostitution waren zur Zeit Jesu ziemlich dasselbe. Eine Prostituierte galt als Ehebrecherin, weil man im Geschlechtsverkehr den Vollzug einer Ehe sah, und Prostituierte fingen eben immer wieder neue Ehen an, die sie dann aber wieder (ab-)brachen. Und da zum heidnischen Götzendienst auch der Geschlechtsverkehr unter Nichtmiteinanderverheirateten gehörte (s. Tempelprostitution) und da Götzendiener bei den alttestamentlichen Juden mit Steinigung bestraft wurden, galt Fremdgehen als Götzendienst und wurde im allgemeinen mit der Strafe für Götzendiener, also mit der Steinigung zu Tode, bestraft. Eine Ausnahme waren verheiratete Frauen, denn die wurden erdrosselt.

Wahrscheinlich handelte es sich bei der Ehebrecherin also um eine Prostituierte, weil einerseits von einer Steinigung und nicht vom Erdrosseln und andererseits auch nicht von ihrem Mann die Rede ist. Natürlich wurden alle solchen Ehebrecher nur bestraft, wenn man sie auch erwischte.

Und gerade bei der Vorgeschichte gibt es viele - zu viele - Ungereimtheiten.

Ja, und dieses Erwischen war schließlich das Problem! Wann findet man schon jemanden im Bett mit einem anderen und wer sieht dann auch ganz genau, was die beiden nun wirklich miteinander treiben? Zudem mussten es nach dem Gesetz des Mose zwei Zeugen sein, damit überhaupt eine Anklage erhoben werden konnte. Und wann kommt das schon vor, dass zwei Zeugen gleichzeitig zufällig ein Pärchen beim Techtelmechtel überraschen? Und wer rennt dann auch gleich zum Gericht, wenn er doch weiß, daß das zur Todesstrafe führt? Wer ist denn so böswillig? Und was ist mit dem männlichen Beteiligten des Ehebruchs? In der Praxis wird es also wohl nur sehr selten zu einer Anklage gekommen sein, selbst wenn es zeitweise - auch zur Zeit Jesu - sogar recht viel Verkehr durchaus auch mit Prostituierten gegeben haben mag oder wenn auch sonst fremdgegangen wurde.

Was waren das also für merkwürdige Verhältnisse damals, wenn da Ankläger eine sündige Frau steinigen wollten, die ja - wie sich hinterher herausgestellt hatte - allesamt selbst nicht ohne Sünde waren, also auch keine Kostverächter gewesen zu sein scheinen (nach heutiger bibelwissenschaftlicher Auffassung hatte Jesus hier an dieselben Sünden gedacht, derentwegen die Frau angeklagt war)? Ist es wirklich vorstellbar, dass sich solche Männer für die Zukunft die Gelegenheit für künftige Seitensprünge verderben wollten, wenn es (wieder einmal) bei der eigenen Frau zu langweilig werden sollte? Warum also sollte diese Frau dann überhaupt gesteinigt werden?

Wer also hatte an der Steinigung dieser Frau ein Interesse? Offensichtlich ein Kriminalfall!

Der Hintergrund der Probe, auf die Jesus gestellt werden sollte, war wahrscheinlich der: Die Ankläger wussten einerseits, daß die Todesstrafe, um die es ja hier ging, nur mit Zustimmung der römischen Besatzungsmacht vollzogen werden konnte, die sie von ihrem freieren Verständnis von Moral für Ehebruch (oder eben Prostitution) nicht vorgesehen hatten und mit der sie sich möglicherweise auch nicht einverstanden erklären würden. Andererseits war sie aber Vorschrift im traditionellen jüdischen Glauben für solche Fälle. Wie würde sich Jesus wohl entscheiden? Würde er zum römischen oder zum jüdischen Gesetz halten? Vielleicht waren die Ankläger auch so hinterhältig, dass sie daran dachten, aus beiden möglichen Antworten Jesus einen Strick zu drehen: Wenn er nämlich gegen die Todesstrafe für die Frau war, dann könnten sie ihn als Verräter am jüdischen Gesetz verklagen, war er jedoch für die Todesstrafe an der Frau, dann würden sie ihn bei den Römern als Aufrührer gegen römische Anordnungen anzeigen. Und so fragten sie ihn zwar provozierend, jedoch ziemlich unüberlegt um seine Meinung. Denn bei ihrer Probefrage hatten die Ältesten eines nicht bedacht: Jesus kannte sich ja seit seiner Zeit als häuserbauender Wanderarbeiter in dem Milieu aus. Daher wusste er sofort, was hier wirklich gespielt wurde, als er die Horde der angeblich so moralischen Männer mit der gejagten Frau sah. Hier ging es in dieser damaligen männerrechtlichen Gesellschaft weder um eine Auseinandersetzung mit den Gesetzen der Römer (wahrscheinlich sahen die um des lieben Friedens willen letzten Endes ohnehin über solche Bagatellen hinweg) noch überhaupt um Moral, sondern um etwas völlig anderes!

Schauen wir uns doch einmal die damalige Gesellschaft näher an!

Machen wir uns doch einmal bewusst, was sonst noch alles in einer Gesellschaft los sein mag, in der es Prostitution gibt, obwohl diese streng verboten ist. Wenn es schon in normalen Gesellschaften da stets genügend Heuchelei und Tabus auf der einen und schließlich Korruption und Verbrechen auf der anderen Seite gibt, um wie vieles mehr dann, wenn dies alles tabuisiert ist? Müssen Prostituierte etwa nicht überall auf der Welt und daher gewiss auch schon immer ihren Zuhältern Schutzgeld bezahlen, mit dem diese dann auf ihre Schützlinge aufpassen? Und dazu gehört dann gerade auch in den Ländern, in denen es offiziell keine Prostitution gibt, dass bei den Behörden geschmiert wird, damit diese bei der Strafverfolgung der verbotenen Dinge nicht so genau hinschauen. Je moralisch strenger von offizieller gesetzlicher Seite alles geregelt ist, desto mehr Geld ist bei den unvermeidbaren Übertretungen im Spiel und um so krimineller wird schließlich alles. Wir kennen die Problematik heute bei uns ein wenig, wenn es um minderjährige Ausländerinnen geht. Auch das ist ja verboten und daher wird bisweilen geschmiert, damit die Polizei wegsieht - siehe einen Bericht aus der Frankfurter Allgemeinen vom 27.02.1998.

Und wenn dann in solch einer heuchlerischen Gesellschaft eine der Prostituierten nicht mehr so will wie ihre Beschützer, dann muss ihr ein Denkzettel verpasst werden, um sie und die anderen Frauen zu warnen. Wo kämen wir denn auch hin, wenn diese Frauen etwa aus ihrem Job ausstiegen oder auch auf eigene Rechnung ihrem Gewerbe nachgingen?

Auch heute kommen noch Folter und Bestrafung mit Todesfolge vor, wenn sich die Zuhälter ganz sicher sind, doch wird aufmüpfigen Frauen bevorzugt das Gesicht zerschnitten, weil bei einem Denkzettel mit Todesfolge sich ihre Freunde nun ganz sicher die Polizei auf den Hals hetzten, die dann wirklich nicht mehr wegsehen könnte. Durch Gesetze lässt sich eben die Moral der Menschen letztlich nie in den Griff bekommen, Moral ist immer eine Frage des Herzens eines jeden einzelnen.

Wie es nun damals gewesen sein könnte: Alte Zuhältermasche.

Und so hatte in der damaligen genauso viel oder genauso wenig moralischen Gesellschaft irgendein Mann also mit einer der unbotmäßigen Frauen eine Affäre eingefädelt einzig mit dem Ziel, daß sie dabei ertappt und schließlich gesteinigt wurde. Dieser Mann war natürlich auf eine Flucht bei der Entdeckung vorbereitet gewesen und bei den trüben Lichtverhältnissen in den damaligen Nächten unerkannt entkommen. Und die Frau bekam jetzt die Quittung für ihre Widerspenstigkeit, und ihre Freundinnen konnten wie zu allen Zeiten sehen, was sie erwartete, wenn sie nicht so wollten, wie die Männergesellschaft es wollte, und Sperenzchen machten.

Im Zusammenhang mit dem Fall des belgischen Kinderschänders Dutroux erfahren wir in einem Beitrag in der WELT vom 1. März 2004 von Dirk Banse und Michael Behrendt "Der Prozess", wie das heute mit der Bestrafung von widerspenstigen Prostituierten abläuft und was man mit denen macht, die hier intensiver nachforschen und die Öffentlichkeit informieren wollen - Hervorhebungen durch basisreligion. Hier ist zwar eher von Kindern die Rede, doch das liegt daran, weil gerade Kinderprostitution heute verboten ist. (Vollständige Url des Artikels: http://www.welt.de/data/2004/03/01/244914.html):

Nun steht die inzwischen 34 Jahre alte Frau leibhaftig vor uns und lächelt verlegen. Sie wird an diesem Februartag ihre Geschichte erzählen, die so voll von grauenhaften Details ist, dass man sie nicht glauben möchte. Nachdem Regina Louf den Weg in die Öffentlichkeit gesucht hat, fragen sich die Belgier, ob die Zeugin oder die gesellschaftliche Oberklasse ihres Landes verrückt geworden sei. Denn die 34-Jährige versichert, dass sich prominente Politiker, angesehene Polizisten und Manager in dem Netz der Pädophilen verfangen haben sollen.

Als Polizisten die Aussagen von X 1 prüften, kamen sie jedenfalls zu  dem Ergebnis, dass viele ihrer Angaben stimmen. Seither steht die Zeugin unter dem Schutz der Gendarmerie. Die 34-Jährige lebt jetzt zurückgezogen auf einem Bauernhof bei Gent und betreibt dort eine Hundezucht. In dem heute beginnenden Prozess gegen den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux, dessen ehemalige Ehefrau Michelle Martin, den drogenabhängigen Dutroux-Komplizen Michel Lelièvre und den Geschäftsmann Michel Nihoul soll sie einer der 450 Zeugen sein.

"Ich war noch ein Kind, als mich meine Eltern an einen Bekannten verkauften. Er hieß Tony. Dieser Mann gehörte zu einer Gruppe von Pädophilen, die regelmäßig Kinder an reiche Bürger vermittelten", beginnt Regina Louf ihre Geschichte. Sie sei über Jahre hinweg von verschiedenen Männern missbraucht worden. X 1 nennt auch deren Namen, will sie aber aus Angst vor juristischen Konsequenzen noch nicht veröffentlicht wissen.

"Dass auch Marc Dutroux zu dieser Gruppe gehörte, ist aber kein Geheimnis mehr. Ich lernte ihn gemeinsam mit meinem Zuhälter Tony auf einer Eisbahn kennen. Er war ein guter Eisläufer und hatte sogar Charme. Dutroux war wie auch Tony ein Zuhälter, der von staatlichen Stellen gedeckt wurde", berichtet sie. Sich an die Polizei zu wenden sei ihr deshalb nie in den Sinn gekommen. "Wer aussteigen wollte, den erwartete der Tod", erklärt sie scheinbar gelassen.

Und dann schildert Regina Louf jenes Ereignis, das auch die Ermittler zunächst nicht glauben mochten. "Eine von uns, sie hieß Christine van Hees, wollte aussteigen. Ich glaube, es war im Jahr 1984. Die Zuhälter versammelten die Kinder in einer alten Champignonzüchterei. Wir mussten uns in einen Kreis setzen. In der Mitte wurde Christine, die damals 16 Jahre alt war, mit einem Seil an einem Haken befestigt und langsam zu Tode gefoltert. "Seht her! Das passiert euch auch, wenn ihr unsere Geheimnisse verraten wollt", hatten sie zu uns gesagt. Es war schrecklich."

Die Polizisten von Brüssel, die die Zeugin vernahmen, waren schockiert. Vor allem deshalb, weil die heute 34-Jährige Details nannte, die nicht einmal den Ermittlern bekannt waren. Sie konnte das ehemalige Fabrikgelände, das längst abgerissen ist, detailliert beschreiben. Regina Louf sagte auch aus, dass Christine van Hees mit einem Metallstift gequält worden sei. Und tatsächlich war später in der gefesselten und verbrannten Leiche des 16-jährigen Mädchens ein solcher Metallstift gefunden worden.

In den Akten der Observations- und Untersuchungseinheit der Polizei von Brüssel, die der WELT vorliegen, finden sich die Namen der Täter, Kunden und Schauplätze wieder. Die Ermittlungen, so scheint es, sind gewissenhaft geführt worden. Ob ihre Ergebnisse im Dutroux-Prozess veröffentlicht werden, bleibt zu hoffen.

Staatsanwalt Michel Bourlet, Anhänger der Netzwerktheorie, hat öffentliche Äußerungen über X 1 vermieden. Bekannt ist dagegen, dass sich Staatsanwalt Hubert Massa umgehend mit Regina Louf treffen wollte, nachdem er 1999 den Auftrag bekommen hatte, am Fall Dutroux mitzuwirken. Doch zu dem Treffen kam es nicht. Massa jagte sich angeblich eine Kugel in den Kopf, seine Leiche wurde nie obduziert.

Als Regina Louf über ihre Leiden und die korrupten Politiker, Staatsanwälte und Richter spricht, bleiben ihre Augen trocken. Sie erzählt von Folterungen, verschleppten Ermittlungen und Morden sachlich und ohne große Emotionen.

"Ich muss den Weg in die Öffentlichkeit suchen, auch wenn mich die meisten Leute für verrückt halten", sagt sie. "Die Wahrheit ist doch, dass nicht nur in Belgien Kinder verschleppt wurden, um die perversen Gelüste jener zu befriedigen, die es sich leisten konnten. Und schließlich wurden solche Neigungen auch gefördert, um einflussreiche Leute zu erpressen. Ich erinnere mich, wie man hochrangigen Politikern auf Partys 13-jährige Mädchen zuführte, die auf älter geschminkt waren. Am nächsten Tag hatten diese Männer einen Umschlag im Briefkasten mit der Geburtsurkunde des Mädchens. Klar, dass sie anschließend ihre Macht nutzten, um die Ermittlungen zu stoppen."

Regina Louf schildert auch, wie sie an Kunden in Deutschland und in den Niederlanden "vermietet" worden sei, sie spricht von einem großen Netzwerk. "Wer nur Dutroux bestrafen will, begeht einen großen Irrtum. Er ist nur ein Glied in einer Kette von Pädophilen."

Von dieser These ging auch die belgische Psychologin Gina Pardaens aus. Sie scheute jedoch im Gegensatz zu Regina Louf den Weg in die Öffentlichkeit, obwohl sie über brisantes Wissen verfügte. Einer ihrer Patienten hatte über das Pädophilennetzwerk gesprochen und erklärt, dass Kinder vor laufender Kamera zu Tode gefoltert worden sein sollen. Anschließend widmete sie sich dem Kampf gegen die Kinderschänder - bis sie 1999 mit ihrem Auto ungebremst gegen einen Brückenpfeiler fuhr. Zuvor war sie mit dem Tod bedroht worden.

Der WELT hatte sie wenige Tage vor ihrem mysteriösen Unfall berichtet, dass ein belgischer Generalstaatsanwalt von ihr Details über das Verschwinden des deutschen Jungen Manuel Schadwald in das niederländische Kinderpornomilieu erfahren wolle. Der damals Zwölfjährige war 1993 aus Berlin verschwunden. Die Fälle Manuel Schadwald und Marc Dutroux hingen eng zusammen, erklärte Gina Pardaens.

Die Erzählung von Jesus und der Sünderin passt also genau in die Gepflogenheiten des Milieus zu welcher Zeit auch immer und muss also als eine Episode zum Thema Prostitution zur Zeit Jesu gesehen werden. Und heute wie damals ist ein Kampf gegen die Sünde lebensgefährlich, natürlich sind die Morde getarnt, doch wer das nicht so sehen will, der sieht es eben nicht...

Und auch Jesus durchschaute das alles, schließlich hatte er auch einmal im Leben gestanden und kannte sich aus. Sehen wir als Jesus einmal unter einem kriminologischen Ansatz!

Und obwohl die Priester und Ältesten nun wussten, dass Jesus sich oft mit derartigen Frauen ausgiebig zu unterhalten pflegte und dass er sogar mit einigen von ihnen befreundet war, fragten sie ihn scheinheilig um Rat. Sie wollten ihn nun auch noch für dumm verkaufen bei ihrem abgrundtief schlechten Spiel. Doch Jesus ließ sich nicht nur nicht hereinlegen, sondern er entlarvte auch noch die nach außen hin ach so moralischen Tugendwächter seiner Zeit nicht nur als spießige Übertreter von an und für sich vernünftigen römischen Gesetzen sondern noch mehr als ganz mickrige und miese Hurenböcke oder sogar Zuhältertypen - und er machte das so geschickt, dass sie noch nicht einmal etwas gegen ihn sagen oder gar tun konnten. Oder doch?

Wie ein Konzept nach den Vorstellungen des wirklichen Jesus aussehen könnte, siehe unter "Zuerst einmal das Paradies erleben...", hier die Titelseiten und der Inhalt.


Eine ganz besonders ergreifende Darstellung ist die von Lucas Cranach im Museum für Bildende Künste in Budapest. Wenn man so die Visagen der Männer betrachtet, dann sieht es ganz danach aus, dass Cranach den wahren Hintergrund dieser Erzählung zumindest ahnte. Das Bild ist nicht sehr gut (aus der Hand fotografiert mit einem nicht sehr guten Apparat), das mag eine Motivation für Sie sein, sich in Budapest einmal das Original anzusehen!

Können wir uns vielleicht jetzt vorstellen, warum es gerade Priester und andere angesehene Leute seiner Zeit (oder zumindest einige von ihnen) waren, die Jesus beseitigen wollten? Jesus kannte sich bei den Schwachstellen seiner Zeitgenossen aus! Und er trat mitten hinein in sämtliche Fettnäpfchen! Alle Einzelheiten des Berichts von Jesus und der Sünderin und auch der übrigen Berichte über Jesus sprechen jedenfalls für eine solche Interpretation des Berichts von Jesus und der Sünderin oder zumindest nicht dagegen: Das Erwischen durch zwei Zeugen auf frischer Tat, der fehlende Partner der Frau, die Sündhaftigkeit der (ver- )urteilenden Männer, die unbehelligte Existenz sonstiger Prostituierter zur Zeit Jesu. Und hat Jesus nicht an anderen Stellen des Evangeliums die Priester und Ältesten seiner Zeit hemmungslos als Heuchler angegriffen (siehe Matthäus 23), die ihm wiederum vorwarfen, dass er ihnen ihren ganzen schönen eingespielten Glauben an Vergebung und Vertröstung auf ein jenseitiges Reich Gottes der ewigen Gerechtigkeit kaputt machte (was ja auch stimmte)? Können wir uns vorstellen, dass ihm Tausende zu seinen Reden (wohl besser als "Predigten") in die Wüste gefolgt wären, wenn er lediglich banale Artigkeiten über dieses künftige Reich verkündigt und nicht erst einmal bei den ganz konkreten und offensichtlichen Ungerechtigkeiten und Unverschämtheiten seiner Zeit angesetzt hätte - auch und gerade jenen gegenüber Frauen, unter denen im Endeffekt auch redlich bemühte Männer zu leiden haben?

Auch gibt diese Stelle nichts her für eine Theologie der Vergebung, wie sie üblicherweise gern daraus gefolgert wird, denn davon hat Jesus hier nun beim besten Willen nichts gesagt.

Seine Worte an die Sünderin "auch ich verurteile dich nicht" und seine Empfehlung, fortan nicht mehr zu sündigen, könnten viel eher in dem Sinn gesagt sein: "Glaube du doch nicht, daß du schlauer bist als diese kriminellen Typen und daß du sie austricksen kannst, indem du dein Geschäft mit der Unmoral ohne sie machen willst. Bei solchen ausgebufften Verbrechern ziehst du doch immer den Kürzeren, die sitzen doch immer am längeren Hebel!"

Wir kennen einen Bericht mit ähnlichem Hintergrund in der Bibel, nämlich den von der "Susanna im Bade" im Alten Testament im Buch Daniel 13. Siehe Gespräch 12!

Diese Susanna hatte allerdings keinen Ehebruch begangen, ja sie war sogar im Gegenteil ausdrücklich keusch und gottesfürchtig gewesen, doch auch bei ihr wurde mit dem Trick des Ertappens auf frischer Tat und des damit automatisch folgenden Justizmords versucht, sie zu erpressen und gefügig zu machen. Und zwar war sie von zwei Ältesten vor die Wahl gestellt worden, entweder mit ihnen Geschlechtsverkehr zu treiben oder angezeigt zu werden, daß sie beim Verkehr mit einem jungen Mann von eben diesen beiden Ältesten entdeckt worden sei. Eine solche Behauptung würde nach der jüdischen Vorschrift von den zwei Zeugen vor Gericht ja für eine Verurteilung zum Tode ausreichen. Wider Erwarten der beiden Ältesten, die sich ihrer Sache ja recht sicher gewesen zu sein scheinen, verweigerte sich Susanna allerdings nun und vertraute dem Herrn, wie die Bibel so schön schreibt.

Und sie wurde tatsächlich gerettet! Glücklicherweise war da nämlich ein von heiligem Geist erfüllter junger Mann namens Daniel, der das Verbrechen durchschaut hatte und dafür sorgte, daß die Ältesten noch einmal - jetzt aber getrennt -  verhört wurden. Und schnell wurden dabei die Schuldlosigkeit Susannas einerseits und die Schlechtigkeit der Ältesten andererseits offenkundig. Dem einen der beiden Richter, denen es ja nie und nimmer um Moral gegangen war, wirft Daniel, der Retter der Frau, vor: "So konntet ihr an den Töchtern Israels handeln, sie fürchteten sich und waren euch zu Willen (in englischen Bibelübersetzungen heißt es drastischer: "...and they were intimate with you through fear..."). Aber diese Tochter Judas hat eure Gemeinheit nicht geduldet."

Das, was die Männer da einfädeln wollten, war also skandalöser Mißbrauch der Justiz zu Erpressung und Mord nicht nur im Zusammenhang mit Rotlichtmilieu-Affären und ähnlichen Machenschaften, sondern mit Frauen ganz allgemein. Wir müssen uns einmal vorstellen, was das damals für den Umgang miteinander überhaupt bedeutete. So durfte etwa wegen der Gefahr solchen Mißbrauchs keine anständige Frau auch nur einen Moment allein mit zwei Männern sein, weil sie ja immer damit rechnen mußte, daß sich die Männer einig waren und sie erpreßten. Doch welche Frau und gar welches Mädchen wußte schon so recht davon, ist es nicht gerade der Sinn von Tabus in sexuellen Dingen zu allen Zeiten, daß gutwillige Menschen gar nicht erst gewarnt werden und allenfalls vage Ängste haben? Und dann faselt man den Menschen irgend etwas von einer Scham als Voraussetzung von Moral vor, wo doch da vermutlich gar kein richtiger Zusammenhang besteht. Wie sollte es also in einer solchen Gesellschaft überhaupt zur Moral und damit auch zu wirklicher Liebe unter den Menschen kommen?

Der Sumpf, der in beiden Berichten, dem von Jesus und der Sünderin und dem von der Susanna im Bade aufgedeckt wird, ist in beiden Fällen jedenfalls derselbe.

Er dürfte am ehesten dem Sumpf vergleichbar sein, wie wir ihn vielleicht aus aktuellen Berichten über Mafia und Korruption im heutigen Italien kennen, ja er dürfte das alles noch weit übertroffen haben, weil sich hier ein einflußreicher Teil der Männergesellschaft sozusagen stillschweigend verbündet hatte, und der andere sich unwissend stellte oder einfach wegsah und alles laufen ließ.

Aus der Susannageschichte ergibt sich schließlich noch ein weiteres Argument, daß es sich bei der Verurteilung der Sünderin durch die Ältesten um eine erpresserische Zuhältergeschichte handelte: Würden Männer, die selbst sündig sind und die eine Frau zufällig ertappen, nicht eher die Situation anders nutzen und der Frau anbieten, sie vor der Todesstrafe zu schonen, falls sie auch ihnen zumindest hin und wieder zu Willen wäre? Wir heute wissen nun auch von zahlreichen Attentaten im Zusammenhang mit Mafia und Korruption, wie (lebens-)gefährlich es ist, wenn es jemand wagt, dagegen anzugehen, könnte das nicht auch am ehesten den hanebüchenen Prozeß gegen Jesus erklären? Wie man mit aufmüpfigen Frauen umging, so ging man jetzt auch mit ihm um!

Ein weiterer und besonders wichtiger Zweck dieses Justizmordes war natürlich die Abschreckung für andere, die so etwas auch noch einmal versuchen sollten. Denn schließlich hatte man ja wohl auch bemerkt, daß Jesus anfing, Anhänger für seine Ideen zu gewinnen (siehe auch: Wedding Fricke, "Standrechtlich gekreuzigt", 1986).  

Der katholische Neutestamentler Hubert Ritt vermutet nach einem genaueren Studium der biblischen Zeugnisse, daß Jesus nach einer Voruntersuchung, die durch eine ganz kleine jüdische Gruppe provoziert wurde, an die Römer ausgeliefert wurde, die ihn dann eher in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ohne einen korrekten und fairen Prozess unter Missbrauch der vorhandenen Gesetze hinrichteten (siehe Missbrauch des Missbrauchs). Dieser Gruppe, die mitnichten alle Juden repräsentierte, kam gerade der von den Römern eingeführte Kreuzestod recht (also der Tod für wiedereingefangene entlaufene Sklaven, die ja wie Jesus in einem gewissen Sinn auch Systemverweigerer waren, siehe Kreuzigung), und es war wahrscheinlich recht einfach, Jesus hinterhältig und böswillig bei der römischen Besatzungsmacht als Aufrührer anzuzeigen. Und wie immer wußte die schweigende Mehrheit entweder nicht die genauen Hintergründe oder fühlte sich nicht zuständig.

Und zur Entschärfung der ganzen Thematik wurde recht bald eine Theologie daraus mit der typischen Ablenkung unseres Blicks auf eine (Er-)Lösung in einem Leben nach dem Tod.

Und wenn Jesus schließlich bei diesem Kampf gegen den Sumpf von Halbwelt und Establishment mit falschen Zeugen, wie die Bibel ja auch ausdrücklich berichtet, zum Opfer fiel, dann kann man doch mit anderen Worten und mit voller Berechtigung sagen, daß er genau wegen seines Einsatzes gegen die Sünden gestorben ist, die eine bessere Welt (siehe Paradies) verhindern? Er war auf Strukturen gestoßen, die wirkliche Liebe nachhaltig unmöglich machten und hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Strukturen zu ändern. Nur jetzt klingt das alles nicht mehr so leerformelhaft und entschärft ("er kam, die Sünder zu erlösen...und predigte die Liebe...") und wird auch nicht auf eine relativ unproblematische Nächstenliebe reduziert, sondern jetzt können wir uns die Brisanz seines Einsatzes für die Liebe lebhaft vorstellen und auch, daß mit schamlosem und gnadenlosem Zynismus ein solcher Mann einen der furchtbarsten Tode sterben mußte. Doch Jesus sah seinen Tod wohl anders, und er hatte ihn ganz bewußt in Kauf genommen, um seiner Meinung nach dadurch sein Ziel einer Änderung zu erreichen (siehe Erlösung). Und jetzt ahnen wir auch, warum ihm die ersten Christen so begeistert folgten und warum es zunächst insbesondere Frauen waren, die sich zu seiner Botschaft bekehrten... Doch das ist lange her!

(Es gab übrigens in den damaligen jüdischen Gesetzen zahlreiche Vorschriften, in denen es vor allem darum ging, einen Justizmord zu verhindern. Das beweist, daß das Problem solcher Morde bekannt war - und daß es sie also wohl auch gab!)

Und was ihm vorschwebte? Vielleicht so etwas wie eine Jugendreligion, wie wir sie aus den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts kennen - nur etwas anders?

Warum nun tun wir uns heute nun mit dieser naheliegenden Deutung des Berichts von Jesus und der Sünderin so schwer?

Warum pflegen wir daraus stets nur eine Vergebung Jesu gegenüber der Sünderin zu interpretieren und erwähnen weitere Deutungen noch nicht einmal, die sich doch immerhin anbieten? Warum übergehen wir das Problem der Schlechtigkeit des damaligen Establishments - die Priester eingeschlossen - und belegen es mit einem Tabu, obwohl es bekannt ist, denn ich habe zumindest in Ansätzen von dieser Deutung durchaus auch in meinem Studium erfahren? Liegt das daran, daß eine Krähe der anderen kein Auge aushackt und daß unseren heutigen Theologen und Pädagogen nur zu oft genauso wenig an wirklicher Moral gelegen ist wie ihren früheren jüdischen Kollegen und daß sie diese deshalb auch noch decken? Ist dieses Nichtwollen vielleicht der wirkliche Grund dafür, daß wir auch heute noch bei unserer Erziehung genau das alles falsch machen beziehungsweise auslassen, was wirklich hilfreich wäre, so daß unsere Erziehung eher eine Manipulation als eine Hilfe für die Menschen ist? Wir mißbrauchen heute bei uns offensichtlich weniger die Justiz, so doch statt dessen die Pädagogik. Geht es uns da nicht leider Gottes mehr um eine Scheinmoral im Sinn von Sitte und Anstand und um einen regelrechten Aberglauben als um wirkliche Moral und um wirklichen christlichen Glauben, woran wir aus vielerlei Gründen gar kein Interesse haben? Klar, so etwas wie eine Jugendreligion wollen die Kirchen schon gar nicht....

Mich fragte einmal ein unterer Kulturbeauftragter einer der großen deutschen Parteien, was denn das Ziel meines Religionsunterrichts sei. Und da antwortete ich, daß nach meinen Erfahrungen wirkliche Moral und christliches Leben beispielsweise weniger von Sitte und Anstand abhingen als vielmehr von besserer Information und von besserem Bewußtsein gerade der Mädchen und daß ich da einen Ansatz sähe. Er erwiderte darauf, daß ich das doch lieber lassen sollte, es sei doch ganz schön, wenn die Mädchen nicht alles so durchschauten... Ähnliche Meinungen habe ich allerdings auch anderweitig gehört!

Sicher gibt es aufrichtige Verkünder unseres Glaubens (sogenannte reine Seelen), die das alles, was hier den Priestern zur Zeit Jesu und auch heutigen Zeitgenossen vorgeworfen wird, sich noch nicht einmal vorstellen können.

Doch dann dürften eigentlich diese Verkünder - einmal aufmerksam gemacht - nicht mehr weiter zögern, in wirklicher Nachfolge Jesu das in ihre Verkündigung auch einzubauen, also dort weiterzumachen, wo man Jesus aus dem Verkehr gezogen hatte. Siehe auch nützliche Idioten, Heuchler, Moralapostel, Dummheit oder Böswilligkeit.

(Zugegeben: Sowohl der Bericht von Jesus und der Sünderin wie auch der von der Susanna im Bade sind unter Fachleuten nicht unumstritten, inwieweit sie den jeweiligen genannten Verfassern auch wirklich zuzurechnen sind. Die Susannaerzählung gehört mit Sicherheit nicht zum ursprünglichen alttestamentlichen Buch Daniel und dürfte erheblich später eingefügt worden sein. Und mit dem Bericht von der Ehebrecherin verhält es sich im Hinblick auf das Johannesevangelium ähnlich, doch stammt dieser Bericht sicher aus alter mündlicher Überlieferung, die auf den historischen Jesus zurückgeht. Beide Berichte sind zumindest als Sittenbild der damaligen Zeit zu werten, das sich über Jahrhunderte hinweg offensichtlich kaum oder gar nicht geändert hatte. Während der Ausgang der Susannaerzählung wohl unrealistisch harmonisch ist <eine eingespielte Gesellschaft läßt sich sicher nicht so ohne weiteres von einem zufällig ins Spiel gekommenen Idealisten entlarven>, entspricht der Ausgang der Erzählung von Jesus und der Sünderin gewiß eher der Plausibilität. Anders als alle möglichen wundersamen Begebenheiten über Jesus, die nur zu oft völlig legendenhaft und unglaublich klingen und die auch noch nicht einmal wissenschaftlichen Überprüfungen standhalten, wird Jesus hier schon eher konkret und sogar lebendig. Einen solchen Jesus kann man sich vorstellen! 

Und wenn wir die Wahl haben zwischen einem wissenschaftlich nur schwer zu erfassenden Jesus des Glaubens <siehe Leben-Jesu-Forschung und Kerygma>, der noch nicht einmal plausibel ist, und einem, der nun wirklich plausibel ist, sollten wir da nicht die Plausibilität sprechen lassen, zumal damals offensichtlich wirklich einmal jemand nötig war, der mit dem ganzen Sumpf und allem, was genau damit zusammenhing, engagiert aufräumte? Und ist es wirklich vorstellbar, daß ein solcher realistisch denkender und handelnder Jesus dann wirklich außerdem noch irrational-wunderwirkend-jenseitsverkündend gewesen sein sollte?)

Künstler waren schon immer schlauer als Theologen: Eine Beziehung zwischen beiden Erzählungen, also der Erzählung von der Sünderin, die gesteinigt werden soll, weil sie auf frischer Tat ertappt wurde, und der keuschen Susanna, die zwei Älteste zum Sex erpressen wollen, stellt offenbar auch der Maler Giorgione her in seinem Gemälde, das heute in Glasgow hängt. Das Bild wird bisweilen interpretiert als "Jesus und die Ehebrecherin" oder "Susanna und der junge Daniel".

Hat diese Geschichte wirklich stattgefunden?

Bibelwissenschaftler streiten darum, denn sie ist nachweislich erst nachträglich ins Johannesevangelium eingefügt worden. Doch es spricht eigentlich mehr dafür, dass sie stattgefunden hatte als dagegen. Siehe 
http://www.theologische-beitraege.de/fileadmin/theo/downloads/ThBeitr2012-1_Baum.pdf und

http://www.armin-baum.de/wp-content/uploads/2010/08/Die-Perikope-von-der-Ehebrecherin-abstract.pdf .

Zur Seite des Verfassers: http://www.armin-baum.de/

Wenn ich bedenke, wie schwer ich zu kämpfen habe, dass der in dieser Website aufgegriffene Ansatz publik wird, weil er einfach unbequem ist, dann könnte ich mir vorstellen, dass das vor 2000 Jahren nicht anders war. Der Ansatz Jesu war einfach unbequem und man vergaß oder verdrängte ihn lieber. Also wurden sehr eindeutig-deutliche Erzählungen von ihm entweder ganz ausgelassen oder sie bekamen eine neue Sinnspitze. So wurde aus der Geschichte der Entlarvung der Heuchler eine Vergebungsgeschichte. Sehr praktisch und bequem für alle die, die ähnlich den damaligen Steinigern sind ...

Zur Entstehung des Neuen Testaments siehe dort!

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Und ein weiterer ähnlicher Ansatz für die, denen der Ansatz mit den Zuhältern zu exotisch erscheint. Doch auch dieser Ansatz führt in die ähnliche Richtung, “man” braucht nur einmal zwischen den Zeilen der Zeitung zu lesen:

 

"Saudi-Arabien will an ersten Weihnachtstag Christen hängen (FAZ vom 24.12.92)

ulf. ABU DHABI, 23.Dezember. In Saudi-Arabien sollen offenbar an ersten Weihnachtsfeiertag zwei philippinische Staatsbürger durch Hängen hingerichtet werden, die dort angeblich Muslime zum Christentum zu bekehren versuchten. Nach Angaben der Zeitung "Gulf News" ersuchte der Staatspräsident der Philippinen, Ramos, den saudischen König Fahd am Dienstag, die Hinrichtung zu verhindern. In einem Brief Ramos´ an König Fahd heißt es: "Wie Sie wissen, ist der 25. Dezember ein universeller Tag des Friedens und Vergebens. Ich hoffe, daß die Bedeutung dieser Jahreszeit von Ihrer Majestät nicht außer acht gelassen wird." Nach Angaben der "Gulf News" wurde der philippinische Pastor Oswaldo Magdangal in Saudi-Arabien inhaftiert, weil die Polizei bei ihm eine Bibel gefunden hatte. Renato Poseidio soll vor zwei Monaten festgenommen worden sein, als er angeblich versuchte, eine Kapelle zu bauen."

 

Eine fast nebensächliche Zeitungsnotiz?

 

Vermutlich waren das zwei von amerikanischen Sekten infizierte Spinner, die da naiv und unrealistisch herumagierten - vielleicht so eine Art Zeugen Jehovas, die von Haus zu Haus gingen? So dachte ich zunächst, schon schrecklich, was da passiert, doch Schicksal. Die wissen doch, daß auf so etwas dort die Todesstrafe steht - wer sie eben haben will, der soll sie haben...

Doch - auf einmal - nach langer Zeit -  erinnere ich mich wieder an diese Notiz und finde sie auch eingesteckt in die Holzwand meiner Küche - und es tauchen Fragen auf! Warum gerade ein philippinischer Pastor? War der vielleicht doch katholisch, auf den Philippinen sind die ja schließlich alle katholisch... Doch ein Pastor aus einem eher armen Dritten-Welt-Land in Arabien, was hat der dort zu suchen? Wie kommt der an ein Visum, wo noch nicht einmal normale Touristen eins "kriegen", und  viel Geld dürfte der doch auch nicht haben? Und wenn jemand schon ein Visum bekommt, dann doch zu einer Arbeit, doch zu welcher Arbeit ein Pastor? Und dann die Unverhältnismäßigkeit, eine Bibel hat man gefunden, dafür die Todesstrafe? Kann man nicht auch ohne Bibel christliche Seelsorge treiben, wenn ihr Besitz eher gefährlich ist? Für wen sollte da eine Kapelle gebaut werden, auch die braucht man doch eigentlich nicht? Missionieren wird man wohl damit nicht wollen, so naiv können die doch nicht sein, die wissen doch, was ihnen blüht? Also nur für Leute, die schon Christen sind? Doch wer ist dort schon katholisch - "Kapelle" weist doch auf katholisch hin? - Von Seiten der Araber bedeutet so eine Todesstrafe nicht zuletzt auch eine unnötige Provokation der christlichen Welt, die auch weitgehend die Welt der Industriestaaten ist, mit denen man Geschäfte machen will, so eine unnötige Provokation will man sich gewiß doch auch nicht "einfach so" leisten? Und auch nicht mit einem "Dritte-Welt-Land", da will man sich gewiß gerade gutstellen? Hätte man die beiden nicht auch einfacher abschieben können?  Und zudem: Hat nicht auch Mohammed selbst die Christen als Menschen einer "Religion des Buches" in Schutz genommen? Warum also die ganze Geschichte, da ist doch etwas faul?

Oder ist alles ganz anders? Muß man in dieser Notiz vielleicht zwischen den Zeilen lesen? Ach ja, da kursierte doch vor nicht allzu langer Zeit dieser "Fall" der jungen Hausangestellten, die zum Tode verurteilt werden sollte, weil sie ihren "Herrn" erstochen hatte... Die war doch auch von den Philippinen... Angeblich war sie von diesem seit längerer Zeit "belästigt" - oder eben genauer "vergewaltigt" worden. Und das mit dem Vergewaltigen der Hausangestellten - die kommen alle aus armen Ländern, sehr oft eben auch von den Philippinen - sei da doch sozusagen "üblich", erfuhr man, auch sonst würden diese Frauen wie Leibeigene behandelt. Gibt es da gar einen Zusammenhang mit dem Fall des philippinischen Pastors?

Ich weiß es nicht. Einen direkten vermutlich nicht, das wäre wie mit der Stecknadel im Heuhaufen. Doch einiges kann da vielleicht doch stimmen? Und so konstruiere ich eben einmal einen "indirekten".... Vielleicht gelingt es irgendwann, nähere Informationen zu erhalten - und dann kann man ja sehen, wie weit ich recht hatte. Und ich wette, ich hatte recht.

Für mich stellt sich die Sachlage also wie folgt dar: Durch die sehr oft erniedrigende und ausbeuterische Behandlung der philippinischen Hausangestellten, Krankenschwestern und anderen vor allem weiblichen Arbeitskräften in der saudischen Machogesellschaft und dem damit zusammenhängenden Heimweh dieser Frauen bis hin zu Depressionen und gewiß auch zu Selbstmorden ergab sich Handlungsbedarf. In Zusammenarbeit von philippinischen Behörden und philippinischer (katholischer) Kirche und in gewisser Weise auch geduldet von den saudischen Behörden (die sehen ja auch die Probleme) werden einige halbwegs als Psychologen getarnte Geistliche und andere entsprechend ausgebildete Leute von den Philippinen nach Saudi Arabien geschickt, die dort die jungen Frauen menschlich betreuen sollten - wie man das so kennt. Natürlich sehen die   Geistlichen ihre Aufgabe nicht nur darin, Gemeinschaftsgefühl und Heimatverbundenheit aufrecht zu erhalten, sondern auch zu trösten, Gottes Vergebung und Gnade zu versprechen, Hoffnung zu machen. Das geht auch lange ganz gut. (Ich erinnere mich, wie mir seinerzeit in Hongkong auf einem Platz jede Menge "ganz normaler" junger Frauen auffielen, die da in kleinen Gruppen zusammenstanden, auch auf Bänken und Mäuerchen saßen, mitgebrachten Tee tranken und auch sonst Picknick machten - und wie ich von einigen erfuhr, waren das alles philippinische Hausangestellte, die dort arbeiteten und sich am freien  Sonntagnachmittag hier trafen, warum soll es so etwas in Saudi-Arabien nicht auch geben - und dort sogar mit jemandem, der sich um die Frauen "offiziell" kümmert? Und es sagt auch niemand etwas, daß da hin und wieder vielleicht sogar ein (katholischer) Gottesdienst ist, Hauptsache, es fällt nicht auf.

Doch dann kommt dieser Pastor Oswaldo Magdangal. Er nimmt seine Aufgaben "etwas anders" wahr und überschreitet dabei leider "seine Kompetenzen"  und wohl auch die "Toleranzgrenzen" der "Scheichs". Er spricht mit den jungen Frauen (vielleicht beichten sie auch bei ihm) und erfährt so allerhand (ich erinnere mich hier an den jungen idealistischen Jesuitenpater Friedrich von Spee, dessen Engagement gegen den Hexenwahn vor etwa 365 Jahren auch mit den Beichten der betroffenen Frauen begonnen hatte), er erfährt genau auch von dem, was diese junge Frau da oben erlebt und wogegen sie sich mit dem "Mord" gewehrt hatte... Er erfährt von der Ausbeutung und der Erniedrigung, von der Duldung von alledem durch die ganze Gesellschaft und auch sonst von den sehr oft erbärmlichen privaten Verhältnissen in den saudischen Familien hinter den Fassaden von Chrom und Luxus... Und dieser Pastor Magdalal läßt es nicht bei dem Trösten und Vergeben, bei Heimat- und Gemeinschaftsgefühl bewenden. Er will etwas Grundsätzliches tun und so wird er aktiv. Er veröffentlicht in philippinischen (Kirchen-)Zeitun-gen Beiträge über die Zustände in Saudi-Arabien, über die Kehrseite des Geldverdienens der Frauen dort, über die Ausbeutung und über den Weg ohne Wiederkehr. Und er berichtet auch von dem frommen Getue dort, von den immensen Gewinnen nicht nur aus dem Erdölgeschäft sondern auch aus dem riesigen Geschäft mit der Mekkawallfahrt (von hier aus zwei Wochen für mindestens 7000 DM). Und so erfährt die ganze Welt dort von der Doppelmoral in diesem ach so frommen islamischen Land. Und auch in Saudi-Arabien selbst kann er natürlich nicht ruhig sein, er will Verbesserungen für die Frauen, er will rechtliche Sicherheit der Frauen, er ermuntert die Frauen, gegen ihre "Herren" selbstbewußt aufzutreten und sie eventuell sogar zu verklagen (irgend welche Gesetzte wird es auch dort geben), er unterstützt die Frauen und macht ihnen Mut, er kritisiert die Heuchelei der dortigen Gesellschaft. Und sowohl seine Artikel in den Philippinen (vielleicht gibt es auch eine philippinische Presse in Saudi-Arabien für die dort lebenden Arbeiter und Arbeiterinnen) wie auch seine Aktivitäten in Saudi-Arabien beginnen Wirkung zu zeigen. Die saudischen Behörden erfahren davon und fühlen sich provoziert - da macht ja einer das ganze Land und die ganze Gesellschaft und auch die herrliche (weil frauenfeindliche) islamische Religion schlecht und stört das ganze schöne System. Und es beginnen auch erste Änderungen, sogar die saudischen Frauen, die oft ja nicht viel besser als die Hausmädchen behandelt werden, beginnen nachzudenken (- auch über den ganzen erstarrten islamischen  Glauben überhaupt?). So kann das also nicht weitergehen, daß diese christlichen Dienstmädchen in all ihrer Bedrängnis mit ihnen "den Molli machen". Und "sicherheitshalber" löst  man das Problem nicht einfach mit dem Abschieben derjenigen, die ihrer Meinung nach dahinter stehen, denn dann machen "die" ja woanders den Mund auf, sondern es wird ein Exempel statuiert - oder soll es wenigstens werden. Natürlich sagt und schreibt man nicht offen, um was es wirklich geht. Man sucht etwas "Unverfängliches", um den Pastor und die ganze "christliche Mäkelei" (denn im "anständigen" Islam gibt es das alles nicht!) nachhaltig loszuwerden, irgendwelche alten Gesetze, die passen, finden sich immer, und man findet bei einer gezielten Hausdurchsuchung auch eine Bibel.... Eine lächerliche Belanglosigkeit eigentlich - ähnlich dem Löffel, den die römischen Soldaten im "Leben des Brian" finden -, doch für eine offizielle Begründung sehr nützlich. Da kommt es dann auch gelegen, daß ein anderer Philippino eine eher konservative Strategie verfolgt und von daher eine Kapelle bauen will (gewiß so richtig im Stil des philippinischen Katholizismus mit Madonna- und Heiligenfiguren), wo sich die Erniedrigten und Ausgebeuteten ausweinen können. Für die Saudis ist das alles dasselbe - und eine gute Ausrede, daß es beim Christentum der Philippinos genau um den "Bilder-Götzendienst" geht, gegen den auch Mohammed etwas hatte. Hinter allem steckt jedoch blanker Haß, wie der üblich ist, wenn es ans Eingemachte geht. Ob es da geholfen hat, daß sich da noch der philippinische Staatspräsident eingeschaltet hat, schließlich handelten "die beiden" ja zumindest offiziös zur Betreuung von Landeskindern, es war jedenfalls gewiß sinnvoll, auf den konkreten Fall nicht einzugehen, sondern lediglich um Vergebung zu bitten "im Hinblick auf das Weihnachtsfest...

 

Warum mich der Fall so interessiert? Zunächst natürlich war ich entsetzt, daß man heutzutage zwei Männern so etwas antut oder antun will. Unternehmen konnte man da ja wohl nichts mehr, außerdem hatte ich ja (noch) keine Ahnung von alledem? Also klemmte ich den Zettel an meine Küchenwand. Und dann kam mir bei meiner Suche nach der Wahrheit über Jesus eben der Gedanke, daß der Jesus vor 2000 Jahren in gewisser Weise wie dieser Pastor - so wie ich ihn sehe - gesehen werden müßte.... Wir wissen inzwischen, daß das, was die Evangelien berichten, nicht "so" war, das ist alles nur "Kerygma" (= gr. "Verkündigung") oder eben "Propaganda". Doch zwischen den Zeilen können wir auch hier lesen und auch sonst wissen wir einiges... Da war doch auch so eine verklemmte und bigotte Machogesellschaft, und auch Jesus hatte ein besonderes und für die damalige Zeit unüblich gutes und integres Verhältnis zu Frauen.... Schimpfte er nicht auch auf die Heuchler? Und in seinem Buch "Standrechtlich gekreuzigt" schreibt der Jurist Dr. Weddig Fricke, daß der Prozeß Jesu eine ganz obskure Sache gewesen sein muß, weder nach römischem noch nach jüdischem Recht stimmte der... Da paßt vieles! Vermutlich war der Ansatz Jesu allerdings grundsätzlicher: Seine Idee war wohl, schon Kindern ein anderes Lebenskonzept mitzugeben, mit dem sie von vornherein anders in den typischen Machogesellschaften bestehen würden. (Stellen wir uns einmal vor, die philippinischen Mädchen in Saudi-Arabien würden den Männern dort deshalb auch von Anfang an zeigen, wo es mit ihnen entlang geht...) Doch auch dieses geschickte und vorsichtige Vorgehen schützte Jesus nicht, er mußte sterben. Und so wie bei Jesus Lehre (= wofür er sich einsetzte) und Tod gewiß ursächlich zusammenhängen, dürfte dies auch der Fall bei den beiden Philippinos in Saudi-Arabien sein. Kann man eigentlich das alles auch anders sehen?       M.P. 1.6.1999

 

Inzwischen, 8.8.99, habe ich Nachricht von der philippinischen Botschaft, bei der ich nachgefragt hatte. Also, die beiden sind begnadigt und in die Philippinen entlassen worden, noch an Weihnachten 1982. Weiter erfuhr ich, daß es protestantische Pastoren waren. Wenn meine Idee also stimmt, kamen nicht katholische Geistliche drauf, den zumeist katholischen Philippinos beizustehen, sondern protestantische - oder zumindest protestantische Geistliche waren aufgefallen. Ansonsten bleibt alles wie beschrieben. Doch ich werde weiter forschen, immerhin habe ich da auch die Anschrift einer Behörde auf den Philippinen erhalten, die mir vielleicht weiterhelfen kann.

 

Doch bis heute, längst das Jahr 2003, habe ich leider nichts gehört. Muß ich deswegen auf die Philippinen fliegen – oder kann mir jemand helfen?

 

Nachtrag: Am 9. Mai 2007 findet sich eine Notiz in der WELT auf der letzten Seite, dass in Saudi-Arabien ein indonesisches Hausmädchen bei einem Fluchtversuch gestorben ist. Die offensichtlich eingesperrte Frau ist bei dem Versuch, sich aus der Wohnung des Arbeitsgebers im vierten Stock mit einem Kabel abzuseilen, in den Tod gestürzt. "Internationale Menschenrechtsorganisationen prangern regelmäßig die Lebensbedingungen vieler ausländischer Hausangestellter in Saudi-Arabien an. Teilweise werden sie wie Leibeigene behandelt. Ihr Pässe müssen sie nach saudi-arabischem Recht dem Arbeitgeber übergeben", so die WELT.

 

HINWEIS: Eine ausführliche Diskussion mit einem engagierten (evangelischen) Theologiestudenten über dieses Konzept des historischen Jesus finden Sie HIER!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)