RATSCHLÄGE, nach denen man nicht gefragt hat und hinter denen nicht ein wirklicher Überblick steht (also ein vernünftiges Realitätsbewußtsein), sind im Grunde nur netter gesagte Verbote und haben im Endeffekt dieselbe Wirkung, daß man nämlich gerade das tut, was vermieden werden sollte.

Das Problem von Ratschlägen ist nämlich, daß sie nicht wirkliche Strategien vermitteln, sondern daß sich in ihnen immer nur die eigenen negativen Erfahrungen und Enttäuschungen, die eigenen Ängste (insbesondere Sexualängste) und Frustrationen, Zwänge und Tabus, die eigenen Mauern im Kopf und Leichen im Leller übertragen - zumindest soweit diese verdrängt und nicht wirklich verarbeitet sind.

Von daher erklären sich auch die nur zu oft katastrophalen Wirkungen der Ratschläge einer frustrierten Mutter an ihre Tochter (siehe Mutter-Tochter-Beziehung), die damit meistens nur einen Täter-Opfer-Täter-Kreislauf fortsetzt und erreicht, daß es der Tochter einmal nicht besser ergehen wird als ihr selbst (siehe auch unter Wiederholung des Schicksals und Teufelskreislauf). Nicht, daß es eine Mutter bewußt schlecht mit ihrer Tochter meint, doch kann sie nicht nur von ihrem eigenen Erlebnishorizont her Ratschläge erteilen - und wenn dieser zum Beispiel männerfeindlich ist, werden dann nicht letztlich auch ihre Ratschläge männerfeindlich sein? Die Tendenz der Warnungen sollte man sich schon zu Herzen nehmen, doch sind unbedingt konkrete Strategien von anderer Seite erforderlich, wie man denn etwas wirklich anders und richtig macht.

Jeder Mensch braucht nun einmal das Gefühl der Freiheit, selbst entscheiden zu können - Erzieher können allenfalls an dem ethischen Hintergrund arbeiten!

Bedenken wir, daß es mit den Ratschlägen dasselbe ist wie mit allen Maßnahmen der Erziehung, bei denen es um Moral geht: Wir können immer nur am Realitätsbewußtsein eines Menschen arbeiten, ihm dazu Informationen geben oder zumindest ihm nicht den Zugang zu Informationen versperren, ihm dazu die Ambivalenz aufzeigen, ihn beeinflussen, Ängste abzubauen, ihn vielleicht auch einmal sogar dazu zwingen ("Na, hat dir das geschadet, daß du dich überwunden hast und mit uns nackt am Strand warst?"), doch die entscheidenden "Ratschläge" zu einer für ihn sinnvollen Reihenfolge mit den entsprechenden Bedingungen, ohne die es nicht geht, muß sich schon jeder Mensch selbst geben.

Zudem haben neuere Forschungen bestätigt, daß eine realistische Beobachtung der Fehler anderer den eigenen Erfahrungen durchaus gleichwertig ist. Der Vorteil ist jedoch, daß dies nur Erfahrungen im Geiste sind, von denen der Mensch sich dann seine eigenen Ratschläge geben kann, um die im eigenen Leben zu vermeiden - und diese Ratschläge sind etwas völlig anderes! (Siehe auch Spieltheorie!)

Die Frage, wer der bessere Ansprechpartner für junge Menschen sein kann, wenn es etwa um den Abbau von Ängsten und um ein sinnvolleres Realitätsbewußtsein geht, derjenige mit gescheiterten Beziehungen oder der ohne, ist schwer zu beantworten. Vermutlich braucht ein junger Mensch beide. Dabei gilt auch, daß man keinesfalls selbst alles durchgemacht haben muß, um anderen vernünftige Informationen geben zu können, denn oft ist es ja so, daß die Menschen "in einem Wald diesen Wald vor lauter Bäumen selbst nicht sehen". Außenstehende, die alles nur von Ferne beobachten, die mit den Ängsten und Verdrängungen der jeweiligen Situationen persönlich nicht unmittelbar belastet sind, können also einen besseren Überblick haben und daher wahrscheinlich auch die vernünftigeren Ratschläge geben.

Maßstab, ob Ratschläge überhaupt etwas taugen, sind auf alle Fälle die Zehen Gebote. Sobald Ratschläge diesen Geboten zuwiderlaufen, sollten sie von vornherein unakzeptabel sein. Und diese Ablehnung sollte dann auch überhaupt für alle diejenigen gelten, die solche Ratschläge von sich geben.

Damit sind Ratschläge zu einer Ehe auf Probe mit vollendeten Tatsachen oder zu einer Eroberung eines möglichen Partners durch Lüge, Heuchelei oder durch den berühmten sogenannten Liebesbeweis von vornherein zu verwerfen. Sie zeigen auch an, daß derjenige, der solche Ratschläge austeilt, nicht das Wesen unseres christlichen Glaubens, in dem es um die Einheit von Leib und Seele geht, und überhaupt das Wesen dieser Einheit begriffen hat.

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)