Der PAPST ist das Oberhaupt der katholischen Christenheit. Vom 22. 10. 1978 bis zum 2. 4. 2005 war Johannes Paul II. Papst. Gewiß bin ich mit diesem Papst in vielem auch nicht einverstanden - doch etwas anders als der Theologe Hans Küng in seinem Artikel "Ein Pontifikat verhängnisvoller Widersprüche -  Papst Johannes Paul II. hat die Krise der katholischen Kirche deutlich verschärft". Ich füge meinen Kommentar in bei (in roter Farbe)::

     Am 17. Oktober 1979 veröffentlichte ich eine Zwischenbilanz des ersten Amtsjahrs Papst Johannes Pauls II. Es war dieser, in mehreren Weltblättern publizierte Artikel, der zwei Monate später den Ausschlag gab zum Entzug meiner kirchlichen Lehrbefugnis als katholischer Theologe. 25 Jahre Pontifikat haben meine Kritik bestätigt. Für mich ist dieser Papst nicht der größte, wohl aber der widersprüchlichste des 20. Jahrhunderts. Ein Papst vieler großer Gaben und vieler falscher Entscheidungen. Vereinfacht auf einen Nenner gebracht: Seine "Außenpolitik" verlangt von aller Welt Bekehrung, Reform, Dialog. Im krassen Widerspruch dazu aber seine "Innenpolitik", die auf Restauration des Status quo ante Concilium und Verweigerung des innerkirchlichen Dialogs abzielt. In zehn komplexen Problemfeldern  zeigt sich diese Widersprüchlichkeit.

1. Der Mann, der die Menschenrechte nach außen vertritt, verweigert sie nach innen den Bischöfen, Theologen, den Frauen: Der Vatikan darf die Menschenrechtserklärung des Europarates nicht unterzeichnen; allzu viele Kanones des mittelalterlich-absolutistischen römischen Kirchenrechts müssten geändert werden. Gewaltenteilung ist in der katholischen Kirche unbekannt. In Streitfällen fungiert dieselbe Behörde als Gesetzgeberin, Anklägerin und Richterin. Folgen: ein serviler Episkopat und unhaltbare Rechtszustände. Wer mit der höheren kirchlichen Instanz in einen Rechtsstreit gerät, hat kaum eine Chance, Recht zu bekommen. 

Anmerkung von basisreligion: Wer sich mit der Kirche anlegt, weiß das alles und muß sich darauf einrichten. Und diejenigen, die in die Dienste der Kirche treten, wissen das auch. Warum sich also aufregen? Diese ganzen diktatorischen Möglichkeiten des Papstes haben ja auch ihre Vorteile! M. E. ist es das Problem  des Papstes: Seine Behörde macht einfach nicht, was der Papst will.

2. Ein großer Marienverehrer, der hehre Frauenideale predigt, aber Frauen abwertet und ihnen die Ordination verweigert: Attraktiv für viele traditionell katholische Frauen, stößt dieser Papst moderne Frauen ab, die er von höheren Weihen "unfehlbar" für alle Ewigkeit ausschließen will und im Falle der Empfängnisverhütung zur "Kultur des Todes" rechnet. Folgen: Zwiespalt zwischen äußerem Konformismus und  innerer Gewissensautonomie, der wie etwa in der Schwangerschaftskonfliktberatung auch die römisch gesinnten Bischöfe von den Frauen entfremdet und so zu wachsendem Exodus der bisher noch kirchentreuen führt.

Anmerkung von basisreligion: Zu den angesprochenen Thema kann der Papst einfach keine anderen Einstellungen haben, abgesehen von seiner Marienverehrung, doch da macht ein bisschen mehr oder weniger auch nichts mehr aus. Das Problem ist, wie er diese Einstellungen zur Empfängnisverhütung und zur Schwangerschaftskonfliktberatung begründet. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Die Einstellungen von basisreligion zu den brisanten Themen sind in der Website zur Genüge dargelegt.

     3. Ein Prediger gegen Massenarmut und Elend in der Welt, der jedoch mit seiner Einstellung zu Geburtenregelung und Bevölkerungsexplosion  an diesem Elend mitschuldig ist: Der Papst, der auf seinen Reisen und auch gegenüber der UN-Bevölkerungskonferenz in Kairo gegen Pille und Kondome Stellung nimmt, dürfte mitverantwortlich sein für ein unkontrolliertes Bevölkerungswachstum in manchen Ländern und die Aids-Ausbreitung in Afrika. Folgen: Selbst in traditionell katholischen Ländern wie Irland, Spanien und Polen lehnt man zunehmend die päpstliche Sexualmoral ab und wehrt sich gegen römisch-katholischen Rigorismus in Sachen Abtreibung.

Anmerkung von basisreligion: Herr Küng hat keine Ahnung von den Gründen der Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt. Mit Pille und Kondomen hat die nun wirklich nichts zu tun. Und ob man AIDS in Afrika mit Kondomen eindämmen kann, ist eine große Frage. Die Sexualmoral der Kirche wird nicht abgelehnt, weil sie falsch ist, sondern weil sie nicht richtig "rübergebracht" und folglich auch gar nicht verstanden wird. Siehe etwa den Bericht von meiner Fahrt durch die Sahara nach Kamerun in einem alten Paketwagen im Jahr 1978 (am Ende habe ich etwas über die Mädchen in Afrika geschrieben).

     4. Ein Propagandist des zölibatären männlichen Priesterbildes, der die Mitverantwortung trägt für den katastrophalen Priestermangel, den Zusammenbruch der Seelsorge in vielen Ländern und die nicht mehr vertuschbaren Pädophilieskandale im Klerus: Dass Priestern noch immer die Ehe verboten wird, ist nur ein Beispiel dafür, wie auch dieser Papst sich über die Lehre der Bibel und die große katholische Tradition des ersten Jahrtausends, die kein Zölibatsgesetz für Amtsträger kennen, hinwegsetzt zu Gunsten des Kirchenrechts aus dem 11. Jahrhundert. Folgen: Die Kader haben sich ausgedünnt, der Nachwuchs bleibt aus, in Bälde werden fast die Hälfte der Pfarreien ohne ordinierte Seelsorger und regelmäßige Eucharistiefeiern sein, was auch der Priesterimport aus Polen, Indien und Afrika und die fatale Zusammenlegung von Pfarreien zu "Seelsorgeeinheiten" nicht mehr verschleiern können.

Anmerkung von basisreligion: Ob die Aufhebung des Zölibats die Misere der Kirche stoppen kann, ist höchst fraglich. Was Not tut, sind nicht administrative Änderungen, sondern ein Neuansatz der Theologie. Ansonsten bleibt auch mit der Abschaffung des Zölibats alles beim alten. Und die Skandale dürfte auch mit diesem Problem zusammenhängen: Es sickern in die kirchlichen Dienste einfach Menschen ein, die hier ihre Spielwiese sehen. Bei einem vernünftigen kirchlichen Konzept würden die kirchlichen Dienste für solche Menschen gar nicht mehr attraktiv sein.

     5. Der Betreiber einer inflationären Zahl von Heiligsprechungen, der zugleich mit diktatorischer Macht seine Inquisition gegen missliebige Theologen, Priester, Ordensleute und Bischöfe vorgehen lässt: Inquisitorisch verfolgt werden vor allem Gläubige, die sich durch kritisches Denken und energischen Reformwillen auszeichnen. Wie Pius XII. die bedeutendsten Theologen seiner Zeit (Chenu, Congar, de Lubac, Rahner, Teilhard de Chardin) verfolgte, so Johannes Paul II. (und sein Großinquisitor Ratzinger) Schillebeeckx, Balasuriya, Boff, Bulányi, Curran sowie Bischof Gaillot (Evreux) und Erzbischof  Huntington (Seattle). Folge: eine Überwachungskirche, in der sich  Denunziantentum, Angst und Unfreiheit breit machen. Die Bischöfe empfinden sich als römische Statthalter statt als Diener des Kirchenvolkes, die Theologen schreiben Konformes oder - schweigen.

Anmerkung von basisreligion: Ob das alles wirklich so attraktiv ist, was alle die genannten Theologen wollen? Die normalen Menschen reißen deren Lehren jedenfalls wohl kaum vom Hocker.

     6. Ein Lobredner der Ökumene, der aber die Beziehungen zu den orthodoxen wie den reformatorischen Kirchen belastet und die Anerkennung ihrer Ämter und Abendmahlsgemeinschaft von Evangelischen und Katholiken verhindert: Der Papst könnte, wie mehrfach von ökumenischen Studienkommissionen empfohlen und von vielen Pfarrern vor Ort praktiziert, die Ämter und Abendmahlsfeiern der nichtkatholischen Kirchen anerkennen und eucharistische Gastfreundschaft erlauben. Auch könnte er den übersteigerten mittelalterlichen Machtanspruch gegenüber Ostkirchen und reformatorischen Kirchen zurückschrauben. Er aber will das römische Machtsystem erhalten. Folgen: Die ökumenische Verständigung wurde nach dem Vatikanum II blockiert. Das Papsttum erweist sich wie schon im 11. und 16. Jahrhundert als das größte Hindernis für eine Einheit der christlichen Kirchen in Freiheit und Vielfalt.

Anmerkung von basisreligion: Ob die Kumpanei mit anderen Konfessionen nicht auch nach Kartellabsprachen aussehen kann, einem vernünftigen Konkurrenzdenken entspricht sie jedenfalls nicht. Und das tut doch Not, nicht indem man die anderen schlecht macht oder sonst unfair ist, sondern indem man ein besseres Produkt anbietet! Wie hat das denn der Albrecht gemacht, also der Gründer der ALDI-Läden?  Der hat sich keinesfalls mit den etablierten Lebensmittelkonzernen zusammengesetzt, also mit den Kaisers, den Stüssgens, den Tengelmanns, den Coops... Sondern der hat einfach ein gutes Produkt in neuer Aufmachung günstig angeboten und auch verkauft - und so den Markt das Fürchten gelehrt. So macht das einer, für den wirklich die Kunden an erster Stelle stehen!

     7. Ein Teilnehmer am Zweiten Vatikanischen Konzil, der die dort beschlossene Kollegialität des Papstes mit den Bischöfen missachtet und den triumphalistischen Absolutismus des Papsttums bei jeder Gelegenheit neu zelebriert: statt der konziliaren Programmworte "Aggiornamento - Dialog - Kollegialität - ökumenische Öffnung" jetzt wieder in Wort und Tat "Restauration - Lehramt - Gehorsam - Re-Romanisierung". Folgen: Die Massen bei Papstmanifestationen sollten nicht darüber hinwegtäuschen: Millionen haben unter diesem Pontifikat "Kirchenflucht" begangen oder sich in die innere Emigration zurückgezogen. Die Animosität der breiten Öffentlichkeit und der Medien gegenüber der hierarchischen Selbstherrlichkeit hat bedrohlich zugenommen.

Anmerkung von basisreligion: Ob der Dialog mit den Bischöfen mehr gebracht hätte? Hans Küng kommt doch aus seinem Denken in den Kategorien einer Priesterreligion nicht hinaus. Ansonsten siehe die vorigen Punkte.

     8. Ein Vertreter des Gesprächs mit den Weltreligionen, der diese zugleich als defizitäre Formen von Glauben abqualifiziert: Der Papst versammelt gern Würdenträger anderer Religionen um sich. Aber von einem theologischen Eingehen auf deren Anliegen ist wenig zu spüren. Vielmehr versteht er sich auch im Zeichen des Dialogs noch als "Missionar" alten Stils. Folgen: Das Misstrauen gegenüber dem römischen Imperialismus ist nach wie vor weit verbreitet. Und dies  nicht nur unter den christlichen Kirchen, sondern auch in Judentum und  Islam und erst recht in Indien und China.

Anmerkung von basisreligion: Siehe entsprechend Punkte 6 und 7!

     9. Ein wortmächtiger Anwalt der privaten und öffentlichen Moral und engagierter Kämpfer für den Frieden, der sich zugleich durch weltfremden Rigorismus als moralische Autorität unglaubwürdig macht: Die berechtigten moralischen Bemühungen des Papstes wurden weithin um ihren Erfolg gebracht durch rigoristische Positionen in Fragen des Glaubens und der Moral. Folgen: Für manche traditionalistische Katholiken wie Säkularisten ein Superstar, hat dieser Papst sein Amt durch Autoritarismus dem Autoritätsverfall preisgegeben. Obwohl auf medial wirksam inszenierten Reisen ein charismatischer Kommunikator (bei gleichzeitiger Gesprächsunfähigkeit und Regelungswut nach innen),  fehlt ihm die Glaubwürdigkeit eines Johannes XXIII.

Anmerkung von basisreligion: Siehe die vorigen Punkte. Das Problem ist auch: Die Menschen in vielen Ländern jubeln ihm zu, er ist für sie tatsächlich ein Superstar, doch dann machen sie dennoch ihre Moral, wie sie es wollen. So verhält sich auch die von ihm begeisterte Jugend (sind das wirklich so viele junge Leute - auf die Gesamtzahl gerechnet?) durchaus wie die sonstige Jugend: Kondome und Partnerwechsel sind auch bei ihr üblich... Das untergräbt auf die Dauer jede Autorität. Wenn in einer Truppe etwa die Anordnungen von oben nicht befolgt werden, ist recht bald alle Disziplin und damit auch jede Moral dahin. Hier macht sich der Papst möglicherweise etwas vor. Die Anordnungen müssen so gelehrt werden, daß sie auch befolgt werden!

     10. Der Papst, der sich im Jahre 2000 zu einem öffentlichen Sündenbekenntnis durchrang, hat daraus kaum praktische Konsequenzen  gezogen: Nur für die Verfehlungen der "Söhne und Töchter der Kirche" bat er um Vergebung, nicht für die der "heiligen Väter" und die der "Kirche selbst". Folgen: Das halbherzige Bekenntnis hat keine Folgen: keine Umkehr, nur Worte, keine Taten. Statt nach dem Kompass des Evangeliums, der angesichts der gegenwärtigen Fehlentwicklungen in Richtung Freiheit, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit weist,  richtet man sich in Rom noch immer nach dem mittelalterlichen Recht, das statt einer Frohbotschaft eine anachronistische Drohbotschaft mit Dekreten, Katechismen und Sanktionen bietet.

Anmerkung von basisreligion: Was sollen solche Entschuldigungen, die Hans Küng fordert, wären sie nicht reiner Aktionismus? Laßt die Toten ihre Toten begraben, sagt schon Jesus. Was Not tut, ist, endlich aus der Vergangenheit zu lernen und es besser zu machen, siehe Punkt 6.

     Die Rolle des polnischen Papstes beim Zusammenbruch des Sowjetimperiums lässt sich nicht übersehen. Doch ging dieses nicht am Papst zu Grunde, sondern an den wirtschaftlich-sozialen Widersprüchen des Sowjetsystems selbst. Die tiefe persönliche Tragik dieses Papstes: Sein polnisch-katholisches (mittelalterlich-gegenreformatorisch-antimodernistisches) Modell von Kirche ließ sich nicht auf den "Rest" der katholischen Welt übertragen. Vielmehr wurde es in Polen selbst von der modernen Entwicklung überrollt.

     Für die katholische Kirche erweist sich dieser Pontifikat trotz seiner positiven Aspekte letztendlich als ein Desaster. Ein hinfälliger Papst, der seine Macht nicht abgibt, wiewohl er könnte, ist für viele das Symbol einer Kirche, die hinter glänzender Fassade verknöchert und altersschwach geworden ist. Wollte der nächste Papst die Politik dieses Pontifikats weiterführen, würde er den ungeheuren Problemstau noch verstärken und die Strukturkrise der katholischen Kirche geradezu ausweglos machen. Ein neuer Papst muss sich zu einem Kurswechsel entscheiden und der Kirche Mut zu Neuaufbrüchen einflößen - im Geist Johannes' XXIII. und in Konsequenz der Reformimpulse des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Da muß ich Herrn Küng zustimmen!

Der Artikel ist in der WELT vom 17.10.2003 erschienen, vollständige Url des Artikels: http://www.welt.de/data/2003/10/17/183585.html

Und lesen Sie einmal, was der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Schweizer "Weltwoche" Dr. Ludwig Hasler, der als Autor und Publizist in der Nähe von Zürich lebt, anläßlich des Todes des Papstes Johannes Paul II. am Do, 7. April 2005 zu den Kommentaren des Tübinger Theologen Hans Küng schreibt. Nach seiner Meinung redet der über den Papst wie der Aufsichtsrat der Weltfirma Gottes:

"Der Robin Hood aller vatikanfrustrierten Katholiken läuft in Hochform auf. Auf Dutzenden Kanälen, in zahlreichen Zeitungen verkündet Hans Küng die himmeltraurige Bilanz des "totalitären" Regimes Karol Wojtylas: Bischöfe gleichgeschaltet, Theologen mundtot, Priester kasteit, Laien rechtlos, Frauen diskriminiert, Kirchen leer. Geniales Marketing, dahinter nichts. "Große Gesten, keine Reformen." "Fassadenkirche"! "Personenkult"!...."

Vollständige Url des Artikels: http://www.welt.de/data/2005/04/07/644325.html.

Inzwischen (August 2005) haben wir längst einen neuen Papst: Benedikt XVI. Aus Anlaß des Weltjugendtreffens in Köln und auf dem Marienfeld kam es zu Gesprächen über ihn.

Hier aus einer Mail aus Österreich (August 2005):

Nun haben wir den obersten konservativsten Glaubenswächter als Papst bekommen (auch wenn er sozusagen einer aus unserer Gegend ist).

Wenn das nur gut geht - wo führt das hin – das Rad der Geschichte wieder ins Mittelalter zurückdrehen – ohne jegliche Veränderungsbereitschaft?

Wie erträgst Du Deine offene aufklärende Haltung innerhalb der strengen abgeschlossenen katholischen Kirchenobrigkeit?

In Österreich hatten wir Kurt Kren, Hermann Groer, Klaus Küng und viele erzkonservativste Glaubensvorgesetzte in den letzten Jahren an oberster Stelle zu ertragen, die für mich nicht mehr zum aushalten waren, die werden stärker statt weniger.

Und hier aus einer Antwort von basisreligion:

Ich kenne genügend Literatur, in der nur über Religion und Kirche hergezogen wird, was das alles für Verbrecher sind und wie viele Tote auf das Konto von Religionen gehen usw. Und mir ist auch bewußt, daß an solcher Kritik etwas dran ist - auch wenn sie sich auf unsere christlichen Kirchen und insbesondere auf die katholische bezieht.

Nur: Ich bin nun einmal Lehrer vor jungen Leuten und mein Problem ist, daß von einer reinen Kritik die jungen Leute gar nichts haben. Was die jungen Leute brauchen, ist nicht nur etwas Konstruktives, sondern auch eine Ermunterung und positives Wir-Gefühl, wie es etwa beim Weltjugendtag angesprochen wurde. Und wenn man von vornherein alle Religion ablehnt, dann bringt das doch auch nichts!

Und man darf doch eine Institution oder ein System nicht immer nur auf deren bzw. dessen Fehler in der Vergangenheit reduzieren, selbst wenn diese horrend sind. Ganz klar, es gibt Religionen, deren Konstruktion von vornherein falsch ist, in der die Menschen letztlich nur als Objekte gesehen werden, die belogen und ausgebeutet werden - wie etwa in den typischen Vielgöttereien. Aber das trifft doch nicht von vornherein auf die Botschaft Jesu zu.

Wir müssen also doch jedem, der in einem System mitarbeitet, eine Chance geben. Einerseits brauchen wir solche Systeme und es bringt doch nichts, immer nur neue zu gründen, die doch irgendwann wieder "genauso" werden, und andererseits: Wie soll ein System human werden, wenn alle die Menschen, die sich um eine Hinwendung zur Humanität bzw. zur Biophilie kümmern, diesem System den Rücken kehren? Das also ganz allgemein zum Thema Religion und Kirche.

Und hier konkret zum Papst Benedikt XVI: Wir wir aus allen seinen Äußerungen erkennen können, ist er ein reiner Theologe und dabei ganz gewiß ein gutwilliger. Doch manches weiß er einfach nicht - und hat auch kaum einen Zugang, einfach, weil er damit nie so konfrontiert wurde, daß es bei ihm auch ankam. Einen englischen Audienzbesucher hat allerdings einmal beeindruckt, wie Benedikt sofort ein Blatt durchgelesen hatte, auf dem der Besucher kurz von seiner Bekehrung zum katholischen Glauben berichtet und das dieser ihm dieser in die Hand gedrückt hatte. Benedikt scheint also auch an Gedankengängen von anderen durchaus interessiert zu sein.

Und nicht jeder, der etwas anderes ablehnt, muß deswegen auch stur und verbohrt traditionalistisch sein. Es kann sich auch um eine Haltung handeln, die auf jeden vordergründigen Aktionismus verzichtet. Und vieles, was in unserem christlichen Glauben so als modern hingestellt und von vielen progressiven Theologen usw. so angepriesen wird, ist - zumindest bei näherem Hinsehen - ja doch reiner Aktionismus, in dem wirklich nichts Konstruktives von bleibendem Wert zu erkennen ist.

Also: Schauen wir einmal in die Grafiken im Stichwort Grundschema oder auch in den Fenstertext unten. Ist sich dieser Papst der Rolle bewußt, die er in diesem Teufelskreis spielt und, wie er selbst Sand ins Getriebe werfen oder zumindest streuen könnte? Bevor ich nicht eindeutig weiß, daß sich Benedikt nicht für eine Moral der Jugend von der Menschenkenntnis her und mit einer Überwindung der Leibfeindlichkeit Zugang hat, unterstelle ich ihm gar nichts Negatives! Da sind doch andere genauso dran, jeder Lehrer, jeder Pfarrer, jeder in der Jugendarbeit Tätige und vor allem die Eltern. Und ich bin mir allerdings auch bewußt, daß der Zugang gerade für ihn sehr schwer sein dürfte, denn schließlich ist das, was er tut, schon längst zum Sinn des Lebens geworden und von seinem Sinn des Lebens geht nun kein Mensch gerne ab und schon gar kein alter. Man müßte ihm schon "gute und plausible" Ergebnisse in Theorie und Praxis vorlegen.... Denn es gibt ja unter so manchem Vernünftigen auch viel Schaumschlägerei, die zwar auf den ersten Blick sehr plausibel klingt, wo aber dann doch nichts dahinter steht, eben Aktionismus. Und wie soll ein alter Mann, der dazu noch etwas weltfremd ist, das auseinander halten? Und wer käme - auf der anderen Seite - für ein Auseinanderhalten denn sonst besser in Frage, wenn nicht jemand, der durch seine Weltferne auch eine gewisse Neutralität hat? Mein Vorschlag: Sehen wir in dem Papst doch einmal die Gewaltlosigkeit und entwickeln wir etwas mehr Zivilcourage und nützen wir selbst die päpstliche Gewaltlosigkeit an der Stelle, an der wir stehen, Sand in den Kreislauf des Bösen zu werfen. Wir laufen ja heute nicht mehr Gefahr, von einer mächtigen Kirche auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, und wir werden sehen, irgendwann macht "der da oben" vielleicht sogar noch mit! Ich halte ihn jedenfalls für einen hervorragenden Theologen und Dogmatiker, und als solcher dürften ihm auch die Schwächen des Systems bewußt sein - im Gegensatz zu manchen anderen, die sich die ganze Theologie und Dogmatik nur angelernt haben und sie nur verfechten, weil sie sonst um ihren Job fürchten müssen.

Schauen Sie sich auch mal eine andere kritische Stimme zum Papstbesuch in Deutschland an

Schauen Sie sich auch mal eine andere kritische Stimme zum Papstbesuch in Deutschland an: "Die Inszenierung von Religion - Warum sie alle zu dem Papst hinlaufen – und zu den Tibetern" von Wolf Schneider unter http://www.schreibkunst.com/webdiary/diary.php?p=1124747914.

Und noch eine Kritik am Papst, dem Theologen: "Die Tricks des Theologen Joseph Ratzinger" - unter http://www.humanistische-aktion.de/sprache.htm#ratz. Basisreligion ist ja unabhängig und läßt auch die andere Seite zu Wort kommen!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama) Computer-Übersetzung des Buchs HONESTY AND FUN WITH THE MORALITY ins Englische unter English !