Mathematik. Zu diesem Thema erst einmal ein kurzer Einstieg (von Ehrhard Behrends aus der WELT vom 15.12.2003). Denn es soll um die Frage gehen, warum die meisten Menschen so wenig Interesse an Mathematik haben.

Mathematik ist wie Musik: Zuerst braucht man ein paar Grundfertigkeiten.

Es ist ein offenes Geheimnis: Die Mehrheit der Zeitgenossen hat den Mathematikunterricht ihrer Schulzeit in bemerkenswert schlechter Erinnerung. Schulanfänger sind noch Feuer und Flamme, die meisten rechnen mit Begeisterung, und es kann ihnen nicht schnell genug gehen, bis sie endlich bis 100 zählen können. Das verliert sich leider, irgendwo zwischen Klasse sieben und neun verändert sich das Ansehen der Mathematik, und danach gehört sie nur noch für eine Minderheit zu den attraktiven Fächern.

Die Gründe sind sicher vielfältig. Ein wichtiger ist wahrscheinlich der, dass man in der Mathematik einige eher trockene Grundfertigkeiten beherrschen muss, um zu interessanteren Fragen vorzudringen. Das gibt es in anderen Lebensbereichen natürlich auch: Ohne Vokabeln und Grammatik kein französischer Roman, ohne Beherrschung der Cis-Moll-Tonleiter keine Mondscheinsonate. Leider scheint aber im Fall der Mathematik die Gefahr besonders groß, beim Technischen stehen zu bleiben, also - um im Bilde zu bleiben - viel zu lange Tonleitern zu üben und zu selten zu sehen, welche Musik man denn damit spielen kann.

Auch ist - oberhalb des ganz elementaren Zahlenrechnens - nicht auf den ersten Blick zu sehen, warum einen die Beschäftigung mit der Mathematik befähigen kann, mit den Problemen dieser Welt besser fertig zu werden. Die Satirezeitschrift "Titanic" brachte einmal ein hübsches Beispiel für die vermeintliche Weltabgewandtheit des Faches: Wenn anderthalb Hühner in anderthalb Tagen anderthalb Eier legen, wie viele Eier legt dann ein Huhn pro Tag?

Sie, die Sie freiwillig diese Kolumne lesen, gehören wahrscheinlich nicht zu den besonders radikalen Mathematikhassern. Trotzdem wäre es interessant, einmal Meinungen zu sammeln, wie bei so vielen Mitbürgern eine abgrundtiefe Antipathie entstehen kann. Vorschläge, wie man das  beheben kann, wären natürlich noch besser. Schreiben Sie!

Weitere Informationen: www.mathematik.de/fuenfminuten

Vollständige Url des Artikels: http://www.welt.de/data/2003/12/15/210977.html


Wenn geistige Beschäftigung auf höherem Niveau stattfinden soll, muß sie für die Betreffenden etwas mit dem Leben zu tun haben!

In dem Buch "Die Kolonie der sprechenden Affen" (Bastei-Lübbe-Taschenbuch 63 063) kommt die Verfasserin Eugene Linden darauf zu sprechen, daß Lebewesen von sich aus nur bereit sind zu denken und eine Sprache zu gebrauchen, wenn sie einen Vorteil davon haben, wenn sie damit Lebensfragen besser bewältigen können. Die Sprache und das Denken muß also mit dem zusammenhängen, was eben üblicherweise die Probleme der betreffenden Lebewesen sind. Als bei Intelligenztests der Ureinwohner Australiens (dieses Argument stammt allerdings nicht aus dem Buch von Eugene Linden) diese ziemlich schlecht abschnitten gegenüber den entsprechenden westlichen Vergleichspersonen, kam man auf den Verdacht, daß unsere typischen Intelligenztest-Fragen diese australischen Menschen ja auch gar nicht interessieren, das sind einfach nicht ihre Probleme, also haben sie keine Lust, darüber nachzudenken, also ihre Intelligenz auf so etwas zu verschwenden usw. - und so schneiden sie auch schlechter ab bei den bei uns üblichen Intelligenztests. Und als man daraufhin andere Intelligenztestsfragen wählte, die auch eine hohe geistige Leistung erforderten, die jedoch mit den Bedingungen im australischen Busch zusammen hingen, also etwa Nahrungssuche und Vermeidung von im Busch üblichen Gefahren, stellte man fest, daß die IQ´s der australischen Ureinwohner durchaus mit denen der Menschen in unseren Zivilisationen vergleichbar sind.

Mit Affen (man verzeihe mir den Vergleich!) ist es wohl nun nicht ganz so deutlich, doch auch hier ist klar: Diese Lebewesen haben nur Lust, über etwas nachzudenken und sich zu äußern, wenn es für ihre von Natur aus typischen Lebensprobleme einen Sinn macht, man muß also bei diesen anfangen! Und das sind bei Affen nun einmal die Probleme der Nahrung und der Feindabwehr. Wenn es sich darum dreht, dann machen die Affen mit! (Anmerkung: Man hat herausgefunden, das klappt bei Schimpansen am besten mit einer Gebärdensprache wie bei den Tabstummen, weil sie einfach nicht den entsprechenden Kehlkopf haben, um zu einer "Redesprache" zu kommen, also muß man auch daran denken.)

Doch wieder zu uns Menschen und zur Mathematik: Auch Menschen in unseren Zivilisationen haben an etwas, was mit dem Denken zusammenhängt, vor allem dann von sich aus ein Interesse, wenn es mit für sie typischen Lebensfragen zusammenhängt.

Und Mathematik, jedenfalls solche, die über die Grundrechenarten hinausgeht, mit der man Einkauf und Gehaltsabrechnung durchschaut (dabei fängt da erst Mathematik an), scheint einfach für die meisten Menschen keine Bedeutung zu haben, klar, wozu auch? 

Dabei muß das nicht so sein! Ganz wesentliche Bedingungen auch in unserem menschlichen Leben sind nun einmal mathematischer Natur!

Mathematik hat nämlich nicht nur etwas mit Zahlen und Buchstaben zu tun, die man multipliziert und potenziert und durch die man dividiert, sondern vor allem auch mit Strategie und Spiel! Strategisches oder auch spielerisches Denken läuft etwa nach dem Motto ab: "Was tue ich, um zu dem oder zu dem Ziel zu kommen und dabei Unglück zu vermeiden und einen Vorteil zu haben? Doch was mache ich, wenn andere mir den Vorteil nicht gönnen oder wenn sie nur ihre eigenen Vorteile sehen und mich dabei nur ausnutzen wollen? Wie finde ich diejenigen, die für mich Partner sein wollen und können? Was mache ich, wenn sich andere, die mir nicht wohl gesonnen sind, auf meine strategischen Überlegungen einstellen - und ihre Strategien entsprechend abwandeln, um dennoch zu ihren vordergründigen und für mich schädlichen Zielen zu kommen?" Und strategisches Denken ist mathematisches Denken!

So ist für ein Mädchen ein typisches mathematisches Problem die Bewältigung der Situation richtiger oder falscher Liebe, wie sie in Gespräch 2 dargestellt ist - und etwas anders gilt das alles auch für Jungen. Und aus Erfahrung weiß ich definitiv: Darüber sind gerade sehr junge Leute (also so um 8 und 9 Jahre, siehe Kindererziehung) nicht nur gerade so bereit nachzudenken, wenn diese Thematik  Religionsunterricht aufkommt, sondern das alles beflügelt sogar ihr Denken so, daß sie in den folgenden Stunden von sich aus wieder darauf zurück kommen! Der Mensch ist also offen für mathematische Probleme und ihre Lösung könnte auch die Basis schlechthin sein für eine Lösung des Problems Gefühl und Verstand - doch die mathematischen Fragen müssen allerdings zumindest beim wirklichen Leben anfangen!

Doch es gibt da eine Verweigerungshaltung derer, die für die Pädagogik junger Menschen zuständig sind: Solches mathematisches Denken ist nicht gefragt, die jungen Menschen könnten ja ihre wesentlichen Probleme am Ende ganz grundsätzlich und anders lösen! Und da hätten sie ja selbst nichts davon...

Gerade diese wichtigen Lebensfragen, die nun einmal mathematischer Natur sind, werden allerdings in der Pädagogik völlig verdrängt. Stattdessen gelten auch und gerade heute feste Sittsamkeitsregeln wie die Sexualscham (oder man läßt heute sogar alles einfach laufen), und schließlich dogmenorientierter Glaube, der einen über die Fehlentscheidungen hinwegtröstet bis hin zu der Erlösung in einem Leben nach dem Tod! Wie gesagt, die Fehlentscheidungen werden einkalkuliert, sind vermutlich sogar erwünscht, weil nur dann der Glaube der Priester rüberkommen kann! Schauen Sie sich doch einmal einen typischen kirchlichen Kinderunterricht, also einen Erstkommunionunterricht an, selbst wenn der noch so nett ist, ist er immer in Richtung Glaube und in Richtung vom Glauben abgeleitete Themen. Mathematik meint aber Denken mit dem Ziel der Bewältigung einer Herausforderung, und echtes Denken ist auch immer irgendwie mit Strategie verknüpft, und damit hat das alles absolut nichts zu tun! Und auch die weiteren mathematischen Fragen, wie Überlegungen zum Zufall, zur Wahrscheinlichkeitsrechnung, zu Strategie und Kybernetik haben so keinen rechten Platz in unserem Leben. Wozu das alles, wenn das Drauflosleben auch und gerade in den Dingen, wo es am Ende auch noch um den Sinn des Lebens geht, angesagt ist?

Wir wissen es alle, diese Überlegungen darf man heutzutage jungen Leuten nun einfach nicht nahe bringen! Meine Erfahrung ist inzwischen, daß alle Begründungen seitens der zuständigen Leute dafür verweigert werden, es findet einfach kein Gespräch statt. Es ist so eine Art eingeschnappte Verweigerungshaltung. Lediglich ein ehemaliger Professor von mir "outete" sich und kam auf ein angeblich christliches Liebesgebot zu sprechen, danach macht es sowieso nichts, wie Menschen handeln, es ist hinterher immer Vergebung angesagt, wie angeblich auch Jesus uns vergeben hat... Und einmal konnte ich bei einem Pfarrer noch herauslocken, daß man sowieso heute nichts tun könne, weil man gegen die Macht der Medien sowieso nicht ankäme. Das ist natürlich alles Unfug und Verdrängung, doch was kann man schon gegen Verdrängungen machen? Und außerdem: Wie sollen Menschen, bei denen selbst im Leben mathematisches Denken keine Rolle gespielt hatte, anderen solches Denken beibringen? Und wenn dabei noch etwas herauskommen könnte, das man selbst nicht hatte, dann schon gar nicht: Wieso sollen die jungen Leute es jetzt besser haben als man selbst?

Vermutlich sind also die wahren Gründe für die Verweigerungshaltung der Pädagogen, daß mathematisch denkende junge Menschen - mathematisch im Hinblick auf ihre Lebensfragen - ja nicht nur diese positiv für sich selbst lösen könnten, sondern auch sonst auf andere Ideen kommen könnten als auf die, die wir ihnen zugestehen... Und das könnte am Ende auch unsere Gesellschaft radikal verändern.

Also lassen wir das - und so unterbleibt eine pfiffige Ausbildung der mathematischen Fähigkeiten des Menschen von Kind an! Dabei könnte so  ganz nebenbei das mathematische Bewußtsein auch noch für weitere mathematische Fragen und Probleme zu Verfügung stehen! Was wäre das ein Gewinn für unsere Wissenschaft!

(Anmerkung: Ich habe eine Adoptivtochter aus Vietnam, die ich ab ihrem 14. Lebensjahr mit den Gedankengängen von basisreligion vertraut gemacht habe und die seit ihrem 16. Lebensjahr bei mir ist. Und heute (sie ist 21) studiert sie Technomathematik. Das Mädchen erzählte mir, daß sie von Natur aus eigentlich kein Interesse an Mathematik hatte, doch sie hatte einen Lehrer in Vietnam, der es <sehr drastisch> bei ihr geweckt hatte - und die Fortsetzung bei mir scheint ihr zumindest nicht geschadet zu haben. Dabei reden wir wirklich nicht von Mathematik, aber von sinnlosen Verdrängungen und Verklemmungen und von Strategie und Lebenskonzept im Zusammenhang mit Jungen. Und der Erfolg ist, daß sie auch in der Praxis sehr bewußt und prinzipientreu an dieses Thema herangeht, sie weiß ja, wie und warum...) (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)