Das SELBSTBEWUSSTSEIN und  konkreter noch das SELBSTWERTGEFÜHL sind positive Empfindungen für den eigenen Wert, auf die in irgend einer Weise jeder Mensch angewiesen ist. Mehr noch als bei der Ehre sind diese Empfindungen personenbezogen und haben auch etwas mit eigener Leistung und eigenem Erfolg, eigenem Glück, persönlicher Zufriedenheit, unzerstörter Lebenshoffnung und gelingender innerer Emanzipation und Freiheit zu tun.

Fehlen bei einem Menschen Selbstbewußtsein oder Selbstwertgefühl, so besteht höchste Gefahr, daß er sich dies auf eine Weise zu beschaffen versucht, durch die er schließlich andere oder sogar sich selbst schädigt. Im schlimmsten Fall wird ein solcher Mensch gemeingefährlich und steckt damit auch noch andere Menschen an, die ähnliche Probleme mit ihren persönlichen Wertgefühlen haben.

In eher harmlosen Fällen geschädigten Selbstbewußtseins bildet sich bei Störungen ein "Ersatz-Selbstwertgefühl", wie man eine Eingebildetheit oder eine Arroganz auch nennen kann: Menschen, die damit leben müssen, geben etwa mit Äußerlichkeiten an, die nicht auf eigener Leistung und auf eigenem Erfolg beruhen und hinter denen keine persönliche Zufriedenheit und kein persönliches Glück steckt. Sie übernehmen dann zum Beispiel Allüren, die ihrer Meinung nach zu tollen, anerkannten, freien, selbständigen Menschen gehören, ohne dies alles kritisch zu hinterfragen. So fangen Kinder beispielsweise an zu rauchen, sind sehr modeabhängig und beginnen auch leichter mit sexuellen Kontakten, einfach weil das alles ihrer Meinung nach zu denjenigen Menschen gehört, die für sie Vorbild sind. Menschen mit "unechtem" Selbstwertgefühl möchten immer mehr scheinen als sie wirklich sind, sie möchten mehr durch das sein, was sie "haben", als das, was sie "sind" (nach Erich Fromm). Schließlich möchten sie auch andere Menschen "haben", also beherrschen und besitzen, und wenn ihnen das nicht gelingt, werden sie tyrannisch und sogar brutal.

Und auch wenn Menschen es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, wenn sie wichtige Dinge verbergen oder verdrehen, so kann man bei ihnen auf mangelndes Selbstwertgefühl schließen. Ein Mensch mit solchem unechten Selbstwertgefühl wirkt oft verkrampft, spießig, unnatürlich, lächerlich und verklemmt. Oft braucht man allerdings einige Zeit, um selbst dahinter zu steigen, ob etwa die Aufgewecktheit eines Menschen auf echtem oder unechtem Selbstwertgefühl beruht. Daher ist bei der Beurteilung anderer Menschen immer Geduld erforderlich.

Menschen mit "echtem" Selbstwertgefühl sind auf alle Fälle weit entfernt von jeder Sklavemoral, ja sie haben ein festes Lebenskonzept und können von daher auf vieles verzichten, was "man" angeblich so tun oder so haben muß.

Sie brauchen nicht die neueste und teuerste Mode, sie brauchen nicht dauernd kostspielig "auszugehen", sie geben sich mit dem zufrieden, was sie als praktisch und sinnvoll finden - ohne sich da durch Rationalisierungen etwas vorzumachen. Daher gelten sie auch sie als offen und anspruchslos, und wenn sie Besitz haben, so haben sie ihn mit Selbstverständlichkeit und geben auch leicht davon anderen ab. Sie sind umgänglich, tolerant und kooperativ. Ein Mensch mit echtem Selbstwertgefühl braucht keine Leichen im Keller zu verstecken und hat daher auch keine Verdrängungen nötig und wird immer so offen sein, daß seine Mitmenschen Gelegenheit geben, ihn zu durchschauen. So wird er nach kritischem Nachdenken sogar keine sinnlosen Sexualängste wie eine überflüssige (Sexual-)Scham haben, die ganz gewiß ein Kennzeichen für ein gestörtes Selbstwertgefühl sind.

Und wie erzieht man Menschen mit gesundem Selbstbewußtsein?

Die übliche Empfehlung, zu seinen Kindern zu sagen, wie toll sie sind und sie noch zu loben, selbst wenn sie etwas falsch gemacht haben, ist doch ziemlich hohl und die Kinder durchschauen das irgendwann, und dann ist alles wertlos. Richtiges oder echtes Selbstbewußtsein bringt das jedenfalls nicht.

Echtes Selbstbewußtsein hat vielmehr etwas wie echte Emanzipation und Freiheit mit dem Freisein von irrationalen Ängsten und Zwängen zu tun (also auch von der üblichen Leibfeindlichkeit) und der Weg dazu ist über sinnvolle Menschenkenntnis und eine rationale Furcht, man kennt sich aus und hat den richtigen Durchblick und das passende Insiderwissen, "wie etwas passiert" und "auf was es ankommt". Zwar ist die Familie für einen jungen Menschen hier die beste "Schule", doch keinesfalls die einzige Möglichkeit, zu einer passenden Einstellung zu gelangen. Vor allem Schule und Religionsunterricht hätten hier eine wichtige Aufgabe (die leider oft nicht so recht erkannt und wahrgenommen wird).

Gerade für Mädchen hat für mich die Erziehung zu einer wirklichen Moral (dazu gehört auch der unbefangene Umgang mit der Nacktheit - dort wo es möglich ist, jedenfalls nicht die heute noch allgemein übliche paranoide und zutiefst leibfeindliche Ablehnung) einen großen Stellenwert. Wenn sie spüren, daß sie hier ihren Meister stehen können, dann wird sich das auch auf andere Lebensbereiche übertragen.