JUNGFRAUENGEBURT  -  leider Gottes oder Gott sei Dank (nur) ein PR-Knüller der frühen Kirche? Die Sache des wirklichen Jesus, nämlich die richtige Liebe, war damals in dieser vorderorientalischen Machogesellschaft einfach unvorstellbar! Da musste eben (natürlich zeitgenössisches) Marketing her! Den wirklichen Sinn erfahren wir auf alle Fälle nur aus dem zeitgenössischen Zusammenhang!

Vergegenwärtigen wir uns doch einmal, was mit der Lehre von einer Jungfrauengeburt, die durch Wirken eines Gottes zustande gekommen sein soll, ausgesagt wird: Da wird also ein unschuldiges Mädchen durch Gott (beziehungsweise eine weitere göttliche Person, nämlich den heiligen Geist) schwanger, damit ihres Lebensglücks in einer Liebe in der Einheit von Leib und Seele mit einem Gefährten beraubt (und das alles noch in einer Gesellschaft, die im Grunde ein typischer Gottesstaat ist, in der vorehelicher Verkehr etwas absolut Frevelhaftes ist und bisweilen sogar mit dem Tod bestraft wird), dann muss ihr Verlobter das auch noch akzeptieren - und zur Belohnung dafür wird die dermaßen missbrauchte Frau nach ihrem Tod in den Himmel aufgenommen und dort gekrönt...

Nur Machos können im Grunde auf so eine Idee wie an eine Jungfrauengeburt kommen und auch noch daran glauben und sie verteidigen - zumindest, wenn sie erst einmal auf die Ungeheuerlichkeit einer solchen Konstruktion hingewiesen werden!

Wenn wir einmal davon ausgehen, dass ein liebender menschlicher Gott existiert, so ist es schlicht und einfach undenkbar, dass dieser Gott auch nur in einem einzigen Fall gegen die ihm ureigensten moralischen Normen verstößt, es ist undenkbar, dass ein solcher Gott unter Missachtung der Lebenserfüllung und der Würde und der Ehre auch nur eines einzigen Menschen uns eine Botschaft (oder eben einen „Botschafter“) zukommen lässt - und sei diese Botschaft noch so gut! Der Zweck heiligt bei Gott eben nicht die Mittel! Diese Lehre von der Jungfrauengeburt kann also gar nicht stimmen!

Und wer dennoch auf dem Glauben von der Jungfrauengeburt besteht, dem kann man nur sagen, dass er von den Sehnsüchten und Hoffnungen eines unschuldigen und idealistischen Mädchens keine Ahnung hat und dass er Gott dieselbe Ahnungslosigkeit unterstellt! Wenn er selbst schon ein typischer Macho ist, denn die haben von den Sehnsüchten von Frauen üblicherweise keine Ahnung, so ist das schon schlimm, wenn er allerdings solche Ahnungslosigkeit auch noch Gott unterstellt, dann ist das ein Zeichen, dass er nicht mehr an einen liebenden Gott glaubt, sondern an ein Götzenbild - und damit ist das eine ausgesprochene Gotteslästerung!

Doch so ungewöhnlich war damals eine Jungfrauengeburt gar nicht!

Nach Auffassung der alten Ägypter waren die Pharaonen immer Göttersöhne, sie waren zwar nicht unbedingt von Jungfrauen geboren, doch zumindest waren sie immer unmittelbar von einem Gott ohne Zutun eines irdischen Mannes gezeugt worden. Siehe unter "ägyptische Mythologie". Wenn etwa der Pharao Tut-anch-Amun den Titel „Sohn des Gottes Horus“ oder gar „Sohn des Gottes Osiris“ hatte, dann war das nicht nur ein Ehrentitel, sondern man glaubte, dass er tatsächlich Gottessohn oder eben Sohn Gottes war. Damit erklärt sich auch die Großartigkeit der Pyramiden: Sie waren nicht einfach irgendwelche Grabmonumente, sondern riesige „Open-air-Tempel“, weil in ihnen sozusagen die "irdischen Teile" von Göttern oder eben von Göttersöhnen lagen. Bis ins Mittelalter waren die Pyramiden noch mit gehärtetem und poliertem Kalk verkleidet, sie müssen wie Brillanten in der Sonne gefunkelt haben, eben wir riesige Monstranzen, der Würde von Göttern angemessen.

Die Entstehungsgeschichten der Pharaonen sind uns oft sogar detailliert bebildert überliefert. Denn neben vielen alten (alt-)ägyptischen Tempeln stehen noch heute gut erhaltene sogenannte Mammisi, also "Geburtshäuser", wo die jeweiligen Tempelgöttinnen verweilen konnten, um in ritueller Zurückgezogenheit die unreine Zeit des Wochenbetts zu verbringen und schließlich das Kind zur Welt zu bringen. Wir sehen dort in Reliefs, wie etwa im Geburtshaus am Tempel von Luksor unmittelbar am Nil die verschiedenen Götter und Göttinnen der Pharaonin die Würde einer Königsmutter verleihen, wie sie in die Geburtshalle geführt wird, dann die Geburt des Kindes unter dem Beistand von göttlichen Geburtshelfern und wie ein niederer dem höheren Gott das Neugeborene übergibt, und schließlich, wie dieser dann das Kind auf den Armen hält.

Die Ägyptenforscherin Emma Brunner-Traut erklärt in ihrem Ägyptenführer (Kohlhammer-Verlag, verschiedene Auflagen) den Zusammenhang mit unserer christlichen Überlieferung: "Mit dieser auch aus anderen Tempeln bekannten Szenenfolge, deren Vorbild bis ins frühe Alte Reich (2700 v. Chr.) zurückgeht, erfahren wir in Text und Bild eine Parallele, ja die geistige Vorlage zur Weihnachtslegende. Amun, der Windgott, das Pneuma (Anm.: Geist) der Griechen, wählt die (jungfräuliche) Königin als irdische Mutter für seinen göttlichen Sohn, den neuen König, der Gott und Mensch zugleich ist; sendet seinen Botengott Thot (Bote = angelos/Engel) auf die Erde, um der Königin ihre neue Würde als Königsmutter zu verkünden, und erteilt zugleich dem Töpfergott Chnum den Auftrag, das Kind und seinen Geist zu bilden. Unter dem Beistand der Götter kommt der erstgeborene Sohn auf die Welt, wird von den göttlichen Ammen ernährt und dem Vatergott präsentiert, der ihn im Himmel anerkennt. Es folgen Beschneidung, Taufe und Inthronisation des neuen Königs. Dies ist der Mythos, der von der Gottmenschlichkeit des Pharaos kündet".

Und nicht nur durch die ägyptische Mythologie geistert die Vorstellung, dass ein Gott mit einer irdischen Frau einen Sohn zeugt, der dann Gott und Mensch zugleich ist, sondern überhaupt durch die ganze Antike. Denken wir an die Zeussagen, wie er sich etwa als Stier verkleidet, um mit der Königstochter Europa einen Sohn zu zeugen, oder als Schwan, um mit der spartanischen Königin intim zu werden - sie gebar ja nach einer Sagenversion von daher zwei Eier, aus dem einen entstand die schöne Helena, deretwegen der Krieg um Troja geführt wurde, und aus dem anderen die Zwillinge Castor und Pollux, die dann zu Sternbildern am Himmel  wurden. Oder auch der berühmte Herkules ist so eine Götterzeugung, so etwas war damals einfach denkmöglich, schließlich kam ja alles Leben von den Göttern (siehe Fruchtbarkeitskulte) und die Vorstellungen von der Funktion von Mann und Frau waren in unsern heutigen Augen diffus (siehe Homunculus - siehe unten). Es gibt zahlreiche Darstellungen sowohl aus der Antike wie aus unserer heutigen Zeit, wie der Göttervater Zeus etwa die Leda beglückt, siehe etwa die Website http://www.echolalie.org/wiki/index.php?ListeDeNusDeLeda.

 

Wie man einen Wanderarbeiter, der auch noch wie ein Verbrecher gekreuzigt wurde, "P.R.-mäßig" aufwertet.

Allerdings wurde in der christlichen Denken Geschichte von dem Engel, der zu Maria kommt und ihr einen Gottes-Sohn verheißt, die Pharaonenzeugung oder die anderen Göttergeschichten nicht nur einfach kopiert. Die wesentliche Neuerung oder Weiterentwicklung in dem Bericht über Jesus ist, dass dort die Stelle einer Königin von einem einfachen Landmädchen eingenommen wird. Die Bibel rückt also das Geschehen in Volksnähe, Gott kommt nicht nur zu den höheren Gesellschaftsschichten, sondern er kommt jetzt zu einem Mädchen von uns, er wird so einer von uns, die Erlösung wird jetzt für jedermann unmittelbar möglich. Wie auch beim Bericht von der Auferstehung oder von den heiligen Drei Königen müssen wir Verständnis aufbringen für das Verfahren der frühen Verkünder der Evangelien, Jesus mit einem Nimbus der Göttlichkeit (wie sie mit der Jungfrauengeburt erreicht wurde) zu umgeben. Nur so konnte Jesus ein zugkräftiges Argument gegen die andern Religionen werden. Die Geschichte von der Jungfrauengeburt ist sozusagen ein zeittypischer „Marketingtrick“ der frühen Christen, um ihre Botschaft aufzuwerten. Nach unseren heutigen Vorstellungen ist dieses "Marketing" der frühen Christen allerdings voll daneben gegangen. Man kann nicht etwas Gutes erreichen (also die Aufwertung der Frau) mit einer sie abwertenden Geschichte!

Nichtsdestotrotz gab es ganz offensichtlich schon sehr bald in der frühen Kirche Schwierigkeiten, die Jungfrauengeburt zu erklären, denn auch schon damals wurde längst nicht mehr alles geglaubt. Doch sehen Sie sich hierzu einmal die Argumentation des heiligen Kirchenlehrers Ambrosius (um 339 - 397) und den damaligen Stand der Naturwissenschaften an!

"Jetzt wollen wir von der Jungfrauschaft sprechen, die sogar, wie versichert wird, bei mehreren Vögeln vorkommt. So kann sie auch bei den Geiern wahrgenommen werden. Die Geier sollen nämlich keinem Geschlechtsverkehr huldigen. Ihre Empfängnis soll sonach ohne jedwede Begattung, ihre Zeugung ohne Männchen vor sich gehen, ihre Jungen sollen ferner in einem langen Leben...

Was sagen dazu die Spötter, welche so gerne unsere Geheimnisse verlachen, wenn sie hören, daß eine Jungfrau geboren hat, und welche die Geburt einer Unvermählten, deren Scham keines Mannes Beischlaf verletzt hat, für unmöglich halten? Für unmöglich will man bei der Gottesmutter das halten, dessen Möglichkeit man bei den Geiern nicht in Abrede stellt? Ein Vogel gebiert ohne Männchen, und niemand widerspricht dem, und weil Maria als Verlobte geboren hat, stellt man deren Keuschheit in Frage. Merken wir denn nicht, wie der Herr gerade im Naturerleben eine Menge Analogien vorausgehen ließ, um durch dieselben das Schickliche seiner Menschwerdung zu beleuchten und deren Wahrheit zu beglaubigen?" ("Bibliothek der Kirchenväter", Kösel, Kempten & München, 1914, Exameron V., XX Kapitel, 64).

Das eigentliche Problem ist heute doch wohl nur, dass sich manche Kirchenleute beharrlich weigern, die damaligen Zeitumstände zur Kenntnis zu nehmen und in ihr Denken einzubauen!

Oder ist das ganze ein Übersetzungsfehler - "junge Frau" statt "Jungfrau"?

Und die Erklärung, dass hier ein Übersetzungsfehler vorliegt, ist auch keine Lösung. Beim Propheten Jesaia taucht nämlich eine Prophezeiung auf, die angeblich durch Jesu Geburt erfüllt wurde: "Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen." (7,14). Und da gibt es die Deutung, dass es nicht "Jungfrau" heißen muss, sondern "junge Frau", dass also Jesus als ganz "normales Kind" auf die Welt kam! 

Das Problem ist allerdings der erste Teil der Prophezeiung des Jesaia, dass der Herr nämlich "ein Zeichen" geben werde. Doch dass eine "junge Frau" ein Kind empfängt und gebiert, ist nun einmal kein Zeichen, dass ist etwas völlig Normales! Ein Zeichen wäre nur, wenn eine "Jungfrau" ein Kind empfängt und gebiert, doch das war es eben nicht..

Es muss also an dieser Geschichte irgendetwas anders sein, als wir es heute verstehen!

Schlagen wir nun endlich einmal die Bibel auf und sehen uns den Text und vor allem den Zusammenhang an! Kurz vor der Erzählung von der Erscheinung des Engels bei Maria geht es nämlich um den Stammbaum Jesu, beginnend bei Abraham usw. Da steht also etwas über die Genetik Jesu! Und wo endet der Stammbaum nun „vor Jesus“? Bei Maria oder bei Josef? Wenn Josef mit Maria doch „nichts zu tun hatte“ und sie noch "jungfräulich" ist, dann müsste er doch bei Maria enden...? Falsch geraten – er endet bei Josef! Ist Josef also doch der Vater? Was aber dann mit der Geschichte von der Jungfrauengeburt, die danach folgt?

Das Problem ist, dass hier zwei Entstehungsgeschichten Jesu miteinander verknüpft sind, die beides „Marketinggeschichten“ sind – aber für verschiedene Kulturkreise. Der Bericht vom Stammbaum Jesu ist für die Juden geschrieben, denn für die musste der Erlöser nun einmal aus dem Stammbaum Abrahams stammen. Also wurde dafür nun ein entsprechender Stammbaum konstruiert – bis hin zu diesem Josef aus Nazareth. Anderen Völkern, die man zu missionieren gedachte, hätte dieser jüdische Stammbaum absolut nichts gesagt, dadurch wäre Jesus für sie niemals zu demjenigen geworden, auf den sie gewartet hatten und auf den sich daher die frühen christlichen Missionare beziehen konnten. Also musste eine Marketinggeschichte her, die für sie von ihrem eigenen Kulturreis her überzeugend war, weil sie eben so „ihren“ Erlöser erwarteten: Und das war für manche Völker – etwa für die Ägypter und auch für die Griechen - nun einmal eine "Jungfrauengeburt"!

Anmerkung: Mir hat einmal ein Internetfreund die Passage aus dem Matthäusevangelium vorgelesen, wie Jesus, Josef und Maria zusammenhängen (Math. 1, 16): "Jakob war der Vater von Josef, dem Mann Marias, und von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird" und darauf hingewiesen, dass hier nicht wie im sonstigen Stammbaum Jesu steht, wer von wem abstammt usw., dass hier also andere Worte gebraucht werden, dass also gar nicht da steht, dass Josef der Vater von Jesus ist. Dazu ich: Was hätte der Stammbaum Jesu denn für einen Sinn, wenn Josef, bei dem er vor Jesus endet, doch nicht der Vater wäre? Wozu also die ganze Geschichte? Wir müssen hier die damals in den Köpfen der Menschen herumspukende Homunculus-Theorie bedenken: Sie glaubten eben, dass sich das Leben von Generation zu Generation fortpflanzt, indem es etwa durch den Penis des Mannes weiter gegeben wird. Und vor diesem Hintergrund ist auch ein Satz zu verstehen wie Math. 1,16. Also: Josef ist der Vater von Jesus!

Die Geschichte hat nun wirklich nichts oder sehr wenig mit dem Intimleben Mariens zu tun!

Lassen wir daher alle mehr oder weniger geschmackvollen Spekulationen über das Intimleben Mariens beiseite, denn es geht nicht im Geringsten über irgendeine Begebenheit aus ihrem Leben (auf jedenfall wird von einer möglichen Verbindung mit dem Vater von Johannes dem Täufer, also von Zacharias, abgelenkt). Nach dem religionsgeschichtlichen Ansatz müssen wir uns wie immer bei ähnlichen Unglaublichkeiten aus anderen Zeiten vergegenwärtigen, welche Vorstellungen die Menschen, die mit solcher Mythologie angesprochen werden sollten, in ihren Köpfen hatten. Und da stellen wir fest, dass zunächst einmal den Menschen früherer Zeiten im Hinblick auf Zeugung und Entstehung des (menschlichen) Lebens keineswegs klar war, was heute schon jedes Schulkind weiß: Dass nämlich das Leben durch die Vereinigung von Sperma und Eizelle entsteht und auch vor allem, dass die weibliche Eizelle in gleicher Weise an der Weitergabe des Erbguts beteiligt ist wie die männliche Samenzelle. Früher war da in den Köpfen die so genannte Homunculus-Theorie, nach der im männlichen Samen schon die fertigen Menschlein sind und diese sozusagen in der der Gebärmutter der Frau nur "ausgebrütet" werden! Das war etwas völlig anderes als das, was wir heute wissen. Und diese Theorie, die gerade auch von dem bedeutenden griechischen Philosophen Aristoteles bestätigt wurde, war nun der Hintergrund für die in der Antike öfter vorkommenden Geschichten von einer Jungfrauengeburt: (Ein) Gott bedient sich einer Frau, um einen Sohn auf die Welt zu bringen. Und diese Vorstellung wurde dann eben auch auf Maria und Jesus angewandt...

Leider hat der damit erzielte Nimbus der Göttlichkeit inzwischen die Botschaft Jesu den Menschen so entfremdet, dass Menschen an der Nachfolge Jesu eher gehindert als dazu ermuntert werden. Siehe auch Sohn Gottes.

Und die Konsequenzen für die Praxis heute? Siehe unter Stichwort "Kindergarten" den Essay "Das Rätsel der heiligen Drei Könige und der `Nacktkindergartenskandal´ von Duisburg".

Zur Problematik der Übernahme von Glaubensgut aus anderen Religionen siehe auch unter Synkretismus!

Oder war alles noch ganz anders? War Jesus wirklich ein Sohn Gottes in dem Sinn, dass ein Priester - stellvertretend für Gott - ihn mit einem unschuldigen Mädchen zeugte? War also Jesus das Produkt einer Art kultischer Prostitution? (aus der Zuschrift eines Besuchers dieser Website)

Aus dem Buch "Der christliche Agnostiker" (orig. "The Christian Agnostic") von Leslie D. Weatherhead, Hodder & Stoughton 1965 zum Thema Jungfrauengeburt (Seite 59-63):

Die Lehre von Jesu Geburt aus der Jungfrau kam in der Missionsbotschaft der frühen Kirche nicht vor. Jesus hat diese Lehre - so weit wir wissen - seinen Aposteln gegenüber nicht erwähnt. Markus, Petrus, Paulus und Johannes scheinen so ein Wunder nicht zu kennen. Hätte es sich wirklich um eine "göttliche Empfängnis" gehandelt, würde Maria ihrem Sohn das nicht mitgeteilt haben? Und falls sie es Jesus mitgeteilt hätte, so würden er und seine Apostel diese Tatsache zweifellos als sehr bedeutsam eingeschätzt und sie in ihre Lehren inkludiert haben.
Wir lesen jedoch im Matthäusevangelium, dass Joseph über Marias Schwangerschaft schockiert war und er "sie im Geheimen entlassen wollte", ohne "sie bloßzustellen" (Mt 1,18f). Die Hinweise darauf, dass er "gerecht" war, schließen voreheliches Intimsein aus. Außerdem: Wäre das Kind seines gewesen, hätte das jüdische Gesetz von ihm verlangt, für Maria und ihr ungeborenes Kind zu sorgen. Er hätte sie gar nicht "entlassen" dürfen, und es wäre ihm ein solcher Gedanke dann auch gar nicht gekommen.
Wovon also war Maria dann schwanger geworden? Von irgendeinem verantwortungslosen Lumpen aus dem Dorf? Ich halte das angesichts der Schönheit dieser einzigartigen Geschichte für ausgeschlossen. Lesen Sie doch bitte noch einmal das erste Kapitel des Lukasevangeliums und vergegenwärtigen Sie sich das Mädchen von ungefähr 16 Jahren, das friedlich sagt - nach einer mystischen Erfahrung jenseits aller adäquaten Beschreibung: "Siehe die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort" (Lk 1,38).
Eine Erklärung der Schwangerschaft Marias stammt von C. A. Wainwright, Oxford. Er bezieht sich zunächst auf die Feier der "heiligen Hochzeit", einen alten und weit verbreiteten Brauch im Nahen und Mittleren Osten (einschließlich Ägyptens und Indiens). Der Hohepriester spielte die Rolle des Boten Gottes. Er wurde mit einer Jungfrau "verheiratet", der er beiwohnte. Das Kind, das aus dieser Vereinigung entstand, wurde als Sohn Gottes oder göttliche Person angesehen.
Nun war Zacharias der Priester, der zur relevanten Zeit seinen Dienst im Tempel tat. Er "versah den Priesterdienst vor Gott, da seine Ordnung an der Reihe war" (Lk 1,8). Wir erfahren, dass Zacharias zwar alt, aber nicht impotent war, da er seine Frau Elisabeth schwängerte, obwohl sie bereits das Alter, in dem Frauen normalerweise Kinder empfangen, überschritten hatte. Johannes der Täufer war beider Sohn.
Wir erfahren auch, dass Maria beim Besuch des Engels, als dieser ihr ankündigte, dass sie mit Jesus schwanger werden würde, antwortete: "Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?" Der Engel versicherte ihr: "Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das, was geboren wird, heilig genannt werden, Gottes Sohn." (Lk 1,35).
Dann erfahren wir, dass Maria in das Haus des Zacharias ging (Lk 1,39f), drei Monate dort blieb und dann wieder in ihr Haus zurückkehrte (Lk 1,56).
Die "heilige Hochzeit" von der Art, wie sie Wainwright beschreibt, erforderte ein dreimonatiges Bleiben im Haus des Priesters oder im heiligen Bezirk, um über das Eintreten der Schwangerschaft Sicherheit zu erlangen*. Das würde erklären, warum Maria für diesen Zeitspanne im Haus des Zacharias blieb, bevor sie wieder in ihr eigenes Haus zurückkehrte. Ohne diese Erklärung müsste man Marias Reaktion auf Gabriels Botschaft - ihre eilige Reise in Zacharias Haus - für sehr merkwürdig halten: "Maria aber stand auf . . . und ging eilends . . . und betrat das Haus des Zacharias" (Lk 1,39).
[*Das jüdische Gesetz bestand auf einer dreimonatigen Frist zur Identifikation der Eltern eines ungeborenen Kindes. Eine geschiedene Frau konnte nicht vor Ablauf dieser Frist wieder heiraten, damit der Urheber eines von ihr geborenen Kindes eindeutig festgestellt werden konnte.]
Es ist unmöglich, die Geburt Jesu auf eine schmutzigen Affäre zwischen Maria und einem unbekannten Mann zurückzuführen. Das Magnifikat atmet dem Geist der völligen Hingabe an Gott, als unbefleckte Anbeterin bezeichnet Maria sich stolz als "Sklavin des Herrn". Solch ein Prozess, weit entfernt davon, für unmoralisch gehalten zu werden, wurde als Höchstgrad spiritueller Hingabe angesehen.
Im alten Denken wäre es für eine Frau eine immense Ehre gewesen, auf diese Weise ein Kind zu empfangen. Es soll hier erwähnt werden, dass der vom Engel bei der Verkündigung verwendete Ausdruck "Du hast Gnade gefunden bei Gott" (Lk 1,30) fast identisch ist mit den Worten, die Herodot in Bezug auf die Göttliche Braut in Babylon wiedergibt, wo sie als "von Gott aus der ganzen Nation auserwählte Frau" bezeichnet wird.
Wir müssen einräumen, dass die zeitgenössischen Schriftgelehrten und Pharisäer und die Gemeindeautoritäten die Idee der "heiligen Hochzeit" nicht mehr aufrechterhielten, ja sie ablehnten. Aber im "Bergland", in das - wie uns eigens gesagt wird - Maria ging, um Zacharias und Elisabeth aufzusuchen, hatten frühere religiöse Formen weiter bestanden.
Viele Menschen bezweifeln insgeheim die Jungfrauengeburt, finden aber keine Erklärung, die geeignet wäre, an ihrer Stelle zu treten. Wainwrights Erklärung ist natürlich eine Spekulation. Diejenigen aber, die die Jungfrauengeburt ablehnen und die man dann nach ihrer Alternative dazu fragt, scheinen darin eine Lösung finden zu können, für die so viel spricht, als uns an Argumenten zur Verfügung steht.

Übersetzung: M. D.


Und hier der englische Originaltext:

Adapted from The Christian Agnostic by Leslie D. Weatherhead. (Hodder & Stoughton, 1965). Pages 59-63: Virgin Birth.

The doctrine of Jesus's "Virgin Birth" was not part of the missionary message of the early Church. As far as we know, Jesus did not mention it to His apostles. Certainly, Mark, Peter, Paul and John show no knowledge of such a miracle. And if it really had been a "Divine Conception", surely Mary would have told her Son? If she had, then He and His apostles would undoubtedly have regarded it as highly significant, and included it in their teachings.

However, in St. Matthew's Gospel we read that Joseph seemed shocked at Mary's pregnancy and was "minded to put her away privily", "not willing to make her a public example" [chapter 1, verses 18-19]. References elsewhere to his being "a righteous man" rule out premarital intimacy. Besides, if the child were his, Jewish law would have demanded his care for Mary and her unborn child. He would not have been allowed to "put her away". Indeed, it would not have entered his head to do so.

Whence then came Mary's pregnancy? Can we suppose that some village rascal was responsible for her condition? I hold that the beauty of the peerless story rules this out. Read again the first chapter of St. Luke's Gospel and imagine a village maiden of sixteen or so, after some mystical experience beyond the power of any pen to describe, saying quietly, "Behold the slave-girl of the Lord; be it unto me according to Thy word!" [Luke 1, verse 38].

One explanation of Mary's pregnancy has been put forward by Mr. C. A. Wainwright of Oxford. First, he refers to the "sacred marriage" ceremony which was an ancient and widespread custom in the Near and Middle East (including Egypt and India). The high priest played the part of a divine messenger. He was "married" to a virgin with whom he cohabited. The offspring of such a union was regarded as a son of god, or a divine personage.

Now Zacharias was the priest on duty in the temple at the relevant time. He “executed the priest's office before God in the order of his course” (Luke 1, verse 8). We are told that, though old, Zacharias was not impotent, for he made his wife Elisabeth pregnant though she was past the normal time of child-bearing. John the Baptist was their son.

We are also told that after Mary's visitation from the angel who told her she was to bear Jesus, Mary replied: "How shall this be, seeing I know not a man?" Mary was then reassured: "The Holy Ghost shall come upon thee, and the power of the Most High shall overshadow thee: wherefore also that which is to be born shall be called holy, the Son of God" [Luke 1, verse 35].

We are then told that Mary entered the house of Zacharias [Luke 1, verses 39-40], stayed there three months, and then returned to her own house [Luke 1, verse 56].

In a "sacred marriage" of the sort described by Mr Wainwright, a stay of three months was required in the house of the priest, or in the sacred precincts, to make sure that pregnancy was established*. This would explain why Mary stayed in the home of Zacharias for that length of time before returning to her own home. Indeed, what an otherwise strange reaction to Gabriel's message was her hurried journey into Zacharias's house! "Mary arose, and went with haste and entered the house of Zacharias" [Luke 1, verse 39].

[*Jewish law insisted on a period of three months to certify the parentage of a child about to be born. A divorced woman could not remarry during that time so as to assure the origin of any child born to her].  

It is impossible to associate the birth of Jesus with some sordid affair between Mary and an unknown man. The Magnificat breathes the spirit of complete dedication to God on the part of an unsullied worshipper proud to label herself as the "slave-girl of the Lord". Such a process, far from being considered immoral behaviour, would be regarded as the highest degree of spiritual dedication.  

In ancient thought it would be an immense honour to a woman thus to bear a son. It is worth noting that that the expression used by the angel at the Annunciation, "Thou hast found favour with God" [Luke 1, verse 30], is almost identical with the very words Herodotus uses of the Divine Bride at Babylon, where she is called "a woman chosen by the god out of the whole nation".  

We must allow that among the contemporary Scribes and Pharisees of the Temple in Jerusalem, and among the ecclesiastical authorities, the idea of the "sacred marriage" had disappeared and was disapproved of.  But in the "hill country", to which we are specially told Mary went to seek out Zacharias and Elisabeth, earlier forms of religion did continue.  

Scores of people, in their secret hearts, have doubts about the Virgin Birth, but they have no other explanation of the conception of Jesus to put in its place. Mr Wainwright’s suggestion is, of course, a speculation, but for those who reject the Virgin Birth and are asked what alternative is possible, it seems to be a solution which meets such evidence as we possess.

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Zur Entstehung des Neuen Testaments siehe dort!

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Also, wenn das stimmte, dann wäre das nun wirklich ein Beleg für den totalen Verfall des jüdischen Glaubens um die Zeitenwende in Richtung heidnischer Religionen mit ihrem Missbrauch des Menschen und insbesondere der Frauen im Namen der Religion - und für die Notwendigkeit der Reform des jüdischen Glaubens! Schließlich handelt es sich bei "so etwas" ja um eine Art kultischer Prostitution, bei der es ja nicht darauf ankommt, ob sie Spaß macht und Befriedigung bringt oder nicht, entscheidend ist, dass der Geschlechtsverkehr nicht im Rahmen einer partnerschaftlichen und liebevollen Beziehung stattfindet. Außerdem: Nach der für die Juden gedachten Zusammenstellung des Stammbaums Jesu ist Jesus doch sowieso ordentlicher Sohn Josephs, siehe oben.

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)