RELIGIONSGESCHICHTLICHER ANSATZ / RELIGIONSHISTORISCHER ANSATZ. Der RELIGIONSGESCHICHTLICHE ANSATZ oder: das "Programm" der "Religionsgeschichtlichen Schule" geht davon aus, daß es religionsgeschichtliche Entwicklungen in der Menschheit  gibt, die wir auch in der Bibel wieder finden - hier allerdings in anderer Form.

Gerade die bekanntesten und dennoch unverständlichsten Erzählungen der Bibel, also etwa die Adam-und-Eva-Geschichte und die Geschichte, wie Abraham seinen Sohn Isaak opfern soll, lassen sich eigentlich nur religionshistorisch erklären.

Beispielsweise finden wir die religionsgeschichtliche Abschaffung von Menschenopfern und ihre Ersetzung durch Tieropfer in der Erzählung wieder, wie Abraham zunächst seinen Sohn Isaak opfern will, doch das Sohnesopfer schließlich durch ein Tieropfer ersetzt. Die Zeit, in der religionsgeschichtlich die Menschenopfer im Vorderen Orient abgeschafft wurden, ist in etwa dieselbe, in der es einen Stammvater Abraham gegeben haben könnte. Eine andere bedeutende Ur-Erzählung der Bibel ist ebenfalls am ehesten religionsgeschichtlich zu erklären, nämlich die Adam-und-Eva-Erzählung. Sie ist eine Geschichte gegen die kultische Prostitution, die es nicht nur im Vorderen Orient gab, sondern eigentlich überall in allen Vielgöttereien und die im Grunde nur im jüdisch-christlichen Monotheismus abgeschafft wurde.

Und auch viele Dinge um Jesus lassen sich sehr gut "religionsgeschichtlich" erklären, etwa die Jungfrauengeburt, die Erzählung von den Drei Königen, die Auferstehung, die Himmelfahrt und in gewisser Weise auch sein Tod (siehe Jesus und die Sünderin).

Allerdings sind zum geschichtlichen oder authentischen Jesus bedeutender die Forschungen vorwiegend deutscher protestantischer Theologen zur Leben-Jesu-Forschung und etwa Rudolf Bultmann zur Unterscheidung von geschichtlichem Jesus und dem Christus der Verkündigung (also des Kerygmas).

Dass trotz aller Vorzüge der "religionsgeschichtliche Ansatz" heute etwas ins Hintertreffen geraten ist, liegt vermutlich daran, daß er nicht konsequent genug angewandt wurde (siehe halbe Sachen).

Da nämlich alle Deutungsversuche, die mit dem Mißbrauch der Sexualität zu tun haben (siehe Gebrauch und Mißbrauch), gern verwischt oder gar ganz ausgeklammert werden, wird natürlich auch um die Angriffe in der Bibel auf manche zeitgenössische Mißstände in diesem Bereich ein Bogen gemacht: Dann lieber eine andere Methode, die unverfänglich ist und erst gar keine Gedanken an diese Mißstände und daher auch nicht an die Möglichkeit ihrer Übertragung auf unsere heutige Zeit aufkommen läßt. Was sind wir doch für armselige Dünnbrettbohrer!  (Siehe auch unter Wörtlichnahme!) 

Und hier ein Text aus der Website http://www.gwdg.de/~aoezen/Archiv_RGS/index.htm von Alf Ozen. Der Text bietet eine weitere Erklärung, warum der religionshistorische Ansatz heute nicht mehr so ankommt; die Sprache ist einfach zu blumig und abschweifend. Urteilen Sie selbst!

Der evangelische Theologe Hermann Gunkel beschrieb 1903 das "Programm der Religionsgeschichtler" allgemein: "Die 'religionsgeschichtliche' Forschung will mit der Erkenntnis vollen Ernst machen, daß die Religion, auch die b i b l i s c h e Religion, wie alles Menschliche ihre G e s c h i c h t e hat. Das Leben der Menschheit ist Geschichte, d.h. es ist ein ungeheures Lebendiges, ein großes Ganzes, ein gewaltiger Zusammenhang, in dem alles Frucht ist und alles Samen. Und in diese viel umschlungene Kette von Ursache und Wirkung gehört auch die Religion mitten hinein. Nur aus diesem Zusammenhang kann sie verstanden werden. Die religionsgeschichtliche Betrachtung [...] besteht also in dem beständigen Aufachten auf den geschichtlichen Zusammenhang jeder einzelnen religiösen Erscheinung; wir fragen immer wieder: warum ist sie gerade an d i e s e m Punkt der Geschichte entstanden und an keinem andern? was mußte vorausgehen, daß sie so werden konnte, wie sie vorliegt? wie pflegen überhaupt solche Erscheinungen zu werden? [...] Und keine Rede davon, daß diese religionsgeschichtliche Betrachtung da zu verstummen hätte, wo der einzelne große Mensch von seinem persönlichen Leben redet. Im Gegenteil, dies gerade ist unsere schönste Aufgabe, jenes persönliche Leben, das wir nachfühlend in uns wiederholen, als wäre es unser eigenes, im Zusammenhange der großen Geschichte zu sehen: Ein Wassertropfen, die Sonne widerspiegelnd! Diese gewaltigen Personen zu belauschen, zu erkennen, wie auch sie geworden sind nach der geheimnisvollen Ordnung Gottes, die alles zusammenhält und in allem Mannigfaltigen immer dieselbe ist, dies wahre, intime, geschichtliche Verständnis der großen Personen der Religionen, das ist die K r o n e d e r 'R e l i g i o n s g e s c h i c h t e'."

    (Hermann Gunkel, Rezension von Max Reischle: Theologie und Religionsgeschichte, in: DLZ 25 [1904], Sp. 1100-1110, hier Sp. 1109f; Hervorhebungen im Original.) 

Im Hinblick auf Jesus hat das Konzept basisreligion den religionsgeschichtlichen Ansatz noch mit einen kriminologischen Ansatz ergänzt.