KULTUR bezeichnet einerseits das, was einen Menschen durch seine Herzens- und Geistesbildung ausmacht, andererseits aber auch die Gesamtheit der Geistes- und Lebenswirklichkeit einer Gemeinschaft, ohne dass dabei viel an wirklicher Herzens- und Geistesbildung vorhanden zu sein braucht.

Dass zur Kultur sehr vieles gehört, was im Grunde fragwürdig ist, wird nur zu gerne übersehen.

Denken wir beispielsweise an die bisweilen geschmacklosen Maiversteigerungen der Mädchen in der Dürener Gegend oder an die Karnevalsvergnügungen, bei denen vielleicht doch nur kompensiert wird, was sich an Ärger und Frustration angestaut hat? Und sind die Stadtmauern und Waffen, die Schlösser und Burgen, die Kirchen und Tempel, die wir heute als Kultur ansehen und oft genug auch bewundern, nicht am Ende doch nur steinerne Zeugen von Macht und Unterdrückung und von Ängsten und unerfüllten Sehnsüchten unserer Vorfahren und von der Verschwendungssucht oberer Schichten von früheren Klassengesellschaften? Dass alle diese Produkte bisweilen ein hohes Maß an Kreativität erkennen lassen, besagt vielleicht nur, dass sich der menschliche Geist eben doch nicht so schnell klein kriegen lässt.

Für den von den Nationalsozialisten ermordeten Philosophen Theodor Lessing (1872 - 1933) ist Kultur die Tarnung des Schreckens: "Man könnte schließlich die gesamte Kulturwelt, ihre rastlose Arbeit, ihre Aufspeicherung von Werten, ihre Pflichten und Sitten, Zerstreuungen und Genüsse als eine riesige Vorrichtung zur Erkenntnis-Verlangsamung und -Übertäubung auffassen." Und trifft das alles nicht auch in gleichem Maße selbst auf unsere heutigen religiösen Feste und Gedenktage und sonstigen Veranstaltungen zu, soweit sie überhaupt noch von uns heutigen Menschen in ihrem ursprünglichen Sinn angenommen werden? Ist nicht auch das, was wir bei einer Kultur als Moral verstehen, weitgehend ein uns vergewaltigendes Über-Ich (siehe Gewissen) und eine Scheinmoral im Sinn von Sitte und Anstand, bei der die uns von unserer menschheitsgeschichtlichen Veranlagung mitgegebenen hervorragenden natürlichen Mechanismen durch eine Art Gehirnwäsche geradezu zerschlagen sind, und die vor allem den Sinn hat, Menschen nicht wirklich glücklich werden zu lassen und am eigenen Denken zu hindern? Ist Kultur nicht die Tarnung, damit uns Menschen nicht die Zwänge, Ängste und Tabus bewusst werden, die uns zu brauchbaren Mitgliedern einer Gemeinschaft werden lassen und uns untrennbar in sie einmauern? Denn Kultur fördert mit Sicherheit stets das Gefühl der Zugehörigkeit eines Menschen in seine Gemeinschaft (siehe Identität) auf recht unauffällige Weise, die wirkliche Emanzipation und Freiheit und das wirkliche Manselbstsein des einzelnen ist dann nicht mehr so wichtig und wahrscheinlich sogar nachteilig für das Zugehörigkeitsgefühl eines Menschen zu seinem Kulturbereich. 

Obwohl wir alles das, was mit Kultur zu tun hat (siehe allerdings Kulturproduktion), durchaus negativ sehen können und bisweilen auch noch nicht einmal eine Toleranz angebracht ist, kann die sinnlose Zerstörung von Zeugnissen vergangener Kulturen (selbst wenn sie als Unkultur bezeichnet werden) nur als Vandalismus bezeichnet werden und ist immer zu verurteilen. Denn irgendwie werden wir durch die Konfrontation mit Kulturleistungen ja auch informiert und motiviert, zumindest eine Idee davon zu bekommen, was alles in uns steckt! (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)