Einheit von LEIB UND SEELE oder ethisch-rationale Deutung unseres Glaubens.

Die Einheit von LEIB UND SEELE ist sowohl Sinn wie auch Ziel für ein wirklich erfülltes Leben (siehe Sinn des Lebens). Der Begriff Einheit von Leib und Seele kann auch mit dem Begriff Manselbstsein umschrieben werden.

Auch und gerade in der Geschichte unseres Christentums sind wir allerdings weitgehend recht merkwürdigen Vorstellungen aufgesessen:

Leib und Seele wurden und werden immer noch als unterschiedliche Bestandteile unserer menschlichen Existenz gesehen, von denen der Körper der irdisch-fassbare und vergängliche, die Seele aber der überirdisch-unfassbare und unvergängliche Teil ist. Doch diese Sicht ist eher eine Konstruktion vom alten griechischen Denken her, das in enger Beziehung zu leibfeindlichem Dualismus und leibfeindlicher Gnosis schließlich in unser Christentum Einlass gefunden und es schließlich weitgehend entfremdet hat (siehe Entfremdung).

Im Sinne Jesu, der ja Jude war, und vermutlich nie etwas von der griechischen Gedankenwelt mitbekommen hatte und damit auch in den Denschemata des jüdischen Glaubens dachte und lehrte, war eine solche Entwicklung allerdings gewiss nicht. Jesu Anliegen ist nur vom Hintergrund seines Denkens richtig einzuordnen und zu verstehen! Wir können eine Botschaft auch sehr gut und unauffällig verfälschen, indem wir sie aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang reißen und in einen neuen Zusammenhang einbauen, der mit dem ursprünglichen nichts zu tun hat - doch genau das wurde mit den Ideen Jesu getan!

Doch die alten Juden sahen nun ganz im Gegensatz zu den alten Griechen Leib und Seele nicht als irgendwelche materiellen oder geistigen Bestandteile, die in unterschiedlichen Weisen in uns Menschen existieren, sondern von ihrer Funktion her.

Mit Seele ist dann also eher das Seelische gemeint, das unser Inneres oder unser Wesen ausmacht, das sind also unsere Sehnsüchte, unsere Hoffnungen, unsere Träume - nach Treue, nach Geborgenheit, nach Liebe, nach Anerkennung, nach Mann- oder Frausein, nach Gemeinschaft, ja nach Gefährtesein. Und genau wie diese seelischen Funktionen in den alten jüdischen Vorstellungen personaler Natur sind, also nur von Mensch zu Mensch zu erfüllen sind, sind es auch die körperlichen (oder eben leiblichen).

Damit sind daher dann nun eben nicht unsere materiellen Bedürfnisse nach Essen und Trinken und vielleicht noch nach schlichter sexueller Befriedigung gemeint, sondern unsere ekstatischen oder orgiastischen Sehnsüchte, die ja auch immer nur in tiefer Gemeinschaft mit Menschen und vor allem mit einem andersgeschlechtlichen Menschen erfüllt werden können.

Mit der Frage nach einer Existenz von einem Leib oder einer Seele hat das nun überhaupt nichts zu tun und auch nicht mit einem Weiterleben nach dem Tod in irgendeiner Weise.

So wie der Leib ist bei den alten Juden also auch die Seele sterblich - es kommt auf die Erfüllung hier und jetzt an, die gar keine Vertröstung mehr braucht. Und zu dieser Idee gehört dann wohl auch die Vorstellung, dass sich diese beiden Funktionen von Leib und Seele in Gemeinschaft mit einem anderen Menschen in idealer Weise ergänzen und sogar aufschaukeln könnten - in einer Einheit!

Hatten die alten Juden damit nicht längst genau erkannt, was seit jeher zutiefst zu unserem Menschsein gehört und immer noch aktuell ist: Strebt nicht auch heute noch all unser Sinnen und Sehnen nach solcher Einheit? Und träumen wir nicht auch davon, dass die tiefste seelische Gemeinschaft, also die Erfahrung eines liebevollen Gefährteseins und die prickelndste orgiastische Verschmelzung, was ja weit mehr ist als einfach Erlebnis der Sexualität, in ein und derselben Person zusammenfällt? Und sehnen wir uns nicht auch immer noch nach der Aufschaukelung, damit sich die Erfahrung der Einheit des Geistigen und Körperlichen ins Grenzenlose steigert, damit wir zu den Grenzerfahrungen kommen, die unser Leben erst so richtig lebenswert und uns zu vollen Menschen machen?

Manche Religionen haben tolle Ideen von der Einheit von Leib und Seele, von Mann und Frau, von Körperlichen und Geistigen. Doch die Wirklichkeit - auch bei den Menschen in diesen Religionen - sieht leider ganz anders aus:

Nicht nur dass viele Menschen in ihrem Leben genau diese Grenzerfahrungen nie erleben, nur zu oft ist ihr Leben im Gegenteil sogar weitgehend geprägt von katastrophaler Zerstörung ihrer Einheit von Leib und Seele! Sicher, es gibt Gemeinschaft und immer noch mehr oder weniger ekstatische sexuelle Erlebnisse, doch der dazugehörige seelische Hintergrund ist allzu oft eben nicht der, der nötig wäre für volle Harmonie. Besonders krasses Beispiel hierfür ist das, was bei einer Anmache oder einer Verführung zum Geschlechtsverkehr passiert: Die Seele (also die Sehnsucht nach Liebe, nach Treue) wird manipuliert lediglich für den Zweck eines körperlichen Erlebnisses. Die Erfüllung der Seele war dabei in keinem Moment beabsichtigt, die Seele war immer nur Mittel zum Zweck (siehe sexueller Misbrauch und Gebrauch und Missbrauch): Die Einheit von Leib und Seele wird so nicht nur gerade fahrlässig, sondern sogar oft mutwillig zerbrochen. (Es sieht so aus, als ob besonders der erste Geschlechtsverkehr vor allem eines Mädchens ein sehr empfindlicher Schwachpunkt im menschlichen Leben für solches Zerbrechen ist, das nur schwer wieder geheilt werden kann. Daher gilt dann auch das Umgekehrte: Eine treulose Beziehung ohne Geschlechtsverkehr bedeutet keine - zumindest keine unwiederbringliche - Beeinträchtigung der Einheit von Leib und Seele!)

An dieses Zerbrechen durch Geschlechtsverkehr, der aus der Einheit von Leib und Seele herausgelöst ist, dachten offensichtlich auch die Verfasser der Adam-und-Eva-Erzählung vor mehr als dreitausend Jahren. Denn in der Sprache der damaligen Mythologie handelte es sich ja um ein Paar der kultischen Prostitution (siehe Tempelprostitution), und wie bei aller Prostitution geht es ja bei solchem geschlechtlichen Zusammensein nicht um die Erfahrung der Einheit von Leib und Seele in einer Gemeinschaft von Mann und Frau, sondern nur um das Erlebnis eines rein körperlichen Aktes oder sogar Abenteuers. Dass dieses Paar dann - vielleicht aus praktischen Erwägungen heraus – zusammen blieb und eben ein Urpaar wurde, ändert an ihrer fehlenden Einheit nichts, kennen wir heute nicht auch viele Paare, die eben zusammen bleiben, obwohl auch sie keine Gefährten sind?

Wohl nur im christlichen Glauben könnte es Konzepte geben, damit die Einheit auch Wirklichkeit wird.

Der Bericht von Jesus und die Sünderin ist nun ein eindrucksvolles Zeugnis für den kompromisslosen und provozierenden Einsatz Jesu im Hinblick auf diese Einheit von Leib und Seele der Menschen zu seiner Zeit. Jesus war derjenige, der sich vor zweitausend Jahren um sie kümmerte, als Religion wieder einmal zur geistigen Selbstbefriedigung einer Theologenkaste und zum Geschäft verkommen war und der Dienst an den tiefsten menschlichen Sehnsüchte in Vergessenheit geraten war.

Da es nun bei der Nachfolge Jesu, also in unserem christlichen Glauben, einerseits um eine diesseitige Einheit von Leib und Seele geht und da es andererseits sehr schwierig ist, diese Einheit - zumindest vollständig - zu reparieren, wenn sie erst einmal zerbrochen ist, kann es das Ziel der Erlösung durch Jesus nur sein, dass sie für alle Menschen unbedingt von vornherein gelingt. Und das ist dann wohl auch der wirkliche Grund, dass Jesus darauf hinwies, dass Kinder diejenigen sind, derer das Himmelreich ist, also die ideale Welt, in der dann seine Ideale Wirklichkeit werden können.

Die Sorge um die Einheit von Leib und Seele auch unserer Mitmenschen entspricht übrigens einem gesunden höheren Egoismus. Denn eine solche Sorge bringt schon einmal für die eigene Partnerwahl einen praktischen Vorteil, woher sollen wir denn sonst unsere Partner nehmen, wenn es außer uns keine Menschen gibt, die auch auf Sinn und Ziel höchster Einheit ausgerichtet sind? Und für eine richtige Liebe bringt's die gelungene Einheit einiger weniger zudem ja auch nicht, da brauchen wir schon eine gehörige Auswahl, zumal zu einem funktionierenden Gefährtesein ja nun wirklich noch mehr gehört als eine gemeinsame Sehnsucht nach einem geistigen Ideal.

Auch lebt sich's wahrscheinlich sicherer und harmonischer unter denjenigen Menschen, die aus dieser Einheit heraus leben. Nicht zuletzt zählen ja Störungen der Einheit von Leib und Seele wohl zu den wesentlichen Ursachen des Bösen, sollte es daher nicht zu einer guten Strategie gehören, gerade hier anzusetzen? Und wenn die Einheit auch nur erst bei der nächsten Generation Wirklichkeit werden sollte, so hätten auch wir anderen mit dem Ausblick auf eine bessere Welt wenigstens auf unsere alten Tage doch noch einen Vorteil davon (und ohne irgendeinen richtigen Vorteil läuft wohl nie etwas vernünftig)!

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist nicht gesagt, dass zur Einheit von Leib und Seele Geschlechtsverkehr gehören muss, möglicherweise ist noch nicht einmal die Erfahrung personaler Liebe notwendig. Doch wenn Geschlechtsverkehr geschieht, dann nur vor dem Hintergrund einer wirklichen Einheit von Leib und Seele!

Eine interessante Deutung, was Einheit von Leib und Seele ist, ergibt sich von unseren heutigen Vorstellungen vom Geist und von den Hormonen her. Einerseits gibt es diejenigen Hormone, die im Zusammenhang mit unserer menschlichen Biologie und da insbesondere mit unserer Veranlagung zur Fortpflanzung sozusagen automatisch produziert werden. Und dann werden ja immer noch "sonstige Hormone" in unserem Organismus erzeugt, je nachdem wie sie gebraucht werden, ob etwa in Situationen der Sympathie zu anderen Menschen oder zu bestimmten Liebhabereien oder gar Anti-Stress-Hormone, wenn etwas anstrengend oder gar zermürbend ist. Und wenn insbesondere diejenigen Hormone, die unsere Biologie automatisch bereitstellt, und diejenigen, die nach Bedarf erzeugt werden, miteinander harmonieren und sich darüber hinaus auch noch aufschaukeln, können wir aus biologischer Sicht von einer Einheit von Leib und Seele sprechen. Und diese Einheit entspricht dann durchaus den alten jüdischen Vorstellungen.

Eine besonders schöne Symbolik für die Einheit von Leib und Seele ist die Echternacher Sprinprozession!
(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)