NAG HAMMADI.

"Im Jahr 1945 machten zwei ägyptische Bauern einen erstaunlichen Fund, als sie am Fuß des Jabel al-Tarif - ein steil aufragender Felsen in der Nahe der mittelägyptischen Stadt Nag Hammadi - nach fruchtbaren Substanzen (Anm.: also nach mineralischen Düngemitteln) gruben. Sie legten einen versiegelten Tonkrug frei, der eine ganze Reihe von Handschriften enthielt. Diese mittlerweile als Nag-Hammadi-Codices bekannten Papyrus-Schriften aus dem 4. Jahrhundert nach Christus enthalten auch eine Fülle alter christlicher Texte. Insgesamt handelt es sich um sechsundvierzig einzelne Werke, die fast alle bis dahin unbekannt waren. Diese und andere Schriften aus der Zeit eröffnen einen neuen Blick auf die Anfänge des Christentums. Sie zeigen, dass das frühe Christentum in sich viel weniger einheitlich und geeint war, als wir es uns vorgestellt  hatten.

So debattierten die frühen Christen zum Beispiel heftig über so grundlegende Themen wie Inhalt und Bedeutung der Lehren Christi, über die Natur der Erlösung, den Wert von Prophezeiungen, die Rollen von Frauen und Sklaven sowie über die einander widersprechenden  Vorstellungen von einer idealen Gemeinde. Schließlich besaßen diese  frühen Christen kein Neues Testament, kein apostolisches  Glaubensbekenntnis, keine allgemeine Kirchenordnung und keine hierarchische Stufenfolge. Es gab (….) in der Tat auch keine gemeinsame Auffassung von Jesus. Alle Elemente, die wir als wesentlich für das Christentum ansehen könnten, existierten noch nicht. Das Nizäische Glaubensbekenntnis und das Neue Testament waren keine Ausgangspunkte für die genannten Debatten und Dispute, sondern deren Endprodukte: Destillate von Erfahrungen, die man gemacht, und Experimenten, die rnan unternommen hatte. Auch das Ergebnis von Zank und Kampf.

Eine Konsequenz dieser Auseinandersetzungen war, dass die Sieger in der Lage waren, die Geschichte jener Zeit aus ihrer Perspektive darzustellen und schriftlich festzuhalten. Über die Gesichtspunkte der Verlierer ist kaum etwas bekannt, da ihre Ansichten nur in Dokumenten überdauerten, in denen sie als falsch angeprangert wurden. Bis jetzt. Die neuen Entdeckungen schenken uns eine Fülle von originären Werken, die den vielfältigen Charakter des damaligen Christentums veranschaulichen und alternative Stimmen zu den schon so lange bekannten darstellen. Sie verhelfen uns auch zu einem besseren Verständnis der Sieger, weil deren Ideen und Praktiken im Schmelztiegel dieser frühchristlichen Debatten geführt wurden."

So weit die amerikanische Theologin Karen King in ihrem Beitrag "Die Erste Apostolin - Wer prostituiert Maria Magdalena?" aus "Dan Burstein, Die Wahrheit über den Davinci Code", Goldmann 2004, S. 118ff, über die bekannte "alternative Quelle" zu unseren christlichen Glaubensinhalten. Die gesamten Nag-Hammadi-Texte finden Sie unter http://wwwuser.gwdg.de/~rzellwe/nhs/nhs.html.

Anmerkung von basisreligion: Die Nag-Hammadi-Texte aus dem 4. Jahrhundert sind durchgängig gnostisch - und das Anliegen der Befreiung von Frauen und Sklaven verträgt sich nun einmal nicht mit gnostischem Gedankengut. In der Folge hat eben die Gnosis mit ihrer Leibfeindlichkeit und Orientierung auf ein Leben nach dem Tod unseren Glauben geprägt und die Frauen und die Sklaven haben verloren...

Und noch eine Bitte an meine Leser: Vielleicht finden Sie in den Texten Stellen zur Thematik Frauen und Sklaven. Ich habe sie nicht gefunden. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir diese Stellen mitteilen - an Kontakt. (Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)