SOLLBRUCHSTELLE. Konstrukteure technischer Systeme geben auch immer Sollbruchstellen vor, an denen bei ungewöhnlichen Belastungen oder gar bei Fehlfunktionen eine Zerstörung passieren können, die entweder gar nichts ausmachen (etwa eine Dehnungsfuge in einem Bauwerk) oder die leicht oder relativ leicht zu beheben sind (etwa eine Sicherung in einer elektrischen Anlage oder ein Ventil) oder bei denen sich die Kräfte der Zerstörung wenigstens in Grenzen halten. Und wenn solche Sollbruchstellen nicht vorgesehen sind, dann kann sich das System eben so verheerend zerstören, dass es gar nicht mehr in der vorgesehenen Weise zu verwenden ist und bisweilen auch noch großen weiteren Schaden verursacht bis hin zu unvorstellbaren Katastrophen.

Und eine solche Katastrophen-Problematik der gibt es auch bei der Erziehung junger Menschen (und nicht nur der)!

Wenn eine Erziehung hier zu rigoros und leibfeindlich und gar mit Verboten zugepflastert ist, gibt es im Risikofall für den "Zögling" überhaupt keine Ausweichmöglichkeit mehr und der ganze Mensch zerstört sich selbst bzw. seine idealen Lebenskonzepte. Alle Möglichkeiten einer Sollbruchstelle, etwa das Erlebnis einer Phase der Ästhetik - angefangen von harmloser Nacktheit bis hin zu extremen Petting-Praktiken - werden ja nicht nur tabuisiert sondern sogar verteufelt. Doch es reicht auch nicht, daß man irgendwelche "Ritzen" gerade so offen läßt, sondern man muß sie etwa auch richtig isolieren, damit nicht die Kräfte der Zerstörung woanders ansetzen, man muß die Sollbruchstellen also sozusagen regelrecht "kultivieren". Daher wird durchaus auch aus den Gründen der Problematik "Sollbruchstelle" im Konzept basisreligion anstelle der vollendeten Tatsachen auf die Möglichkeiten einer aktiven Enthaltsamkeit nicht nur so eben hingewiesen, sondern entsprechende "Sollbruchstellen" werden sogar ausdrücklich empfohlen und "kultiviert", siehe hier etwa das Gespräch 9 zwischen Beatrix und Martina über die Gandhi-Methode oder das Gespräch 16  "Den Orgasmus testen" - oder auch das Stichwort Vorspiel.

Und auch wenn es sich um den Glauben dreht, sollte man zumindest auf eine Aufklärung vorbereitet sein!

Das mit der Sollbruchstelle gilt auch in anderen Bereichen: Damit nicht glich immer alles über Bord geworfen wird, damit nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, wenn bei einem kritischen Forscher oder auch einem munteren Schüler einmal eine Bewusstseinsänderung aufkommen sollte, beharrt ein erfahrender Pädagoge nicht nur immer auf seinen eigenen Standpunkten. Er gibt vielmehr Alternativen vor, wenn seine Schüler einmal feststellen sollten, dass etwas nicht stimmt, was aus irgendwelchen Zwängen (etwa weil es eine offene oder versteckte Zensur gab oder weil die Menschen für eine ungeschminkte Darstellung der Realität einfach nicht reif waren, weil der Aberglaube zu tief verwurzelt war), so und nicht anders geschrieben oder gelehrt wurde, sondern damit sie andere Wege finden und gehen können.

Moralapostel und auch Fundamentalisten bauen in ihre Lehren nie solche Sollbruchstellen ein oder können sich auch nie die Sollbruchstellen früherer Zeiten vorstellen, daher sind Zweifel an deren Ernsthaftigkeit bei dem, was sie lehren, durchaus angebracht.

(Wörterbuch von basisreligion und basisdrama)