Unsere große KULTURPRODUKTION, ob in Musik, in Theater oder in Malerei beschäftigt sich (anders als die Kultur in weiten Bereichen!) zu einem sehr großen Teil sowohl mit den Hoffnungen und mit den Sehnsüchten von uns Menschen als auch mit der Kehrseite von alledem (siehe Ambivalenz), also mit der Tragik des Scheiterns. Die Werke unserer großen Meister sind nur zu oft nicht nur zutiefst durchlitten, ja, sie stecken auch voller Mitgefühl gerade für verachtete, ausgebeutete und betrogene Menschen. Andererseits gibt es auch Spott und Hohn für dumme, naive und eingebildete Menschen - doch eigentlich überall ist dennoch die Sehnsucht nach einer besseren, vollkommeneren Welt spürbar, ach, wenn die Menschen doch anders wären!

Dabei sieht es so aus, als ob die großen Meister in ihren Werken bisweilen durchaus auch ihre eigenen Lebenserfahrungen verarbeitet haben, und das macht diese Werke dann so echt und lebensnah.

Es geht keinesfalls nur um irgendeinen belanglosen Text für eine phantastische Musik, denn damit würde die Musik dann recht bald zum leeren Ohrenkitzel entwertet sein. Wenn ich allerdings in meinem Religionsunterricht etwa unsere großen Opern als einzigartigen Ausdruck der Sehnsucht nach einer besseren Welt auch nur erwähne, stoße ich bei meinen Schülern (zwischen 16 und 20) eigentlich immer auf eine ablehnende oder gar abfällige Haltung: "Alles langweilig!" Und wenn ich dann nachfrage, welche Opern die jungen Leute denn überhaupt kennen, werden mir von ihrem früheren Musikunterricht her fast immer nur Mozarts Zauberflöte oder Webers Freischütz oder beide genannt. "Kein Wunder", rutscht es mir dann heraus, "diese Opern mögen ja ganz schön sein, doch was mögen meine Kollegen wohl bloß an diesen Opern heutzutage so kinder- und schülergeeignet finden..."

Die allseits so beliebte Zauberflöte ist die Ausnahme: Sie ist eine Mischung aus Werbung und Weihespiel für die Freimaurer, eine zwar humane aber nichtsdestoweniger weitgehend kirchenfeindliche Männergemeinschaft. Ob sie von diesem Hintergrund her nun wirklich so sehr für junge Menschen geeignet ist?

Besonders die Zauberflöte hat Mozart nämlich keineswegs für junge Menschen geschrieben, jedenfalls erheblich weniger als andere seiner Opern. Sie ist vielmehr eher eine Mischung aus Werbemaßnahme und Weihespiel für den noch heute in vielen Ländern aktiven Männerbund der Freimaurer. Diese Gemeinschaft wurde vor knapp dreihundert Jahren schon fast als Geheimorganisation gegründet, um im Sinne der Aufklärung gegen Verdummung und Unterdrückung der Menschen durch das geistig erstarrte Establishment der damaligen Zeit anzugehen, und dazu gehörte leider auch die katholische Kirche.

Der Inhalt der Oper muß in diesem Zusammenhang gesehen werden, ohne diesen Zusammenhang begehen wir denselben Fehler wie etwa bei der Wörtlichnahme der Bibel oder auch der Märchen. Und da geht es dann in der Zauberflöte um eine geschickte Auseinandersetzung zwischen unversöhnlichen Ideologien. Nicht umsonst gibt es von dem bedeutenden Dirigenten Otto Klemperer eine Schallplattenaufnahme ohne alle Sprechszenen, der Dirigent wollte sich wohl auf diese ideologische Auseinandersetzung lieber nicht einlassen.

Die Handlung der Zauberflöte ist daher sehr hintergründig: Ein Prinz und sein Diener müssen einige Proben der Tugend bestehen, die ihnen vom Oberpriester eines Reichs der Vernunft und der Menschlichkeit gestellt werden. Wenn sie diese Proben bestehen, erhalten sie als Belohnung die zu ihnen passenden Frauen. Für den Prinzen ist die schöne und tugendsame Tochter der Königin der Nacht vorgesehen, für den Diener ein entsprechend niederrangigeres Mädchen. Dabei steht die Königin der Nacht für die ewiggestrige Welt, für den finsteren Aberglauben, für das Gegenteil von Vernunft und Menschlichkeit. Nach mancher Auffassung ist mit ihr die katholische Kirche gemeint, deren Gehabe damals wohl ja auch vielerorts diesem Bild entsprach. Die Tochter steht dann für die im Aberglauben verstrickte Menschheit, die natürlich der Mutter entrissen werden muß, damit eine wirklich bessere Welt wachsen kann. So heißt es auch in einer Arie: "Bald prangt, den Morgen zu verkünden, die Sonn' auf goldner Bahn, bald soll der Aberglaube schwinden, bald siegt der weise Mann. - O holde Ruhe, steig hernieder, kehr in der Menschen Herzen wieder; dann ist die Erd' ein Himmelreich und Sterbliche den Göttern gleich..."

Unverständlich, daß diese Oper - oft als einzige Mozartoper - trotz dieses Hintergrunds auch und gerade an katholischen Schulen besprochen wird, die sich sonst gar nicht so aufklärerisch geben, und wobei die kirchenfeindliche Tendenz oft genug unterschlagen wird. Allerdings ist es mit der Aufklärung in der Oper auch nicht weit her, denn beispielsweise ist das Frauenbild doch recht patriarchalisch (siehe Patriarchat): Die konkreten Bräute werden nämlich nicht als bewußt denkende und handelnde Menschen gesehen, sondern wie beim Preisskat den Gewinnern als Trophäe zugeteilt je nach deren geistigen und sittlichen Vollkommenheit. Und mit dem Frauenbild steht und fällt schließlich ja auch das Männerbild, also überhaupt das Menschenbild, und damit verfehlt diese Oper wohl letztlich auch das Ziel, Menschen zur Humanität zu motivieren.

Was also ist nun an der Zauberflöte eigentlich so kinder- und jugendgeeignet? Oder ist sie nur scheinbar jugendgeeignet - und irgendwann kommt die Quittung?

Ganz einfach, diese Oper ist eine der wenigen der heute oft gespielten Opern (und nicht nur der Mozartopern!), die ohne das Hintergrundwissen vom Geschlechtsverkehr auskommen! Wenn also diese Oper mit jungen Menschen besprochen wird, kommt es zu keinen unbequemen oder gar verfänglichen Fragen in Dingen, die man lieber selbst verdrängt. Damit liegt die Zauberflöte voll auf der Linie von Sitte und Anstand, jedenfalls was viele Pädagogen darunter verstehen. Und das scheint zu reichen, um eine Oper als jugendgeeignet zu klassifizieren, selbst wenn Menschenbild und Hintergrund und Handlung für junge Menschen ansonsten überhaupt nicht viel hergeben.

Und zunächst geht dieses Konzept ja auch im allgemeinen auf. Kinder lassen sich ja bekanntlich zunächst einmal für alles begeistern, wenn es nur gut gemacht ist, und so nehmen sie auch erst einmal unsere Kultur- und Opernerziehung an, schließlich geben wir uns ja auch alle Mühe in den Details, schöne Kostüme, raffinierte Technik, spritzige Darbietung. Wir sorgen ja auch noch für spezielle Aufführungen für Kinder.

Doch kommt die automatische Quittung, wenn die Kinder zwölf, dreizehn Jahre alt werden: Die jungen Menschen ziehen sich ihren Walkman mit ihrer Musik über die Ohren, sie nehmen ihre Jugendzeitschriften mit ihren Themen in die Hände, sie sehen in Fernsehen und in Video Filme mit ihren lebensnäheren Themen, sie unterhalten sich mit ihren Freunden über ihre Themen - und wir sind mit unseren hochqualifizierten anspruchsvollen Themen abgemeldet. "Zauberflöte und Freischütz, nein danke, aus dem Alter sind wir heraus, da geht es doch nur um Märchen für Kinder, jetzt aber interessiert, was im Leben wirklich los ist. Und Oper überhaupt, das ist doch alles nur für Kinder und Spießer! Und auch die ganze übrige altmodische Musik und vielleicht überhaupt die komischen Vorstellungen der alten Leute in denselben Sack! Weg damit!" Und wir Kulturbürger sind abgemeldet! Die heutige Jugend will nicht, die Zeit (siehe auch Atmosphäre) ist gegen uns, ist kulturfeindlich, vielleicht kommen wieder einmal bessere, der Kultur förderlichere Zeiten! An uns liegt es nicht. Wir Pädagogen und Kulturmacher haben getan, was wir konnten, und was für Geld haben wir uns das alles auch noch kosten lassen! Oder?

Wir haben eben nicht getan, was wir konnten! Seien wir doch ehrlich, waren wir nicht doch bei unserer Opernauswahl für Kinder gedankenlos und vordergründig?

Wesentliches Kriterium für die Auswahl war doch, daß alles das nicht vorkam, was genau wir selbst lieber verdrängen und was daher für uns selbst unbewältigt und daher heikel war. Hatten wir je einmal über ein Gesamtkonzept nachgedacht, das auch das spätere Leben der jungen Menschen miteinschloß? Haben wir überhaupt nachgedacht oder haben wir uns nicht vielmehr nur nach dem gerichtet, was schon immer als gut für Kinder angesehen wurde, was die anderen machten, was die Pädagogen empfahlen?

Dabei sind wir heute eigentlich in einer vergleichsweise günstigen Situation: Im Gegensatz zu früheren Zeiten hätten die Kinder inzwischen das nötige Hintergrundwissen für die meisten unserer beliebtesten Opern!

Sie könnten die Problematik der spritzigen Mozartopern wie Don Giovanni, Figaros Hochzeit und Cosi fan tutte verstehen, aber auch der Verdi- und Pucciniopern und noch vieler anderer. Die Kinder von heute wissen nämlich um die Gegebenheit des Geschlechtsverkehrs! Und solche Opern könnten ihnen dann helfen, dieses Wissen aus der platten Biologie herauszureißen und auf die kulturell-menschliche Ebene zu heben, die das eigentliche Wesen dieses zwischenmenschlichen Aktes ist. Sie könnten erkennen, was hinter der Liebe alles steckt, was mit einer Geschlechtsbeziehung alles auf sie zukommen kann, wie glücklich und zukunftsfroh eine erfüllte Liebe sein kann, wie unglücklich und verzweifelt eine unerfüllte machen kann. Sie könnten den Stellenwert der Sexualität im Gesamtzusammenhang unseres Menschseins erahnen, bevor sie selbst damit anfangen. Sie könnten von vornherein mehr hinter der Sexualität sehen als eine bio-technische Angelegenheit für Fortpflanzung und Triebabreaktion, die man mit Verhütungsmitteln und Vorsorgemaßnahmen gegen Geschlechtskrankheiten in den Griff bekommt.

Und das wäre ja auch das pädagogisch Normale, daß man jemandem, dem man etwas Neues beibringt, auch sagt, in welchem Gesamtzusammenhang es steht, solange es noch frisch ist. Der Primäreindruck ist doch immer der nachhaltigste! Kein verantwortlicher Mensch, der einem Kind das radfahren beibringt, wartet mit der Erklärung der Verkehrsregeln fünf oder noch mehr Jahre. Die müssen ganz einfach immer parallel laufen (siehe auch Kairos)! Wieso nur machen wir das in den seelischen Dingen anders? Mozart hatte da zu seiner Zeit wohl ein anderes Fingerspitzengefühl. Ob es ihm wirklich um die Moral seiner Zuhörer ging, darum streiten sich noch heute die Gelehrten. Doch konfrontierte er seine Zuschauer schon einmal von den Inhalten her nicht nur mit zeitkritischen politischen Auseinandersetzungen, sondern auch mit den wichtigen persönlichen Dingen ganz allgemein, die die jungen Leute etwas angehen und über die sie sich Gedanken machen sollten. Und nur zu oft ging es da wirklich zur Sache!

Der Knüller - auch und gerade für junge Leute - vieler Opern ist die Ambivalenz der Liebe, und diese Thematik wird in allen möglichen Variationen aufgearbeitet - eigentlich die ideale Ergänzung zu sinnvollen pädagogischen Konzepten zu dieser Thematik.

Bei der Oper Don Giovanni etwa dreht es sich um einen Don Juan, der nun wirklich alle Frauen und Mädchen, die ihm in die Quere kommen, anmacht, sie hinterher sitzen läßt und auch noch verhöhnt. Ja, er schreckt bei seinen Abenteuern noch nicht einmal davor zurück, den Vater eines Mädchens, der ihn behindert, umzubringen. Wenn diese Oper vielleicht auch auf den ersten Blick nicht sonderlich nach Sitte und Anstand aussieht, so geht es doch um so mehr um wirkliche Moral. Denn am Schluß wird nicht nur der Wüstling bestraft, sondern in der Oper erfahren die Zuhörer auch sehr viel von seiner schäbigen und seine Mitmenschen verachtenden Ansichten im Zusammenhang mit dem Geschlechtsverkehr. Und sein Diener hat auch noch Buch geführt über seine Liebschaften und macht sich in einer großen Arie über die betrogenen Mädchen und Frauen lustig - oder bemitleidet sie auch.

Hier geht es nicht um Mädchen und Frauen, die den Wunsch- oder Wahnvorstellungen eines seelisch kranken Spinners und der dazu passenden Zuschauer entspringen, sondern um natürliche, völlig normale Menschen, deren einzige Probleme allenfalls die ihnen aufgesetzten Scheuklappen und deren Folgen sind (siehe Gehirmwäsche). Ob da nicht manche der Zuhörer in sich gegangen sind und ihr eigenes Handeln in einem anderen Licht sahen? Und so soll bei der Uraufführung der Oper Don Giovanni 1787 in Prag das Parkett mit den teuren Plätzen für die wohlhabenderen Leute ziemlich leer gewesen sein, während die Ränge mit den billigeren Plätzen voller Studenten und Dienstmädchen waren. Um ähnlich konkrete und brisante Themen dreht es sich auch bei den Opern Figaros Hochzeit und Cosi fan tutte ("So machen's alle"), die Mozart etwa zu derselben Zeit schuf. Figaros Hochzeit hat zum Thema das Recht der ersten Nacht, also das Recht des Fürsten, die Entjungferung eines seiner untergebenen Mädchen durchzuführen. Mozart macht seine Zuhörer geradezu rebellisch, sich von solcher Sklavenmoral zu befreien und dabei eben nicht mitzumachen. Und bei Cosi fan tutte geht es um eine ausgesprochen fiese Wette um die Treue der Frauen. Natürlich stellt sich heraus, daß die Frauen nicht treu sind, wenn man es nur richtig einfädelt. Zwar klingt auch das alles nicht nach Sitte und Anstand, doch decken gerade diese Opern direkt die Tabus auf, die damals zur dekadenten Rokokozeit üblicherweise über allen diesen Themen ausgebreitet waren und auch jede sittliche Besserung blockierten. Mädchen etwa sollten damals zwar appetitlich und schick aussehen und ihre Kleider hatten die von den Porzellanfigürchen aus damaliger Zeit bekannten raffinierten Ausschnitte, doch durften sie von allen sexuellen Dingen keine Ahnung haben. So konnten sie natürlich bei passender Gelegenheit in voller Naivität reinfallen.

In den Mozartopern nun erfuhren die jungen Leute etwas von der Ambivalenz oder eben der Kehrseite dieses angeblich so lustigen Handelns, so daß sie etwas von dem Streß und der Dummheit mitbekommen konnten, die damit nun einmal zusammenhängen. So konnten sich Menschen Witz kaufen und sich ändern - mit Geschichten um Sitte und Anstand löst man dagegen keine Probleme, sie geben auch noch nicht einmal etwas für Ansätze eine Problemlösung her!

Vielleicht verstehen wir auch jetzt, warum ein so bedeutender Komponist wie Mozart, der rein oberflächlich gesehen bisweilen schlüpfrige und frivole Sexgeschichten für seine Musik verwendet hat, auch noch Musik für den Gottesdienstgebrauch komponiert hat, etwa seine wundervollen und großartigen Messen. Mozart war dabei mitnichten schizophren, ihm ging es bei beiden Themenbereichen um dasselbe, nämlich hier wie dort um eine bessere Welt.

Und seine Textvorlagen waren eben keinesfalls schlüpfrig und frivol, sie packten nur mutig und direkt und bisweilen auch mit beißendem Humor heiße Themen an. Als schon zu seiner Zeit anerkannter großer Komponist konnte er es sich leisten, bei seinen weltlichen Texten den Finger genau in die Wunde der damaligen Mißstände zu legen, um zumindest die Absurdität sichtbar zu machen. Am Ende hat er damit das Anliegen des geschichtlichen Jesus (siehe Leben-Jesu-Forschung und Kerygma) vermutlich besser begriffen als all unsere Philosophen, Theologen und Dogmatiker (siehe Philosophie, Theologie, Dogmatik).

Und tatsächlich erzielte Mozart offensichtlich Empathie (Mitgefühl) und bewirkte eine Änderung - oder war es ein allgemeiner Umschwung? Egal...!

So konnte keine zwanzig Jahre Beethoven seine Oper Fidelio schreiben, in der es um die absolute Gattentreue geht: Die junge Frau eines eingekerkerten Freiheitskämpfers verkleidet sich als Mann und wird Gehilfe des Gefängniswärters, um ihren Mann schließlich zu befreien. Zu Mozarts Zeiten konnte man sich solche Treue einer Frau kaum vorstellen! Mozart kam ja wohl deswegen zu seinen Lebzeiten mit seinen kritischen Werken bei den etablierten Schichten letztlich doch nicht so recht an, er wurde da einfach nicht verstanden, was einer der Gründe war, daß er sich gegen Ende seines Lebens dem freimaurerischen Gedankengut zuwandte, weil er sich davon dann größere ideelle Wirkung erhoffte. Vielleicht erahnen wir jetzt den wahren Grund, warum Kindern und Jugendlichen heute nicht solche Problemopern nahe gebracht werden? Die jungen Menschen könnten auf Dauer nicht nur auf wirkliche Moral kommen, sondern sie könnten auch hinterfragen, wer eigentlich immer Interesse daran hat, daß ihnen der Weg dazu verstellt wird. Und dann könnten sie auch auf unsere Kulturproduktion ganz allgemein anspringen, weil sie sich und ihre Probleme da wiederfinden. Wären dann nicht nur unsere Opernhäuser und unsere Theater, sondern auch unsere Museen und Bibliotheken, ja unser ganzes gesellschaftliches Leben möglicherweise nicht mehr exklusiv bestimmten höheren Klassen vorbehalten? Würde das dann auf Dauer nicht unser ganzes Klassendenken durcheinander bringen? Ist es das, was uns ja dann doch wieder nicht so paßt? An den jungen Menschen selbst liegt es nun, diese Bluffs zu durchschauen und sich selbst um unsere Kulturproduktion zu kümmern! Es ist nicht zuviel versprochen, es lohnt sich - und wer erst einmal auf den Geschmack gekommen ist, will dann gar nichts anderes mehr! Schließlich waren unsere großen Meister ja keine Dummköpfe, die nur uninteressantes Zeug produziert haben!

Ein Tipp für den Anfang: Im Spielplan der nächsten Bühnen einmal nachschauen, was es so alles gibt, und dann anhand der Inhaltsangaben im Opernführer überlegen, ob die Story überhaupt interessiert.

Und sich dann den Text besorgen und komplett durchlesen, damit man wirklich die Handlung und die Motive, die Argumente und die Sehnsüchte und Hoffnungen, die Schwierigkeiten und die Enttäuschungen der Opernfiguren begreift und vielleicht auch bei sich selbst geistig nachvollziehen kann. Das ist es ja nämlich, was gerade unsere großen Meister so hervorhebt, daß vor allem auch unsere geheimsten Probleme den Stoff für ihre Arbeit lieferten, die ansonsten nur zu oft als belanglos und lächerlich abgetan werden. Von großem Vorteil ist es, wenn wir uns vor einem Opernbesuch schon einmal die Musik auf Kassette oder CD bewußt anhören und sie dann noch öfters so nebenbei laufen lassen!

Wir sollten daran danken, daß für unsere Ohren das alles zunächst einmal ungewohnt ist. Und wenn wir jetzt etwas übereilen oder sonst falsch machen, so ist das wie mit einem an und für sich leckeren Essen, das wir jedoch nicht kennen und zu schnell in uns hineinwürgen, denn dann haben wir schließlich doch noch für immer genug davon. Wenn wir uns eine Oper im Fernsehen anhören, sollten wir den Text am besten im Textbuch verfolgen, wenn nicht Untertitel dabei sind. Ist eine Oper in einer fremden Sprache, so müssen wir unbedingt diesen Text in unserem Textbuch mit dem deutschen vergleichen. Vielleicht macht es uns sogar Spaß, wenn wir auf diese Weise ein paar fremdsprachige (vor allem italienische) Vokabeln mitbekommen! Als Opern für den Anfang eignen sich vor allem die Verdiopern Otello, Rigoletto, La Traviata und Macht des Schicksals, die Pucciniopern Madame Butterfly, Turandot und Tosca, die Faustopern von Gounod oder besser noch von Berlioz (aber nur falls mit Obertiteln, wo also auch immer angezeigt wird, was gerade gesungen wird) und die genannten Mozartopern, wenn sie von einem lebensnahen Regisseur einstudiert wurden.

Pädagogen, die solche Opern mit jungen Leuten besprechen wollen, sollten genauso bedenken, daß erst einmal die Story wichtig ist und sich die jungen Leute in ihr auch noch zehn Jahre später tatsächlich wiederfinden müssen. Unsere Establishments brauchen im übrigen keine Angst vor Überfüllung der Opernhäuser zu haben: Wenn die Begeisterung von mehr Menschen einmal mehr Plätze fordern sollte, als vorhanden sind, ist sicher auch genügend Geld da, daß weitere und größere Häuser gebaut werden können! Und bis dahin gibt es ja die Hi-Fi-Anlagen, die heute sowieso jeder hat.

Eine andere pädagogisch sehr geeignete Oper ist auch Rigoletto von Guiseppe Verdi oder das Theaterstück "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt.

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)