SITTE UND ANSTAND (oder auch Sittsamkeit oder allgemeines Sittlichkeitsempfinden) sind hohe Worte, die eigentlich eine sehr ideale Haltung im menschlichen Umgang untereinander bezeichnen sollten. Doch leider haben diese Begriffe mit der Zeit einen ziemlich fragwürdigen, faden, langweiligen und gleichzeitig hohlen und oberflächlichen Beigeschmack bekommen, dem man letztlich anmerkt, daß da vielfach doch nur ein äußerer Schein gewahrt wird. Es ist wie mit einer Fassade, die aufrecht erhalten wird und hinter der man sich im Grunde genauso verhält, wie man's gerade braucht. Wohl alle Kulturen der Menschheit sind vermutlich Ergebnisse solcher Veräußerlichungen. Und so stehen nur zu oft viele Menschen, ja ganze Gesellschaften, die sich bisweilen auf ihre Sitte und ihren Anstand sogar noch etwas einzubilden scheinen, der Heuchelei näher als wirklicher Moral.

Wenn nun auch gerade junge Menschen an solcher Äußerlichkeit zunächst einmal sehr oft heftigen Anstoß nehmen, so finden sie sich doch merkwürdigerweise nur zu oft zu diesem Fassadendenken verblüffend schnell hingezogen und fallen dann auch noch voll auf es herein.

Vor allem in der Sexualmoral übernehmen sie erstaunlich widerstandslos die mit der Scham verbundene Scheinmoral. Ursache für diese Blindheit sind in erster Linie die (irrationalen) Ängste, die auf vielfältige Weise in unseren Kulturen jungen Menschen von Anfang an anerzogen werden. Psychologen reden vom Über-Ich, das da sozusagen in die jungen Menschen eingepreßt wird (siehe Gewissen). Und so geschieht es immer wieder aufs Neue, daß auch viele ehrlich bemühte Menschen, die sich auch nach außen hin aufgeklärt und angstfrei geben, das nur äußerlich anständige Verhalten von in Wirklichkeit heuchlerischen Menschen sozusagen als Etikette übernehmen. Auch und gerade die jungen Menschen wissen nur zu oft selbst beim besten Willen nicht mehr, wonach sie sich richten sollen und wonach besser nicht und fallen auf Menschen herein, die eher als nützliche Idioten im Dienste vom regelrechten Gegenteil von wirklicher Sitte und von wirklichem Anstand angesehen werden müssen.

Selbst bei überdurchschnittlicher Pfiffigkeit dürften es junge Menschen leider kaum merken, woran es liegt, daß vieles von dem, was ihnen da als Sitte und Anstand vorgemacht wird, nicht stimmt. Die Art, wie viele Erzieher -  man kann schon von einer Erzieher-Mafia reden - in ihrem Verständnis von derartigen moralischen Werten beispielsweise von allen heiklen Themenbereichen - und nicht nur von denen im Zusammenhang mit der Sexualität - so lange wie möglich ablenken, wie sogar Märchen, Bibeltexte und sogar die ganze Kulturproduktion gereinigt, ausgesucht und uminterpretiert werden, ist schon eine erstaunliche Leistung an Gehirnwäsche und Verwirrung, die jeder feindlichen Propaganda zur Ehre gereichen würde. Wurden und werden da unter einem fadenscheinigen wohlanständigen Mäntelchen nicht immer noch gerade die zum Aufbau eines wirklichen Lebenskonzepts notwendigen Informationen so bruchstückhaft und langweilig den Kindern weitergegeben, daß das Ziel eines Lebenskonzepts, das auch hält, beim besten Willen gar nicht erreicht werden kann?

Sitte und Anstand bedeutet immer auch Tabuisierung von wichtigen Themen, über die gerade junge Menschen nun wirklich nachdenken müßten.

Und keinesfalls werden dabei die Informationen nur auf das Denkvermögen von Kindern, sondern vielmehr noch auf das Niveau von geistig Minderbemittelten oder sogar von Tieren zurechtgestutzt. Denn mit Kindern könnte man ja noch reden und ihnen etwa einen bestimmten Zusammenhang erklären, man könnte ihnen die jeweilige Ambivalenz einer Handlungsweise aufzeigen. Doch es ist typisches Kennzeichen für den Umgang mit geistig Minderbemittelten und erst recht mit Tieren, daß von vornherein jegliche Aufmerksamkeit auf etwas vermieden und unterdrückt wird. Daher fehlen dann auch immer gleich alle Hinweise, die ja als Reiz- oder Stichworte wirken könnten. Wie tun wir uns doch beispielsweise immer noch schwer, den jungen Menschen schon frühzeitig diejenigen konkreten Darstellungen zu geben (siehe etwa GESPRÄCH 2), damit sie selbst Strategien entwerfen können, wie sie etwa ein Reinfallen rechtzeitig erkennen und vermeiden oder auch eine drohende Vergewaltigung erfolgreich abwehren können!

Doch das alles ist ja wohl nach alledem auch gar nicht das Problem von veräußerlichter Sitte und Anstand, wichtig ist, daß die Verfechter von Sitte und Anstand selbst in einem sittlichen und anständigem Licht erscheinen, selbst wenn die Wirklichkeit anders aussieht.

Und das ist dann allerdings genau das Verhalten, was die Begriffe Sitte und Anstand so in Verruf gebracht hat.

Doch die schlimmste Wirkung von falsch verstandener Sitte und falsch verstandenem Anstand ist, daß sie für unser Denken und vor allem für unsere sittlichen Wertvorstellungen sozusagen einen Filter bilden, der genau das Harmlose, Unschuldige und Streßfreie wegfiltert, jedoch das, was auf Dauer wirkliche Nachteile und wirklichen Stress bringt, durchläßt und sogar noch fördert. Um es zu konkretisieren: Im Raoul-Dufy-Museum in Nizza hängt das Gemälde Pastorale von Henry Lebasque (gemalt 1922), auf dem fünf etwa 16jährige nackte Mädchen einen ungezwungenen Reigentanz auf sommerlicher Wiese vollführen. Wohl die meisten meiner Schülerinnen würden so etwas in höchstem Maße als gegen ihre Sitte und gegen ihren Anstand empfinden und weit von sich wegweisen. (Es ist wirklich so: Bei einem Besuch mit einer Mädchenklasse im Victoria-and-Albert- Museum in London wurde ich verwirrt gefragt, warum denn die Menschen auf den Bildern und die Skulpturen alle nackt seien, die etwa 17jährigen Schülerinnen empfanden dies in einem seriösen Museum zumindest als merkwürdig.) Allerdings scheinen dieselben jungen Damen keine moralischen Bedenken zu haben, ein voreheliches Intimverhältnis zu beginnen und schließlich auch den Intimpartner zu wechseln, wenn er nichts war. Und das ist ja wohl in jeglicher Hinsicht unvergleichlich problematischer, es widerspricht allerdings nicht ihren (aufmanipulierten) Vorstellungen von Sitte und Anstand und damit auch nicht ihrem bisherigen Wertesystem. Die Verklemmtheit der äußerlich ach so sittlichen und anständigen Erziehung hat sozusagen voll gerastet. Und es gibt - zumindest ab einem bestimmten Alter - keinen Naturtrieb zur Auflehnung und zum Andersmachen mehr, der die Erziehung zu äußerlicher Sitte und zu äußerlichem Anstand in Frage stellen könnte, die Mauern in den Köpfen sind eben betonhart geworden. Denn man fühlt sich einfach unsicher, man hat Ängste, wenn man sich hier anders verhält als diejenigen, denen man angepaßt wurde und denen man sich immer mehr anpassen möchte (siehe auch Gruppenzwang und den Mailwechsel beim Stichwort Schamrasur). Und die damit verbundenen Ängste und Zwänge beeinträchtigen schließlich auch das Selbstbewusstsein und machen von vornherein jedes weitere kritische Nachdenken hier zunichte. Damit wird auch gleichzeitig jegliches Verlangen nach harmlosen Vergnügungen (wie auf dem Bild von Lebasque) unterdrückt und überhaupt jedes von einem gesunden Egoismus geleitete Konzeptdenken, was die Dinge der Sexualität auch nur im Entferntesten betrifft. Da hilft es auch nichts, wenn einzelne Eltern ihre Kindern anders zu überzeugen versuchen und ihnen auch einen anderen Lebensstil vormachen. Ein Nachdenken, das zu entscheidenden Korrekturen nötig wäre, ist einfach blockiert, eine Änderung ist allein von der Logik her nicht mehr möglich.

Das also ist die Folge einer Erziehung zu Sitte und Anstand - es ist eine Erziehung vom und zum Teufel! (Das soll natürlich nicht heißen, daß grundsätzlich alles an Sitte und Anstand falsch ist. Doch dürfte hier nur akzeptabel sein, was Menschen für notwendig halten, die die wirkliche Moralvorstellungen begriffen haben und praktizieren wollen. Denn Sitte und Anstand ohne solchen Hintergrund führt eigentlich immer zur Heuchelei.)

Für einen wirklich sittlichen und anständigen Menschen kann es daher manchmal durchaus sinnvoll sein, veräußerlichte und hohle Traditionen von Sitte und Anstand zu hinterfragen und auch zu durchbrechen, um klarzustellen, um was es wirklich geht.

Allerdings sollte er dabei schon einiges Fingerspitzengefühl erkennen lassen. Wer sich aus lauter Protest nicht genügend pflegt, pausenlos "Scheiße" sagt oder sich in aller Öffentlichkeit genüßlich in der Nase herumbohrt, der kann auch in dem, was er sonst will, kaum auf Verständnis hoffen. Vieles ist eben längst zur wertneutralen Etikette geworden. Auch sollte man sich gerade beim Umgang mit anderen Kulturen und Religionen zurückhaltend benehmen, selbst wenn da vieles noch so unsinnig und sogar menschenverachtend erscheint oder auch tatsächlich ist. Das heißt nicht, daß wir in einer Unterhaltung da nicht dieselben oder vergleichbaren Vorbehalte äußern dürfen wie gegenüber der eigenen, doch es ist kein Zeichen von Sitte und Anstand, sich darüber lustig zu machen (siehe auch Toleranz). Inwieweit wir es uns erlauben können, in anderen Kulturen die dort geltenden Schranken von Sitte und Anstand etwa durch Nacktbaden zu durchbrechen, hängt davon ab, wie weit dies als ein Zeichen von sinnvollerer Moral und besserem Selbstbewußtsein auch tatsächlich verstanden werden kann, weil wir vor allem mit den Menschen dort zumindest darüber reden konnten. Ansonsten kann es auch hin und wieder ein Zeichen von Sitte und Anstand sein, bisweilen unsinnige Traditionen zu akzeptieren und bei ihnen sogar vorübergehend mitzumachen!

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)