Damit meine Surfer informiert sind, gebe ich zu dem Stichwort KRAFT ZUM LEBEN wenigstens den Beitrag der WELT vom 10.10.02 wieder:

Sumpfblüte des Weltanschauungsmarkts

"Kraft zum Leben" will mit viel Geld fundamentalistische Frömmigkeit verbreiten

Von Hannes Stein und Berthold Seewald

Für die einen geht es in dem Buch um die Botschaft der Toleranz, andere nennen es "intolerant, dogmatisch und fundamentalistisch". Es geht um "Kraft zum Leben", einen protestantischen Traktat, der 1983 in den USA erschien und für dessen deutsche Fassung in diesen Tagen mit einem Millionen schweren Euro-Etat geworben wird.

Der Autor, ein Jamie Buckingham aus Florida, pflegt eine unglückliche Liebe zu technischen Vergleichen. "Haben Sie schon einmal ein Spielzeugauto gekauft?" fragt er. "Es sieht verblüffend echt aus, aber auf der Verpackung steht: ,Enthält keine Batterien.' Egal wie realistisch es aussieht, ohne Batterien wird es nicht fahren. Sie wurden nach Gottes Ebenbild erschaffen, aber wegen der Sünde funktionierten Ihre Batterien nicht. Erst als Christus in Ihr Leben kam, übertrug er auch seine Kraft auf Sie." Also wie jetzt: Sind die Batterien kaputt, oder waren von Anfang an keine dabei?

Laut Jamie Buckingham sollte das Leben jedes Menschen von vier Erkenntnissen geleitet sein. Erstens: Gott liebt uns und hat mit jedem von uns Großes vor. Zweitens: Wir sind sündig und von Gott getrennt. Drittens: Jesus ist Gottes einzige Maßnahme gegen die Sünde. Viertens: Jeder von uns muss Jesus persönlich als Erlöser annehmen. Diese vier Glaubenssätze werden von Diagrammen mit vielen Pfeilen und Kreuzen untermalt. Am Ende bietet der Verfasser ein Gebet an: "Lieber Gott, ich habe mein Leben bis jetzt auf meine Art gelebt. Nun möchte ich es auf Deine Art leben . . . Komm, Herr Jesus, und nimm deinen Platz auf dem Thron meines Lebens ein."

Verschiedene Prominente (unter ihnen der Golfspieler Bernhard Langer, der Pop-Sänger Cliff Richard und Philip Prinz von Preußen) berichten in einer Art Vorwort, wie sie zu wiedergeborenen Christen wurden und dass sie seither zu einem erfüllten Leben gefunden haben. Das Büchlein umfasst nur 134 Seiten und wirkt trotzdem sehr lang. Es ist etwas Ermüdendes an einem Text, der immerzu nur behauptet, behauptet, behauptet und sich an keiner Stelle die Mühe macht zu argumentieren.

Es ist zur Zeit schwer, an Buckinghams "Kraft zum Leben" heranzukommen, obwohl (oder vielleicht gerade weil) es gratis zugestellt wird. Man kann das Buch telefonisch oder im Internet bestellen, aber es dauert Wochen, bevor man es in den Händen hält. Das mag auch damit zusammenhängen, dass der Absender nur schwer auszumachen ist: die Arthur S. DeMoss-Stiftung in Palm Beach im US-Staat Florida. Ihr 450-Millionen-Dollar-Vermögen verdankt sie dem Testament ihres Namensgebers, der mit dem Handel von Pferdewetten und Versicherungen zu viel Geld kam und 1979 auf einem Golfplatz starb. Seinen Erben hinterließ er den Auftrag, weiterhin für Gott zu werben.

Das tun sie, indem sie etwa Gruppen unterstützen, die die Abtreibung bekämpfen und die Homosexualität für eine Sünde halten. Dagegen ist nichts zu sagen. Selbstverständlich haben fundamentalistische Christen ein Recht auf ihre Meinungen (es enttäuscht eher, dass Jamie Buckingham kein Sterbenswort über diese brisanten Themen verliert). Bedenklich ist indes, dass die DeMoss-Stiftung keine Berührungsängste gegenüber der Mun-Sekte zu kennen scheint, deren Doktrin nicht besonders viel mit dem Christentum zu tun hat.

Dennoch haben die deutschen Großkirchen bislang nur mit gelassener Kritik auf das Buckingham-Buch reagiert. Das Buch sei die "metaphysische Ausrichtung dessen, was die Globalisierung für die Politik bedeutet", so Thomas Nippe vom Referat für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Katholischen Kirche: "Eine Sumpfblüte mehr auf dem Markt der Weltanschauungen". Für seinen Kollegen Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen ist es ein unbedenkliches Buch, aber ungünstigerweise im "amerikanischen Frömmigkeitsstil" gehalten.

Ganz andere Probleme haben Medienrechtler mit "Kraft zum Leben". Jetzt entschied die Gemeinsame Stelle Werbung der Landesmedienanstalten in Kassel, dass der TV-Spot nicht mehr ausgestrahlt werden darf. Bei dem Werk handelt es sich nämlich um religiöse und weltanschauliche Werbung. Und die ist in Deutschland verboten.