REFORMATION meint heute vor allem die weltgeschichtlich bedeutsame religiöse Bewegung in West- und Nordeuropa im 16. Jahrhundert, die zur Gründung der von der katholischen Kirche getrennten evangelischen Kirchen führte. Die Bedingungen für diese Reformation waren u. a. das "Auseinanderklaffen" von Anspruch der etablierten (katholischen) Kirche, die Botschaft Jesu zu verkündigen, und Wirklichkeit, daß es nämlich im Grunde weitgehend um ein Geschäft mit der Vergebung ging, das mit allem Möglichen wie der Tradition oder der Philosophie begründet wurde. Diese Begründungen waren inzwischen mehr und mehr so nicht mehr durch die Bibel gedeckt, die als Überlieferung der Botschaft Jesu immerhin noch einigermaßen bekannt war und auch als Maßstab für den Glauben dargestellt wurde und bei den Menschen damals auch galt. Das Anliegen der Reformation, die Rechtfertigung des Menschen vor Gott, hatte vor allem deswegen die bekannte "Durchschlagskraft", weil für die Menschen zur Zeit der Reformation der Glaube an ein "Jenseits" mit einem Leben nach dem Tod noch selbstverständlich war.

Die Frage stellt sich, ob in unserer heutigen Zeit, wo der Glaube an ein Leben nach dem Tod nicht mehr zur unbedingten Selbstverständlichkeit der Menschen gehört und daher auch die Problematik der Vergebung nicht mehr von großer Bedeutung ist, jedenfalls nicht für junge Menschen, eine Reformation überhaupt eine Chance hat.

Bedenken wir, daß es bei den großen Umwälzungen, die seitdem geschehen sind, immer auch um Vernunft und Moral ging. Und beidem stellte sich unsere (christliche) Religion leider immer entgegen, kein Interesse. Die Vernunft ist längst durch einen Dogmatismus ersetzt, der schon seit langem als vernunftwidrig empfunden wird und inzwischen eigentlich nur noch das herrschende System zementiert. Und die herrschenden Schichten leben eine Moral, die einerseits zwar den Menschen gepredigt und von ihnen auch weitgehend als richtig empfunden wird, die jedoch andererseits von denen, die da predigen oder mit den Predigern zusammenarbeiten, offensichtlich nicht mehr gelebt wird, was dann auf Kosten der "beherrschten" Schichten geschieht. Das Problem der Moral gilt nun aller angeblich so tollen Freizügigkeit (siehe etwa Promiskuität) zum Trotz auch und gerade für die intimsten menschlichen Beziehungen: Nach außen mögen die Menschen sich vielleicht begeistert von den traditionellen Fesseln befreien, in ihrem Innersten sehnen sie sich jedoch nach geglückten und im Grunde sehr monogamen Beziehungen (siehe Monogamie) mit der "großen, einzigen und wahren Liebe". Und so schwingen bei den bisherigen Revolutionen durchaus auch immer Forderungen nach einer neuen Moral mit, die sich auch auf die intimsten Fragen der Menschen auswirkt: Die französische Revolution wurde durchaus auch im Namen der Moral (und Vernunft) geführt, Karl Marx (siehe Marxismus) erhoffte sich eine Erneuerung der Moral, sobald die wirtschaftlichen Verhältnisse geändert waren, und gerade auch im Nationalsozialismus war man felsenfest davon überzeugt, daß die Juden das Verderben gerade der Frauen und Mädchen waren und daß nach deren Beseitigung die wirkliche Moral "ausbräche".

Und ein Auseinanderklaffen zwischen Anspruch und Wirklichkeit gerade in Fragen der Moral gibt es auch heute, auch und gerade bei unseren Kirchen.

Das Bedürfnis und die Sehnsucht nach Moral wird nicht erfüllt, und die Religionen sehen auch gar keinen Handlungsbedarf, weil sie vom Geschäft mit der Vergebung immer noch sehr gut leben. Das Problem ist, daß dem Normalgläubigen oder besser dem Normalmenschen die Einsicht immer mehr schwindet in die Notwendigkeit, bei dem Geschäft mitzumachen, bei dem sie ja sowieso nur auf der "Zahler-Seite" stehen. Und die Erfahrungen an  Transzendenz, die die Religionen anbieten, interessieren die Menschen, die erst einmal den Hedonismus für sich entdeckt haben, auch nicht. 

Indizien, dass Menschen auch und gerade heute ein Bedürfnis nach wirklicher Moral haben, mögen sein:

-          Wenn es um Kindererziehung geht, hat die Moral immer noch einen sehr hohen Stellenwert, Eltern sind da schon fast paranoid. Wenn es sich etwa auch bei der Angst vor der Nacktheit um eine fehlgeleitete Moral handeln dürfte, so belegt diese Angst jedoch das Vorhandensein eines moralischen Gefühls. Andererseits weiß ich, wie schnell Eltern ihre Vorbehalte selbst gegenüber der Nacktheit ihrer Kinder fallen lassen, wenn eine Moral damit plausibler und sinnvoller zu sein scheint.

-          Viele Menschen fühlen sich von Sekten angezogen, die teilweise eine sehr extreme Moral - und gerade auch eine Sexualmoral - fordern, zwar haben wir weitgehend auch hier das Problem einer über-ich-gesteuerten Moral (siehe Gewissen), doch immerhin.

-          Nicht nur in der Trivialliteratur (wozu hier nun auch die übrigen Medien gerechnet werden sollen wie Film und Fernsehen) haben Themen über Liebe und Zerbrechen der Liebe - und durchaus auch der idealen Liebe, die im Grunde im Sinn unserer christlichen Religion ist - seit jeher Hochkonjunktur.

-          Ich erlebe es immer wieder, daß gerade Schülerinnen mich verurteilen, einfach weil sie mich mißverstehen und mein Vorgehen gegen die falsche Moral als Vorgehen gegen die Moral schlechthin auffassen. Dabei leben gerade diese Schülerinnen nun wirklich sehr oft nicht unsere christliche Moral, auf alle Fälle nicht die, die sich am lautesten entrüsten, sondern sie leben sehr oft eine sogenannte "pragmatische Promiskuität" nach dem Motto: "Ich bin zu meinem Freund nie untreu, zumindest mache ich vorher Schluß!" O, je, wie war da kürzlich eine Klasse geradezu hysterisch aufgebracht, als wir auf das Thema kamen, ob meine Tochter und ich denn dasselbe Zelt benutzten auf unseren Fahrten. Siehe hierzu am Ende des Stichworts Vater-Tochter-Beziehung!

Doch trotz dieses Bedarfs an wirklicher Moral und Ethik sehen sich die Kirchen dafür nicht zuständig und pochen darauf, daß es ihnen zunächst einmal um Glauben geht, ja dass das alles das Kennzeichen und Besondere am christlichen Glauben ist.

 Angeblich klappt das mit der typisch christlichen Moral zur Zeit ohnehin nicht, weil die einerseits unserer menschlichen Natur entgegensteht und dann auf alle Fälle erst einmal Glauben nötig ist, damit unsere Natur verbessert werde. Ich kann ein Lied von der Verquertheit der Kirche singen, ich habe zur Zeit (im Jahr 2001....) erhebliche Querelen mit dem "Inquisitionstribunal" in meinem Bistum, heute heißt das allerdings "Missiokommission". Dabei wäre selbst sie strengste Moral schon einsichtig und könnte gelebt werden, sie darf nur nicht Kennzeichen einer Sklavenmoral sein und von einem über-ich-gesteuerten Gewissen her kommen (also unter Hinweis auf ewige Verdammnis in einer Hölle nach dem Tod oder auch auf die Liebe Gottes und Jesu, was schließlich auch "Über-Ich" bedeutet), sondern von einem höheren Egoismus. Das vertragen die Menschen heute nun einmal nicht! Doch wenn sie Kennzeichen von Emanzipation und Freiheit und einem ich-gesteuerten Gewissen ist, dann würde sie auch heute noch akzeptiert werden natürlich unter der Voraussetzung, daß sie den Menschen rechtzeitig und angemessen nahe gebracht wird - siehe  Kindererziehung und Kairos!

Und nach allem, was wir erkennen können, war dies auch das Anliegen des "historischen Jesus", wenn wir endlich einmal zu dem zurückkehrten, könnte es also vermutlich zu einer echten neuen "Reformation" kommen!

Noch gibt es Schwierigkeiten, weil die etablierten Schichten vor allem in unseren Kirchen (siehe Establishment und Mafia) gar kein Interesse an einer Änderung haben und auch nicht alle die, die von einer Änderung eher Nachteile als Vorteile hätten, also z.B. die entsprechenden Verlage oder die Hilfswerke, die ja entweder mit der Diskussion über das alles oder eben mit der Reparatur aller Schäden, also mit der Nächstenliebe, ihr Geld verdienen, und daher an einem wirklichen Reich Gottes hier und jetzt gar nicht interessiert sind und unerwünschte Interpretationen unseres Glaubens am liebsten gar nicht aufkommen lassen oder gar unterdrücken. Doch inzwischen gibt es ja die Chancen des Internets

Ob die etablierten Kirchen vor einer ethischen Erneuerung Angst haben müssen, daß die ihnen letztlich doch zum Nachteil gereicht? Nun, ich meine, das hängt auch davon ab, inwieweit sie einer Erneuerung feindlich gegenüber stehen oder ob sie sich am Ende gar an die Spitze der Reform stellen. Ich glaube, daß die Menschen letztlich gutwillig sind. Wenn jemand seine Fehler einsieht und sich ändert, dann sind die Menschen im allgemeinen leicht umzustimmen, selbst oder gerade wenn es die Kirchen sind. Doch wenn jemand die Fehler leugnet und daher auch gar keinen Grund zu einer Änderung sieht, dann werden die Menschen ärgerlich. Leider schätze ich die Fähigkeit der Kirchen nicht hoch ein, Fehler einzusehen und sich zu ändern, und wenn, dann gibt es vermutlich doch wieder nur halbe Sachen!

Siehe auch Ketzer!

Die drei Stufen der Reformation.

Bisweilen werde ich gefragt, wie das denn passieren soll. Ich antworte: "Ganz einfach, wir schauen eines Morgens aus dem Fester und sehen: Alles ist grün!" Siehe auch Trendwende.

Doch im Detail:

  1. Etwas wird denkmöglich. Zuerst mag selbst etwas absolut Vernünftiges völlig abstrus und indiskutabel sein, einfach, weil es ungewohnt ist. Und das braucht eben seine Zeit, bis man darüber hinwegkommt (siehe Inkubationszeit).
  2. Dann wird es denküblich, ja warum eigentlich nicht? Wo ist der Fehler?
  3. Schließlich kommt die Umsetzung in die Praxis – und jeder, der sich dagegen stellt, ist „von gestern“ und einfach „out“.

Man muß einfach am Ball bleiben und darf sich nicht beirren lassen - und dann braucht es einfach eine vernünftige Strategie und eine angemessene Taktik und etwas  Geduld!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama) Computer-Übersetzung des Buchs HONESTY AND FUN WITH THE MORALITY ins Englische unter English !