LEBEN NACH DEM TOD. Nach volkstümlicher (siehe Volksglauben) und auch nach vielfach offiziell-dogmatischer Auffassung (siehe Dogmatik und Theologie) unserer christlichen Kirchen gilt als Inbegriff des Christentums der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod, und zwar entweder im Himmel oder in der Hölle. In der katholischen Kirche gibt es auch noch das Fegefeuer als Zwischenstufe. Für viele Menschen - selbst für nicht gläubige - scheint die Vorstellung, einmal in den Himmel zu kommen oder zumindest in einer anderen Welt weiter zu leben, gleichbedeutend mit dem Sinn des Lebens zu sein.

Das Weiterleben sollte sich nach unserem Glauben eigentlich auch auf den Leib beziehen, doch der wird lieber ausgeklammert.

Eine Wörtlichnahme der Glaubensvorstellungen von einem Leben nach dem Tod müsste für uns Christen eigentlich allein daran scheitern, dass diejenigen, die daran glauben, im allgemeinen an eine Weiterexistenz der Seele denken, dass sich jedoch der christliche Glaube auf eine Erlösung von Leib und Seele bezieht. Nicht allein um die Seele geht es da also, sondern auch um den Leib! Da nun ein Weiterleben mit einem bedürfnislosen (?) Leib in einer nie endenden Ewigkeit beim besten Willen nicht vorstellbar und vermutlich eine Illusion ist und vermutlich auch immer bleiben wird, stellt sich die Frage, ob sich unser christliche Glaube also auf Unsinniges bezieht. Wird uns da etwas versprochen, was gar nicht einzuhalten ist und was auch gar nicht eingehalten zu werden braucht, weil wir nach unserem Tod ohnehin nicht mehr reklamieren können, dass da etwas nicht stimmte (obwohl wir ein Leben lang daran geglaubt und auch dafür bezahlt haben)?

Ein vollkommeneres Leben muss nicht unbedingt ein Leben erst nach dem Tod sein: Unterschiedliche griechische und jüdische Vorstellungen

Wie bei anderen Glaubensfragen haben wir auch hier wieder eine der typischen Fehlinterpretationen vor uns, die unseren Glauben vom ursprünglichen Anliegen mit den zu Leerformeln erstarrten Glaubenssätzen in die Richtung heidnischer Priesterreligionen weggerückt haben! Denn in den sogenannten heidnischen Religionen geht es ja ausdrücklich darum, vom diesseitigen Leben abzulenken und dem Leid und Elend einen Sinn zu geben und soweit als möglich noch ein Geschäft für die jeweiligen Priester daraus zu machen, indem auf eine zukünftige Welt vertröstet oder eine Wiedergeburt unter (hoffentlich) besseren Umständen versprochen wird. Siehe hierzu die schematischen Darstellungen im Stichwort  Grundschema. Und es gelingt den heidnischen Religionen im allgemeinen auch ausgesprochen gut, ihre Gläubigen zu einem solchen Glauben zu motivieren, weil sie in einem Leben ohne wirklicher Erfüllung (etwa ohne Einheit von Leib und Seele) nach einem Sinn suchen und weil unter einem gewissen Gruppenzwang Menschen sehr leicht glauben, was alle glauben und vor allem schon immer geglaubt haben.

Wie auch im ursprünglichen jüdischen Glauben geht es nun in wirklichem christlichen Glauben gerade nicht darum! Die überlieferten Worte Jesu lassen sich auf alle Fälle keinesfalls eindeutig auf ein Weiterleben nach dem Tod beziehen, jedenfalls nicht die, die wir auch mit gutem Gewissen Jesus tatsächlich zuschreiben können (siehe Kerygma). So sind seine angeblich deutlichsten Worte im Hinblick auf ein Weiterleben, nämlich die am Kreuz zu dem neben ihm gekreuzigten Verbrecher "Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein" heute als freie Überlieferung einer späteren Zeit erkannt, als man meinte, dass Jesus das hätte sagen können, dass solche Worte bei der Kreuzigung also die Absicht Jesu noch verdeutlichen müssten. Offenbar empfand man solche Einfügungen als notwendig, weil Jesus nicht klar genug auf ein Leben nach dem Tod hingewiesen hatte! (Solche freien Zusätze wurden zur Zeit der Verfassung der Evangelien gewiss ebensowenig als Lüge empfunden wie die Berichte von Jungfrauengeburt, Auferstehung und Himmelfahrt, heute sieht dies jedoch anders aus.) 

Jesus sprach sicher von einer Erneuerung dieser unserer Welt hin zum Besseren. Doch Kennzeichen dieser Welt ist nicht unbedingt, dass sie nach unserem Tod eintritt, sondern dass sie eben nur später eintreten wird und ganz besonders für Kinder gilt. Denn Kinder sind doch die Menschen, deren Beeinträchtigung der Einheit von Leib und Seele so wie bei den Sündern, mit denen er oft Umgang hatte, noch nicht geschehen ist und die von Anfang an alles richtig machen könnten, wenn sie nur die rechte Anleitung dazu hätten.

Auf alle Fälle: Wer etwas für das Werden des Reiches Gottes hier und jetzt tut, der liegt nie falsch.

Es ist nicht einzusehen, warum Jesus bei seiner Vorstellung von Erlösung nun nicht an genau dieselben Fehler und an die verpassten Chancen der Menschen dachte, die auch sein Anliegen waren, als er sich für die Sünderin einsetzte (siehe Jesus und die Sünderin). Es wäre wenig logisch, wenn derselbe, der sich da mit vollem Einsatz um eine Änderung auf einem absolut rationalen Gebiet bemühte, gleichzeitig dann auch noch auf etwas Irrationales hinarbeitete. Leben nach dem Tod kann sich im Sinne Jesu also nur auf Diesseitiges beziehen wie auch andere dem entsprechende Worte Reich Gottes oder Paradies.

Es stellt sich für uns natürlich auch die Frage, ob wir uns nun wirklich so grundsätzlich für oder gegen Jenseitsglauben entscheiden müssen (siehe auch Güterabwägung), ob wir uns nicht einen Kompromiss mit einem Sowohl-als-auch machen könnten. Abgesehen davon, dass wir da wieder nur halbe Sachen machten und allen, die zum Establishment unseres Glaubens gehören, letztlich doch wieder ihre Jenseits-Rationalisierungen ließen, bänden wir mit solchem Offenlassen schlicht und einfach zuviel Energie, die uns einfach immer woanders fehlt, wenn wir uns irgendwo nicht klar festlegen. Ein sinnvolles Beispiel hierfür ist etwa, wenn wir auf einen Zug warten. Solange wir nicht genau wissen, ob er nun wirklich nicht kommt, warten wir vielleicht beharrlich. Wüssten wir dagegen genau, dass er tatsächlich nicht kommt, würden wir andere Verkehrsmittel suchen und eventuell sogar zu Fuß gehen und nicht noch die wertvolle Zeit mit dem Warten sinnlos vergeuden! Jedenfalls hätten wir so eine Chance, zu dem Ort zu gelangen, zu dem wir wollen.

Im Konzept basisreligion ist das Leben nach dem Tod eine diesseitige Angelegenheit oder eben eine Angelegenheit, die den Menschen betrifft, solange er lebt! Und es sieht so aus, als ob es auch dem wirklichen Jesus um eine solche Naherwartung ging - siehe Eschatologie!

Eine Ermunterung sei hier gesagt für diejenigen, die Angst haben, sie könnten mit dieser Auffassung einmal vor einem (Jüngsten) Gericht nach ihrem Tode zur Rechenschaft gezogen werden, weil sie eben zu ihren Lebzeiten nicht an ein Weiterleben nach dem Tod geglaubt hätten: Wenn wir in unserem Leben mit unserem ganzen Einsatz von Verstand und Tat versuchen, das Reich Gottes jetzt schon Wirklichkeit werden zu lassen und uns dabei von der Richtschnur der Zehn Gebote leiten ließen, sind wir vor unserem christlichen Gott auf alle Fälle gerechtfertigt - und  nur der sollte doch für uns gelten, siehe Gottesbild und Bergpredigt. Wie stehen wir dagegen einmal vor Gott da, angenommen, das geschieht wirklich, wenn wir ein Jenseits als eine Art Belohnung für ein gutes Leben hier erhofft und auch nur deswegen Gutes getan haben, wenn das Gute also keinesfalls Selbstzweck war? Das würde gewiss niemand gut finden und Gott erst recht nicht. Wäre zudem eine solche Haltung nicht primitiv und spießig - und können wir uns vorstellen, dass sich ein wirklicher Gott mit Primitiven und Spießern umgibt?

Persönliche Einstellung des Verfassers von basisreligion

Ich werde bisweilen vorwurfsvoll gefragt, ob ich und warum ich nicht ausdrücklich an ein Leben nach dem Tod glaube, und warum ich nicht zumindest beides kombiniere. Ganz deutlich gesagt: Ich kann diese Fragen nicht mehr hören. Denn gerade bei der Thematik, um die es im Konzept basisreligion geht, dient dieser Jenseitsglaube ganz offensichtlich immer als Ablenkung, entweder gar nichts zu tun oder das dafür Angemessene nicht zu tun. Ein Argument ist etwa, dass wir zwar hier und jetzt am Reich Gottes arbeiten, aber dass wir die Verwirklichung in dieser Welt nie ganz schaffen werden und dass es eine Vollendung aber in einem Leben nach dem Tod gibt, wenn wir also bei Gott sind. Wie nachlässig und oberflächlich dieses "Am-Reich-Gottes-hier-und-jetzt-Arbeiten" aussieht, können wir daran erkennen, dass weder die Problematik Leibfeindlichkeit noch die Problematik Menschenkenntnis einigermaßen angemessen aufgearbeitet wird, damit gerade die jungen Menschen ihr Schicksal im Sinn einer christlichen Moral in die eigenen Hände nehmen können - und genau das interessiert eben überhaupt nicht. Gesehen wird allenfalls die Hilfe, wenn Menschen bereits in den Schwierigkeiten sind. Kurzum: Es soll eben letztlich doch alles so weiterlaufen, wie in den schematischen Darstellungen im Stichwort Grundschema beschrieben. 

In diese Richtung weist auch der Kommentar eines Geistlichen zu meinem Engagement: "Ach Herr P., was sind denn gegen die siebzig oder achtzig Jahre hier die Millionen Jahre der Ewigkeit". Zu deutsch: Steigern Sie sich doch nicht so in diese Themen hinein, es gibt Wichtigeres! Also soll wohl alles so bleiben, wie es ist?

Nein und abermals nein!

Dann ist Gott gewiss schon eher mit den Mutigen, die ihm offen sagen, dass sie einfach nicht glauben können, was sie nicht mit ihrem Verstand (der ihnen ja schließlich von ihm selbst gegeben wurde) einsehen können! Und sie hatten ja deswegen nicht die Hände in den Schoß gelegt und nicht nichts getan.

Und überhaupt: Beim Reden vom Beten, vom Almosengeben und vom Fasten bei Matthäus (6) kritisiert Jesus dreimal die Heuchler, die "ihren Lohn schon erhalten" hätten. Es fehlt allerdings dabei jeweils Näheres, etwa die Begründung oder wie der Lohn denn aussah. Vermutlich wurde das in der Überlieferung weggelassen, weil es eben unbequem war. Es kann da eigentlich nur gemeint sein, dass die typischen "Frommen" schon von ihrem Geschäft mit der Religion hier und jetzt (also etwa mit dem Geschäft mit der Vergebung) ganz gut gelebt und also nichts mehr zu erwarten hätten. Und schließlich bin ja auch ich jemand, der mit der Religion sein Geld verdient, da muss man sich doch etwas einfallen lassen...

Nahtoderfahrungen

Siehe hierzu den Beitrag in der WELT vom 14. Februar 2009 unter http://www.welt.de/wissenschaft/article3198165/Die-dem-Tod-ins-Auge-gesehen-haben.html.

Und in der WELT vom 8. April 2010 finden wir eine Kurzmeldung (von AFP), dass Nahtoderfahrungen wohl weniger mit spirituellen Gründen zu tun haben als mit einem hohen Gehalt an Kohlendioxyd (CO2) im Blut. Das haben jedenfalls Forscher um Zalika Klemenc-Ketis von der Universiäöt Marburg/Maribor in Slowenien herausgefunden (und im Fachblatt "Critical Care" veröffentlicht). Die elf PAtienten, die man nach solchen Erfahrungen gerettet hatte, hatten nichts gemein, was Alter, Bildungsstand, Glauben oder Angst vor dem Tod betraf; allerdings stellten Ärzte bei ihnen einen erhöhten CO2-Gehalt und einen leicht rhöhten Blut-Kaliumwert fest. Siehe http://www.welt.de/die-welt/wissen/article7093283/Nahtoderfahrung-durch-CO2.html.

 

 (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)