KREUZIGUNG
war der typische Schaumord der Römer als Strafe für Systemveränderer - und Systemveränderer waren vor allem die entlaufenen Sklaven: Wenn das Entlaufen Schule gemacht hätte, dann wäre ja das ganze römische System infrage gestellt worden! Daher kam dafür nur eine wirklich brutale Methode der Strafe infrage! (Die 6000 überlebenden Sklaven des Spartakusaufstandes 73-71 v. Chr. wurden vor den Toren Roms an der Via Appia gekreuzigt.)

Und wenn Jesus mit einer Kreuzigung beiseite geschafft wurde, dann war das in unserem heutigen Sinn gewiß ein Justizmord, entsprach jedoch damals durchaus dem Straftatbestand für eine Kreuzigung: Auch Jesus war Systemveränderer, seine Vorstellung von der Würde und der Emanzipation der Frau (ob er sich auch so für die Sklaven eingesetzt hatte, wissen wir nicht, immerhin wirkt sich eine Befreiung der Frau letztlich auch auf eine Abschaffung der Sklaverei aus, siehe Zehn Gebote) hätte ja auch alles "durcheinander gebracht"! Stellen wir uns vor, welche Veränderungen eine andere Auffassung von Frau in den heutigen Ländern mit patriarchalischen Strukturen (siehe Patriarchat), vor allem in den islamischen Ländern wie etwa in Afghanistan oder auch in Saudi-Arabien nach sich zöge! Und auch bei uns gäbe es gewiß erhebliche Veränderungen bei wirklicher Emanzipation!

Einen Hinweis, dass in der Antike durchaus das revolutionäre Potential gesehen wurde, das in einem anderen Verhalten von Frauen stecken könnte, finden wir im Buch "Ester" des Alten Testaments. Als die Frau des persischen Königs Artaxerxes sich weigert, der Anweisung ihres Mannes zu gehorchen und zu erscheinen, um sich von seinen Fürsten und Beamten begaffen und bewundern zu lassen, wird der König sehr zornig. Er bespricht sich mit seinen "Weisen" und die geben ihm den Rat (Ester 1, 16,ff):

"Nicht nur gegen den König, sondern auch gegen alle Fürsten und alle Völker, die in all den Provinzen des Königs Artaxerxes leben, hat sich Königin Waschti verfehlt. Denn das Verhalten der Königin wird allen Frauen bekannt werden, und sie werden die Achtung vor ihren Ehemännern verlieren und sagen: König Artaxerxes befahl der Königin Waschti, vor ihm zu erscheinen; aber sie kam nicht. Von heute an werden alle Fürstinnen Persiens und Mediens, die vom Verhalten der Königin hören, dies allen Fürsten des Königs vorhalten und es gibt viel Ärger und Verdruss. Wenn es dem König recht ist, möge ein unwiderruflicher königlicher Erlass ergehen, der in den Gesetzen der Perser und Meder aufgezeichnet wird: Waschti darf dem König Artaxerxes nicht mehr unter die Augen treten. Der König aber verleihe den Rang der Königin einer anderen, die würdiger ist als sie. Wenn die Anordnung, die der König erlässt, in seinem ganzen großen Reich bekannt wird, dann werden alle Frauen ihren Ehemännern, den vornehmsten wie den geringsten, die gebührende Achtung erweise."

Von daher kann es nicht als irgendein lächerliches Problemchen gesehen und gewertet werden, wenn sich Jesus für die Frauen einsetzt. Jedenfalls ist die Angst vor einem "Flächenbrand", den das Engagement Jesu auslösen könnte, gewiss da.

Im Zusammenhang mit Mel Gibsons "Passion"-Film finden Sie einen Beitrag "Wer war schuld am Tod Jesu?" in der WELT vom 1. März 2004. Vollständige Url des Artikels: http://www.welt.de/data/2004/03/01/244878.html.

Der Verfasser, der Berliner Alt- und Kulturhistoriker Alexander Demandt, schreibt:

Das Verfahren gegen Jesus war kein ordentlicher Strafprozess, für den ein Verteidiger erforderlich gewesen wäre, sondern eine Polizeimaßnahme gegen einen geständigen Hochverräter. Jesu Todesurteil war kein Justizmord. Wäre Pilatus damals nicht in Jerusalem gewesen, hätte man Jesus wohl gesteinigt, wie später Stephanus und Jakobus, jeweils illegal ("wir dürfen niemand töten") in der Abwesenheit des Statthalters. Nun aber kam diesem das Urteil zu. Die Tafel über dem  Kreuz verkündete das Delikt: Jesus Nazarenus Rex Iudaeorum. Viele  konnten es sehen, darum ist das Zeugnis der Evangelisten hierüber verlässlicher als darüber, was "im Richthause" gesprochen wurde. Umstritten ist die Rolle der Volksmassen, die am Palmsonntag "Hosianna!" gerufen hatten und am Karfreitag "Kreuzige!" schrieen.
Gewiss hat Pilatus seine Entscheidung nicht von der Stimmung auf der Straße abhängig gemacht. Undenkbar wäre dies nicht. Denn die Enttäuschung darüber, dass Jesus nicht mit zwölf Legionen Engeln die Römer vertrieb, war nicht nur das Motiv für den Verrat des Judas, sondern könnte den Meinungsumschwung der Öffentlichkeit erklären. Und Massenauftritte, die "turba" der Juden vor römischen Behörden, auch vor Pilatus, sind bezeugt. All das ändert nichts daran, dass Pilatus es war, der die Hinrichtung angeordnet hat. Daher ist die Formulierung des Tacitus: "hingerichtet DURCH Pilatus" genauer als die im Glaubensbekenntnis aller christlicher Konfessionen "gekreuzigt UNTER Pilatus". Fraglich bleibt, ob Pilatus in Jesus wirklich einen Räuberkönig sehen konnte. Die zwei Schwerter in Gethsemane waren keine Gefahr für die römische Besatzung!

Der Spruch des Pilatus war eher ein Gefälligkeitsurteil gegenüber den Hohen Priestern, denen Jesus ein Ärgernis war.

Die Römer haben sich immer zugunsten von "law and order" mit der provinzialen Oberschicht gutgestellt - nicht anders Pilatus. Als Vitellius, der Legat in Antiochia, Pilatus im Herbst 36 nach Rom sandte, damit er sich für das Gemetzel am Garizim verantworte, nahm er  zugleich dem Kaiphas sein Amt. Offenbar war dieser in das brutale Vorgehen gegen die Samaritaner verwickelt, deren Anklage Pilatus zu  Fall brachte. Pilatus und Kaiphas hatten sich zuvor bezüglich der Verwendung von Tempelgeldern für eine Wasserleitung verständigt und im  Prozess Jesu zusammengearbeitet. Gegen dessen Verurteilung erhob niemand Beschwerde. Sie hätte keine Aussicht auf Erfolg gehabt, denn die Kreuzigung Jesu war eine unter Tausenden: eine Bagatelle.

Welthistorisch bedeutsam wurde sie erst durch die Mission des Paulus. So wie er suchten auch die Evangelisten einen Modus Vivendi unter den Römern. Deren Bild fiel daher positiver aus, als das der jüdischen Eiferer, die sich im Jahre 66 wieder unter einem messianischen Führer gegen Rom erhoben. Jerusalem und der Tempel hätten ohne sie die Zeiten  überdauert.

Kommentar von basisreligion: Etwas anderes als vom Ärgernis der Hohen Priester wird auch in dieser Website nicht behauptet. Und ein "Gefälligkeitsurteil", das auf ein Todesurteil hinausläuft, ist doch ein Justizmord? Doch man kann es eben auch anders nennen...

Zur Symbolik des Kreuzes als christliches Zeichen und zur Kreuzesverehrung siehe unter Kreuz. Der Tag, an dem die Kreuzigung Jesu begangen wird, ist der Karfreitag.

Zum theologischen Grund der Kreuzigung siehe unter Sühnetodtheologie.

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)