ROSAROTE BRILLE nennen wir umgangssprachlich eine Blindheit oder besser eine Fehlsichtigkeit, die uns hindert, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Die Wirkung ist vergleichbar mit derjenigen von Mauern in den Köpfen. Dabei sind die Mauern in den Köpfen eher ein Allgemeinzustand, der von Verdrängungen, wie Leichen im Keller, an denen man selbst oder andere schuld ist, herrührt. Die Fehlsichtigkeit durch eine rosarote Brille bezeichnet dagegen eher konkrete Situationen, die vor allem etwas mit Liebe oder Verliebtheit und mit anderen persönlichen Beziehungen und Gefühlen zu tun haben. Hauptursache ist vor allem ein fehlerhaftes Realitätsbewusstsein und kein geeignetes Lebenskonzept, in dem sowohl dem Gefühl als auch dem Verstand die ihnen entsprechenden Rollen zugeteilt sind. Und selbst wenn diese Rollen eigentlich klar sind, kann der Einfluss des Gefühls in besonders brisanten Situationen jedoch so stark sein, dass sich sozusagen dann immer eine rosarote Brille bildet und der Verstand ausgeschaltet wird.

Starke Gefühlsregungen pflegen unser Denken zu bestimmen: Wir legen uns dann etwas so zurecht, wie wir es haben wollen:

Einer meiner Professoren brachte einmal ein Beispiel für die Wirksamkeit einer solchen Brille: Stellen wir uns einmal einen Mann vor, der ohne offensichtlichen Grund plötzlich verhaftet und in ein Gefängnis gebracht wird. Auch dort sagt man ihm nichts - und hungern lässt man ihn auch noch. Nur abends bekommt er eine Suppe hingestellt, wobei ihm jedoch der Wärter zuflüstert, dass diese vergiftet sei. Darauf glaubt unser Freund dem Wärter und isst die Suppe nicht - wird jedoch immer hungriger. Am nächsten Tag wiederholt sich alles, er bekommt wieder eine angeblich vergiftete Suppe hingestellt - auch hier weigert sich noch unser Freund zu essen. Doch er wird immer hungriger und überlegt krampfhaft, ob man ihn nun weniger durch Vergiften als mehr durch Verhungern umbringen will. Und als am dritten Tag wieder die Suppe kommt, ist er zu der Erkenntnis gelangt, dass man ihn nur testen will, wie weit er sich beeindrucken lässt und die Suppe in Wirklichkeit überhaupt nicht vergiftet ist - und er isst die Suppe! Das Gefühl - hier der immer drängendere Hunger - hatte sozusagen für eine rosarote Brille gesorgt und seinen Verstand ausgetrickst. (Es spielt hier keine Rolle, ob die Suppe nun tatsächlich vergiftet ist oder nicht - es geht nur darum, dass wir Menschen bei einer starken Gefühlsregung dazu neigen, schließlich das zu glauben, was wir glauben wollen, also auch die Wirklichkeit nicht mehr zu sehen.)

Mehr noch als Hunger, Durst und Schlafbedürfnis (ja auch das bisweilen!) können alle möglichen Regungen der seelischen Seite unseres Menschseins typische rosaroten Brillen verursachen: Nicht nur Liebe und Verliebtheit, sondern auch Hass, Eifersucht, Rachegefühle, Wut, Zorn (dann handelt es sich aber eher um feuerrote Brillen!). In einer solchen wirklich intensiven Gefühlsaufwallung kann auf einmal alles, an was wir uns bisher gehalten haben, wovon wir felsenfest überzeugt waren, ja, wovor wir uns sogar früher in Gedanken schämten und ekelten, überflüssig oder sogar hinderlich für unser leiblich-seelisches Wohl erscheinen - und nicht nur für das. Im Fall einer Verliebtheit sehen wir die Erfüllung der Träume von unserem gesamten menschlichen Glück in greifbarer Nähe. Und wir stürzen uns mit der felsenfesten Überzeugung, genau das Richtige zu tun, in Handlungen, die wir hinterher nie mehr rückgängig machen können. Sozusagen urplötzlich wachen wir da auf und es fällt uns nur zu oft wie Schuppen von den Augen, was wir für einen Unsinn fabriziert haben. Und dann trösten wir uns damit, dass man eben mit dem Verstand doch nicht alles in den Griff bekommen könnte und dass das wohl die Erfahrungen waren, die offensichtlich jeder im Leben machen muss, Mit diesen Selbsttröstungen beginnt nun auch der Kreislauf unserer eigenen Verdrängungen!

Hören wir doch einmal auf damit und seien wir ehrlich zu uns selbst: Wir haben genau das gemacht, was alle dummen und naiven Menschen seit jeher gemacht haben und immer noch machen: Wir haben uns von unseren Gefühlen überrumpeln lassen und haben in der Situation dieser Überrumplung Gefühlsentscheidungen getroffen - und das war schlicht gesagt falsch!

Wissenskraft statt Willenskraft

Die Praxis ist allerdings, dass wir sehr oft Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen werden, also vom Gefühl her, einfach weil die schneller zustande kommen, was im Alltag oft gar nicht anders geht. Wie gelingt es nun, dabei keine rosarote Brille aufzuhaben? Das funktioniert wohl selten erst in einer akuten Situation eines Gefühlserlebnisses. Wir waren im Grunde längst vorher völlig auf andere Menschen angewiesen, die uns durch eine wirklichkeitsnahe Information zu stimmiger Moral und zu einem prinzipientreuen Lebenskonzept geführt hatten, das dann nicht mehr umzuwerfen war (siehe Kairos und Verantwortlichkeit und Wissenskraft statt Willenskraft). Und wir selbst hätten natürlich auch schon längst vorher geistig aktiv werden und uns für den Fall einer eigenen Gefühlsregung eine Strategie zurechtlegen müssen, die dann auch praktikabel war. Und auf eine plausible Reihenfolge trifft das nicht nur zu, sie macht zu allem auch noch Spaß!

Oder einmal kurz zusammengefasst: Mit einer rosaroten Brille sieht man die Welt so, wie man selbst sie sehen will und nicht wie sie ist, mit dem Verfahren Gandhi-Methode in Verbindung mit der Toreromethode hat man dagegen sehr gute Chancen (man darf sich dabei natürlich auch nicht ausgesprochen doof anstellen!), die Welt realistisch zu sehen, also so wie sie ist.

(Anmerkung: Es geht nicht einfach nur um Enthaltsamkeit, sondern da muss sozusagen ein Programm auch in der Realität ablaufen, in dem möglichst viel vorkommt, was auch im Leben vorkommt!) Wenn wir die Welt sehen, wie sie wirklich ist, brauchen wir nicht eines Tages die Scherben unseres jungen Lebens zusammenzukitten, so weit das überhaupt noch geht, sondern können wir viel mehr aus uns und der Welt machen!

Das Problem der Rosaroten Brille ist allerdings keinesfalls nur das Problem verliebter junger Menschen.

Das Problem, dass wir von Vorurteilen, Traditionen und Ängsten beherrscht und dadurch an der wirklich effektiven Gestaltung unseres Lebens behindert werden, ist ein menschliches Grundproblem ganz allgemein. Jeder meint ja, er hat recht. Selbst die, die nun wirklich „weggetreten“ sind, halten sich selbst zumeist völlig in Ordnung und sehen sich auch immer wieder bestätigt. Bedenken wir: Selbst für offenkundige Idiotien oder Spinnereien gibt es immer genügend Anhänger, wenn mich manche Leute für gut finden, das sagt also gar nichts. Und woher soll bisweilen selbst mancher Wissenschafter wissen, ob er richtig liegt (wenn alle sagen, dass er spinnt und sinnlosen Phantomen hinter herjagt) oder sich wirklich verrannt hat (obwohl alle sagen, wie toll und einzigartig er ist...). Genau wie in einer Liebe oder Verliebtheit hilft auch hier nur das „sture“ Durchchecken:

-     Inwieweit hatte ich sonst mit verrückten Ideen offensichtlich recht, weil ich erfolgreich war, denn der Wahrheitsbeweis einer Idee liegt allein in der Praxis?

-     Inwieweit funktioniert das, um was es mir geht, in anderen Sachbereichen?

-     Inwieweit habe ich die zutreffenden Fachkenntnisse?

-     Inwieweit sind meine Denkmodelle (Beispiele, Bilder...) richtig und stimmig – oder neige ich dazu, mich hier „in die eigene Tasche zu lügen“?

-     Inwieweit hatte ich bisher üblicherweise die Geduld, auch ungewöhnliche und vielleicht sogar belächelte Dinge in die Praxis umzusetzen?

-     Hat das tatsächlich hingehauen – oder neige ich zu famosen Entschuldigungen und Ausreden, warum gerade dies und das nicht klappte? Denn wenn ich etwas Hinderliches übersehen hatte, dann heißt das ja auch, dass ich dazu neige, bei einer Planung nicht die volle Realität zu berücksichtigen?

-     Inwieweit entspricht das, um was es mir geht, wirklichen Naturgesetzen und durchaus den natürlichen Mechanismen?

-     Inwieweit werde ich ungehalten und unsachlich, wenn andere mich kritisieren? Kommt mir am Ende gar nicht in den Sinn, dass meine Kritiker vielleicht gar von Gott geschickt sein könnten, mich zu beeinflussen – oder auch vom Teufel, je nachdem?

-     Inwieweit treffe ich einsame Entscheidungen, weil ich vielleicht sogar Angst habe, dass andere mich kritisieren?

-     Wer sind meine Freunde, die mir zustimmen, stehen die wirklich im Leben?

-     Habe ich einmal anerkannte Fachleute – auch aus anderen Fachbereichen gefragt?

-     Da gibt es ja auch noch die Zehn Gebote, widerspricht das, was ich da will, ihnen – wirklich? Lege ich mir da etwas zurecht? Bin ich überspannt?

-     Wie hoch wären im Schadensfall meine Verluste?

Aber auch alles das sind keine letzten Kriterien. Im Grunde helfen nur das Gebet und die Gnade Gottes. Bedenken wir: Wen die Götter vernichten wollen, den bestrafen sie zuerst einmal mit Blindheit!

Siehe auch Schokoladenseite und Bauchgefühl.

__________________________________

Anmerkung: Wie mache ich es als Verfasser dieser Website, um zu testen, ob ich etwas mit den hier vorgestellten Ideen richtig liege, es gibt ja schließlich genügend Kritiker?

Zunächst einmal: Diejenigen, die anders leben oder zumindest gelebt haben und vielleicht auch noch ihr Geld aus diesem Anderssein heraus verdienen, „müssen“ mich ja kritisieren, sie können mich gar nicht gut finden, denn ansonsten würden sie sich ja selbst verleugnen. Menschen machen im allgemeinen ja nur etwas, wovon sie selbst einen Vorteil haben und sei es, dass sie sich nicht blamieren, weil ihre Fehler offenkundig werden, und wenn sie keinen Vorteil haben, wo soll ihre Motivation sein, etwas zu ändern oder Änderungen gut zu finden? Denken wir an die beschnittenen Frauen in Ägypten, die können ja oft gar nicht akzeptieren, dass es anders besser gewesen wäre.

Es gibt natürlich ganz außerordentliche Menschen, die dennoch eine Änderung wollen. Im allgemeinen sind zu einer Einsicht eher Eltern fähig, die für ihre Kinder etwas Besseres wollen. Und wenn nun „beliebige“ Eltern nach dem Zufallsprinzip (also nicht nur Eltern, die einer bestimmten Weltanschauung angehören) das, um was es mir geht, gut finden, fördern und mir sogar ihre Kinder anvertrauen, auch und gerade minderjährige, dann ist das doch schon mal ein gutes Zeichen? (Natürlich, „solche Eltern“ müssen keinesfalls eine „bestimmte Vergangenheit“ haben, das wäre sogar wieder ein schlechtes Zeichen, gerade die Vielfalt ist ein viel günstigeres Zeichen!)

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)