MISSION

Was meinen Sie, ob der Grund der Zugkraft unseres Glaubens in der frühen Kirche war, daß man die Menschen auf eine Welt Nach dem Tod vertrösten wollte, oder daß man die damalige Welt der Sklaverei, der Verachtung und Ausnutzung der Frau (als "Lust- und Arbeitstier", als "Gebärmaschine", eben als Sache) - und daher ohne wirkliche Liebe und Partnerschaft - ändern wollte? Was meinen Sie, was auch heute noch vernünftige Gründe für eine Mission sein könnten?

Das Anliegen der frühen Christen, andere Menschen zu „missionieren“, war gewiß ein völlig anderes als das, das wir heute im allgemeinen kennen und praktizieren.

Wir müssen uns ja nur einmal vor Augen halten, daß die Situation „Christen-Nichtchristen“ „damals“ auch eine völlig andere war als heute. Es gab zunächst einmal ganz äußerlich nicht den typischen Gegensatz zwischen Christen und Nichtchristen, den es heute im allgemeinen gibt, vor allem gegenüber den Völkern der „Dritten Welt“:

  1. auf der einen Seite eher christlich und reich, auf der anderen Seite eher nichtchristlich und arm.

  2. auf der einen Seite christlich und einflußreich, auf der anderen Seite im wesentlichen nichtchristlich und einflusslos.

  3. Es gab keinerlei Machtmöglichkeiten, andere zur Annahme des Christentums zu zwingen, wie es die Situation zumindest lange Zeit zwischen manchen reichen Kolonisatoren- und armen Kolonialvölkern war.

Damit fielen alle rein äußerlichen und für einen Glauben oberflächlichen Gründe weg, andere zum christlichen Glauben zu bekehren beziehungsweise von anderen den christlichen Glauben zu übernehmen. Die christliche Mission konnte also nur durch Überzeugungsarbeit und mit Gründen, durch die wirklich etwas besser wurde, erfolgreich sein. Doch für was? Für einen neuen Gott, für eine andere Vorstellung vom Leben nach dem Tod?

Soweit wir heute überhaupt darüber nachdenken, wie christliche Mission zur Zeit der frühen Kirche ausgesehen haben mag, vermuten wir gewiß keinen wesentlichen Unterschied zu dem, was wir auch heute von unserer christlichen Religion kennen, also vor allem "die Menschen zu Gott zu führen". Doch konnte etwas, was uns heute schon nicht „vom Hocker reißt“, denn auf die Menschen damals besser gewirkt haben? So viel anders waren doch die Menschen „damals“ auch nicht... Ging es also „damals“ wirklich um eine Befreiung von der Erbsünde für ein besseres Leben nach dem Tod? Ist das nicht alles eine merkwürdige Konstruktion, die nicht nur uns „Christen“ heute nicht „vom Hocker reißt“, weil wir sie gar nicht verstehen, sondern die auch gar nicht die wirkliche Ursache für den Missionserfolg vor zweitausend Jahren – und das gegen Haß und Verfolgung – gewesen sein kann?

Was war also das Besondere, was war der Unterschied von Nichtchristentum und Christentum wirklich, warum lohnte es sich also, für Nichtchristen Christen zu werden?

In einer Kirchengeschichtevorlesung kam einmal Professor Hans Wolter SJ an der Hochschule St. Georgen darauf, ob es in der Spätantike bestimmte Gesellschaftsschichten gab, die besonders für den christlichen Glauben aufgeschlossen waren und auch in besonderem Maße christlich wurden. Er kam dabei auf die Sklaven und auf die Frauen.

Die Sklaven – das ist auch nach üblicher Lesart (Jenseitsglaube usw.) verständlich, doch warum die Frauen, hatten die denn auch so einen „Drang nach dem Jenseits“?

Mitnichten! Das Problem der Frauen war: Sie kamen – wie übrigens in allen Gesellschaften mit Sklaverei -  „damals“ gewiß nicht auf ihre menschlichen Kosten: Wohl in keiner der antiken Gesellschaften gab es so etwas wie Partnerschaft zwischen Mann und Frau: Im Rom der Spätantike mit seinen Hetären und Sklavinnen nicht (die Ehen waren ja schließlich von dieser „Rummacherei“ auch in „Mitleidenschaft“ gezogen), in Griechenland mit seiner fast schon institutionalisierten Homosexualität nicht, in Ägypten mit seiner Beschneidung der Frauen nicht – und wo denn sonst?

Der Kirchenvater Ambrosius berichtet im Zusammenhang mit der Christenverfolgung im damals römischen Antiochien von einem christlichen Mädchen, das beim Verhör vor die Alternative gestellt wurde, entweder in der Arena mit dem Tode bestraft zu werden oder seine Abschwörung vom Christengott auch ganz konkret zu beweisen. Als Beweis sollte es seine Jungfräulichkeit aufgeben und mit einem Mann, der vom Gericht bestimmt würde, intim werden. Das Mädchen wollte schließlich doch lieber leben und akzeptierte die Bedingung des Gerichts. Der Richter suchte daraufhin jemanden in der vor dem Gericht wartenden Menge, der mit dem Mädchen schlafen würde. Es meldete sich einer, wie der Kirchenvater schreibt, „doch der war ein unerkannter Christ“. Und er ging zu dem Mädchen, tauschte mit ihm die Kleider – und so konnte das  Mädchen unerkannt und unbehelligt das Gerichtsgebäude verlassen. (die Erzählung finden Sie unter dem Stichwort Märtyrer.

Aus vielen Gründen scheint mir diese Geschichte erfunden, sie gibt jedoch die allgemeine Problematik damals wieder: Frauen waren Sexobjekte – und das Christentum stellte sich als Religion der wirklichen  Liebe und Partnerschaft dar, die die Situation der Frau auch hier ändern wollte. Das war zwar eine Provokation der ganzen verkommenen Gesellschaft damals, doch wird das gleichzeitig dennoch der Grund für den Missionserfolg des Christentums in der Antike gewesen sein: Die Menschen – und insbesondere die Frauen - waren längst die Beliebigkeit der Beziehungen damals satt (also die Beziehungskisten, würden wir heute vielleicht sagen), die Treulosigkeit, die zwischenmenschliche Gefühlskälte, die Enttäuschungen, die fehlende zwischenmenschliche Harmonie. Und nicht nur der in der Einleitung dieser Website genannte Dichter Ovid prangerte die Situation an und suchte Auswege, viel mehr noch gerade die junge christliche Kirche war hier besonders einfallsreich, attraktiv und wirksam – und das war dann faszinierend auch und gerade für junge Menschen, „die noch alles vor sich hatten“. Daher also die Einstellung des jungen Mädchens in der Ambrosiuserzählung, die auch für ihre Einstellung Werbung gemacht haben mag und dadurch ihre „promiskuitive“ Umwelt provoziert hatte und aufgefallen war.

So scheint es nach meinen Untersuchungen in meiner Diplomarbeit zum Gegenstand des Firmsakraments eindeutig, dass es da nicht um eine Stärkung des Glaubens, sondern um die Pfiffigkeit für ein Gelingen moralischer Lebenssituationen der Gläubigen ging.

Die sieben Geistesgaben, die auf den Firmling bzw. Täufling herabgerufen werden (Justin - + um 165? - berichtet in dial.87,5 <Mg PG 6 683/684 A> davon) und die wir noch heute als Bestandteil der Firmung kennen, werden vor allem für den Kampf gegen die bösen Geister des Teufels (nicht mythisch zu verstehen!), gegen die Laster“ eingesetzt – und diese Geistesgaben können durchaus als „1. Information, 2. Vernunft, 3. sinnvolle Entschlüsse, 4. sinnvolle praktische Ausführung, 5. Beistand Gottes und 6. Demut und 7. vor Gott“ interpretiert werden, also Eigenschaften, die Menschen nun einmal auch zu einem vernünftigen moralischen Leben brauchen. Heute sind uns diese Zusammenhänge nicht mehr erkenntlich, die Geistesgaben sind zum üblichen liturgischen Gemurmel verkommen.

Das „Christentum der Liebe aus eigenem Bewußtsein“, gelingende persönliche Beziehungen in einer verwirrten Welt, das war offensichtlich attraktiv für die Menschen der Spätantike, das suchten sie und wollten davon auch anderen Menschen mitteilen und sie motivieren, auch so zu leben.

Die Methode kennen wir: Der Weg zu den neuen Ideen lief vor allem dank der attraktiven „Marketingmaßnahmen“ für einen Befreier, Erlöser, Messias, wie sich die Menschen in den verschiedenen Völkern der Antike vorstellten und wie er erwartet wurde. Leider eben verschwand das eigentliche Anliegen recht bald aus den Blicken der Menschen „damals“ und es entstand eine neue Religion mit Riten und Glaubenssätzen, die dem, was bisher üblich war, sehr ähnelte.

Auf diesen Glauben können wir heute und auch nichtchristliche Menschen durchaus verzichten, doch eine Lebenseinstellung der Liebe wäre immer noch aktuell. Daher hat sich eine Glaubensmission durchaus überlebt, doch eine Liebesmission nicht – denken wir an die Völker, in denen noch immer die Frauen beschnitten werden, an die Völker, die von der Partnerschaft zwischen Mann und Frau keine Ahnung haben. Allerdings müßten erst einmal auch wir damit anfangen.

Wann könnte also eine Mission auch heute wieder erfolgreich sein?

Mir scheint, dass Chancen für eine Mission gegeben sind, wenn in einer Zeit die tiefsten menschlichen seelischen Sehnsüchte mit Füßen getreten und daher weitgehend untergegangen sind oder sonstwie nicht mehr Lebenswirklichkeit sind und die herrschende Ideologie diesen „Untergang“ auch akzeptiert, in ihr System eingebaut hat und daher auch keine wirklichen Ansätze zu einer Änderung zeigt, etwa indem sie ihre „Gläubigen“ für unfähig und primitiv erachtet, ihre Vernunft dafür einzusetzen. Wir müssen dabei bedenken, dass nicht nur solche Sehnsüchte eine Zugkraft haben, deren Verwirklichung von jedem selbst erlebt werden können, sondern es reicht bisweilen auch, wenn etwa Eltern ihren unmittelbaren Nachkommen dazu verhelfen können. Die Eltern können also durchaus selbst in gestörten „Liebesbeziehungen“ leben und auch in einer neuen Ideologie keine Chance sehen, dass sich das bei ihnen selbst ändert – doch für ihre Kinder wünschen sie sich etwas Besseres!

Hier sind also Chancen für die Mission einer „neue Ideologie“, die allerdings schon irgendwie überzeugend sein muß! (War das also im frühen Christentum der Grund für die Kindertaufe?)

Erwähnt wird in diesem Zusammenhang als Grundsehnsucht die Liebe, doch es kann auch etwas anderes sein – hier ist ganz gewiß auch Intuition gefragt, und wer die richtige Intuition hat, der hat auch Erfolg mit der Missionierung! (Achtung: Nicht gleich aufgeben, wenn es nicht klappt, es kommt bisweilen auf Nuancen an, man braucht da ganz großes Fingerspitzengefühl bei der Umsetzung! Bedenken wir, wie Menschen gerade in den persönlichsten Bereichen oft an der Nase herumgeführt wurden und enttäuscht wurden, auch und gerade von angeblichen Fachleuten, so dass sie hier höchst skeptisch gegen alles Ungewohnte und Neue geworden sind und klingt es noch so „wissenschaftlich fundiert“. Wenn ein „Missionar“ da nur ein wenig falsch macht, dann funktioniert alles nicht, so ähnlich, wie wenn man einen Radiosender nicht mehr hereinbekommt, wenn man nur ein wenig auf der Wellenlänge daneben liegt. Ein günstiges Zusammenwirken von Wissenschaftlichkeit und Intuition sind also unerläßlich!)

Gelungene und mißlungene praktische Umsetzung von christlicher Missionsidee heute.

Wie sehr heute – oder zumindest vor nicht langer Zeit - Mission im Hinblick auf ein anderes Gebot aktuell ist und bei den Menschen nicht nur ankommt, sondern sogar als Befreiung empfunden werden kann, berichtete mir ein ehemaliger Indonesienmissionar. In der Gegend, in der er als Priester war, hatten evangelische deutsche Missionare aus dem Wuppertaler Raum vor etwa 150 Jahren mit der Mission begonnen. Um Glauben ging es dabei nur teilweise. Es war nämlich damals die Zeit der Kopfjäger, das heißt, damit ein Junge ein Mädchen „gewinnen“ konnte, musste er einige (?) Köpfe von umgebrachten Männern aus den Nachbardörfern vorweisen. Nur wenn er das schaffte, war er „ein guter Mann“ und würdig als Ehemann für ein „anständiges“ Mädchen. Vielleicht eine „eindrucksvolle“ Methode, um die eigene Tapferkeit und Geschicklichkeit unter Beweis zu stellen. Doch was war, wenn der Gegner „gewann“, dem es ja seinerseits auch darum ging, „seinem Mädchen“ und dessen Familie einen „Kopf“ vorzuweisen?

Wir können uns also vorstellen, dass für viele – gerade für jüngere Menschen – dieser Brauch schon längst sehr lästig war und dass vielfach an eine Abschaffung gedacht wurde – doch da waren ja die Traditionen und die Götter und Geister, derentwegen dieser Brauch nun einmal notwendig war, also blieb alles beim Alten.

Und da kamen nun die christlichen Missionare mit ihrem „neuen Gott“ und mit seinem fünften Gebot gegen das Töten. (Für Praktiken, die diesen indonesischen Praktiken ziemlich genau einmal entsprachen, ist dieses Gebot auch einmal gedacht gewesen - siehe Zehn Gebote und Menschenopfer!) Und die Leute nahmen dankbar den neuen Glauben an den „liebenden Vater aller“ an – und nicht ungeschickt bauten die Missionare auch die Gotteshäuser auf die Grenzen der Gebiete zwischen den ehemals verfeindeten Dörfern!

Der Glaube an Jesus war also ein Fortschritt sowohl in Rationalität als auch in praktischer Einsicht in die Zehn Gebote.

Vielfach entspricht diesem Schema unsere heutige Mission nun wirklich nicht, weder im Hinblick auf das fünfte Gebot des Nichttötens und schon gar nicht auf das sechste Gebot der leibseelischen Liebe zwischen Mann und Frau: Von einem „Für-voll-Nehmen“ der neuen Gläubigen, die nur in einer Steigerung ihrer Rationalität bestehen kann, das alles besser zu machen, kann keine Rede sein, da wird nur die bisherige Irrationalität (Glaube an Geister und Götter) durch die nächste ersetzt. Und auch eine rationale Einsicht in die Vorteile der Zehn Gebote ist nicht wichtig, und so werden die Zehn Gebote eher als lästige Begleiterscheinung des neuen Glaubens gesehen. Während daher in Afrika vor der christlichen Missionierung die Sexualmoral wenigstens so einigermaßen lief, gerät sie dort heute sozusagen völlig aus den Fugen (die hohe Zahl der AIDS-Kranken mag ein Indiz sein) und gemordet wird mindestens so hemmungslos wie früher, wenn es eine Gelegenheit gibt...

Die Situation im heutigen Afrika mag zwar vergleichbar mit der zur Zeit der frühen Christen sein. Doch während bei den frühen Christen im Sinn einer Nachfolge des historischen Jesus ethische Ziele mit höherer (göttlicher!) Rationalität attraktiv wurden, stehen in Afrika eher der pharisäische Ansatz (siehe Pharisäer) mit Kult und irrationalem Glauben im Vordergrund - siehe Glaube und Moral. Und das funktioniert eben nicht. Und die Mission wird auch nicht dadurch besser, wenn Menschen zu Gott geführt werden und gleichzeitig mit Spenden aus der wohlhabenden Heimat der Missionare besser versorgt werden. Wirkliches Christentum ist etwas anderes. Und mit dem hätte – wie etwa in Indonesien – Mission durchaus auch heute noch ihren Sinn! Wir sollten allerdings wohl erst einmal bei uns anfangen!

Und selbst im rein äußerlich weitgehend christlichen Südamerika scheint eine Rückbesinnung auf den Ansatz des wirklichen Jesus absolut nötig - siehe Straßenkinder und Befreiungstheologie.

Das Problem ist allerdings das der Anpassung.

Ja, inwieweit waren die Einstellungen und die Kulturen der missionierten Völker dann schließlich doch durchschlagender? Inwieweit wurde bei der Mission das ursprüngliche Anliegen vergessen oder sogar (oft nur zu gern) verraten und es kam lediglich eine äußere
Hüller rüber (man redete also jetzt von Jesus und Maria), doch unter dieser Hülle haben immer noch die alte Religion und vor allem die alten Einstellungen und die alten Götter überlebt?

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)

Hinweis für einen Freund: Wenn Sie einmal etwas zu drucken haben, dann fragen Sie doch einmal ihn nach einem Angebot: http://freenet-homepage.de/lotus/satzservice.htm .