Die PHANTASIE beflügelt nicht nur den Künstler zu neuen Motiven und Ausdrucksformen, den Wissenschaftler zu neuen technischen Leistungen, den Kaufmann zur Herstellung und zum Vertrieb neuer Produkte, den Politiker zu besseren Entwürfen für unser Zusammenleben, sondern schlichtweg jeden Menschen, wenn es darum geht, ein Ziel zu erreichen, an dem ihm wirklich gelegen ist. Und vor allem auch junge Menschen träumen offen oder im Geheimen nur zu oft von bisweilen phantastischen Denkmodellen, wenn es um die Gestaltung ihres eigenen Lebens geht: Sie wollen doch alles anders und vor allem besser machen!

Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Enden nicht leider oft genug die meisten dieser Hoffnungen und Erwartungen in lähmender Langeweile und in gähnender Einfallslosigkeit, in primitivem Profitstreben und Karrieredenken, wenn nicht gar in schlimmen und aussichtslosen menschlichen Katastrophen? Was lief da nur immer falsch?

Es fehlte mit Sicherheit immer ein vernünftiges Verhältnis von Theorie und Praxis! Es fehlte eine funktionierende Kontrollinstanz, mit deren Hilfe Gefühl und Verstand richtig aufeinander abgestimmt werden konnten und Rationales und Plausibles (siehe Plausibilität) von Irrationalem unterschieden werden konnte, natürliche Mechanismen erkannt und richtig angewendet werden konnten, ein brauchbares Realitätsbewußtsein aufgebaut werden konnte und die Forderungen der Zehn Gebote als sicheren Maßstab für Vorteilhaftes oder Nachteiliges überhaupt erst einmal gesehen werden konnten. Zudem war auch noch im persönlichen Streben der Unterschied von Liebe und Verliebtheit weitgehend unbekannt geblieben und man war auch nicht frei von Ängsten und Zwängen und von Leibfeindlichkeit und Verklemmtheit und und und.

Wir müssen uns die Leistungen des Gehirns dabei etwa in der Weise vorstellen, daß durch die Phantasie Dinge neu zusammengesetzt werden, wie es bisher nicht üblich oder wie es dem jeweiligen Menschen bisher nicht bekannt war. Eine andere Seite des Gehirns, die als Kontrollinstanz fungieren müßte, hätte dabei dafür zu sorgen, daß nicht Dinge ins Spiel kommen und verknüpft werden, die unsinnig sind (also etwa sogenannte faule Eier, die schließlich das ganze Essen verderben), und daß auch sonst kein Unsinn produziert wird.

Leider wird eine solche Kontrollinstanz in der Erziehung eines jeden Menschen in den meisten Kulturen nur zu oft mehr zerstört als gefördert. Denken wir an die irrationalen Beeinflussungen durch unsere Religionen mit ihren Leben-nach-dem-Tod-Vorstellungen, mit all ihren sonstigen Unwahrscheinlichkeiten und vergessen wir auch nicht die verhängnisvolle Rolle, die nicht verarbeitbare Märchen in der Erziehung spielen.

Die Phantasie eines irrationalen Verstandes führt weder zu mehr Verstand noch zu mehr Gefühl!

Aber brauchen nicht junge Menschen solche irrationalen Eindrücke in ihrer Kindheit, damit sie später in ihrem Leben Phantasie nicht nur im Hinblick auf ihre Intelligenz sondern auch auf ihre Gefühle entwickeln können? Wir müssen uns dazu klar machen, daß der Gegensatz von Verstand schlechthin Unverstand (Irrationales) und der Gegensatz von Gefühl eben Gefühlskälte ist.

Wenn wir uns als Modell für derartige Beziehungen ein Kreuz (Koordinatensystem!) vorstellen, bezieht sich das eine auf den einen Kreuzbalken (bzw. auf die eine Achse) und das andere auf den anderen, es besteht kein Grund, die einzelnen Balken durcheinander zu bringen. Und so gibt nun überhaupt keine plausible Erklärung dafür, wieso junge Menschen zu mehr Phantasie im Verstand oder im Gefühlsleben gelangen sollen, wenn ihnen Unverstandesmäßiges beigebracht wird, wo soll da bitteschön der Zusammenhang sein?

Statt zu einer realisierbaren Utopie kommen sie damit allenfalls zu einer unrealisierbaren Illusion, die bei erstbester Gelegenheit wie eine Seifenblase zerplatzt, weil sie auf unrealistischen Füßen steht. Doch vielleicht ist gerade das die Strategie aller Establishments, wie junge Menschen um die in ihnen arbeitende revolutionäre Phantasie zu einer besseren Welt gebracht werden sollen? Wenn wir jungen Menschen etwas Gutes wollen, sollten wir also äußerst vorsichtig sein mit allen irrationalen Geschichten und es auf keinen Fall zulassen, daß sich den Kindern etwas einprägt, das überhaupt nicht oder wenigstens so nicht stimmig ist. Unser Konzept sollte eine Erziehung der Freiheit und der Emanzipation sein! Wie die Phantasie im positiven Sinn beeinflußt werden kann, siehe unter Kulturproduktion. Ich habe als Lehrer größte Schwierigkeiten, in jungen Menschen in dem Alter, in dem ich die jungen Leute vor mir habe, etwa die Phantasie für die Utopie des Paradieses hier und jetzt zu wecken. Bei Kindern etwa ginge das sehr gut, denn allein die Nacktheit hat bei ihnen noch keinen unmoralischen Touch, sie können sich also noch in ihrer Phantasie ein Paradies ganz unmittelbar auch für sich selbst vorstellen. Und wenn diese Phantasie in die Praxis umgesetzt würde, könnte die schließlich auch die Basis für vernünftige Sexualphantasien im späteren Leben sein, die Vorbedingung für wirkliche Moral. Doch bei meinen Schülern ist das schon ganz anders, bei ihnen ist Nacktheit aufgrund der vor meiner Zeit verordneten und erlebten Leibfeindlichkeit und Verklemmtheit immer unmoralisch befrachtet. Und dazu kommt noch, daß bei ihnen auch die Vorstellung vom Paradies immer irrational ist. Sie können einfach nicht Utopien neu zusammensetzen, in denen mehrere Komponenten eine andere Bedeutung haben als wie sie es bisher gewöhnt sind - und selbst wenn die neuen Deutungen rationaler sind und sogar ihren Sehnsüchten eher entsprechen. Dabei hätten sie doch die Fähigkeit zu realitätsbezogener Phantasie bitter notwendig, etwa wenn es gilt, flexibel auf Angriffe auf ihr Glück zu reagieren und dafür auch noch eigene Strategien zu entwickeln!  

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)

Den "Offenen Brief eines alten Religonslehrers an junge Mädchen über die weibliche Sexualität und die Bibel" (Mai 2012) gibt es auch online auf Deutsch, auf Englisch und auf Niederländisch!