SEXTING

Der Beitrag von Sophie Mühlmann in der Zeitung "Die Welt" vom 16.12.2016 kann nicht unwidersprochen bleiben – wie heißt es in der Wissenschaft: „Es kann auch alles ganz anders sein...“

Zunächst der Beitrag:

Für immer NACKT

Sie sind jung, in der Pubertät. Und sie wissen nicht, was sie tun, wenn sie Intimfotos übers Netz ihren Freunden schicken

Das junge Mädchen spitzt die Lippen. Die Wimpern halb gesenkt, schaut sie den Betrachter durch verwuschelte Haarsträhnen hindurch an. Mit den Händen hebt sie ihre bloßen Brüste hoch. Das Bild hat etwas von einem Kinderporno.

Sie sollte es besser wissen, dass Nacktfotos nie wieder verschwinden aus dem Netz, dass solche Bilder an ihr kleben bleiben wie Dreck an der Schuh­sohle - aber sie pfeift auf alle Warnun­gen. Sie ist 13.

Sexting" unter Jugendlichen, das Verbreiten intimster Nachrichten und Fotos in sozialen Netzwerken, ist längst als gesellschaftliches Problem bekannt. Es gibt

Beratungsstellen, Aufklärungs­foren und immer wieder aufsehenerre­gende Fälle von Cybermobbing. Und dennoch können Mädchen und Jungen es nicht lassen,

ihre nackten Körpertei­le zu fotografieren und zu versenden.

Die Zahlen des medienpädagogi­schen Forschungsverbundes Südwest sind beklemmend: Jeder vierte Jugend­liche hatte, so die Studie „Jugend, In­formation, (Multi-) Media" (JIM) von 2015, schon einmal mit solchen Bildern zu tun. Da jedes Jahr andere Fragen in dieser Studie gestellt werden, sind diese Zahlen zum Thema Sexting der aktu­ellste Wert. Medienforscherin Theresa Plankenhorn, eine Koautorin der JIM-Studie, glaubt, dass durch die Populari­tät der Smartphone-App Snapchat das Thema Sexting noch relevanter gewor­den ist. Dort werden Fotos und Nach­richten nur wenige Sekunden sichtbar, bevor sie gelöscht werden. Das aber suggeriere den Jugendlichen eine trüge­rische Sicherheit.

Lukas, 19, hat es selbst beobachtet. Er erinnert sich noch genau an das erste Mal, als er ein solches Foto zu Gesicht bekam. Er hatte mit seinen Freunden auf dem Schulhof zusammengestanden, sie waren damals 16, als es bei allen gleichzeitig „Fing" machte: eine Nach­richt im Klassenchat. „Krass!", hatten die anderen Jungs ausgerufen, halb be­eindruckt, halb erschrocken. Das Foto einer Mitschülerin aus der siebten Klas­se war bei jedem Einzelnen auf dem Smartphone erschienen. Ein Mädchen, das sie alle kannten.

Die zeigen ihren kompletten Kör­per, ohne Kleider", sagt Lukas. Er selbst hat solche Fotos auch mehrmals von Mädchen bekommen. „Wenn sie auf dich stehen, wenn sie deine Aufmerk­samkeit wollen oder wenn sie zeigen wollen, wie `reif´ sie schon sind, dann schicken sie dir solche Bilder."

Lukas hat selbst Aufklärung betrie­ben. Sein Gymnasium in Bayern zählt zu den wenigen Schulen, die das Pro­blem bei der Wurzel zu packen versu­chen: bei den Schülern, die erst in das Smartphone-Alter kommen. Als Zwölftklässler ist Lukas in die sechsten Klas­sen gegangen - und hat den Zwölfjähri­gen einen ordentlichen Schrecken ein­gejagt. „Wir haben es todernst genom­men, haben extra kein bisschen gelacht oder cool rumgequatscht, sondern den Kids klargemacht, dass ihre Bilder für immer im Web zu finden sein werden. Einige Mädchen haben fast geweint.Das ist denen einfach kein bisschen bewusst gewesen."

Das ist schwer zu begreifen, Einzel­fälle im In- und Ausland machen immer wieder Schlagzeilen. „Und es gibt in­zwischen etliche Präventionsmaßnahmen", wie Kriminaloberkommissar Ro­nald Schmied bestätigt. Der Polizist aus Schweinfurt befasst sich seit drei Jah­ren intensiv mit Sexting. Die immer neuen Fälle erklärt er damit, dass „stän­dig neue User bei den Jugendlichen da­zukommen, deren Gefahrenradar noch nicht richtig ausgeprägt ist".

Gerade erst war Schmied in einer achten Klasse und hat wieder erlebt, wie leichtsinnig dort die Schüler mit so­zialen Medien umgehen.

Die Polizei hat überall in Deutsch­land spezielle Dienststellen eingerich­tet, die sich mit den Delikten rund um die neuen Medien befassen. Webseiten wurden ins Leben gerufen, die beraten und helfen. Klicksafe.de zum Beispiel ist eine EU-Initiative für mehr Sicher­heit im Netz. Und Juuuport.de ist eine Selbstschutz-Plattform von Jugendli­chen für Jugendliche. Doch viele Ju­gendliche wenden sich erst dann an die­se Adressen, wenn es bereits zu spät ist. Wenn ihre Bilder öffentlich wurden.

Die Informatiklehrerin Brigitte Grei­ner ist überzeugt davon, dass Aufklä­rung früher stattfinden muss - und zwar im geschützten Raum. „Es kann nur in der Familie oder der Klassen­gruppe funktionieren. Öffentliche Dis­kussionen erreichen die Jugendlichen einfach nicht." Sie hat an ihrem Gymna­sium in Würzburg daher eine Unter­richtseinheit zum Thema Sexting ein­geführt. Sie betritt damit Neuland.

Nur wenige Schulen gehen das Pro­blem Sexting und Cybermobbing aktiv an. Die meisten, so Brigitte Greiner, fürchten um ihren Ruf. Totschweigen

hilft nichts. Man muss, meint die enga­gierte Lehrerin, die Jugendlichen errei­chen und wachrütteln. „Die leben in ih­rer eigenen Wertewelt, in die die Gro­ßen gar keinen Einblick haben."

Der unbekümmerte Umgang mit persönlichsten Informationen und Bildern im Netz ist gefährlich: 88 Prozent der Fotos, sagt Polizeiober­kommissar Schmied, landeten ir­gendwann auf fremden Internetsei­ten: auf Pornoplattformen, sogar auf Pädophilenseiten oder „nur" in der Werbung. Die rechtlichen Folgen reichten weit, man bewege sich in Be­reichen des Paragrafen 176 ff. im Strafgesetzbuch, der den sexuellen Missbrauch von Kindern regelt -„und da geht es dann schnell um Frei­heitsstrafen von bis zu fünf Jahren".

Auch Klassen- und Schulkameraden könnten für solche Delikte zur Verant­wortung gezogen werden, denn mit 14 Jahren sind sie strafmündig. Ein Ju­gendrichter muss dann über die geistige Reife entscheiden. Ein Jugendlicher, der pornografische Fotos verbreitet hat, wird von der Polizei vernommen. Er braucht einen Rechtsbeistand, die Eltern werden mit vorgeladen, „da hört der Spaß dann ganz schnell auf, sagt Roland Schmied.

Wenn es denn unbedingt sein müsse, rät er den Jugendlichen, ihre Bilder zu anonymisieren. „Nicht das Gesicht zei­gen, nichts, an dem man sie erkennen kann." Und vor allem: „Niemals mit Unbekannten Fotos austauschen!" Au­ßerdem sollen sie sich vor dem Senden vergewissern, dass es nicht aus Verse­hen an den falschen Empfänger geht.

Zum Schluss stellt er die alte Frage, die sich alle Mädchen und Jungen stel­len sollten, bevor sie ihr unbekleidetes Ich in die Welt hinausschicken: „Wür­dest du splitterfasernackt aus dem Haus gehen? Ein Foto auf WhatsApp, auf Snapchat oder im Netz ist genau das Gleiche!"


Und hier der Kommentar des Autors dieser Website:

Nicht die Mädchen, die "so etwas" tun, sind krank, sondern eine Gesellschaft, die das anstößig findet, ist krank!

Der Beitrag von Frau Sophie Mühlmann kann nicht unwidersprochen bleiben – nach einem der Grundsätze in der Wissenschaft: „Es kann auch alles ganz anders sein...“

Also: Was wäre denn eigentlich nach der Natur das Normale in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern, gerade auch wenn diese beginnen, also bei jungen Leuten? Normal ist doch, dass junge Leute bewusst oder unbewusst auf der Partnersuche sind. Und da wäre doch eigentlich ein Werbeverhalten normal, bei dem etwa junge Mädchen jungen Männern ihre Körper zeigen, womit sie dem Passenden sagen wollen: „Sieh mal an, ich bin gesund, an mir ist alles dran. Ich könnte dir doch gesunde Kinder gebären – wäre ich also nicht die richtige Partnerin für dich?“ Das Zeigen des Körpers wäre also durchaus ein Zeichen von Echtheit und Gesundheit. Dagegen gehört der Geschlechtsverkehr von Natur aus doch eigentlich in eine wirklich feste Beziehung, also in eine Ehe oder auch in eine Familie, weil dabei ja Kinder „geschehen“ können – und Kinder gehören nun einmal in eine Familie. Das wäre also das Normale und Natürliche, wozu natürlich auch der menschliche Geist gehört, um etwa Lügen und Verstellungen zu erkennen und also Fehler zu vermeiden. Doch was passiert nun in unseren dekadenten und „vervögelten Gesellschaften“? (Anmerkung: So der Arbeiterschriftsteller Max v. d. Grün in seiner Kurzbiografie „Friseuse“.) Da wird alles auf den Kopf gestellt! Das Natürliche und Normale bei der Partnersuche wird als etwas Schlechtes oder gar Abartiges hingestellt und also auch den jungen Leuten schlecht gemacht – dagegen wird das, was eigentlich in die Ehe gehört, aus dem Zusammenhang mit der Ehe gelöst und als normal und natürlich hingestellt – auch mit verschiedenen Partnern. Das ist nicht nur eine komische, sondern sogar eine kranke und dekadente Moral, aber heute üblich. Es liegt nun eigentlich in der Sache, dass diese Moral nicht funktionieren kann – oder nur mit Krampf.

Ich finde es nun völlig verständlich, wenn es gegen diese Auf-den-Kopf-Stellerei bei jungen Leuten ein Protestverhalten gibt, das sich etwa in diesem „Sexting“ äußert – zumal heute auch die technischen Möglichkeiten dafür da sind und sie eigentlich jeder hat.

Natürlich läuft das alles nun sehr unorganisch-primitiv-kulturlos und keinesfalls konsequent in eine positive Richtung bei den jungen Leuten ab. Wie sollte es auch anders sein, wenn doch alles in dieser Richtung tabuisiert wird und es also dazu keine vernünftige Informationen für junge Menschen etwa in einer christlichen Sexualerziehung gibt, wie sie es richtig machen können?

Ich versuche nun auf der Basis, dass die jungen Menschen alle erst einmal hochmoralisch sind und also eigentlich leben wollen, wie es der menschlichen Natur entspricht (s.o.), seit meiner Zeit als Religionslehrer etwas „in Gang zu bringen“. Doch das ist absolut schwierig, weil die Erwachsenen andere Vorstellungen haben, was eigentlich normal und natürlich ist, und also auch wie eine Mafia mehr oder weniger offen die Partei der „vervögelten Gesell­schaft“ ergreifen (s. Max v. d. Grüns „These“). Doch hin und wieder finden sich Gelegenheiten, auch nach meiner aktiven Zeit als Lehrer. So habe ich mich in das Forum bei „gute Frage“ ein­gemischt, in dem eine junge Fußballerin fragt, ob sie zusammen mit den Jungs duschen kann. Siehe www.gutefrage.net/frage/mit-jungs-duschen , die drei Beiträge von „Michael S4“.

Und was ist, wenn junge Leute bei so einem Sexting mitmachen und lange nach ihrer Pubertät mit ihren früheren Fotos konfrontiert werden? Meine Meinung dazu: Wenn sie die Regeln der echten Moral einhalten, also nicht dabei mitmachen, die (hohe) Moral auf den Kopf zu stellen, sondern sie „selbstbewusst und erfolgreich“ leben – dann könnten sie immer in ihrem Leben über solche „Jugendsünden“, die ja nur aus der Sicht gestörter Erwachsener etwas mit Sünden zu tun haben, lachen – es war ja nur Spaß und „nichts“ von Belang ...

Wir sollten auch einmal nachdenken, woher das denn kommt, dass die Nacktheit, eigentlich etwas völlig Natürliches und Unschuldiges, als etwas Schlechtes angesehen wird. In unserem Christentum ist das durchaus so, dass die Sexualmoral von Mönchen und Nonnen gemacht wurde, für die alles, was mit Sexualität zu tun hat, schlecht ist, also auch die Nacktheit. (Das war nicht immer so, ursprünglich waren etwa die Täuflinge bei der Taufe splitternackt.) Daher also die Verteufelung der Nacktheit. Und heute kommt noch die Männerfeindlichkeit oder gar der Männerhass vieler Frauen hinzu, wonach alle Männer in irgendeiner Weise Triebtäter sind: Die Männer sind nach Meinung männerhassender Frauen nun einmal so, dass sie immer Frauen vergewaltigen wollen – entweder wirklich oder durch Begrapschen oder durch anzügliche Reden. Und wenn diese männerhas­senden Frauen gar nichts mehr in dieser Richtung finden, dann sind da ja immer noch die Blicke der Männer, mit denen sie vergewaltigen – und vor denen sich die Mädchen also hüten müssen. „Man“ hat also als Mann gar keine Chance, moralisch zu sein, wie man´s macht, man ist immer ein <verkappter> Triebtäter. (Dass Mädchen und Frauen sich auch gerne nackte Män­ner ansehen <natürlich nur schöne!>, wird geflissentlich übersehen.)

Fazit: Werden wir wieder natürlich und sachlich und richtig moralisch, dann werden solche Fehlentwicklungen wie das Sexting von alleine verschwinden – oder es wird sich alles so wenden, dass es unser aller Leben verschönt und beflügelt. Siehe auch Entmönchung.

Jedenfalls hat mir ein befreundeter Pastor (ref.) – er hat mich vor vielen Jahren über mein Engagement im Internet gefunden – geschrieben, dass er sich mit seinen Konfirmanden schon einmal in dieses gute-Frage-Forum einmischen wird.

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)