KLAPPERSTORCH. Vor nicht allzu langer Zeit (und gewiß mancherorts auch heute noch) entledigten sich Erwachsene dem für sie vielfach unangenehmen Thema, woher die Kinder kommen und "wie das alles passiert", mit der Behauptung "vom Klapperstorch".

Abgesehen davon, daß wir es hier mit einer typischen kulturbedingten Lüge und Verdrängung zu tun haben, die zu den problematischsten Lügen überhaupt zählt, weil sich niemand Gedanken über deren Gefährlichkeit macht, berauben wir uns natürlich auch jeglicher Möglichkeit zu einem vernünftigen und notwendigen sachlichen Gespräch mit unseren Kindern.

Mir berichtete eine ältere Dame, wie sie von ihrem Vater (es muss wohl kurz vor dem ersten Weltkrieg gewesen sein) als 7jähriges Kind verprügelt wurde, weil sie erfahren hatte, dass das mit dem Klapperstorch nicht stimmt, und sie davon auch noch ihren jüngeren Schwestern erzählt hatte. Während der Prügel hätte der Vater (alles seriöses Bürgertum mit besonders guten Beziehungen zum benachbarten Kloster, von dem man den Grund und Boden für das eigene Wohnhaus und Geschäft gepachtet hatte) geschimpft: "Ich helf dir, an den Klapperstorch zu glauben!" Und das Mädchen hätte immer geschrieen: "Ich glaub ja schon an den Klapperstorch!" Und mein persönlicher Eindruck von der alten Dame (längst verstorben): Irgendwo war ihr nicht nur der Klapperstorch eingeprügelt, sondern vor allem das (kritische) Denken und die Intelligenz überhaupt ausgeprügelt worden, das vielleicht nicht sie, so doch andere, zwanzig Jahre später hätten sehr gut brauchen können, als es um die Wahl Adolf Hitlers ging...

Im übertragenen Sinn wird das Wort bisweilen gebraucht, wenn jemandem etwas absolut Unglaubwürdiges, Unplausibles und einfach auch Nichtstimmiges mit absoluter Bestimmtheit eingeredet wird - und zwar von allen Seiten (so wie beim Klapperstorch in Elternhaus, Schule, Kirche und die anderen Kinder wissen auch nichts anderes), so dass ihm gar nichts anderes übrig bleibt, als das zu glauben.

Zu solchen Unglaubwürdigkeiten usw. gehören gewiss auch so manche Berichte über Jesus und überhaupt über vieles in der Bibel. Was wird einem da nicht alles eingeredet! Und wenn man gar mit einem eigentlich plausiblen Konzept kommt, wie alles wirklich gewesen sein könnte und wenn dieses Konzept dann noch mit Sexualität zu tun hat, dann wird man bisweilen schier für krank gehalten! Dabei ist es doch so: Jesus hat mit Frauen geredet, er hat eine angeblich ehebrecherische Frau vor der Steinigung gerettet, er hat für die Verwirklichung der Liebe gekämpft, er hat gegen die Heuchler gewettert (siehe auch Heuchelei), er hat gegen die Dummheit von Jungfrauen geredet, doch alles das sollte wirklich nichts mit der Sexualität zu tun haben? Dabei zeugt doch das alles von typischem Insiderwissen... Und wenn ich theologische Bücher lese: Alles kein Thema, es geht da nur um irgendwelche angeblichen Glaubensdifferenzen, die schließlich zur Verhaftung Jesu und zu seiner Ermordung geführt haben! Ich war in Indien, in Japan, in der Türkei und wo sonst noch - und überall gibt es verklemmte Gesellschaften mit den typischen Erscheinungen der Dekadenz, also Prostituierte und Zuhälter - und das soll vor 2000 Jahren in einer Gesellschaft, die in vielem diesen Gesellschaften bis ins Detail glich, die ich da besucht hatte, anders gewesen sein? Und Jesus soll von alledem nichts gewusst haben und es soll auch nicht sein Anliegen gewesen sein, da etwas zu ändern, wo doch eine solche Änderung auch sonst das Anliegen der Bibel ist (siehe basistheologie)? Wer´s glaubt wird selig! Ich jedenfalls glaube nicht mehr an den Klapperstorch!  (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)