KAIROS (griech.) meint den günstigen, entscheidenden Augenblick für etwas, wenn es gelingen soll. Im Deutschen haben wir dafür keinen entsprechenden Ausdruck. Die alte Binsenweisheit, daß "man das Eisen schmieden muß, solange es heiß ist", wurde inzwischen im Hinblick auf unser menschliches Denken bestätigt: Neurobiologen (Gehirnforscher) haben festgestellt, daß besonders wesentlich für das Denkvermögen eines Menschen nicht nur seine Gehirnzellen sind, sondern vor allem die Synapsen, also die Verbindungen zwischen diesen Gehirnzellen. Und diese Verbindungen werden in den ersten Jahren des Lebens eines jeden Menschen konstruiert je nachdem, wie sie gebraucht werden. Und wenn dieses Konstruieren erst einmal in Gang gekommen ist, setzt sich das fast schon automatisch auch später fort.

Das menschliche Gehirn ist also ein sogenanntes selbstorganisierendes System. Dadurch haben die Menschen gegenüber vielen anderen Lebewesen den entscheidenden Vorteil, daß sie sich hervorragend an die unterschiedlichsten Gegebenheiten dieser Welt anpassen können, allerdings haben sie auch den Nachteil, daß sie mit zunehmendem Alter immer weniger flexibel werden, wenn eben nicht in der Jugend mit dem Schalten von Synapsen richtig begonnen oder wenn dies sogar behindert wurde. Es fehlen dann einfach die biologischen Voraussetzungen im Gehirn, etwas zu begreifen, was dem bisherigen Denkschema widerspricht. Wenn es um die volle Emanzipation des Menschen geht, also um eine Erziehung zum Gelingen seiner Einheit von Leib und Seele, ist es also nicht nur wichtig, ihm durch Informationen die Ambivalenz des Handelns aufzuzeigen, sondern es kommt auch auf den Zeitpunkt an! Jede Information ist eben vor allem auch ein Filter für die nächste - und wer die Chancen seiner Möglichkeiten für die ersten Informationen verpaßt, darf sind hinterher nicht beklagen - und auch schon gar nicht über die (natürlich schädliche) Macht der Medien...

Viele pädagogische Schwierigkeiten rühren daher, weil der KAIROS für die Informationen einfach verpaßt wird!

Und genau da ist es heutzutage weitgehend noch üblich, für ein weites Auseinanderklaffen von rein biologischer Information (Aufklärung) und der menschlichen Information über die Chancen und Risiken des Lebens zu plädieren, oft von mehreren Jahren. Viele in der Erziehung Engagierte können oder wollen nicht wahrhaben, daß sich bei den jungen Menschen in der Zwischenzeit wegen des Phänomens des Horror Vacui mit Sicherheit genau diejenigen falschen und heuchlerischen Auffassungen (siehe Heuchelei) und Wertvorstellungen festsetzen, die später gar nicht mehr oder nur noch in seltenen Glücksfällen korrigiert werden können. Und das sind nun einmal sehr schnell im Hinblick auf unser Lebenskonzept irgendwelche Illusionen und im Hinblick auf die Moral eine Scheinwelt mit irgendwelchen Vorstellungen von einer Scheinmoral aus Leibfeindlichkeit und Verklemmtheit (siehe Sitte und Anstand) und Mauern in den Köpfen. Zu wirklicher Moral, die etwas mit den Zehn Geboten und mit Information, Durchblick und mit Menschenkenntnis und mit geistiger Beweglichkeit, Selbstwertgefühl und mit gesundem Egoismus zu tun hat, haben die jungen Menschen irgendwann einmal einfach keinen Zugang mehr, der Kairos ist dann verpaßt. Als ob die Natur sich nicht dabei etwas gedacht hätte, daß Menschen längst vor ihrer körperlichen Reife schon geistige Fähigkeiten besitzen, mit denen sie diese dann auch bewältigen könnten, wenn sie eintritt!

Konkret: Gerade die Menschen, die den jungen Menschen am nächsten stehen, also die Eltern, befinden sich stets in der Gefahr, ihre Kinder als für alles Mögliche und vor allem für die entscheidenden Informationen zu jung, zu unreif oder zu sensibel (wie das heutige Modewort heißt, das man auf alles und jedes anwenden kann, ohne sich festzulegen) einzuschätzen. Sie verstehen auch nicht den tieferen Sinn vieler Fragen der Kinder und auch manche andere Hinweise nicht oder wollen ihn nicht verstehen.

Wenn Ihre Kinder anfangen, schmutzige Witze zu erzählen, dann ist das ein Hinweis, daß sie ein vernünftiges Gespräch erwarten.

So sind alle Fragen von Kindern im Zusammenhang mit Heirat und Kinderbekommen stets auch Fragen nach Wertvorstellungen und nach der Ambivalenz der menschlichen Beziehungen. Doch auch manches deutliche Verhalten weist auf versteckte Fragen hin, so etwa, wenn die Kinder sogenannte schmutzige Witze erzählen, wenn sie sich besonders für die Körperfunktionen im Genital- oder Analbereich interessieren oder wenn sie beginnen, die (Sexual-)Scham zu entwickeln und damit anzeigen, daß ihre Moral in irrationale und fürs eigene Leben untaugliche Ängste abzudriften beginnt. 

Wie sollen Kinder denn sonst fragen? Haben wir nicht im Grunde Unwissende vor uns, die am ehesten unprogrammierten Computern zu vergleichen sind? Doch im Unterschied zu diesen erahnen sie immerhin etwas und tasten sich mehr oder weniger geschickt vor und scheinen dabei oft das Pferd vom Schwanz her aufzuzäumen.

Und da ihre Fragen in ihrem wirklichen Sinn nicht verstanden werden, werden sie folglich auch nicht oder nur unzureichend beantwortet. Vielleicht merken die Kinder auch, daß es hier um Themen geht, die sich um ein Tabu drehen und die ihren Erziehern eher unangenehm sind und unterlassen daher weitere Fragen. So fühlen sich die Kinder verprellt und erscheinen in den Augen ihrer Erzieher, vor allem der Eltern, hier uninteressiert. Gefordert wäre jetzt die Einsicht der Eltern, daß sie wohl etwas übersehen oder falsch interpretiert haben. Die Erfolgschance, das Versäumte nachzuholen, sinkt rapide mit zunehmendem Alter der Kinder.

Manchmal klappt die richtige Information allerdings nur in einer Gemeinschaft, wo es vor allem auch noch den Gruppeneffekt gibt.

Da die Eltern nur zu oft schließlich selbst bei den Kindern bereits verspielt haben, ist es wohl jetzt sinnvoller, wenn Außenstehende bei passender Gelegenheit vor allem im Rahmen eines Unterrichts die Thematik von sich auch ins Spiel zu bringen, wenn sie jetzt eine Verantwortlichkeit erkennen. Mit einer Information in einem größeren Kreis kann sich zudem ein positiver Gruppeneffekt entwickeln. Von unserem christlichen Glauben her wäre eine sehr günstige Gelegenheit hierfür der kindliche Religionsunterricht und besonders die religiöse Kindererziehung, die ja ohnehin völlig geändert werden müßte, weil sie in der heutigen Form den jungen Menschen mehr schadet als nützt. Denn hier darf es einfach nicht mehr um irgendwelchen Aberglauben oder um im Grunde belanglose Artigkeiten oder gar um eine Art Magie gehen, sondern es muß die geistige Aufarbeitung der zentralen menschlichen Frage nach Gelingen und Mißlingen der Einheit von Leib und Seele in einem diesseitigen Paradies wieder in den Mittelpunkt gerückt werden. Ich selbst habe in einem von mir in diesem Sinn durchgeführten Erstkommunionunterricht (beschrieben unter Kindererziehung) mit dem Bericht eines Mädchens von ihren Enttäuschungen und schließlich von ihrer Abtreibung bei einer Gruppe von zehn Kindern im Alter von acht und neun Jahren (das ideale Alter dafür) höchstes Interesse vorgefunden und hervorragende Gespräche auch noch nach dem Unterricht geführt, es war, als ob ich "ein Faß aufgemacht" hätte. (Mein Unterricht hatte übrigens keinesfalls die Tendenz gegen Abtreibung sondern für Menschenkenntnis. Und genau das kam bei den Kindern an, Menschenkenntnis im Zusammenhang mit Lebensentwürfen, das ist deren Problem! Und bei Kindern kommen sozusagen von allein die Fragen und daher können auch die entsprechenden Einsichten noch in die Lebenskonzepte einfließen, während sie von älteren Jugendlichen sozusagen verweigert werden und man ihnen damit allenfalls auf die Nerven geht. Bei den beiden Töchtern <10 und 13> eines Freundes hatte ich somit mit demselben Ansatz nur noch bei dem jüngeren Mädchen diesen Erfolg; es erzählte mir später, ihre Schwester hätte sich mit ihr darüber unterhalten, ob ich pervers sei, weil ich - durchaus auf Wunsch des Vaters - das Gespräch auf die Thematik in einer für diese Mädchen unüblichen Weise gebracht und ihre Verknüpfung von Scham und Moral angegriffen hatte. - Über was Kinder in dem Alter schon reden und wie sie manches miteinander vermengen, man kann nur staunen über die Naivität so mancher Erzieher, die das alles nicht wahrhaben wollen! Zumindest bei dem dreizehnjährigen Mädchen war der Kairos folglich schon verpaßt, es bekam alles in den falschen Hals.)

Vermutlich liegt der Kairos für entscheidende Informationen bis zum neunten Lebensjahr, auf alle Fälle vor der Pubertät. Amerikanische Forscher haben festgestellt, daß sich üblicherweise bereits vor diesem Alter im Menschen das Wertebewußtsein gebildet hat, das dann das ganze weitere Leben bestimmt. Denn auch Informationen, die für das Glück eines Menschen wichtig sind, brauchen ihre Einwirkungszeit oder auch Inkubationszeit. Wie bei richtig gutem Wein ist auch hier eine ausreichend lange Gärung erforderlich: Denn erst dann können alle unterschiedlichen Bestandteile sich zu einer neuen sinnvollen Einheit zusammenfinden und sozusagen zum festen Bestandteil des Bewußtseins eines Menschen werden. Damit junge Leute bei solcher Information über die Chancen und Risiken ihres Lebens nicht mutlos werden, ist ein sinnvolles Gottesbild unerläßlich - siehe unter Spieltheorie!

Das Problem des (rechten) Kairos ist besonders offenkundig, wenn es um das absolute Gehör geht, ab einem gewissen Alter läuft da gar nichts mehr! Siehe den Beitrag in der WELT vom 7. Dezember 2004: Chinesen sind die besseren Musiker - In Tonsprachen ergibt sich die Wortbedeutung auch aus der Tonhöhe - Das schult das absolute Gehör. Vollständige Url. des Artikels: http://www.welt.de/data/2004/12/07/370938.html

Einen interessanten Beitrag, daß sich nämlich gerade bei Frauen alles an einem einmal gebildeten bestimmten Lebensthema, das für das ganze Leben sozusagen einen roten Faden bildet, orientiert, finden Sie in der WELT vom 3. August 2003 unter http://www.welt.de/data/2003/09/03/163099.html. -

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama) Computer-Übersetzung des Buchs HONESTY AND FUN WITH THE MORALITY ins Englische unter English !