PROPHET. Die Ansicht, dass Kennzeichen der PROPHETEN ist, dass sie die Zukunft voraussagen, ist nicht ganz richtig, denn zumal die biblischen Propheten sind keine Wahrsager! Und wenn etwas in der Bibel nach Wahrsagerei aussieht, dann müssen wir skeptisch sein: Die Prophezeiung in Jesaia 7,14 etwa "Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären..." wurde im Nachinein durch die Erzählung von der Jungfrauengeburt sozusagen passend gemacht - Papier ist seit jeher eben geduldig...

Typische Propheten sind "Änderungsprediger"!

Am einfachsten gibt das Problem vielleicht die Ermahnung eines Lehrers an einen faulen Schüler wieder: "Wenn du dich nicht endlich einmal zusammennimmst, wenn du weiterhin die Schule schwänzt, wenn du dich weiter nächtelang herumtreibst, dann kann ich dir voraussagen, dass du sitzen bleibst und schließlich sogar von der Schule fliegst!" Im Klartext heißt das aber auch: "Wenn du dich änderst, dann kann aus dir doch noch etwas werden und dann werden sich meine Voraussagen nicht erfüllen!" Dass ein Prophet diese seine Aufgabe nicht begriffen hatte und zornig war, weil eine Änderung passierte und Gott also auf das Strafgericht verzichtete, kennen wir beim Propheten Jona (3, 10f): "Und Gott sah ihre Taten, dass sie von ihrem bösen Weg umkehrten. Und Gott ließ sich das Unheil gereuen, das er ihnen zu tun angesagt hatte, und er tat es nicht. - Das mißfiel Jona ganz und gar und er wurde zornig..." (Doch schließlich bekehrte auch er sich und sah seine Aufgabe ein!)

Typische Propheten setzen sich in Zeiten des Sittenverfalls und der Dekadenz für wirkliche Moral ein und kommen dabei auch mit der zu einer Priesterreligion verkommenen offiziellen Religion in Konflikt!

Das bekannteste Beispiel in diesem Sinn ist der Prophet Amos: Er verurteilt einerseits den Kult, also genau das, was die etablierten Priester als ihre wichtigste Aufgabe ansehen (5,21 - sie haben eben aus der Botschaft der Bibel wieder eine typische Priesterreligion gemacht) und läßt Gott sprechen:  "Ich hasse, ich verwerfe eure Feste, und eure Festversammlungen kann ich nicht [mehr] riechen: Denn wenn ihr mir Brandopfer opfert, [missfallen sie mir], und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und das Heilsopfer von eurem Mastvieh will ich nicht ansehen. Halte den Lärm deiner Lieder von mir fern! Und das Spiel deiner Harfen will ich nicht hören. Aber Recht ergieße sich wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein immer fließender Bach!" (Anmerkung: Die Harfe war das Musikinstrument für den Gottesdienst im Tempel, daher wird von Amos also selbst der schöne Gottesdienst verurteilt und genauso ist es mit den Liedern, die dabei gesungen werden, in manchen Übersetzungen steht drastischer: "Hinweg mit dem Geplärr eurer Lieder!")

Daß gerade Amos bei seinem Einsatz für das Recht (etwa 5,11f:  "Weil ihr vom Geringen Pachtzinsen erhebt und Getreideabgaben von ihm nehmt, habt ihr Häuser aus Quadern gebaut, doch werdet ihr nicht darin wohnen. Schöne Weinberge habt ihr gepflanzt, doch werdet ihr deren Wein nicht trinken. Ja, ich kenne eure vielen Verbrechen und eure zahlreichen Sünden. - Sie bedrängen den Gerechten, nehmen Bestechungsgeld und drängen im Tor den Armen zur Seite. Darum schweigt der Einsichtige in dieser Zeit, denn eine böse Zeit ist es. Sucht das Gute und nicht das Böse, damit ihr lebt!") nicht so gern zitiert wird, dürfte vor allem daran liegen, daß er auch die Sexualmoral seiner Zeit nicht ausläßt und offen kritisiert, was los ist. Und das alles ist eben üblicherweise auch heute in der Kirche mit einem Tabu belegt, man fängt lieber damit gar nicht erst an (2, 7f): "Und ein Mann und sein Vater gehen zu demselben Mädchen, um meinen heiligen Namen zu entweihen. Und auf gepfändeten Kleidern strecken sie sich aus neben jedem Altar, und Wein von Strafgeldern trinken sie im Haus ihres Gottes..." Solche Thematik paßt natürlich nicht in die Kirchen in unserer heutigen Zeit! (Das wäre ja eine Religion der Ethik - nein, Gott bewahre, die geht ja unsere Kirchen nichts an!)

Typische Propheten sind keine "Profis" und gehören daher nicht zu den offiziellen Priesterkasten und distanzieren sich sogar von ihr!

In diesem Sinn bekennt sich Amos ausdrücklich, daß er nicht zur den "Offiziellen" gehört (7,14 f): "Ich bin kein Prophet und bin kein Prophetensohn, sondern ein Viehhirte bin ich und ein Maulbeerfeigenzüchter. Aber der HERR holte mich hinter dem Kleinvieh weg, und der HERR sprach zu mir: Geh hin, weissage meinem Volk Israel!" (Anmerkung: Amos verwendet hier zwar das Wort "Prophet", doch er meint damit, anders als wir heute, einen typischen Angehörigen der "Priesterkaste"; heute würde er vielleicht sagen: "Ich bin kein Tempel- oder eben kein Kirchenprofi!") 

Die Situation der Propheten ist also, dass sie in einer Zeit des Niedergangs der Moral ihren Finger in die Wunden legen und nicht nur sagen, worauf es ankommt, sondern sich auch konstruktiv engagieren, dass Menschen wieder danach leben.

Wir können durchaus Jesus als Prophet einordnen, vermutlich sah er sich selbst auch so! Er war kein offizieller Priester, also auch kein Pharisäer, und wandte sich gegen ihre Interpretation des jüdischen Glaubens, sondern er war Häuser bauender Wanderarbeiter, er verachtete den Kult (die Zeugenaussage bei seinem Prozess "Ich werde den Tempel niederreißen..." könnte durchaus in diesem Sinn gemeint sein, doch seine Verachtung für den Kult wird auch an anderen Stellen deutlich, wenn er sich etwa gegen die Sabbatregeln wendet). Und nach dem kriminologischen Ansatz setzte er sich nun wirklich für eine wirkliche Moral ein, die zu seiner Zeit mit den Füßen getreten wurde!

Und auch hier: Götzendienst und Gottesdienst

Ja man kann es auch so sehen: Das mit dem Kult und den frommen Liedern (und auch mit dem mehr oder weniger problematischen Glauben!) ist das Kennzeichen für den typischen Gottesdienst für Götzen, also für einen Götzendienst. Und das mit der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit und der Moral (der richtigen natürlich, denn die andere haben die Götzendiener auch!) ist Kennzeichen für den Gottesdienst für den richtigen Gott, also Gottesdienst! Und Propheten schimpften eben immer auf den Götzendienst und predigten den wahren Gottesdienst!

Und hier die Anfrage eines Besuchers:

Hallo,
ich habe auf Ihrer Homepage den Bericht über Propheten gelesen.
Nun bräuchte ich ein paar Informationen über Propheten. Vielleicht können Sie mir weiterhelfen.
 
- wie wohnen Propheten?
- wo findet man Propheten Hauptsächlich  (in welchem Land und welchen Gebieten)?
- wie hoch ist die Anzahl der Propheten in Deutschland?
 
Falls Sie auf diese 3 Fragen Anworten hätten, wäre ich sehr froh über eine Nachricht!
 
P.S.: Ich finde eure Homepage super. Ich hab keine weitere gefunden mit so guten und vielen Informationen!
 
Mit freundlichem Gruß

Philippus

Hier also die Antwort von basisreligion:

Hallo,

ich habe zuerst einmal laut gelacht über die Fragen! Doch eigentlich hast Du ja Recht, im Grunde geht es Dir ja wohl darum, wie erkennt man einen Propheten - damals und heute...

 
"Prophet" ist natürlich ein Oberbegriff, den wir heute manchen Leuten geben, die Betreffenden selbst sahen sich "damals" (oder auch heute) vielleicht nicht unbedingt so.
 
Ja, wo wohnten die damals? Wir haben da das Bild vom "Johannes dem Täufer" vor uns, der in der Bibel als Prophet bezeichnet wurde, er lebte in der Wüste und ernährte sich von wildem Honig, das heißt, er war ein uriger Naturmensch, der nichts mit der dekadenten (Dekadenz = Verfall) Zivilisation der übrigen Leute seienr Zeit zu tun haben wollte. Doch gewiß trifft diese äußerliche Urigkeit nicht auf alle Propheten zu, so sagt Amos (ein typischer alttestamentlicher Prophet) von sich, dass er ein Maulbeerfeigenbauer und Schafszüchter ist, also ein größerer Bauer, in unserem heutigen Sinn. Ihn kotzt einfach die Ungerechtigkeit und die mangelnde Menschlichkeit in der damaligen Zeit an und der veräußerlichte Gotteskult usw. Und er will den Tend seiner Zeit mit seiner "Predigt" wieder umkehren...
 
Und wenn wir Jesus als Propheten sehen (was ich tue, er mochte sich selbst auch so gesehen haben), dann wird von ihm auch gesagt, dass er ein "Säufer und Fresser" ist, also er hat mit dem ganzen religiösen Getue seiner Zeit nichts am Hut, ist ein normaler Mensch (der bei der Diskussion mit den Leuten auch mal ein Glas Wein trinkt) - und ihm geht es auch nur um die Versautheit seiner Zeit, da will er etwas ändern. Und wenn ich mit meinem kriminologischen Ansatz Recht habe, dann muß man ja nicht ein besonders fromm tuender Mesnch sein, um da etwas zu ändern, sondern auf alle Fälle muß man mit beiden Beinen auf der Erde stehen, den Durchblick haben und die Leute ansprechen können...
 
Also Propheten sind nach außen ganz normale Menschen, viellecht nicht so zivilisationsabhängig, heute würden wir sagen konsumabhängig und zeittotschlägerisch-vergnügungssüchtig, wie die meisten Leute bei uns heute... Vor allem nicht so angeberisch mit dem, was sie haben, also mit den dicken und protzigen (und vermutlich unbezahlten) Autos oder den dicken Motorrädern.. Und so wohnen sie auch ganz normal, na ja, oder eben nicht ganz normal...
 
Ich glaube, Propheten kann es überall geben, sogar Du kannst einer sein, wenn Du im Kreis Deiner Kumpel Dich für etwas Gerechtes und Vernünftiges einsetzt, was nicht gerade in Mode ist, also dass man etwa mit den Mädchen partnerschaftlicher umgeht, und dass Du den Mädchen auch noch etwas in dieser Richtung sagst, das muß eben gar nicht mal fromm klingen, man kann auch einen versauten Witz entsprechend interpretieren nach dem Motto "na ja, dann redet man auch über dich so und so, wenn du das und das tust und meinst, das sei besonders modern..."  Dafür mußt Du also gar nicht mal typisch fromm sein, selbst wenn Du also die Kirchen lieber von außen siehst als von innen... Schließlich hat der Amos ja auch den ganzen religiösen Kult verachtet...
 
Über die Anzahl der Propheten in Deutschland kann ich nun gar nichts sagen, aber in den Kirchen sind sie ganz bestimmt nicht...  Also ich würde den Holländer Theo van Gogh, den sie da gerade umgebracht haben, als Propheten bezeichnen... Dem waren alle üblichen Klischees egal, der kümmerte sich nur um gerecht und ungerecht, der war wirklich unabhängig...
 
Ob Du zufrieden bist mit meiner Antwort?
 
Tschüs und alles Gute
 
Michael P.
 
(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)

Den "Offenen Brief eines alten Religonslehrers an junge Mädchen über die weibliche Sexualität und die Bibel" (Mai 2012) gibt es auch online auf Deutsch, auf Englisch und auf Niederländisch!